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© Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Berlins Versorgung krisenfest machen: Wie brauchen viele kleine Energielösungen, nicht eine große

In Kriegszeiten stellen sich alte Fragen neu. Michael Geißler von der Berliner Energieagentur skizziert in unserer Serie „75 Visionen für Berlin“ seine Ideen.

Von Michael Geißler

Wie werden wir in Zukunft miteinander leben und arbeiten? Wie wird unsere Energieversorgung angesichts steigender Energiepreise und neuer Krisen aussehen? Und welche Lehren können wir aus bereits bestehenden Projekten für zukünftige Ansätze ziehen? Die Antworten auf diese Fragen und die Lösungen für viele Herausforderungen der Zukunft sind vielschichtig. In vielen Metropolen der Welt machen sich die klügsten Köpfe darüber Gedanken, wie zukünftig gemeinsames Leben, Wirtschaften und Arbeiten wachstumsorientiert und nachhaltig aussehen könnte.

So auch in Berlin. Unsere Stadt bringt bereits viele Voraussetzungen mit, die es braucht, um erfolgreich diese Zukunft zu gestalten. Dabei profitieren wir bis heute davon, dass Berlin keine Stadt ist, die sich konzentrisch um Kirchturm und Marktplatz herum ausgebreitet hat. Bis heute dominieren kleinteilige, in sich geschlossene Kieze und Quartiere. Dezentral – das ist der Begriff, der wichtig ist, um die Berliner Vergangenheit und Zukunft zu verstehen. Die Vision: Berlin kann Vorbild werden für eine resiliente und nachhaltige Stadt, deren Energiesystem dezentral, erneuerbar, vernetzt und damit sicher organisiert ist.

Noch nie war das Motto ‘Efficiency First!’ so aktuell wie heute.

Michael Geißler

Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, muss sowohl in großen Linien als auch in kleinen Schritten gedacht werden. Angefangen bei den Themen Energiesparen und Energieeffizienz müssen alle Berliner:innen ihre Energie- und Wasserverbräuche kennen und auch wissen, wie sie diese beeinflussen können. Noch nie war das Motto „Efficiency First!“ so aktuell wie heute. Das Wissen über den eigenen Verbrauch muss Allgemeingut werden und so selbstverständlich sein wie die Wettervorhersage.

Energiesparen fängt im privaten Haushalt an und wird seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges wichtiger denn je.
© IMAGO / Shotshop

Auch beim Kauf von technischen Geräten sollte an erster Stelle die Frage stehen: Wie viel Energie- und Kosteneinsparung wird dabei erzielt? Der bewusste Umgang mit Strom und Wärme ist alles andere als unerheblich. Jedes Prozent Energieeinsparung in Deutschland, so errechneten Expert:innen jüngst, verringert die notwendigen Erdgasimporte um 2,6 Prozent. Und in den eigenen Wänden gilt: Eine bewusste Verhaltensänderung beim Heizen von Räumen bringt leicht fünf Prozent Verbrauchsreduktion.

Komplexer wird es schon beim nächsten Schritt hin zur nachhaltigen Stadt. Denn eingesetzte und gewonnene Energie darf nicht verpuffen, sondern muss stets optimal und idealerweise mehrfach genutzt werden. Goldwert ist beispielsweise Abwärme aus der Industrie, aber auch aus kleineren Betrieben wie Bäckereien oder Wäschereien.

Wahre Wärmeschleudern sind die großen Rechenzentren: All diese Wärme kann als Nah- und Fernwärme genutzt werden, um Wohnungen, Büros oder öffentliche Liegenschaften in der Nähe zu beheizen.

Heizungstechniker in einem Heizungsraum: Es kommt auch auf Details an, gedämmte Rohre zum Beispiel.
© imago images/blickwinkel

Gerade Bestandsgebäude müssen schnell und effektiv energetisch modernisiert werden: Dichte Fenster, hocheffiziente Heizungspumpen und gedämmte Heizungsrohre gehören mindestens dazu. Wird zudem eine intelligente Leittechnik installiert, um Heizung, aber auch Beleuchtung, Lüftung und Kühlung bedarfsgerecht zu steuern, lassen sich heute bereits Energieeinsparungen von 25 Prozent leicht erzielen. Bei dieser dringend notwendigen Realisierungsoffensive für mehr klimafreundliche Gebäude spielen nicht zuletzt die öffentlichen Liegenschaften eine große Rolle. Energiesparende Rathäuser und Schulen sind Vorbilder, von denen alle im Kiez profitieren.

Auch der Einsatz von erneuerbaren Energien kann für unsere zukünftige Stadt eine wesentliche Schlüsselfunktion übernehmen. Wir müssen in diesem Bereich noch weiterdenken, noch konsequenter umsetzen als zuvor. So sollte auf jedem Berliner Dach erneuerbare Energie gewonnen werden. Sowohl Strom aus Fotovoltaik- und/oder Kleinstwindanlagen als auch Wärme und Warmwasser aus Solarthermieanlagen bieten sich heute schon an.

Mehr erneuerbare Energien wagen

Fotovoltaik-Module können zudem an Fassaden montiert oder sogar in die Beläge von Plätzen, Straßen und Wegen integriert werden. Geothermie-Potenziale sind im Stadtgebiet noch längst nicht ausgeschöpft und Bioabfall – also Grünschnitt von Fassaden oder auch Laub – könnte verbrauchsnah energetisch verwertet werden. Wir haben die Technologien, das Wissen und die Möglichkeiten, um zukünftig 100 Prozent Erneuerbare zu erreichen.

Montage eines Fotovoltaik-Moduls auf einem Hausdach.
© imago images/Shotshop / Imago/Karin Jähne

Die verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energien führt aber auch dahin, dass die Sektoren Energieerzeugung, Gebäude und Mobilität konsequenter zusammengedacht werden müssen. Überschüssiger Strom aus erneuerbaren Energien wird in E-Autos oder in Heizwasser gespeichert.

Verzahnte zusammenhängende Systeme helfen, die Sicherheit der Versorgung bei schwankender Erzeugung aus Sonne und Wind wie auch bei wechselnden Verbräuchen zu gewährleisten. Dabei helfen Technologien wie Fotovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Batterie- und Wärmespeicher bis hin zu Elektroladesäulen, die eng miteinander vernetzt sind.

In ein paar Jahren werden wir über die Technologie verfügen, überschüssigen grünen Strom in dezentrale Mini-Elektrolyseure einspeisen zu können, um damit vor Ort Wasserstoff zu erzeugen und so eine neue Speichermöglichkeit zu erschließen. Im künftigen Energiesystem arbeiten massenhaft dezentrale Erzeugungs- und Speichereinheiten im Verbund gemeinsam mit einer weiterhin notwendigen zentralen Infrastruktur, die zunehmend als Speicher und Reserve fungiert.

Im Kiez liegt die Kraft

Voraussetzung für all diese Änderungen ist, dass es zu einem Paradigmenwechsel kommt. Kooperationen müssen unabhängig von den jeweiligen Eigentumsverhältnissen über Grundstücksgrenzen hinweg möglich sein. Genossenschaften, städtische Wohnungsbaugesellschaften und private Wohnungsunternehmen erzeugen bereits heute bedarfsgerecht Wärme und Strom und könnten diese auch dem örtlichen Gewerbe zur Verfügung stellen. Ziel ist also ein kiezseitiger Verbund, bei dem der Nutzen für das Gesamtsystem und die Gemeinschaft vor der Optimierung des Einzelsystems steht.

Grundsätzlich gilt: Im Kiez oder im Quartier müssen wir die Veränderungen vorantreiben. Warum kann man nicht unabhängige „Kiezklima-Kümmerer“ in jedem Quartier ernennen? Das wären Männer und Frauen, die professionell Energieeinsparpotenziale ermitteln, Bewohner:innen beraten und neue Energieverbundlösungen vorantreiben. Ihre Arbeit finanziert sich einfach aus den erzielten Einsparungen, die allen zugutekommen. Aus den Kiezen könnten so wahre „Einspar-Kraftwerke“ werden.

Aus anderen Bereichen – wie den Stadtteilmüttern – wissen wir um die breite Wirkung dieses Peer-to-Peer-Ansatzes. „Kiezklima-Kümmerer“ stehen vor Ort, so die Vision, für Wissen und Verständnis, Interesse und Engagement, Vorbild und Nachahmen. So bereiten sie ortsnah auch den Boden für ein dringend notwendiges Interesse an Ausbildung. Klimaschutz-Azubis werden so zum Renner!

„Kiezklima-Kümmerer“ stehen zudem für Handeln und Nachhalten, die Energiewende wird so zur Realisierungsoffensive vor Ort. Für notwendige Einsparinvestitionen im Kiez wird mit Klein- und Kleinstanteilscheinen eine finanzielle Beteiligung für die Bewohner:innen eingerichtet, die sich lohnt. Die Akzeptanz für die Energiewende wird auf diese Weise erhöht, Nachbarschaft und Gemeinschaft gestärkt. Das sorgt für echte Teilhabe und Demokratie.

Um einen nachhaltigen Wandel zu fördern und eine echte Veränderungsdynamik in Kiezen und Quartieren zu verankern, bedarf es der politischen Weichenstellung. Dazu gehören klare Regelwerke und schlanke Prozesse, genauso wie langfristig angelegte Investitionen in Gebäude und Infrastruktur sowie in Menschen und deren Ausbildung. Und es braucht die Aktivierung und Einbindung der Ideen und Kraft der gesamten Stadtgesellschaft, sodass Klimaneutralität zum neuen Markenzeichen Berlins wird.

Es lohnt sich für unsere Stadt, weniger abhängig von einzelnen Energieträgern, einzelnen Versorgern und einzelnen Lieferländern zu werden. Die Notwendigkeit und Chancen waren für uns noch nie so groß wie heute.

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