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Schuldneratlas für Berlin: Weniger Überschuldung, aber um so größere Sorgen

Knapp elf Prozent aller Berliner leben über ihre Verhältnisse. So wenige wie lange nicht. Doch Experten erwarten eine dramatische Trendwende für 2022.

Leider kann man sich von guten Statistiken wenig kaufen. Vor allem nicht, wenn man rechts oder links der Märkischen Allee in Marzahn am nordöstlichen Berliner Stadtrand wohnt. Hier zählt wenig, dass Berlin mit einer Überschuldungsquote von durchschnittlich nur noch 10,81 Prozent einen historisch niedrigen Wert erreicht hat. Im Postleitzahlenbezirk 12689 südlich der S-Bahn-Station Ahrensfelde sind so viele Menschen überschuldet wie in keiner anderen Ecke der Berlins.

Die Auskunftei Creditreform, die seit 19 Jahren ihren „Schuldneratlas“ veröffentlicht, führt im vergangenen Jahr knapp 20,7 Prozent aller Erwachsenen – oder jede und jeden Fünften in diesem Ortsteil – in der Kategorie „überschuldet“.

Hinter dieser Zahl stehen persönliche Schicksale und soziale Probleme. Doch auch die Mehrheit der voll zahlungsfähigen und kreditwürdigen Einwohner, die hier wohnen, haben im Alltag viele Nachteile, weil die Kunden von Creditreform – darunter Versandhändler, Versicherungsanbieter oder Handynetzanbieter – sich in der Regel genau überlegen, ob sie Verträge mit Personen aus diesem Postleitzahlengebiet annehmen oder sie ohne Vorkasse beliefern.

Das andere Extrem findet man in geografisch entgegengesetzter Richtung, im Berliner Südwesten, im Postleitzahlengebiet 14129, rund um Nikolassee in Steglitz Zehlendorf. Hier verzeichnet Creditreform die für Berlin niedrigste Überschuldungsquote: 4,3 Prozent, das ist gerade mal jede 23. erwachsene Person.

Bundesweit mehr als sechs Millionen Erwachsene überschuldet

Von Überschuldung wird gesprochen, wenn die monatlich anfallenden Ausgaben die Einnahmen deutlich übersteigen und Besserung nicht in Sicht ist. Dabei unterscheiden die Kreditausfall-Analysten zwischen Überschuldeten, die amtlich aktenkundig sind, zum Beispiel, weil sie bereits eine Privatinsolvenz beantragt haben und weniger schweren Fällen.

Bundesweit galten nach dieser Definition im vergangenen Jahr 6,16 Millionen Menschen – darunter deutlich mehr Männer als Frauen – als überschuldet. Das entsprach einer ebenfalls historisch niedrigen Quote von 8,86 Prozent. 2020 hatte sie noch bei 9,7 Prozent gelegen.

Mahnung, Ratenerinnerung, und gelbe Briefe vom Gerichtsvollzieher: Bei solcher Post ist der Gang zur Schuldnerberatung dringend empfohlen.
© dpa / Christian Charisius/dpa

Die Statistiker erfassen seit 2008 auch die Hauptgründe für die Überschuldung, diese haben sich seither stark verschoben: So ist Arbeitslosigkeit zwar weiterhin der meistgenannte Grund, ihre Bedeutung hat mit den Jahren aber um 38 Prozent abgenommen.

Die Zahl der Personen, die „längerfristiges Niedrigeinkommen“ hauptsächlich für ihre Überschuldung verantwortlich machen, hat sich in den 13 Jahren um 119 Prozent mehr als verdoppelt. Das deutet daraufhin, dass der wachsende Niedriglohnsektor mit seinen Minijobs immer mehr Menschen in den Ruin treibt. Doch auch „Erkrankung, Sucht und Unfälle“ (plus 49 Prozent seit 2008) werden deutschlandweit immer häufiger als Ursache angegeben.

Sucht und Erkrankungen können den Weg in die persönliche Schuldenfalle ebnen.
© picture alliance / dpa / Jens Büttner/dpa

In Berlin verteilt sich die Quote sehr unterschiedlich: Im Durchschnitt der Bezirke verzeichnet Spandau noch vor Marzahn-Hellersdorf die höchste Verschuldungsquote. In Neukölln ist die Überschuldungsqote im Vergleich zum Vorjahr besonders stark zurückgegangen, weshalb der Bezirk nur noch auf Platz drei steht. In Steglitz-Zehlendorf ist die Überschuldung am geringsten. (Abonnieren Sie hier unsere kostenfreien Newsletter für Ihren Bezirk)

Die Zahlen verschleiern die tatsächliche Lage

Es gibt verschiedene Gründe für die sinkenden Quoten, und die haben relativ wenig mit einer robusten Konjunktur und der niedrigen Arbeitslosigkeit zu tun. Es sind vor allem Sondereffekte bedingt durch staatliche Maßnahmen, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Rund 120 Milliarden Euro hatte allein der Bund bis zum Herbst an Hilfsprogrammen ausgegeben – zudem zahlt er in großem Stil Kurzarbeitergeld, was zwar bei vielen Angestellten die Einnahmen reduzierte, aber oft in einem verkraftbaren Umfang.

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Durch Kurzarbeitergeld, Soforthilfen und staatliche Darlehen sank auch die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auf einen tiefsten Stand seit dem Jahr 1999. Damals war die geltende Insolvenzordnung eingeführt worden. „Das Insolvenzgeschehen als Seismograf der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung funktioniert nicht mehr“, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, am Donnerstag.

Er geht davon aus, dass mit dem Zurückfahren der Hilfsmaßnahmen auch Insolvenzen und damit Überschuldung privater Haushalte wieder zunehmen wird. Hantzsch verwies auf entsprechende Erfahrungen aus Österreich und der Schweiz. Auch die Teuerungsrate von derzeit mehr als fünf Prozent pro Jahr schmälert die finanziellen Spielräume der Verbraucher. Und der Krieg in der Ukraine sei in dieser Rechnung „noch gar nicht eingepreist“.

In Brandenburg liegt die Überschuldungsquote mit 8,62 Prozent nicht nur deutlich niedriger als in Berlin sondern auch unter dem Bundesdurchschnitt. Auch die Arbeitsmarktlage, speziell im Osten und Süden des Bundeslandes dämpft die Quote. Im Nordosten, in der kreisfreien Stadt Brandenburg an der Havel, ist die Quote mit 14,5 Prozent sehr hoch. In Potsdam-Mittelmark ist sie mit 6,45 Prozent am niedrigsten.

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