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Eine Frau im Krankenhaus beim Gynäkologen bei einer Fehlgeburt.
© mauritius images / Alamy Stock Photos / Alexander Korzh

Der Arzt sprach nur vom Schwangerschaftsmaterial: „Ich hätte mir etwas Mitgefühl gewünscht“

Nach einer frühen Fehlgeburt fühlte sich unsere Autorin nicht gut betreut. Dass sie sich auch eine Hebamme hätte wenden können, wusste sie nicht. Ein Erfahrungsbericht.

Von Daniela Martens

| Update:

An einem Sonntagmorgen begann die Blutung. Es war der Tag vor meinem ersten Termin bei der Frauenärztin, der ersten Untersuchung während meiner Schwangerschaft. Einer Schwangerschaft, die sich noch nicht so ganz richtig anfühlte, schließlich war sie bis dahin nur per Schwangerschaftstest aus der Drogerie bestätigt. Den ganzen Sonntag hindurch wurde die Blutung stärker und am späten Nachmittag fuhr ich ins Krankenhaus. Da war mir schon klar, dass es wohl vorbei war. Das Wort Fehlgeburt dachte ich nicht. Das klang zu sehr nach richtiger Geburt und richtigem Baby. Nach einem Baby, das ich mir sehr gewünscht hatte.

Da saß ich nun in einem tunnelartigen, fensterlosen Flur im Krankenhaus und wartete auf die Untersuchung. Ganz allein, ich hatte nicht daran gedacht, mir so schnell Unterstützung zu besorgen. Mein Mann musste sich um unseren Großen kümmern. Schon der dunkle Flur wirkte in dieser Situation irgendwie beklemmend. Dann wurde ich in einen ebenfalls schwach beleuchteten Untersuchungsraum gerufen, darin war ich allein mit einem Gynäkologen. Einem männlichen.

Es war der einzige, der gerade Notdienst hatte. Ich musste mich in dieser unangenehmen Pose in den Untersuchungsstuhl legen, die alle Frauen von gynäkologischen Untersuchungen kennen: Die Beine breit gespreizt. Ich war noch nie vorher bei einem männlichen Arzt für diese Art von Untersuchungen gewesen, hatte mir immer Frauen ausgesucht. Das fühlt sich für mich besser an. Die können immerhin eher nachvollziehen, wie ich mich in so einer Situation fühle. Ausgerechnet jetzt also ein Mann. Aber auch wenn ein Mann niemals in diese Lage geraten kann – der Arzt hätte versuchen können, sie mir etwas zu erleichtern. Mit etwas Mitgefühl, etwas Freundlichkeit und Einfühlsamkeit.

Der Arzt sagte nur das Nötigste

Nicht, dass er explizit unfreundlich gewesen wäre. Doch er erklärte wenig, sagte nur das Notwendigste, und das ohne jede Empathie, im medizinischen Fachjargon. Ich erinnere mich noch – in etwa – an folgenden Satz: „Das Schwangerschaftsmaterial wird sich wohl von alleine vollständig lösen.“ Das Schwangerschaftsmaterial, ich musste schlucken. Was meinte er damit genau? Das fragte ich mich erst hinterher. In dem Moment kam ich nicht darauf, das zu fragen.

Irgendwie stolperte ich aus dem Untersuchungsraum in den Garten des Krankenhauses und telefonierte dort lange mit einer Freundin. Das half. Im Krankenhaus selbst kam niemand auf die Idee, dass ich jetzt mehr bräuchte als den Satz über das Schwangerschaftsmaterial: nämlich emotionale Unterstützung.

Meine Gefühle lagen irgendwo in der Mitte zwischen dem unsensiblen, medizinischen „Schwangerschaftsmaterial“ und der Idee, dass das jetzt wirklich ein Baby war. Ich hatte ja keinen Fötus auf einem Ultraschallbild gesehen, keinen Herzschlag. Und doch war da dieses Gefühl, dass gerade nichts mehr in Ordnung war.

Hebammen stützen die Frauen und hören ihnen in ihrer Trauer zu

Die ganze nächste Woche hatte ich starke Bauchkrämpfe. Und berufliche Termine. Vor allem sollte ich - ausgerechnet - eine Reportage über eine Hebamme schreiben. Gemeinsam besuchten wir eine glückliche Schwangere im dritten Trimester, mit großem Bauch.  Und eine junge Mutter mit ihrem Baby. Die Situation fühlte sich surreal an, ich war nicht furchtbar unglücklich oder verzweifelt, aber schon ziemlich neben der Spur, während ich auf meinem Block mitschrieb, was die Hebamme, die junge Mutter und Schwangere zu erzählen hatten.

Ich habe mich hier zu Wort gemeldet, damit nicht hauptsächlich Männer im Mediziner-Jargon und mit Euphemismen das Reden zu dem Thema übernehmen.

Daniela Martens

Nach den Hausbesuchen saß ich neben der Hebamme, Katharina Kerlen-Petri, die ich später noch einmal zu dem Thema interviewen würde. Und erst sie machte mir klar, dass man das, was ich da gerade erlebte, auch mit mehr Unterstützung durchleben könnte. Frauen hätten die Möglichkeit, sich auch bei Fehlgeburten an eine Hebamme zu wenden. Doch das geschehe nur sehr selten. Weil nur die wenigsten Frauen wüssten – wie ich damals –, dass Hebammen auch dafür zuständig sind. Sie höre den Frauen zu, sagte die Hebamme, und stütze sie in ihrer Trauer.

Mir war damals nicht so richtig klar, dass es überhaupt angebracht war, tatsächlich so etwas wie Trauer zu verspüren. „Wie damit im Allgemeinen umgegangen wird, ist auch ein Grund, warum viele Frauen später sagen, ich habe das eigentlich nicht verarbeitet. Rein rechtlich gibt es gar keine Möglichkeit, krankgeschrieben zu werden. Wo ist da der Platz, dem Ganzen Raum zu geben?“, sagte Kerlen-Petri. Auch dass es eigentlich nicht immer notwendig ist, bei einer Fehlgeburt in ein Krankenhaus oder zu einem Arzt zu gehen, wissen viele Frauen nicht. Von einer Hebamme begleitet, gibt es die Möglichkeit, abzuwarten.

Viele Frauen wünschen sich, besser durch diese Zeit begleitet zu werden

Heute überlege ich: Habe ich es verarbeitet? Ja, eigentlich schon. Aber dann lese ich dieses Zitat eines Gynäkogen: „Ich versuche Patientinnen, die einen sehr frühen Abort hatten, zu vermitteln: Sie hatten eigentlich Glück“, sagt Ulrich A. Knuth, Vorsitzender des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands und Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe.   Das stört mich dann schon sehr. Wenn ich auch keine dauerhafte, riesige Verzweiflung spüre, das Wort Glück möchte ich auch nicht mit dieser schmerzhaften Erinnerung verbinden. Das hat schon fast etwas Zynisches für mich, auch wenn die Aussage medizinisch gesehen sicher irgendwie sinnvoll ist.

Sofort denke ich wieder an jenen unempathischen Arzt und sein „Schwangerschaftsmaterial“. Hebamme Kerlen-Petri sagt dazu: „Ich glaube, dass manche Ärzte sich abgrenzen oder schützen, indem sie sehr technische Begriffe verwenden – das ist aber nur eine Vermutung. Je mehr sie von einem ,Baby‘ sprechen, umso eher gibt es die Möglichkeit, dass die Frau in der Praxis ihre Trauer spürt. Dann müssten sie damit umgehen.“ Die Frauen, die sich gewünscht hätten, „besser durch diese Zeit begleitet worden zu sein“, seien in der Mehrheit.

Doch diese Mehrheit kommt meiner Meinung nach längst nicht so oft zu Wort wie männliche Fachleute mit medizinischen Fachtermini. Und dadurch kommen entscheidende Aspekte des Themas in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz. Ich habe mich hier zu Wort gemeldet, damit nicht hauptsächlich Männer im Mediziner-Jargon und mit Euphemismen das Reden zu dem Thema übernehmen.

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