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© imago images/Jürgen Ritter

Dieser Randbezirk rockt und lockt die Kunstwelt: Darum ist Reinickendorf der neue kulturelle Magnet Berlins

Nicht nur die letztes Jahr eröffneten „Wilhelm Hallen“ haben den Blick auf Reinickendorfs Kunstszene gelenkt. Verantwortlich sind dafür im Bezirk zwei Frauen.

Von Tobias Langley-Hunt

Meterhohe Decken, lichtdurchflutete Räume, große Grünflächen, allgemein: viel Platz – davon träumen viele im enger werdenden Berlin. Doch es gibt ihn noch, nur unweit außerhalb des Rings: Wenige Gehminuten von der S-Bahnstation Wilhelmsruh entfernt, liegt im Bezirk Reinickendorf die alte Eisengießerei Winkelhof, die seit der Wiedereröffnung im vergangenen Jahr „Wilhelm Hallen“ heißt.

Mit einer über 20.000 Quadratmeter großen Gesamtfläche ist hier ein neues Kunstzentrum entstanden und die beeindruckende, denkmalgeschützte Architektur beherbergt neben Flächen für wechselnde Ausstellungsprogramme, Lofts und Büros, seit einiger Zeit auch einen Ableger der renommierten Charlottenburger Galerie Mehdi Chouakri. Das bringt dem Bezirk Aufmerksamkeit und motiviert Kunstinteressierte, sich auch mal aus dem Zentrum heraus zu bewegen.

Dass die Berliner Randbezirke kulturell immer mehr erschlossen werden, ist einerseits die natürliche Entwicklung der wachsenden Großstadt – unter dem Unwort Gentrifizierung leidet auch die Kunst. Andererseits beweist der Aufstieg solcher Orte einmal mehr, dass Berlin keine Stadt mit einem herkömmlichen Zentrum ist. Großprojekte wie die Wilhelm Hallen erweitern den Blick auf Kunststandorte, die in der Peripherie liegen.

Gleichzeitig sind kulturelle Entwicklungen keine Automatismen. Es sind immer auch Menschen, die Veränderung vorantreiben. In Reinickendorf war das 20 Jahre lang Cornelia Gerner. Als sie Anfang der 2000er ihre damals neue Stelle als Kunstamtsleiterin antrat, wurde sie zunächst mit dem alten Heimatmuseum im Ortsteil Hermsdorf konfrontiert, welches auch ihr neues Büro war.

Nicht nur ihr Titel klang verstaubt, auch das Museum bedurfte einer Grundsanierung. Aber die promovierte Kunsthistorikerin erkannte die Chance dieses Ortes, ergriff sie und modernisierte peu à peu die gesamte Reinickendorfer Kulturlandschaft.

Staffelübergabe im Kunstamt Reinickendorf

Heute, 20 Jahre später – aus dem Kunstamt wurde der „Fachbereich für Kunst und Geschichte“ – Staffelübergabe an eine neue Generation: Sabine Ziegenrücker tritt Gerners Nachfolge an. In Gerners altem und Ziegenrückers neuen Arbeitszimmer dominiert ein großer quadratischer Tisch den Raum.

Überall liegen Pläne, Exponate, Miniaturmodelle von Ausstellungsräumen, Kataloge und Bücher herum. Eben noch fand hier eines der vielen Gremien statt, die den Arbeitsalltag von Ziegenrücker und Gerner bestimmen. Ständig platzt jemand in den Raum: „Wollten wir die Wände jetzt grün oder blau streichen?“. Auch die freundliche Empfangsdame am Eingang des Museums versichert: „Oben ist man immer beschäftigt.“

Dr. Sabine Ziegenruecker (links) und Cornelia Gerner (rechts) im Kunstamt Hermsdorf im Museum Reinickendorf.
© Sven Darmer

Gerner geht in den Ruhestand und hinterlässt 20 Jahre Veränderung. Denn auch wenn der Titel „Leiterin des Fachbereichs für Kunst und Geschichte“ noch immer etwas sperrig klingt, dem Inhalt der Arbeit wird er gerechter. „Ich trete ein sehr reiches Erbe an“, sagt Ziegenrücker, sie wolle da anknüpfen, wo ihre Vorgängerin aufgehört hat: „Die letzten Jahre waren eine Zeit des permanenten Wandels und in diesem Wandel sehe ich auch die Zukunft.“ Gerner wird ihr dabei noch weitere fünf Monate als „Senior Coach“ zur Seite stehen.

„Was ich versuche zu vermitteln, ist die unglaubliche Vielfalt in Reinickendorf und, dass jeder Bereich fast gleich wichtig genommen werden muss. Dass es Verschränkungen gibt und alle Bereiche auch nebeneinander betrachtet werden können. So haben wir beispielsweise angefangen, das Museum Hermsdorf auch als einen Ort für die Kunst zu verstehen“, antwortet Gerner auf die Frage, was sie ihrer Nachfolgerin mitgeben will.

Große Werke und Heimatkitsch

Die Wilhelm Hallen sind in Reinickendorf sicher ein Höhepunkt, möchte man aber den Bezirk als Kunststandort ganzheitlich erschließen, erweist sich das Heimatmuseum in Hermsdorf als der zugänglichere Einstieg, da sind sich Ziegenrücker und Gerner einig. „Hier konzentriert sich alles“, sagt Ziegenrücker und führt aus: „Für jemanden, der verstehen will, was Reinickendorf für ein vielfältiger Bezirk ist, ist im Museum alles enthalten. Von der Vor- und Frühgeschichte über das germanische Gehöft.“

Gerner ergänzt: „Das 19. Und 20. Jahrhundert, das Leben und Wohnen in Reinickendorf. Außerdem Reinickendorfer Persönlichkeiten wie Hannah Höch, Wladimir Lindenberg, Max Beckmann oder Max Grundewald.“ Nicht alle aufgezählten Namen haben die gleiche Prominenz wie die Dadaistin Höch, einige der Künstler:innen sind „Lokalmatadoren“.

Nichtsdestotrotz, die vielen Malereien, einige eher Heimatkitsch, andere große Kunst, die das Inventar des chronologisch aufgebauten Geschichtsmuseum durchbrechen, fassen den Bezirk auf künstlerische Weise zusammen.

Vom Wedding bis zum „Grünen Norden“

„Für Menschen aus anderen Stadtteilen ist wahrscheinlich die „GalerieEtage“ ein Anziehungspunkt. Eine kommunale Galerie mit 200 Quadratmetern, in der auch Einzel- oder Doppelstellungen gezeigt werden“, sagt Ziegenrücker auf dem kurzen Weg durch den mit Exponaten und Skulpturen bestückten Garten zwischen dem Heimatmuseum und dem Nachbargebäude, in dem sich im zweiten Stock die genannte Galerie als Teil des musealen Ensembles befindet.

Gezeigt werden hier sowohl regionalhistorische Ausstellungen als auch zeitgenössische, junge und vor allem internationale Positionen. Ziegenrücker betont die Wichtigkeit solcher Orte. Kommunale Galerien könnten als ein wichtiges Sprungbrett oder eine Zwischenebene zu den großen Museen fungieren.

Das spült international bedeutende Künstler hier rein und ist etwas, was wir uns immer schon gewünscht haben.

Cornelia Gerner zur Gentrifizierung in Reinickendorf

Nun besteht der Kunstbezirk Reinickendorf aber nicht nur aus dem idyllischen Hermsdorf und dem industriellen Charme der alten Eisengießerei. Von der Grenze zum Wedding bis zum „Grünen Norden“ verändert sich der Bezirk kontinuierlich. Neben den Villenvierteln ist auch das Märkische Viertel Teil des Bezirks und sowohl das Unesco-Welterbe „Weiße Stadt“ als auch das Schloss Tegel sind Ausflugsziele für Kulturinteressierte.

Reinickendorf als Miniaturformat von Groß-Berlin

„Es ist sicherlich etwas plakativ zu sagen, dass sich in Reinickendorf die vielen Facetten Berlins widerspiegeln, auch in Betrachtung der sehr unterschiedlichen Ortsteile“, sagt Ziegenrücker. Doch etwas Wahres ist schon dran: Reinickendorf kann als Miniaturformat von Groß-Berlin verstanden werden, mit diversen Zentren und einer ebenso diversen Nachbarschaft.

Es geht bei ihrer Arbeit deshalb immer auch um den Spagat, die so unterschiedlichen Anwohner:innen miteinzubeziehen, das Interesse von außen wie von innen zu bedienen.

Vor allem wird um Akzeptanz für die vielen Neuankömmlinge geworben, wenn die, laut Gerner, „kulturellen Brachen“ zwischen all den Zentren sukzessive mit Ateliers, kommerziellen Galerien und Kunstzentren aller Art gefüllt werden.

Platz gibt es in den vielen leerstehenden Fabriken, die an die gewerbliche Vergangenheit Reinickendorfs erinnern, genug. Zu den Wilhelm-Hallen kommen fünf Atelier- und Studiohäuser hinzu, die inzwischen fast 100 Künstler:innen plus Musiker:innen aus der ganzen Welt in den Randbezirk locken.

Die Frage, ob Reinickendorf von der Gentrifizierung profitiert oder ihr gar selbst zum Opfer fallen könnte, winken sowohl Gerner als auch Ziegenrücker ab. Gerner findet die Entwicklungen „super“. „Das spült international bedeutende Künstler hier rein und das ist etwas, was wir uns immer schon gewünscht haben“, sagt sie. Außerdem, sagt Ziegenrücker, „bringt das Bewegung rein und setzt Qualitätsstandards“. Der Reiz des Kunstbezirks Reinickendorf ist jedenfalls nicht im Kontrast zu Bezirken innerhalb des S-Bahn-Rings zu verstehen, eher als vielversprechende Ergänzung.

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