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Die Motoryacht „Fitzgerald“ auf der Spree fährt mit Elektro-Antrieb.
© Luis Lindner/privat

Eine Spreefahrt ist nicht immer lustig: So kämpft ein Berliner gegen alteingesessene Reeder mit ihren Dieseldampfern

Luis Lindner will mit seiner Elektroflotte den Schiffsverkehr sauberer machen. Er stößt auf Widerstand: Die traditionellen Schifffahrtsunternehmen wollen keine Konkurrenz von dem Neuling.

| Update:

Die zweite Lebenshälfte hatte sich Luis Lindner entspannter vorgestellt. Er dachte, er würde am Steuer eines Schiffes seiner elektrobetriebenen Flotte stehen und den Touristen am Spreeufer winken, während er einen der Stege zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus ansteuert und einige von ihnen an Bord steigen lässt. Er dachte, er würde Berlin einen Gefallen tun, weil er durch seine klimafreundliche Schifffahrt die Schadstoffbelastung drosselt und sich selbst, weil er das Wasser so mag.

Laut Lindner blockiert ein Kartell aus alteingesessenen Reedereien alle Anlegestellen

Was Lindner sich nicht vorgestellt hatte, war, dass er fünf Jahre lang damit beschäftigt sein würde, einen Steg im Innenstadtbereich zu ergattern. Und dass er deshalb Journalistinnen und Parlamentarier anschreiben müsste, um ihnen zu erklären, wie unfair das ist, dass ein Kartell aus alteingesessenen Reedereien alle Anlegestellen blockiert und es ihm als Neuling damit quasi unmöglich macht, in der Fahrgastschifffahrt mitzumischen. Doch genau das tut Lindner nun.

Reeder Luis Lindner und Geschäftsführerin Christine Beißwanger auf der Fitzgerald.
Reeder Luis Lindner und Geschäftsführerin Christine Beißwanger auf der Fitzgerald.
© Joana Nietfeld

An einem Mittwochabend im Juni startet er wieder einen Versuch, auf sein Problem aufmerksam zu machen. Lindner, 55, Berliner, der in seiner ersten Lebenshälfte Unternehmensberater war und noch immer so aussieht – also weniger, wie man sich ein Kapitän vorstellt, sondern wie jemand, der ein Samt-Sakko und weißes Hemd trägt, hat zu einem parlamentarischen Abend auf seinem Schiff geladen: der Fitzgerald, einer schicken Jacht mit Sonnendeck, Holzvertäfelung und Messingbeschlägen. Es gibt Hummersuppe und Crémant, der eisgekühlt aus silbernen Kübeln gereicht wird. Der Grüne-Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel, ist gekommen und sämtliche Abgeordnete des Berliner Parlaments.

Die Fahrgastschifffahrt stoße so viel Feinstaub aus wie etwa 120.000 Pkw

Lindner steht an Deck seiner Fitzgerald, einem ehemaligen Dieselschiff, das er auf Elektroantrieb umrüsten ließ und begrüßt seine Gäste – man sieht ihnen an, dass sie das Ambiente genießen. 200 000 Euro hat der Umbau gekostet. Rund 80 Prozent davon übernahm das Land Berlin. Die Fitzgerald gleitet fast geräuschlos über das Wasser. Eine SPD-Abgeordnete schließt die Augen und schwärmt: „Ist das toll, diese Ruhe! Wenn doch nur alle Schiffe so leise wären.“ Da kommt ein Ausflugsdampfer in gewohnt knatteriger Dieselmotor-Art entgegen und hupt ganz laut. In einem Pressetext, der verteilt wird, steht, dass die Berliner Fahrgastschifffahrt jeden Tag so viel Feinstaub ausstößt wie etwa 120 000 Pkw im gleichen Zeitraum. Lediglich vier der rund 100 Fahrgastschiffe in Berlin sind nach Spiegel-Recherchen bislang mit einem Partikelfilter umgerüstet worden.

Demzufolge ist eine Spreefahrt so wie man sie kennt, auf einem Dieselkahn, nicht nur lustig, sondern auch ganz schön umweltschädlich. Und eigentlich müsste der Senat Lindners Vorhaben besonders begrüßen – die Stadt soll 2045 klimaneutral sein. Doch die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität und Klimaschutz teilt mit, dass die Binnenschifffahrt nur eine untergeordnete Schadstoffquelle sei. Sie verursache 1,3 Prozent der Stickoxide und 0,4 Prozent der Feinstaubbelastung.

Die Fitzgerald fährt Richtung Wedding. Dass dieses Schiff nie ein Ausflugsdampfer sein wird, auf dem die zu Besuch gekommenen Großeltern bei Bockwurst und Brezel die Aussicht auf die Spree genießen, ist offensichtlich. Dieses Schiff ist ein für besondere Anlässe: Für Hochzeiten und Geburtstagsfeiern von Menschen, die es sich leisten können, ein Boot zu mieten und dann damit eine Runde über die Spree zu schippern.

Charter-Schifffahrt heißt diese Form der Fahrgastschifffahrt. Und für diesen Fall ist es auch gar nicht so schlimm, dass Lindner nur einen Anlegeplatz hier im Nordhafen hat, den er jetzt zeigt. Mit einer Ladesäule, die die Fitzgerald über Nacht auflädt, und die gerade errichtet wird.

Verträge müssten eigentlich im Rhythmus von fünf Jahren ausgeschrieben werden, damit auch Neulinge die Chance auf einen Marktzugang bekommen.

Luis Lindner, Reeder

Doch das Geschäft mit nur einem Boot und immer nur einer Gruppe, die herumchauffiert wird, werde sich auf Dauer nicht rentieren, sagt Lindner. Er will auch Schiffe haben, auf denen Gäste an einer Stelle ein und an einer anderen aussteigen. Und da ist es nicht verwunderlich, dass die Konkurrenz keine Lust auf einen Neuen hat, der ebenfalls ein Stück abhaben will vom Kuchen – oder in diesem Fall: ein Stück vom Steg. Im Regierungsviertel angekommen, demonstriert Lindner, was er meint, wenn er sagt, dass er als neuer Wettbewerber keine Chance hat. Fast alle Anlegestellen am Ufer gehören der Stern und Kreisschifffahrt GmbH. Einige sehen verwuchert aus, so, als wären sie lange nicht mehr genutzt worden.

Diese kartellartigen Zustände kommen laut Lindner zustande, weil Anlegestellen anders als Bushaltestellen oder U-Bahn-Stationen, privat betrieben werden. Wer einmal eine hat, hat sie für immer. Die Nutzungsverträge, die vom Bund erteilt werden und die wasserbehördliche Genehmigung, die das Land ausstellt, verlängerten sich stillschweigend Jahr um Jahr. Was Lindner bei so einem knappen Gut ungerecht findet. Verträge müssten eigentlich im Rhythmus von fünf Jahren ausgeschrieben werden, damit auch Neulinge die Chance auf einen Marktzugang bekommen, sagt er.

2021 wurde deshalb sogar ein Kartellverfahren eingeleitet. „Die derzeitige Genehmigungspraxis von Bund, Land und Bezirksverwaltung und der daraus resultierende Einfluss auf die Marktstruktur sowie damit verbundene Möglichkeiten des Marktzuganges für ’Newcomer’ werden seitens der Kartellbehörde geprüft“, heißt es dazu aus der Senatswirtschaftsverwaltung. Lindner wartet. Damit er nicht immer als Einzelkämpfer gegen die großen Reedereien allein dasteht, hat er 2018 den Verband für Elektroschifffahrt und Ladeinfrastruktur mitgegründet. Dieser besteht aus Anwohnerinnen, Hoteliers und Gastronomen, die die Dieselabgase nerven. Doch der Verband ist noch immer so klein, dass Lindner auf der Spree-Tour nicht einmal die Mitgliederzahl verraten will.

Als auf der Fitzgerald die Sonne immer tiefer sinkt und die Ersten Wein aus Wassergläsern trinken, fragt ein Grünen-Abgeordneter : „Was können wir jetzt für Sie tun? Würde eine schriftliche Anfrage helfen?“ Lindner nickt. „Mir hilft jede Form der Aufmerksamkeit.“ Sonst müsse er seinen Plan für die zweite Lebenshälfte noch überdenken.

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