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© Doris Spiekermann-Klaas

Eröffnung der Kinderwelt Anoha in Berlin : Neue Ausstellung erzählt die Geschichte der Arche Noah

Die Kinderwelt des Jüdischen Museums nimmt Kinder mit auf eine interaktive Reise durch die Geschichte der Sintflut. Ein Besuch.

Von Anja Neu

Der Regen prasselt auf den Boden. Tropfen für Tropfen rinnt als Lichtprojektion die Wand entlang. Es sind so viele Wassertropfen, dass ihr schneller Aufprall auf der Erde als ein einziges, ohrenbetäubendes Rauschen aus den Lautsprechern erklingt. „Platsch, platsch“, ertönt es bei jedem Schritt durch eine der großen Pfützen, die auf dem Boden aufgemalt sind. Wasser kann laut sein – oder ganz leise. Es ist nicht nur hörbar, sondern auch mit den Händen zu begreifen.

Die Kinderwelt Anoha gegenüber dem Jüdischen Museum nimmt Kinder im Kita- und Grundschulalter auf einer Ausstellungsfläche von 2700 Quadratmetern mit auf eine interaktive Reise durch die Geschichte der Sintflut.

Beim Weg durch das „Haus für die Geschichte der Arche Noah“, wie es Kinderwelt-Leiterin Ane Kleine-Engel nennt, wird klar, wo das Problem liegt: Je mehr Wasser auf die Erde fällt, desto weniger Platz bleibt für Mensch und Tier. Damit diese überleben können, muss dringend eine Lösung her. Eine Wasserbahn, auf die jedes Kind ein kleines Boot setzen kann, verrät, wie die aussehen könnte: Es braucht ein großes Schiff, in dem alle – Menschen wie Tiere – Platz finden.

Leiterin Ane Kleine-Engel möchte, dass die Kinder spielerisch lernen, sich mit gesellschaftlichen Themen sowie der jüdischen Kultur auseinanderzusetzen. 
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Das Wort sei „ein zentrales jüdisches Element“, erklärt Kleine-Engel. Hier wird es in Form der Geschichte (also mehrere Wörter) der Arche Noah greifbar – und das fast ohne geschriebene Buchstaben.

An den Stationen stehen pädagogische Fachkräfte bereit, die die Geschichte weitererzählen. Kinder begreifen in der Ausstellung: Die Sintflut wurde von Menschen herbeigeführt. Und nur wir Menschen können etwas gegen diese Umweltkatastrophe tun. In der Ausstellung gehen die kleinen Besucher:innen den Weg weiter. Noah ist nicht zu sehen.

Die runde Form der Arche erinnert an das jüdische Zeitverständnis

„Du selbst bist verantwortlich, durch die Geschichte zu kommen“, sagt Ane Kleine-Engel. Plötzlich ist da ein großes Schiff. Es ist so groß, dass die Kinder gar nicht erkennen können, wo es anfängt und wo es aufhört.

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In der mesopotamischen Überlieferung der Sintflut-Geschichte, die noch älter ist als die Erzählung in der Torah, werde das Schiff als „rund und würfelförmig“ beschrieben, erzählt die Ausstellungsleiterin. Das US-amerikanische Architekturbüro Olson Kundig Architecture and Design hat das Schiff daher kreisförmig gebaut. Die runde Form der Arche erinnere laut Ane Kleine-Engel an das jüdische Zeitverständnis, das spiralförmig ist: Alles wiederholt sich, alles kommt wieder.

In der Ausstellung gibt es insgesamt 150 Skulpturen von 16 Künstlern.
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Nach und nach laufen die Kinder an immer mehr Tieren vorbei – insgesamt sind es 150 Skulpturen. 16 Künstler:innen haben diese entworfen. Da ist ein lebensgroßes Kamel mit zwei Höckern aus Hockern und einem Maul aus alten Stiefeln. Sein restlicher Körper setzt sich aus einer Truhe und einem Weinfass zusammen. Es sieht so friedlich aus, dass sich wohl jedes Kind trauen wird, ihm einmal über die Höcker zu streicheln oder ihm sogar ins Maul zu fassen. Am Boden ist eine Schar von Ameisen unterwegs.

Alle dürfen mit an Bord

Geht man weiter, trifft man auf viele weitere Tiere. Langsam kriecht eine Weinbergschnecke am Boden entlang. Ihr Körper besteht aus der schneckenförmigen Spitze einer Geige. Anders als in der biblischen Erzählung berichtet sind nicht alle Tiere als Paare unterwegs. Kinder mit nur einem Elternteil merken so: Das passt zu meiner Lebenssituation. So geht es auch Kindern mit einer Behinderung, wenn sie auf den „Rollmops“, wie ihn Kleine-Engel nennt, treffen. Der Mops mit Gehhilfe kommt auch mit ins Schiff. Alles ist so gebaut, dass man auch im Rollstuhl aufs Schiff fahren kann.

Der Mops mit Gehhilfe kommt auch mit ins Schiff. Alles ist so gebaut, dass man auch im Rollstuhl aufs Schiff fahren kann.
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„Alle dürfen an Bord, das heißt, alle – egal ob ich sie mag oder nicht“, betont Ane Kleine-Engel. Doch was ist das? Vor den Augen der Kinder erscheint plötzlich ein Tier, das nicht alleine aufs Schiff gelangt. Es ist ein großer Eisbär, der an einer Seilbahn festhängt. Sein Fell ist kuschlig weich und lädt zum Streicheln ein. „Er braucht unsere Hilfe“, merken die Kinder. Gleichzeitig erkennen sie: Ich entscheide selbst, ob ich dem Eisbären helfe oder nicht.

So auch beim Orang-Utan, der ebenfalls an einer Seilbahn hängt und darauf wartet, an Bord geholt zu werden – oder auch darauf, dass eines der Kinder auf seinem großen Schoß Platz nimmt.

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Selbst entscheiden – das durften auch die Kinder im Kinderbeirat, die an der Gestaltung der Ausstellung beteiligt waren. Ursprünglich sollte das Schiff nur eine große Tür haben. Es brauche aber auch kleine Türen für die kleinen Tiere, so die Idee des Kinderbeirats. Deshalb wurden in die Schiffswand nachträglich noch kleine Luken eingebaut.

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Mitmachen dürfen die Besucher:innen der Kinderwelt auch dann, wenn es um das leibliche Wohl der Tiere geht. Viele bunte Filzbälle befinden sich im Futtertrog und warten darauf, von den Tieren verspeist zu werden. Über einen Seilzug können die Kinder den Trog weiter befüllen. Nach dem Essen ist Zähneputzen angesagt: Das Krokodil wartet schon auf mutige Kinder, die ihm dabei helfen und keine Angst vor seinen spitzen Zähnen haben.

In der Kinderwelt darf auch eine Schule nicht fehlen.
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Wer gegessen und Zähne geputzt hat, muss auch mal aufs Klo. Die Kinder lernen bei der Tier-Toilette: Was an Mist anfällt, kann – im ökologischen Kreislauf – gleich nebenan als Dünger für die Blumen eingesetzt werden. „Lernen ist auch ein ganz wesentlicher Teil der jüdischen Tradition“, erklärt Ausstellungsleiterin Kleine-Engel. In der Kinderwelt darf deshalb auch eine Schule nicht fehlen.

In der Mitte des kreisförmigen Schiffs befindet sich ein großer, leerer Raum. Was hier ausgestellt wird, ist unsichtbar: Es geht hier Ane Kleine-Engel zufolge um die Frage, welche Regeln wir uns als Gesellschaft geben wollen. Die Kinder können sich in diesem Raum über ihre Zukunftsvisionen austauschen. Anstatt definitive Antworten zu geben, gehe es – entsprechend der jüdischen Debattenkultur – darum, immer wieder neue Fragen zu stellen, sagt Kleine-Engel.

Nach dem Rundgang durch die Arche rutschen die kleinen Besucher:innen dem Regenbogen entgegen, der am Ende der Ausstellung an eine Wand gemalt ist. Auch er kann von ihnen selbst gestaltet werden. Auf bunten Zetteln pinnen sie ihre – gemalten oder geschriebenen – Antworten auf Fragen wie „Wie kannst du die Welt etwas besser machen?“ oder „Was macht dich froh?“ an die Regenbogenwand. Vom Regen zu Beginn der Ausstellung bis hin zum Regenbogen am Ende wird das jüdische Prinzip des Tikkun Olam deutlich: Jede und jeder ist aufgefordert, die Welt ein bisschen besser zu machen.

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