zum Hauptinhalt
Endlich am Ziel. Der Ort, an dem am Dienstag die meisten geflüchteten Menschen ankamen, war der Hauptbahnhof. Oft mit nur wenig Gepäck, erschöpft und orientierungslos stiegen viele Ukrainer aus den Zügen.
© dpa / Kay Nietfeld

Immer mehr Menschen kommen an: Wie Berlin auf die wachsende Zahl von Ukraine-Flüchtlingen reagiert

Der Senat erwartet kurzfristig 20.000 Menschen und will Notunterkünfte einrichten. Die BVG bereitet eine Hilfsaktion vor, Vivantes spendet unterdessen Medikamente.

Von

Die Plätze werden knapp: Nachdem am Wochenende nur vereinzelt Geflüchtete aus der Ukraine in Berlin angekommen waren, stieg ihre Zahl am Dienstag erheblich an – schon an diesem Donnerstag könnten die Kapazitäten für die Unterbringung erschöpft sein.

Ein Sprecher des Landesamtes für Flüchtlinge (LAF) erklärte dem Tagesspiegel am Dienstagnachmittag, innerhalb von 24 Stunden seien rund 500 Menschen im vorübergehenden Aufnahmezentrum in Reinickendorf angekommen und hätten untergebracht werden müssen. Angesichts der Steigerungsraten der vergangenen Tage erwartet der Sprecher, dass sich die Lage weiter verschärft.

Von den am Wochenende zur Verfügung stehenden 1300 Plätzen dürfte bereits jetzt ein Gutteil durch die in den vergangenen Tagen angekommenen Flüchtlinge belegt sein. Einzelne Geflüchtete berichteten am Dienstag bereits davon, keinen Schlafplatz mehr erhalten zu haben.

Laut LAF haben bislang alle Hilfebedürftigen untergebracht werden können. Es würden vor allem in den Abendstunden Busse gemietet, um Menschen vom Ankunftszentrum in Reinickendorf aus in andere Unterkünfte zu bringen. Allein in der Nacht von Montag auf Dienstag seien dort 150 neue Menschen angelandet, sagte der Sprecher. Am Dienstagabend kündigte das LAF an, weitere Objekte öffnen zu wollen.

Wir werden die Schaffung der Plätze nach Bedarf anpassen müssen, womöglich auch nach oben.

Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke)

Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke), mit Senatsbeschluss vom Dienstag hauptverantwortlich für die „bedarfsgerechte Versorgung“ von „zunächst bis zu 20.000“ Geflüchteten, sprach im Anschluss an die Senatssitzung von einer „unglaublich dynamischen Situation“. Kipping erklärte, die Zahl der ankommenden Menschen nehme „deutlich zu“, zeitgleich sinke die Quote derer, die privat untergebracht würden.

„Wir werden die Schaffung der Plätze nach Bedarf anpassen müssen, womöglich auch nach oben“, erklärte Kipping. Bis auf Weiteres sollten alle in das sogenannte Ankunftszentrum des LAF in Reinickendorf kommen, erklärte Kipping. Sie schloss nicht aus, dass in Kürze auch die bereits im Jahr 2015 genutzten Notunterkünfte wie jene auf dem Messegelände eingerichtet werden könnten. „Es kann sehr schnell eine Situation geben, in der wir sie brauchen“, sagte Kipping.

Senat will Steuerungsgruppe gründen

Konkret hat der Senat die Gründung einer Steuerungsgruppe beschlossen, um die Lage zu überwachen und ressortübergreifend für Ankunftsstrukturen, Unterbringung und Sicherheit zu sorgen. Auch die Schulen würden sich auf die Ankunft zahlreicher Kinder vorbereiten, erklärte die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Sie will am Mittwochmorgen mit den Bezirksbürgermeister:innen gemeinsam Wege suchen, um mehr Menschen unterbringen zu können. Auch eine Bettenbörse soll eingerichtet werden.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (M., SPD), Finanzsenator Daniel Wesener (Grüne) und Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) am Dienstag bei der Pressekonferenz des Senats.
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (M., SPD), Finanzsenator Daniel Wesener (Grüne) und Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) am Dienstag bei der Pressekonferenz des Senats.
© dpa / Jörg Carstensen

Tagesspiegel-Informationen zufolge bereiten die Berliner Verkehrsbetriebe zudem eine Hilfsaktion vor, bei der zehn bis zwölf gemietete Reisebusse Ukrainer:innen von der polnischen Grenze aus nach Berlin bringen sollen. Die Initiative komme vom Senat, das Unternehmen warte auf die Freigabe, hieß es.

Die meisten Menschen aus der Ukraine kamen am Dienstag am Hauptbahnhof an. Oft nur mit wenig Gepäck, erschöpft und orientierungslos stiegen sie aus den Zügen, die aus Polen eintrafen. Viele hatten ihre Heimat nur mit dem Nötigsten verlassen müssen. Am Gleis wurden sie von freiwilligen Helfern empfangen, es gab Wasser, Tee, Obst und Hygieneartikel. Die Helfer:innen unterstützten bei der Suche nach einer Unterkunft, organisierten Mitfahrgelegenheiten.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Unter den Geflüchteten sind viele Menschen aus afrikanischen Ländern, die in der Ukraine gearbeitet oder studiert haben. Eine dreiköpfige Familie mit kleinem Kind war zunächst nach Lviv geflohen und hatte sich von dort aus zur polnischen Grenze aufgemacht. Zu Fuß, über Nacht, viele Stunden lang. Handyvideos zeugen davon.

An der Grenze seien sie zunächst aufgehalten worden, hätten tagelang im Freien ausharren müssen. Der Mann deutet auf seine aufgeplatzten Lippen. „Von der Kälte“, sagt er. Zuletzt hatten sich Berichte gemehrt, nach denen schwarze Menschen an der Grenze abgewiesen würden. „Das sind alles Rassisten“, sagt die Frau eines Nigerianers, die ihren schlafenden Sohn auf den Armen hält. „Aber ich liebe Selenskyj, er macht einen guten Job.“ Die freiwilligen Helfer schätzten, dass 50 bis 80 Geflüchtete pro Zug in Berlin ankommen.

Vivantes-Kliniken liefern Medikamente in die Ukraine

Unterdessen bereiten die landeseigenen Vivantes-Kliniken eine Fracht mit Arzneimitteln, Verbandsmaterial und Sanitätsprodukten vor, die in die Ukraine geliefert werden soll. Das erfuhr der Tagesspiegel von Ärzten, die den Hilfseinsatz direkt mit Vivantes-Chef Johannes Danckert planten. Wann genau entsprechende Lastwagen aus Berlin starten sollen, steht noch nicht fest.

Der Vivantes-Vorstand spricht nach unbestätigten Angaben aus dem Senat dazu nicht mit der Gesundheitsverwaltung, sondern direkt mit dem Stab um Regierungschefin Franziska Giffey (SPD). Mit Vertretern der ukrainischen Botschaft habe man vereinbart, die Lieferung an eine Übergabestelle in Ostpolen zu liefern, heißt aus den Krankenhäusern.

Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, von der polnischen-ukrainischen Grenze würden ukrainische Beamte die Fracht wohl in das Zentrum des Landes bringen. Bei den Medikamenten handelt es sich unter anderem um Schmerzmittel und Entzündungshemmer.

Auch groß angelegte Maßnahmen laufen an: Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) startet einen Transport mit Nothilfegütern, auch die „Aktion Deutschland Hilft“ und die Diakonie-Katastrophenhilfe organisieren Einsätze. Wie genau die Frachten verteilt werden, hänge von der Lage vor Ort ab, teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit.

Die Güter des DRK sollen per Lastwagen zunächst in das polnische Lublin gebracht werden, der Transport sei der Beginn einer Versorgungslinie für die angegriffene Ukraine. Die Güter werden an diesem Dienstag im DRK-Logistikzentrum nahe dem BER-Flughafen in Schönefeld verladen. Vivantes betreibt acht Krankenhäuser und 13 Pflegeheime in ganz Berlin und ist Deutschlands größter kommunaler Gesundheitskonzern.

Zur Startseite