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Der Tortenwurf auf Beatrix von Storch in Kassel.
© Peng!

Aus dem Innenleben des Peng!-Kollektivs: „Ich habe die Torte sachkundig geworfen“

Die Aktionskünstler von Peng! gehen hohe Risiken ein. Mit wechselhaftem Erfolg. Hier spricht der Mitgründer.

Von Sebastian Leber

| Update:

Seit sieben Jahren regt das Peng!-Kollektiv mit Aktionskunst an und auf. Es machte eine PR-Veranstaltung von Shell mit einer Ölfontäne zum Desaster, initiierte ein Aussteigerprogramm für Geheimdienstmitarbeiter, startete im Namen des Rüstungskonzerns Heckler & Koch eine Rückrufaktion für Kleinwaffen. Nun hat Mitgründer Jean Peters, 36, ein Buch geschrieben und spricht darin unerwartet offen über Selbstansprüche, Tricks und eigene Fehler.

Herr Peters, warum saßen Sie eigentlich noch nie im Gefängnis?
Wahrscheinlich war es eine Mischung aus guter Vorbereitung und Glück. Grundsätzlich gehört es bei jeder Aktion zivilen Ungehorsams schon dazu, eventuell vor Gericht zu landen.

Als Sie sich damals als Sprecher des Energieriesen Vattenfall ausgaben, um im Foyer der Berliner Konzernzentrale vor Journalisten den Ausstieg aus dem Kohleabbau in der Lausitz zu verkünden, war es knapp.
Wir mussten dort ja unangekündigt in unseren Anzügen und mit Rollkoffern aufkreuzen. Per Annonce hatten wir eine schwedische Opernsängerin gefunden, die begleitete uns und warf Dinge ein wie "Ja, det stämmer" und "skal soppa". Um notfalls misstrauische Securitys beruhigen zu können, hatten wir fingierte Mails des Vattenfall-Chefs dabei. Aber eben nicht ausgedruckt, nur auf dem iPad, damit kein Beweisstück für den Vorwurf der Dokumentenfälschung blieb.

Als Vattenfall-Sprecher verkündete Jean Peters den Kohleausstieg.
Als Vattenfall-Sprecher verkündete Jean Peters den Kohleausstieg.
© Chris Grodotzki

Ihre dort verkündete Botschaft, Vattenfall wolle die Lausitz zum „grünen Leuchtturm Europas“ machen, übernahmen diverse Nachrichtenportale.
Und ein CDU-Bundestagsabgeordneter versuchte direkt, die Lorbeeren für sich einzuheimsen, und twitterte: „Einsatz der @CDU_Brandenburg hat sich gelohnt“. Uns wurde später mitgeteilt, wir seien sehr kurz davor gewesen, verklagt zu werden, aber der Imageschaden für Vattenfall wäre bei einem Prozess zu hoch gewesen. Genau das hatte unsere Anwältin uns vorher auch schon prophezeit.

Was Ihre Aktionen eint: Im Nachhinein geben Sie sich als Peng! zu erkennen.
Und wir machen transparent, was wir bezwecken wollten. In der Kunstwelt sagen manche ja gern, ein Werk spreche für sich. Gerade bei politischen Arbeiten empfinde ich das als Versuch, sich selbst zu überhöhen. Nein, man sollte sich und seine Motivation erklären. Auch wenn man dann nicht als mysteriöses Künstlergenie durchgeht.

Jean Peters im März im Görlitzer Park
Jean Peters im März im Görlitzer Park
© Sven Darmer

Wie viele Menschen gehören denn zum Kollektiv?
Das darf ich nicht sagen. Wir haben uns geschworen, niemals offenzulegen, wie viele wir sind oder welches Projekt als Nächstes ansteht.

Sie sind eines der wenigen Mitglieder, die ihre Namen nennen.
Ja, ich bin auch eine kleine Rampensau. Was übrigens gar nicht so vorteilhaft ist in einem Aktionskunst-Kollektiv. Zum Glück wurde mir intern regelmäßig auf die Füße getreten, sodass ich begriff, dass ich auch Raum lassen muss, den dann andere füllen. Blöderweise kommt bei mir noch hinzu, dass ich ein leichter Kontrollfreak bin, der Dinge gern perfekt machen will und deshalb schlecht loslassen kann. Das liegt dann natürlich nicht daran, dass andere es nicht können, sondern dass man selber einen Knall hat.

In Ihrem Buch „Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter“ (S. Fischer) schreiben Sie, dass Sie in einer gemütlichen Doppelhaushälfte mit Hibiskus im Vorgarten in einem westdeutschen Vorort aufwachsen durften. Weshalb ist das wichtig?
Weil ich eben aus der Position eines Menschen spreche, der sehr viel Glück hatte, mit deutschem Pass und weißer Haut geboren wurde und deshalb Privilegien genieße. Ich denke, das hilft mir, auch wenn ich mal wieder vor Gericht stehe. Und viele andere haben diese Vorteile nicht. Das ist eine Ungerechtigkeit, die mich umtreibt.

Mehrfach haben Sie sich mit der deutschen Waffenindustrie angelegt. Zum Beispiel, als Sie den 14. Stock im Hotel Intercontinental gebucht hatten, um dort eine zynische Preisverleihung zu inszenieren.
Wir hatten einen Friedenspreis für die Waffenindustrie ausgelobt und wollten hochrangige Vertreter ehren. Dafür hatten wir extra eine Fantasieorganisation namens IDSAEK erfunden, das stand für „Initiative für dauerhafte Stabilität im außereuropäischen Kontext“. Bei der Laudatio sollte über das Grundgesetz gelacht werden, es gab Tassen mit dem Slogan „Frieden ist Handarbeit“. Leider lief dann manches schief.

Was denn?
Ursprünglich wollten wir 10.000 Stubenfliegen im Raum freilassen, die sollten um uns herumschwirren wie um Kadaver. Wir haben das erst mal im Büro eines Freundes getestet, die setzten sich aber nur an die Decke und Wände und blieben dort, das war extrem enttäuschend.

Funktionierte die Aktion auch ohne Fliegen?
Die meisten geladenen Gäste kamen nicht, aber immerhin ein hoher Vertreter: der Senior Vice President Strategie & Politik von Thyssen Krupp Marine Systems. Er eilte aber davon, bevor wir ihm seinen Preis übergeben konnten.

Der Tortenwurf auf Beatrix von Storch in Kassel.
Der Tortenwurf auf Beatrix von Storch in Kassel.
© Peng!

Bedrohlich wurde es für Sie im Februar 2016, nachdem Sie der AfD-Politikerin Beatrix von Storch eine Torte ins Gesicht geworfen hatten.
Damals tagte die AfD-Programmkommission im Konferenzraum eines Kasseler Hotels. Von Storch hatte kurz vorher gefordert, die deutsche Außengrenze mit Waffengewalt zu schützen, auch auf Frauen mit Kindern schießen zu lassen. Ich hatte mich als Clown verkleidet, näherte mich singend, traf ... und dann eskalierte es richtig.

Hatten Sie keine Angst, von den Saalordnern der AfD aus Rache verprügelt zu werden?
Doch, klar. Deswegen hatte sich ein Bekannter als Hotelmitarbeiter verkleidet. Als mich die Sicherheitsleute aus dem Saal zerrten, rief er: „Ich bin vom Hotel! Die Polizei ist schon gerufen! Lassen Sie den Clown los!“ Das mit der Polizei stimmte natürlich nicht.

Welche Reaktionen gab es?
Von Storch hat mein Foto samt Namen auf Facebook veröffentlicht, beides verbreitete sich dann in diversen Naziforen und ich bekam massenweise Morddrohungen. Ein Anrufer schwor mir, meine Familie zu töten. Seine Begründung lautete: „So was darf man mit der AfD nicht tun. Heil Hitler.“ Andererseits gab es sehr viel Zuspruch und Glückwünsche. In den Monaten nach dem Wurf bekam ich in Kneipen regelmäßig Runden ausgegeben. Mein Steuerberater hat mir aus Dankbarkeit die Jahresabrechnung geschenkt.

Im Buch nennen Sie die Aktion „problematisch“.
Aus künstlerischer Perspektive finde ich, dass Sahne auf Rechtsextremen wunderbar funktioniert. Aber natürlich nutzte mein Wurf der AfD, sie konnte sich als Opfer inszenieren.

Das Buch „Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter“ von Jean Peters ist im Verlag S. Fischer erschienen.
Das Buch „Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter“ von Jean Peters ist im Verlag S. Fischer erschienen.
© S.Fischer

Außerdem war es eine Gewalttat.
Juristisch gesehen nicht. Das Gericht hat mich Monate später nicht wegen Körperverletzung, sondern tätlicher Beleidigung zu 50 Tagessätzen verurteilt. Das liegt aber auch daran, dass ich den Wurf sachkundig ausgeführt habe.

Sachkundig?
Die Torte sollte nicht zu kalt sein und schön weich, man will ja niemanden verletzen. Davon abgesehen sind Erdbeergelee und andere rote Farben unvorteilhaft, weil man sie später auf den Fotos mit Blut verwechseln könnte. Ich habe das auf einer Konferenz des angewandten Tortenwerfens gelernt. Da war auch Noel Godin, ein dicker anarchistischer Belgier, der hat schon mindestens 50 Prominente getortet.

Ist Godin ein Idol von Ihnen?
Es gibt viele Einflüsse, die mich inspiriert haben. Christoph Schlingensief, die Yes-Men, Valie Export, Pussy Riot. Natürlich auch der Dadaismus.

Bleibt Ihr Tortenwurf nicht trotzdem undemokratisch? Sie haben schließlich die Tagung der AfD-Programmkommission unterbrochen.
Als jemand, der mit beiden Füßen auf dem Boden der demokratischen Grundordnung steht, habe ich mir diese Frage auch gestellt. Aber die AfD ist halt keine normale Partei. Ich würde sogar sagen, keine demokratische Partei. Führende Mitglieder nutzen jedes demokratische Mittel, das sie finden können, um konstruktive demokratische Prozesse zu unterwandern, die Demokratie von innen zu zersetzen. Sie greifen Pressefreiheit und Gewaltentrennung an. In diesem Fall halte ich es für legitim, zu gewaltfreien, aber auch undemokratischen Mitteln zu greifen.

Hatte Ihr Wurf sonst noch Folgen?
Es gab eine gewisse Eigendynamik. Nach meinem Tortenwurf wurden etwa 65 Torten auf Anti-AfD-Kundgebungen von der Polizei konfisziert, plus ein Tortenkatapult. Aber uns ist natürlich klar, dass ein Tortenwurf nicht die Lösung ist, eher ein vorübergehendes Dialogangebot an Rechtsextreme.

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