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Ein Verletzter in Novoiavorisk, Westukraine im März 2022.
© Bernat Armangue pa/AP
Tagesspiegel Plus

Schussbrüche, Explosionswunden, Schäden am Rückenmark: Mit diesen Verletzungen kommen ukrainische Kriegsopfer in Berliner Kliniken

Mal sind es Kinder, mal Soldaten: Ein Netzwerk von Krankenhäusern kümmert sich um Verletzte aus der Ukraine. Besonders verbreitet sind multiresistente Keime.

In Berliner Krankenhäusern werden derzeit noch fast 40 Patienten aus der Ukraine wegen ihrer Kriegsverletzungen stationär versorgt. Dabei handelt es sich überwiegend um Zivilisten, nur in wenigen Fällen um Soldaten der ukrainischen Armee. Die Männer, Frauen und Kinder werden in den Traumazentren der Charité-Standorte in Wedding und Steglitz, der Vivantes-Klinik Friedrichshain, des Unfallkrankenhauses in Marzahn und der Helios-Klinik Buch behandelt.

Die häufigsten Verletzungen sind Schussbrüche, schlecht verheilte Amputationen, offene Wunden durch Explosionen und beschädigtes Rückenmark. „Oft haben Gewehrkugeln nicht nur die Muskulatur zerstört, sondern auch Knochen zersplittert“, sagte Ulrich Stöckle vom Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie auf dem Virchow-Campus der Charité im Wedding. „Unser Ziel ist eine belastbare Knochenrekonstruktion. Das kann mitunter viele Wochen dauern.“

Die Charité gehört zum Traumanetzwerk Berlin, in dem sich Ärzte aus 24 Krankenhäusern austauschen: Welche Klinik ist für welchen Fall am besten geeignet, sind dort ausreichend Betten frei, können Spezialisten anderer Krankenhäuser helfen? Zu den Kriegsverletzungen kämen erschwerend Infektionen hinzu. Mitunter seien Keime in die Wunden gelangt, zumal viele der Verletzten in der Ukraine nur unter widrigen Bedingungen erstversorgt werden konnten.

„Multiresistente Keime sind in der Ukraine besonders verbreitet – übrigens unabhängig von der Klinikhygiene, es handelt sich also nicht um die bekannten Krankenhauskeime“, sagt Chirurg Stöckle. Multiresistente Keime sind Bakterien, die gegen Antibiotika widerstandsfähig geworden sind und Infektionen in offenen Wunden, Lunge, Harnweg und Hirnhaut verursachen können, zuweilen drohen Blutvergiftungen. „Wir müssen die Patienten aus der Ukraine deshalb zumeist isolieren“, sagt Stöckle.

Den 13-Jährigen traf das Schrapnell einer Granate

Sein aktuell anspruchsvollster Fall ist ein 13-jähriger Junge aus Mariupol. Das Kind war im April schwer verletzt aus der Stadt gerettet worden: Das Schrapnell einer Granate verursachte Frakturen im Oberkörper, den Jungen trafen dazu Schüsse in die Gliedmaßen, zudem erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma. Nach einer rudimentären Versorgung in der Ukraine wurde der 13-Jährige nach Polen gebracht, von dort ging es mit der Bundeswehr nach Berlin.

Eine Luftwaffenmaschine landete mit ukrainischen Verletzten im Mai in Berlin.
Eine Luftwaffenmaschine landete mit ukrainischen Verletzten im Mai in Berlin.
© Jane Schmidt/Luftwaffe/dpa / Jane Schmidt/Luftwaffe/dpa

Hunderte verletzte Ukrainer sind seit Ende Februar in Berliner Kliniken versorgt worden. Wie viele es genau waren, ist unklar. Nur einige von ihnen wurden durch die mit Senat und Bundesregierung abgestimmten Bundeswehr-Transporte in die Hauptstadt gebracht, viele kamen mit Hilfe gemeinnütziger Organisationen, über Verwandte und Bekannte nach Berlin.

Diejenigen Patienten, die erst auf dem Landweg nach Polen transportiert und von dort von der Bundeswehr ausgeflogen werden, verteilen die hiesigen Klinikleiter ähnlich wie die Covid-19-Intensivfälle während der Pandemie. Die Bundesländer greifen dazu auf das „Kleeblatt“-Konzept zurück. Dies teilt Deutschland in fünf Regionen, die sogenannten Kleeblätter auf: Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin bilden dabei die Region „Ost“. Erst wenn in einer Regionen keine Klinikbetten mehr frei sein sollten, fragen Krankenhausleiter bundesweit nach Hilfe.

Unabhängig von den aktuellen Aufnahmen in Berliner Kliniken behandeln die Ärzte im Bundeswehrkrankenhaus seit Jahren ukrainische Soldaten, die etwa in den Kämpfen im Donbass verletzt wurden. Auch zuvor hatten Berliner Ärzte schon gute Kontakte nach Kiew.

Der damalige Charité-Chef Karl Max Einhäupl reiste 2012 auf Wunsch der geschassten Julia Timoschenko in die Ukraine: Die frühere Regierungschefin saß wegen Korruptionsvorwürfen in Haft. Ihr Rückenleiden sei dort, so ihr Vorwurf, nicht angemessen behandelt worden. Kiews Behörden gestatteten Einhäupl, die Gefangene zu untersuchen. Zwei Jahre danach kam Timoschenko frei, reiste nach Berlin und ließ sich in der Charité untersuchen.

Katja Wlasenko, 16 Jahre, konnte die Charité inzwischen verlassen.
Katja Wlasenko, 16 Jahre, konnte die Charité inzwischen verlassen.
© Hannes Heine/Tagesspiegel

Die vielleicht bekannteste Patientin aus dem Ukraine-Krieg ist Katja Wlasenko. Die 16-Jährige wurde im März in einem Kiewer Krankenhaus vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj besucht. Weltweit zeigten Sender und Zeitungen ein Foto des Besuchs. Wlasenko war mit ihrer Familie von russischen Soldaten beschossen worden, als ihre Eltern mit den Kindern aus ihrem Heimatort nördlich von Kiew flohen. Kugeln trafen die 16-Jährige, als sie ihren achtjährigen Bruder Igor schützte. Auch Tetjana, Katjas Mutter, wurde verletzt. Die Familie konnte die Ukraine verlassen, Tochter und Mutter wurden im Mai in der Charité versorgt. Inzwischen haben sie die Klinik verlassen.

Charité-Arzt Stöckle weist darauf hin, dass nicht nur die Kliniken, sondern das gesamte Gesundheitswesen durch die Kriegsopfer aus der Ukraine gefordert ist. Die meisten der Verletzten haben keinen hiesigen Hausarzt, der sie bei der Nachsorge begleiten könne. Ärzte anderer Krankenhäuser betonen, dass Reha-Plätze fehlten.

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