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Jonas Deußer
© privat

Soziale Arbeit im Berliner Umkreis: „Betreutes Wohnen im Alter ist eine Luxusfrage geworden“

Jonas Deußer will in einem Wohnprojekt alte und junge Menschen zusammenführen. Doch die Suche nach einem Standort im Umkreis Berlins gestaltet sich schwierig.

Von Lisa Rakowitsch

Jonas Deußer steht auf dem Marktplatz in Luckenwalde, 50 Kilometer südlich von Berlin. „Das sieht doch schon mal ganz ordentlich aus“, sagt er. Neben dem Marktturm stehen ein paar Essensstände, die die Anwohnenden zum Kauf anlocken. Luckenwalde wirkt größer und lebendiger, als Deußer es sich vorgestellt hatte.

Gleich wird er, eine Projektmappe unter den Arm geklemmt, mit dem Gemeindepfarrer der Kleinstadt über sein Vorhaben sprechen: Ein Grundstück in der Umgebung von Berlin, auf dem sich Alt und Jung begegnen können und sich gleichermaßen aufgehoben fühlen, Betreutes Wohnen und Jugendhilfe in einem.

Das bebaute Grundstück, das er besichtigen will, gehört der evangelischen Kirche, steht nun bald seit einem Jahr leer – und ist eigentlich viel zu groß für seine Zwecke, sagt Deußer. Als er das Gemeindehaus betritt, das ehemals eine Kita beherbergt hat, staunt er über die Verwinkelungen und die unfassbare Menge an Räumen, die auszubauen viel Arbeit bedeuten würde.

Sein Vorhaben, so wie er es in seinem Businessplan skizziert hat, müsste an diesem Ort deutlich verändert werden. Trotzdem habe das mehrstöckige Gemeindehaus mit der gelben Fassade „großes Potential“ und der Hinterhof eigne sich hervorragend zum eigenen Anbau.

Mittlerweile, sagt er, hat er sowieso die Hoffnung aufgegeben, das „ideale Bauobjekt“ in unmittelbarer Nähe zu Berlin zu finden. Geträumt habe er ursprünglich von einem kleinen Hof. Jetzt sucht er breiter und muss das Bauobjekt auch nicht unbedingt kaufen, Miet- und Pachtverträge kämen für ihn genauso infrage.

Jonas Deußer steht im Eingangsbereich des ehemaligen Kitagebäudes in Besitz der Gemeindekirche Luckenwalde.  Eigentlich zu groß für sein Vorhaben, aber dennoch mit „viel Potential“.
Jonas Deußer steht im Eingangsbereich des ehemaligen Kitagebäudes in Besitz der Gemeindekirche Luckenwalde. Eigentlich zu groß für sein Vorhaben, aber dennoch mit „viel Potential“.
© privat

Wie viele Häuser und Grundstücke er schon besichtigt und wie viele Gespräche er bereits mit Bürgermeistern und wenigen Bürgermeisterinnen, Amtsleiter:innen und Vertreter:innen von Kirchengemeinden geführt hat, kann Deußer nicht mehr sagen. Fast alle reagierten auf seine Projektpräsentation mit viel Interesse und Wohlwollen. Erst im Nachgang kämen häufig die Zweifel.

Außerdem habe der enorme Zuzug, den Brandenburg in den vergangenen Jahren erfahren hat, dazu geführt, dass die meisten Gemeinden ihre wenigen leerstehenden Grundstücke doch lieber dafür nutzen wollten, ihre eigene dringend benötigte Infrastruktur auszubauen.

Der Schlaganfall seines Großvaters brachte ihn auf die Idee

Die Idee, Jugendhilfe mit Betreutem Wohnen im Alter zusammenzuführen, kam Deußer, als sein Großvater vor vier Jahren einen Schlaganfall hatte. „Da ist mir erst richtig bewusst geworden, wie wenig zur Integration alter Menschen mit Einschränkungen in den Lebensalltag getan wird.“

Während der Staat rechtlich verpflichtet sei, sich um die Jugendhilfe zu kümmern und im Hinblick auf das große wirtschaftliche Potential der jungen Generation immerhin viel Geld investiere, sei Seniorenhilfe eine freiwillige Aufgabe einer jeden Gemeinde. „Das hat zur Privatisierung dieses Sektors und der Tatsache geführt, dass betreutes Wohnen im Alter eine Luxusfrage geworden ist und niemand mit normalem Einkommen sich das leisten kann.“

Es würde wenig dafür getan, alte Menschen mit Einschränkungen in den Lebensalltag zu integrieren, findet Deußer.
Es würde wenig dafür getan, alte Menschen mit Einschränkungen in den Lebensalltag zu integrieren, findet Deußer.
© dpa / Oliver Berg

Laut seinem Projektentwurf sollte das Grundstück drei bis vier Einzelapartments bieten, in denen die Senior:innen entweder alleine oder in Partnerschaften leben könnten. Je nach Bedarfslage sollten sie Pflege und weitere „Unterhaltungsdienste“ in Anspruch nehmen können. Die Jugendlichen sollten auf dem gleichen Grundstück einzeln betreut werden und durch Projektwochen, beispielsweise in den Ferien, längere Zeit auf dem Grundstück verbringen können.

Im Zentrum gehe es darum, einen Raum zu etablieren, den Jugendliche und Senior:innen gemeinsam nutzen können. Einen Namen dafür hat er auch schon: „Sonay Soziales Leben“. Denn „’Sonay’ bezeichnet den Punkt, an dem sich Ende und Anfang treffen“, sagt Deußer, ein Symbol also für die jungen und alten Menschen, die auf seinem Hof miteinander in Gemeinschaft lernen sollen. Diesen Ort muss er aber erst einmal finden.

Es geht darum, Menschen arbeitsfit zu machen

Jonas Deußer über das Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit

Gerade nimmt Deußer eine halbjährige Auszeit, um sein Projekt voranzutreiben. Er ist gelernter Industriemechaniker, hat auf dem zweiten Bildungsweg Soziale Arbeit in Berlin an der katholischen Hochschule für Sozialwesen studiert. Eigentlich arbeitet er seit gut zwei Jahren bei einem Träger der Jugendhilfe im Bezirk Marzahn-Hellersdorf, wo er in der ambulanten Einzelfallhilfe und der Familienhilfe im Rahmen der „Hilfen zur Erziehung“ tätig ist. Seine Arbeitszeiten orientieren sich an den Lebenswelten seiner jeweiligen Klient:innen.

Die Arbeit erfüllt ihn, aber „der Lebensraum ist nicht meiner“, sagt der 28-Jährige, der zeitweise auf einem hessischen Bauernhof bei seinen Großeltern aufgewachsen ist. In dem Bezirk, in dem so viele Leute „wie sonst nirgendwo“ Einzelfallhelfer in Anspruch nehmen, halte er sich privat kaum auf. Auf dem Land hingegen fühlt er sich zu Hause. Gleichzeitig habe seine Arbeit in Marzahn-Hellersdorf ihn auf vieles aufmerksam gemacht, das im deutschen Hilfesystem nicht so gut laufe, sagt er. Zu glauben, bei Sozialer Arbeit gehe es ausschließlich um das Wohl der Menschen, sei naiv. „Im Grunde geht es darum, die Menschen möglichst arbeitsfit zu machen, sodass sie Steuern zahlen können“, sagt er. Raum für persönliche Entfaltung gebe es für die Betreuten kaum.

Klar ist, dass Deußer auf externe Unterstützung angewiesen ist

Der Gemeindepfarrer von Luckenwalde, Jonathan Steinker, fände es schön, wenn die Kleinstadt um ein soziales Projekt reicher würde. Über die Ausgestaltung des Erbbaurechtsvertrages und den konkreten Kaufpreis könnten sie allerdings erst in ein paar Wochen reden, wenn das neue Grundstücksgutachten vorliege, sagt Steinker. Es sei von einer höheren Summe auszugehen, schließlich habe sich der Bodenwert seit 2018 deutlich gesteigert.

Entmutigen lässt sich Deußer aber nicht. Bisher liegt ihm nach vier Monaten Anfragen und Besichtigungstouren ein aussichtsreiches Angebot aus der Uckermark vor: ein kleines Gutshaus in einer 50-Seelen-Gemeinde, eigentlich zu weit weg, aber potenziell geeignet. Genaueres solle in naher Zukunft gemeinsam in einer Einwohnerversammlung ausgelotet werden. Klar sei, dass Deußer auf externe Unterstützung angewiesen ist, deswegen werde er noch stärker für seine Projektidee werben. Nervös ist er vor Gesprächen wie in Luckenwalde schon lange nicht mehr: „Es wird so lange nicht klappen – bis es dann klappt.“

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