zum Hauptinhalt
© Gestaltung: Tagesspiegel/K. Schuber / Fotos: Tagesspiegel/ Doris Spiekermann-Klaas, imago images/Mary Evans, freepik

Sprung in die Welt als Christiane F.: „Bei jedem Film gibt es magische Momente – für die es sich lohnt“

In „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde sie mit 13 berühmt. Bis heute ist Natja Brunckhorst im Filmgeschäft tätig – nun erscheint ihr Regiedebüt zu einem Thema, das viele bewegt.

Von Saara von Alten

20 Jahre ist Natja Brunckhorst nicht mehr hier gewesen. An einem Freitag Mitte Mai schaut sich die Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte in Zehlendorf um. „In meiner Kindheit war dies der Sprungplatz in die große Welt, weil man mit der U-Bahn überall hinfahren konnte“, erklärt die schlanke Frau mit Brille. Bekannt geworden ist die heute 55-Jährige als Teenager durch ihre Hauptrolle in der 80er-Jahre-Verfilmung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Natja Brunckhorst hat geschafft, was nur wenigen Schauspielerinnen gelingt: Nach 41 Jahren in der Filmbranche ist sie immer noch mit vielen Projekten im Geschäft. Eine Karriere, die auf dem Schulhof der Kopernikus-Gesamtschule in Steglitz begann – dort wurde sie mit 13 Jahren für die Rolle der Christiane F. gecastet.

Nach London und Paris kam sie wieder zurück

Nach dem Filmerfolg hagelte es Anfragen, unter anderem von Werner Fassbinder, der sie in seinem letzten Film mitspielen ließ. Danach wurde ihr der Medienrummel zu viel. Mit 15 flüchtete sie nach London. „Ich wohnte bei einem Mann, den ich in einer Kreuzberger Kneipe kennengelernt hatte, und lebte dort von meiner Filmgage, was nur klappte, weil ich so sparsam war“, erzählt Brunckhorst. Nach einem Zwischenstopp in Paris kehrte sie 1987 nach Deutschland zurück, studierte Schauspiel in Bochum, drehte mit bekannten Regisseuren wie Dominik Graf für „Tiger, Löwe, Panther“ oder mit Tom Tykwer „Der Krieger und die Kaiserin“ – und war über die Jahre in eher unbekannteren, aber zahlreichen Kino- und Fernsehrollen zu sehen.

Reise in die Vergangenheit. Mit der Ladenzeile am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte verbindet die Schauspielerin Natja Brunckhorst viele Kindheitserinnerungen.
© Tsp/Doris Spiekermann-Klaas

Seit ihrer Rolle in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist Natja Brunckhorst zehn Zentimeter gewachsen und misst stolze 1,80 Meter. Die Haare trägt sie mittlerweile kurz. Jetzt, wo sie sich am U-Bahnhof ihrer Kindheit umschaut, werden viele Erinnerungen wach: „Die Ladenzeile bin ich damals mit den anderen Kindern mit Fahrrad oder Rollschuhen hinuntergesaust“, sagt sie. Damals in den 1970er Jahren, als alle Läden schon um 18 Uhr schlossen und nur deshalb abends auf den asphaltierten Wegen, links und rechts vom Gleis, eine Rennstrecke für Kinder entstehen konnte.

Manchmal verkaufte Brunckhorst hier auf einer Decke selbst gebastelte Dinge. Mit acht Jahren durfte sie schon alleine mit der U1 zum Kino am Ku’damm fahren. Marmorhaus, Zoopalast, wie die „Fenster zur Welt“ damals in West-Berlin hießen, später dann auch ins Filmkunst 66. Aus dieser Zeit stammt ihre Begeisterung für das Medium Film, das sie mittlerweile aus drei Blickwinkeln – Schauspiel, Drehbuch, Regie – kennengelernt hat.

Für das Model-Business war ich zu sensibel. Der Umgang mit Menschen und Körpern gefiel mir nicht.

Natja Brunckhorst, Regisseurin

„Ich möchte mal schauen, ob mein Lieblingskiosk noch da ist“, sagt Brunckhorst und läuft zum Ausgang bei der Riemeisterstraße. „Von tief unten“ musste sie hier früher ihr Geld auf den Tresen legen, um Eis oder Süßes zu kaufen. Heute befindet sich hier ein Blumenverkauf mit Spätkauf zum Hineinlaufen. „Schade“, sagt Brunckhorst. Auch die Supermarktkette „Bolle“, bei der sie immer mit ihren Eltern einkaufte, gibt es längst nicht mehr. Geblieben ist der Buchladen, stellt Brunckhorst fröhlich fest, auf der linken Seite der „Lala“, wie die Ladenzeile liebevoll von Anwohnern genannt wird.

In den ersten Lebensjahren lebte Brunckhorst mit ihren Eltern in einem Reihenhaus in Richtung des Fischtal-Parks. „Zunächst noch als spießige Kleinfamilie, später zogen wir dann in eine Wohngemeinschaft in der Bruno-Taut-Siedlung“, sagt sie. „Das war eben die Zeit, in der man andere Dinge ausprobiert hat und Eltern generell anfingen, einen anderen Blick auf die Erziehung einzunehmen.“ So besuchte sie beispielsweise den zweiten in Berlin gegründeten Kinderladen, ein selbst verwalteter Kindergarten. Auch die damalige Kopernikus-Gesamtschule, zu der sie einen langen Fahrtweg auf sich nahm, war so ein „linksalternatives“ Projekt. „Dort ging ich hin, weil mein Vater die Idee politisch toll fand, aber schulisch war ich ziemlich unterfordert.“ Was sie gut fand: die vielen Freizeitangebote vom Café bis zur Schülerzeitung.

Dass sie sich schon so früh von ihren Eltern abkapselte, so furchtlos und neugierig durchs Leben ging und sich in der nicht gerade einfachen Filmbranche durchsetzen konnte – mit vielen egomanischen Charakteren, unter denen es Frauen früher noch deutlich schwerer hatten –, hatte sicherlich mit dieser alternativen und freigeistigen Erziehung zu tun. Für ein Leben mit Drogenexzessen wie das der Christiane F., der sie nur ein einziges Mal im SO36 begegnet ist, hätte ihr zum Glück „die Veranlagung gefehlt“.

Als Christiane F. durfte sie 1981 unter der Regie von Uli Edel ganz ohne Vorerfahrung eine Hauptrolle spielen.
© imago/United Archives

Wie immer, wenn eine U-Bahn einfährt, zieht frischer Wind durch die „Lala“ und Natja Brunckhorst, die gerade für Fotoaufnahmen posiert, weht eine Strähne durchs Gesicht. „Ich bin nicht die Generation Facebook“, entschuldigt sie sich. Dabei ist sie sogar in jungen Jahren in Paris über den Laufsteg stolziert. Doch der Umgang der Branche „mit Menschen und Körpern“ gefiel ihr nicht. „Dafür war ich zu sensibel“, sagt sie.

Bei ,Wir Kinder vom Bahnhof Zoo’ hat mir diese erste Naivität geholfen.

Natja Brunckhorst, Schauspielerin und Regisseurin

Die Schauspielerei sei hingegen für sie „ein Tanz mit der Kamera“. Bei „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ habe ihr diese „erste Naivität“ geholfen, so ganz ohne Vorerfahrung plötzlich eine Hauptrolle zu spielen. Doch in jedem Film gebe „es magische Momente, weshalb es sich lohnt, diesen Job zu machen“.

In den 1990ern kam sie „beim Warten auf den nächsten Film“ zum Drehbuchschreiben. Dass sie eine kleine Tochter hatte, half ihr, den Tag zu strukturieren. Für ihre Bücher für „Feuer und Flamme“ (2001) und „Amelie rennt“ (2017) bekam sie den Deutschen Filmpreis. Brunckhorst bedauert, dass es in der Filmbranche für Eltern so schwierig sei, dauerhaft dabeizubleiben. „Wir verlieren ganz viele Frauen in allen Bereichen.“ Ideal wäre es, wenn es bei jedem Dreh einen schallisolierten Zirkuswagen mit Kinderbetreuung gebe, das hätte auch ihr geholfen.

Kann das weg? In Natja Brunckhorsts Regiedebüt in „Alles in bester Ordnung“ hilft Fynn (Daniel Sträßer) Marlen (Corinna Harfouch), sich von ihren vielen Dingen zu verabschieden.
© ©FILMWELT/LICHTBLICK/Niklas Lindschau

Mit dem Film „Alles in bester Ordnung“, der am 26. Mai in die Kinos kommt, hat Brunckhorst als Regisseurin ihren ersten langen Spielfilm gedreht. In der Hauptrolle spielt Corinna Harfouch Marlen, die zu viele Sachen besitzt und in ihrer vollgestellten Wohnung keinen Besuch mehr empfangen kann. Darunter leidet sie. Doch dann muss ihr Obermieter Fynn (Daniel Sträßer) einziehen, weil er einen Wasserschaden hat. Fynn ist das komplette Gegenteil von Marlen.

Er besitzt quasi nur so viel, wie in einen Koffer passt, und das, was er anhat. „Ordnung ist das halbe Leben“, sagt er zu Marlen, als er ihr Chaos entdeckt. „Willkommen in der anderen Hälfte“, entgegnet sie ihm, zahlreiche weitere Pingpong-Dialoge folgen, die sich schnell in das Zuschauergedächtnis einbrennen.

Im Weiteren dreht sich der Film darum, ob Fynn Madlen dabei helfen kann, sich von ihren lieb gewordenen Dingen zu trennen – und darum, ob sich eventuell eine Liebesbeziehung zwischen den beiden entwickelt.

„Der Film ist inspiriert durch meine Mutter, die in Berlin lebte und einfach zu viele Sachen besaß“, sagt Brunckhorst, die mit Co-Autor Martin Rehbock das Drehbuch geschrieben hat. Das Wort „Messie“ verwendet sie nicht, respektvoll spricht sie von „Sammlerin“, denn ihre Mutter sei nicht explizit unordentlich gewesen.

Sorgfältig sei sie mit den vielen feinen Gegenständen umgegangen, die wie in ihrem Film als Einzelstücke kleine Kostbarkeiten sind, doch in ihrer Masse erdrücken und keinen Platz mehr zum Leben bieten. Etwas, das Natja Brunckhorst, die am Ende eines einstündigen Gesprächs noch zum Italiener möchte, sicherlich für ihre Zukunft nicht zulassen würde.

Zur Startseite