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Von Willy Brandt bis Klaus Wowereit: Diese Berliner Bürgermeister kamen ohne eine einzige Stimme ins Amt

Der Regierende hat in Berlin schon häufig ohne Wahl gewechselt. Ein historischer Rückblick über mehr als 70 Jahre.

Von Ulrich Zawatka-Gerlach

In Berlin ist es nicht selten vorgekommen, dass Regierende Bürgermeister vorzeitig aus dem Amt scheiden. Manchmal freiwillig, manchmal aber auch gegen ihren Willen.

So wurde schon 1947 der sozialdemokratische Oberbürgermeister Otto Ostrowski von der eigenen Partei zum Rücktritt gedrängt, weil er angeblich zu eng mit den Kommunisten und der sowjetischen Besatzungsmacht kooperierte. Für ihn übernahm Louise Schroeder (SPD) bis zur Neuwahl der Stadtverordnetenversammlung Ende 1948 die Leitung des Berliner Magistrats.

Ernst Reuter, Otto Suhr, Louise Schröder (von links nach rechts) waren alle mal Regierende Bürgermeister. Louise Schröder wurde jedoch nie gewählt
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Das legendäre Stadtoberhaupt Ernst Reuter, ebenfalls ein Sozialdemokrat, wurde im Amt vom Tod ereilt. Er verstarb im September 1953 nach einem Herzanfall.

Die Koalition aus SPD und CDU zerbrach und die Christdemokraten übernahmen bis zur Wahl des (West-)Berliner Abgeordnetenhauses im Dezember 1954 gemeinsam mit der FDP die Regierungsgeschäfte, mit dem CDU-Mann Walther Schreiber an der Spitze.

Die „Keulen-Riege“ schaffte es nicht, Willy Brandt zu verhindern

Dessen Nachfolger Otto Suhr, der die Wahl 1954 für die SPD mit absoluter Mehrheit gewann, aber trotzdem die CDU an der Regierung beteiligte, starb ebenfalls während der laufenden Wahlperiode im August 1957. Als Nachfolger setzte sich, nach erbitterten Konflikten innerhalb der SPD, Willy Brandt durch.

Willy Brandt trifft US-Präsident John F. Kennedy. Damals war Brandt Berliner Bürgermeister.
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Die sogenannte „Keulen-Riege“ um den traditionsverhafteten SPD-Landeschef Franz Neumann konnte ihn nicht verhindern.

Neun Jahre später gab auch Willy Brandt das Amt des Regierenden Bürgermeisters vorzeitig ab und wechselte im Dezember 1966 als Außenminister und Vizekanzler in die CDU/SPD-geführte Bundesregierung.

Eine Studentenrevolte und eine Finanzaffäre

Kanzler wurde Brandt drei Jahre später. In die Bresche sprang der SPD-Mann Heinrich Albertz, der wenige Monate später auch die Abgeordnetenhauswahl gewann, aber mit der Studentenrevolte in Berlin nicht zurechtkam und nach einem halben Jahr im Rathaus Schöneberg schon zurücktrat.

Heinrich Albertz (SPD) war nur ein halbes Jahr Regierender - eine Studentenrevolte vertrieb ihn aus dem Roten Rathaus.
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Erneut übernahm ein Sozialdemokrat während der laufenden Wahlperiode die Führung des Senats. Die Koalition aus SPD und FDP wählte Klaus Schütz ins Amt.

Der regierte ein Jahrzehnt, bevor er nach mehreren Finanzskandalen – ebenfalls ohne Einschaltung der Wähler – den Weg für einen sozialdemokratischen Nachfolger freimachte.

Klaus Schütz legte 1969 als Bürgermeister den Grundstein für den Bau eines neuen Terminals am Flughafen Tegel.
© Konrad Giehr/dpa

Die sozialliberale Mehrheit im Abgeordnetenhaus kürte im Mai 1977 Dietrich Stobbe zum Regierenden Bürgermeister, der im Herbst 1977 später die Parlamentswahl für seine SPD und sich entschied – um eineinhalb Jahre später ebenfalls an einer spektakulären Finanzaffäre zu scheitern.

Dietrich Stobbe führte den Berliner Senat von 1977 bis 1981.
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Wieder gab es einen fliegenden Wechsel: Für drei Monate übernahm Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel die Senatsführung, doch bei vorgezogenen Neuwahlen im Mai 1981 unterlag er dem CDU-Kandidaten Richard von Weizsäcker.

Mit Unterstützung der Liberalen regierte nun Weizsäcker die geteilte Stadt, wartete aber auch nicht bis zu den nächsten Wahlen, sondern verabschiedete sich im Mai 1984 als neuer Bundespräsident nach Bonn.

Berlins Regierender Bürgermeister Richard von Weizsäcker (links), US-Präsident Ronald Reagan (Mitte) und Bundeskanzler Helmut Schmidt am Checkpoint Charlie.
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Als Nachfolger setzte sich, gegen die Mitbewerberin Hanna-Renate Laurien, der CDU-Politiker Eberhard Diepgen innerparteilich durch. Erst ein gutes Jahr später bestätigten ihn die Berliner Wähler im Amt.

Bisher wurde nur ein Bürgermeister durch einen Misstrauensantrag gestürzt

Im Januar 1989 musste Diepgen nach dem Wahlsieg von Rot-Grün eine Zwangspause einlegen. Im Dezember 1990 übernahm er nach einem klaren Wahlsieg der CDU wieder das Regime. Getragen von einer Koalition aus Union und SPD, die erst 2001 im Zuge des Berliner Bankenskandals zerbrach.

Eberhard Diepgen (links) war der erste Bürgermeister der Nachkriegszeit, der durch ein Misstrauensvotum des Parlaments gestürzt wurde.
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Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte wurde ein Regierender Bürgermeister durch ein Misstrauensvotum des Parlaments gestürzt, die Nachfolge übernahm der SPD-Politiker Klaus Wowereit mit Unterstützung der Grünen und der PDS (heute Linke).

Dieses Bündnis bereitete vorgezogene Neuwahlen vor, aus denen Wowereit als Sieger hervorging und mit Rot-Rot, dann Rot-Schwarz, bis Dezember 2014 regierte.

Klaus Wowereit war 13 Jahre lang Berliner Bürgermeister. Auch er kam erstmal ohne Wahl ins Amt.
© imago/Kathrin Schubert

Dann verabschiedete er sich vorfristig aus dem Amt, zermürbt durch den Bauskandal um den Flughafen BER und innerparteiliche Querelen.

Den Staffelstab übernahm, ohne die Wähler zu fragen, der aktuelle Regierende – Michael Müller (SPD). Erst durch die Abgeordnetenhauswahl 2016 wurde er im Amt bestätigt. Spekuliert wird nun, ob er noch bis zum voraussichtlichen Wahltermin im Herbst 2021 im Amt bleibt.

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