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© Tsp

Witzig, bissig, lebensnah : Das sind Berlins beste Schülerzeitungen und ihre Themen

Mit Lockdown und Homeschooling hatten die jungen Leute schon genug zu tun. Trotzdem lieferten viele Schülerzeitungen besten Journalismus ab. Am Mittwoch wurde er ausgezeichnet.

Von
  • Saara von Alten
  • Robert Ide
  • Susanne Vieth-Entus

35 Redaktionen haben am Wettbewerb des Vereins Junge Presse, der Senatsverwaltung für Bildung und des Tagesspiegels für Berlins beste Schülermedien teilgenommen. Nach der Jurysitzung wurden die Gewinnerinnen und Gewinner am Mittwoch verkündet und bei einer live gestreamten Preisverleihung gefeiert. Hier würdigen wir ihre Leistungen, sprechen mit ihnen über ihre Arbeit und zeigen, warum das richtig guter Journalismus ist.


Lernen von den Lernenden: Wie junge Menschen eine neue Presse machen

Zum Beispiel das Corona-Monopoly – mitten aus dem Schulalltag, den man vermisst wie die Freundinnen und Freunde in der Pandemie. „Handy abgezogen – Gehe ins Sekretariat“, steht auf dem Spielfeld. Und auf der Ereigniskarte: „Dein*e Lehrer*in überzieht – setze eine Runde aus.“ Einfach aus der Schülerzeitung ausschneiden und loslegen – so hat sich das die Redaktion der „OHnE“ des Heinz-Berggruen-Gymnasiums in Westend ausgedacht. Zugewandter Journalismus; witzig, bissig und lebensnah. Auch unterhaltend in einer nicht gerade unterhaltsamen Zeit. Dafür wird die Schülerzeitung „OHnE“ ausgezeichnet – als bestes Medium an Berlins Gymnasien.

Eindrucksvoll. Die „OhnE“ des Heinz-Berggruen-Gymnasiums gehört seit vielen Jahren zu den besten Schülerzeitungen Berlins. 
© OHnE

Gerade im Corona-Jahr gibt es viele tolle Zeitungen sowie Onlinemedien von Schülerinnen und Schülern – mit investigativen Reportagen, lustigen Ideen, Lyrik und Corona-Tagebüchern. Doch es gibt auch Widerstände. Ein Artikel über Sexismus-Vorwürfe bei einem Schulsportfest sollte auf Druck der alten Schulleitung am Droste-Hülshoff-Gymnasium nicht verbreitet werden. Andere junge Reporter recherchierten undercover in rechten Chatgruppen in ihrem Kiez.

Die Siegerzeitung „OHnE“ zeichnet vieles aus, was auch der Tagesspiegel täglich leisten möchte: ein gewitzter Titel, vielfältige Themen von Politik (rassistische Polizeigewalt) über gesellschaftliche Debatten (Die Geschlechterfrage in Zeiten der Krise) bis hin zu Rezepten (Zitronenkuchen mit Blaubeeren) – dazu trostvolle Gedichte, eine schöne Gestaltung, eine feine Sprache und eine gute Onlineseite. All das haben Schülerinnen und Schüler geleistet, obwohl sie im Lockdown noch ganz andere Sorgen haben.

Kreativ meistern junge Menschen die Krise und bringen so unsere Gesellschaft voran. Von diesem Engagement kann Berlin lernen. An Berlins Schulen lebt die Pressefreiheit. Sie kann nicht früh genug Schule machen. (Robert Ide)


Blattmachen im Lockdown: Schulredaktionen haben es schwer wie nie

Zusammengeschweißt. Trotz Lockdown und Homeschooling haben Carla Siepmann (von links oben im Uhrzeigersinn), Mila Kratochwil, Hannah Reschke, Elsa Thomsen und Shaira Geikowski als Redakteurinnen und Autorinnen der „Moron“ des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Pankow durchgehalten.
© privat

Knapp sechs Monate verbrachten Berliner Schüler und Schülerinnen 2020 und 2021 im Lockdown oder Teilzeit-Lockdown. Den Stoff mussten sie sich großteils selbst erschließen. Abstürzende Schulclouds und hakelige Lernprogramme gehören seitdem genauso zu ihrem Alltag wie ständige Videokonferenzen. „Ich bin mal kurz im Call“, sagen in letzter Zeit genauso viele Schüler zu ihren Eltern wie umgekehrt. Das schlaucht und macht mürbe. Mehr als beachtlich ist dabei, dass es zahlreiche Schüler und Schülerinnen gemeinsam mit ihren Lehrern trotzdem nebenbei geschafft haben, Schülerzeitungen zu produzieren.

35 Redaktionen aus allen Schulformen haben am Wettbewerb für Berlins beste Schülerzeitungen 2020/21 teilgenommen. Die Herausforderungen, die sie stemmen mussten, waren für alle gleich schwierig: Sie konnten entweder gar nicht persönlich zu Redaktionstreffen zusammenkommen oder nur unter erschwerten Bedingungen.

Die Redaktion der Schülerzeitung „Der kleine Rüssel“ der Reinhardswald-Grundschule in Kreuzberg hat sich zum Beispiel kein einziges Mal seit Februar 2020 analog treffen können. „Unsere Redaktion setzt sich aus elf Mädchen aus fünf unterschiedlichen Klassen zusammen, da sich die Klassenverbände seit März 2020 nicht mehr vermischen durften, konnte ich nur per Mail und Videokonferenz mit den Kindern in Kontakt bleiben“, erzählt der betreuende Lehrer Jan Knafla. Da die Redaktion nicht wie sonst die gedruckten Ausgaben gemeinsam falten, heften und verkaufen konnte, hat sich das Team fürs Pandemiejahr dazu entschieden, die Zeitung ausschließlich online zu veröffentlichen – und hat mit dieser Ausgabe gleich mal den ersten Platz des Berliner Schülerzeitungswettbewerbs gewonnen.

Zweitplatzierte bei den Gymnasien ist die Zeitung „Moron“, die eher ein Magazin ist, wie die Redakteurinnen des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums erzählen. Die Zeitung gibt es seit 2003 und sie sticht heraus, weil sie nicht nur den Schulalltag abbildet, sondern auch viele gesellschaftliche Themen in den Blick nimmt. Umweltschutz, Flüchtlingskrise, Corona-Skeptiker und nicht zuletzt den Stress der Pandemie, der viele Jugendliche bedrückt. Meistens gibt es einen Schwerpunkt, außerdem Tipps gegen Langeweile oder zur Überwindung des Corona-Blues.

Kreatives Corona-Cover. Die „Moron“ belegte den zweiten Platz bei den Gymnasien.
© Moron

Die leitenden Redakteurinnen des „Moron“ sind Mila Kratochwil (16), Carla Siepmann (15) und Elsa Thomsen (16). Die Redaktion besteht fast nur aus Mädchen. Momentan sind nur zwei Jungs regelmäßig für die Zeitung aktiv. Das sei Zufall, denn die Mitarbeit stehe prinzipiell jedem aus der Schule offen, betonen sie. Die letzten Ausgaben der „Moron“ seien allerdings unter erschwerten Bedingungen entstanden, berichten die Jungjournalistinnen in einem Videocall mit dem Tagesspiegel. Neben den leitenden Redakteurinnen nehmen auch die beiden Schreiberinnen Hannah Reschke (14) und Shaira Geikowski (17) am Gespräch teil.

„Am schwierigsten war für uns im letzten Jahr, niemanden aus dem Blick zu verlieren“, sagt Chefredakteurin Mila Kratochwil. Viele der regelmäßigen Treffen mussten ausfallen, und wenn ausnahmsweise zusammen produziert wurde, fand dies nur unter strengsten Hygieneauflagen statt. Permanentes Lüften, Masketragen und Zusammenarbeit nur in den sogenannten Kohorten – das waren die Schlagworte, die die Mädchen langsam nicht mehr hören können. „Viele haben ihre Texte verspätet abgegeben oder hatten neben der Schule gar nicht mehr die Kraft dazu. Manche sind leider abgesprungen, weil sie zu viele andere Sorgen hatten“, sagt Mila Kratochwil. „Der direkte Austausch über Themen und Ideen, der fehlt uns sehr.“

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„Das ist ja eigentlich das Schönste an der AG. Das ist durch Onlinesitzungen nicht zu ersetzen“, fügt ihre Mitschülerin Elsa Thomsen hinzu. „Das Miteinander, das macht uns ja eigentlich aus, wir stecken unglaublich viel Blut, Schweiß und Tränen in die Herstellung dieser Zeitung“, sagt die 15-jährige Carla Siepmann. Das Schwierigste sei momentan tatsächlich, alle bei der Stange zu halten. Andererseits habe die Arbeit an „Moron“ die Pandemiesituation für alle, die dabei geblieben sind, erträglicher gemacht, betonen die fünf Schülerinnen. „Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt und Kraft gegeben.“ Ein wichtiger Ausgleich neben dem ständigen Lernen und einsamen Büffeln für Klassenarbeiten oder Klausuren.

Mich reizt, dass wir es schaffen, jedem Schüler eine Stimme zu geben.

Shaira Geikowski, 17 Jahre

Shaira Geikowski (17) ist die älteste Schülerin der Redaktion und macht in diesem Jahr ihr Abitur. Sie hofft auf Normalität. „Das war wirklich keine schöne Abiturphase mit zwei Lockdowns.“ Hannah Reschke ist die Jüngste und hofft, dass ihr Schulalltag in den nächsten Jahren normal verlaufen wird. Sicher ist sie sich nicht.

Die Pandemie setzt den Redaktionsmitgliedern spürbar zu. Aber die journalistische Arbeit hat ihnen Selbstvertrauen gegeben. Zu ihrem Beruf möchten sie es später nicht unbedingt machen. „Mich reizt momentan daran, dass wir es schaffen, jedem Schüler eine Stimme zu geben“, sagt die 17-jährige Shaira Geikowski. Carla hat sehr viel Spaß am Schreiben, angetrieben wird sie von ihrer Neugier. Später möchte sie vielleicht Jura studieren. Mila Kratochwil macht besonders die Arbeit in der Gemeinschaft Spaß, sie möchte gerne Meeresbiologin werden.

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Jan Knafla von der Reinhardswald-Grundschule hofft, seine Schüler nach dem Lockdown weiter für die gemeinsame Zeitung begeistern zu können. „Wir hatten immer so viel Spaß. Hoffentlich sind bald wieder gemeinsame Redaktionstreffen möglich.“

Ganz anders verlief es übrigens bei der Anna-Freud-Schule, dessen Schülerzeitung den ersten Preis der Oberstufenzentren erhalten hat. Dort läuft mit oder ohne Lockdown die Produktion komplett digital. Chefredakteurin Céline Wienke (19) bekommt die Texte per Mail und layoutet die gesamte Ausgabe ganz allein. (Saara von Alten)


Die Preisverleihung

Grundschule: Erstmals online im Corona-Jahr

Die Schülerzeitung „Der kleine Rüssel“ hat an der Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule eine lange und erfolgreiche Tradition und ist nun wegen der Pandemie online gegangen – ebenfalls mit großem Erfolg: Sie gewann nicht nur in Berlin den ersten Platz aller Grundschulbewerber, sondern auch auf Bundesebene den Preis für Online-Zeitungen.

„Der kleine Rüssel“ der Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule ist jetzt online.
© Der kleine Rüssel

Die Webseite der Schülerzeitung wirke „wie ein großes und spannend volles Kinderzimmer“, schildert Bildungssenatorin Sandra Scheeres als Laudatorin ihren Eindruck. Die vielen Themen finde man gut sortiert über eine Linkliste oder bunt gewürfelt, wenn man über die Webseite nach unten scrollt. Ob Interviews, Gedichte über Corona, Buchvorstellungen oder Rezepte für einen leckeren Frozen Joghurt – für jeden sei etwas dabei. Besonders ideenreich: Der Artikel „Echt voll traurig!!!! Was machen fünf Wochen Quarantäne ohne Friseur mit einem Menschen?“

Förderzentren: Drei Bewerber überzeugten

Statt Platz eins, zwei und drei gibt es bei den Förderschulen dieses Jahr drei Gewinner: Es sind der „Rasende Kurier“ der Sancta Maria Schule der Hedwigsschwestern, die „Bienenpost“ der Schule am Bienwaldring sowie die Zeitung der Adolf-Reichwein-Schule. „Alle drei Zeitschriften haben uns mit ihren vielfältigen Themen und Textformen, spannenden Artikeln und ihrer schönen Lesbarkeit überzeugt“, würdigte Bildungssenatorin Sandra Scheeres die Leistung in ihrer Laudatio.

Ansprechend. Der Titel des „Rasenden Kuriers“.
© Rasender Kurier

So habe die Redaktion der Adolf-Reichwein-Schule die Aufmerksamkeit auf wichtige Themen gelenkt wie vom Aussterben bedrohte Tiere und die Gefahren für den Regenwald. Die „Bienenpost“-Redaktion biete unterschiedliche Formate und Einblicke in vielfältige Schulprojekte, und der „Rasende Kurier“ sei eine sehr schöne Zeitung zum Aufheben, denn jedes Jahr bekommen die Abschlussklassen einige Seiten, um sich zu verabschieden.

Sekundarschule: Aktuell, politisch, vielseitig

Den 1. Platz in der Kategorie Integrierte Sekundarschulen hat die Reinhold-Burger- Schule gewonnen und zwar für die Sonderausgabe 2020 ihrer Zeitung „Volle Kanne“. „Die Sonderausgabe gewinnt, weil sie sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen auch über Corona hinaus intensiv auseinandersetzt“, begründet Laudatorin Katrin Schomaker, verantwortlich im Tagesspiegel für Kooperationen, die Entscheidung der Jury. Hierbei würden verschiedene journalistische Genres wie Berichte, Interviews und Umfragen verwendet.

Über die Schule hinaus: die „Volle Kanne“.
© Volle Kanne

Besonders beeindruckt hat sie der offene Beitrag „Happypride“ über Geschlechteridentitäten. Auch das Thema Rassismus anhand der „Black Lives Matter-Bewegung“ werde vielseitig beleuchtet. Dazu gehörten auch zwei Interviews mit der Berliner Polizei. „ Aufgrund des sehr schönen und klaren Layouts macht das Lesen besonders viel Spaß“, fand die Jury.

Berufsschule: Ein Ratgeber, der Mut macht

Den 1. Platz in der Kategorie Oberstufenzentren hat die Charlottenburger Schule für Sozialwesen, die Anna- Freund-Schule, gewonnen, die zudem den 3. Platz auf Bundesebene errang. Ihre Zeitung „Anna-Freud-Culture“ wurde ausgezeichnet, weil sie „sehr persönlich und ehrlich ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, begründet Tagesspiegel-Laudatorin Katrin Schomaker die Entscheidung der Jury. Die Ausgabe sei „ein Ratgeber und macht Mut“ – mit einem Titelbild, das zum Lesen animiere. Die Jury würdigte auch, dass das Titelthema „Warum sind wir nie zufrieden“ mit einem Gedicht und einer Umfrage angereichert wurde.

Starkes Thema: die „Anna-Freud-Culture“.
© Anna-Freud-Culture

Schomaker hebt zudem die Auseinandersetzung mit einem politischen Thema wie den rassistisch motivierten Morden von Hanau hervor – mit vielen Gedanken von Schülerinnen und Schülern. Darüber hinaus gibt es auch eine vielfältige Rubrik mit vielen Fotos zum Schulleben.

Extrapreise: Investigativ und freigeistig

Derart groß war die Fülle an besonderen Einsendungen, dass zwei zusätzliche Preise vergeben wurden. Der Extrapreis „Pressefreiheit“ ging an die Zeitung „Drostworthy“ des Droste-Hülshoff- Gymnasium in Zehlendorf.

Kritisch und unbeugsam: die „Drostworthy“.
© Drostworthy

Ihr war wegen eines kritischen Artikels über Sexismus auf dem Sportfest verboten worden, ihre Zeitung beim Tag der Offenen Tür zu verteilen. Doch statt klein bei zu geben, sprachen die Redakteur:innen den Zensurfall offen an und pochten auf die Pressefreiheit, würdigte Robert Ide, Geschäftsführender Redakteur beim Tagesspiegel.

Sauber recherchiert: die „Herderzeitung“.
© Herderzeitung

Der Extrapreis für investigative Recherche ging an die „Herderzeitung“ des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums in Lichtenberg. Ihr gründlicher Artikel über die Gefahren rechter Akteure auf sozialen Plattformen könnte so auch in einem großen Medium stehen, lautet die Einschätzung von Laudator Johann Stephanowitz von der Jungen Presse.

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