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© Sarah Meyssonnier/Reuters

Bilanz des Cannes Festivals: Filmkunst in Zeiten des Krieges

Der Schwede Ruben Östlund gewinnt mit der Kapitalismus-Farce „Triangle of Sadness“ seine zweite Palme. Aber das Festival leidet bisweilen unter Realitätsverlust.

Von Andreas Busche

Die Distanz, die die Filmfestspiele von Cannes binnen zwölf Tagen zurückgelegt haben, mutet vom Ende her betrachtet unwirklich an. Das Festival begann mit einem Knall, der maximale internationale Aufmerksamkeit auf sich zog, als sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj während der Eröffnungszeremonie in einer Videoschaltung an die Filmbranche wandte. Und es endet am Samstagabend mit einem zweiten Knall: einem Siegerfilm, den wohl die wenigsten Kritiker:innen auf dem Zettel gehabt haben.

Elaborierte Kotzorgie auf einer Luxusyacht

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund gewinnt mit der Kapitalismus-Farce „Triangle of Sadness“ bereits zum zweiten Mal nach der Satire „The Square“ in 2017 die Goldene Palme. Man kann darüber streiten, ob es wirklich der beste Film des Festivals war. Aber Östlunds Nummernrevue von satirischen bis albernen Vignetten über das Verhältnis von Körperpolitik, Marxismus und Konsum fällt mit seiner elaborierten Kotz- und Fäkalorgie auf einer Luxusyacht im Mittelteil aus allen Arthouse-Konventionen, die der etwas gefällige Wettbewerb dieses Jahr zu bieten hatte.

Etwas zugespitzt könnte man auch sagen: Mit der programmatischen Setzung, wie bereits vor drei Jahren mit „Parasite“ einer bitterbösen, überdrehten Sozialkomödie den Hauptpreis zu verleihen, zeichnet die Jury einen Film aus, der den beiden Primärtugenden von Cannes – Welthaltigkeit und Filmkunst – ziemlich in den Hintern tritt. Ein Weltverbesserungsfilm ist „Triangle of Sadness“ jedenfalls nicht, eher eine Feelbadkomödie, die sich an der Schlechtigkeit der Menschheit ergötzt.

Das ist eine interessante, wenn auch nicht unbedingt begrüßenswerte Entscheidung in einer Zeit, in der die Welt weniger Zynismus und mehr Haltung gebrauchen könnte – mitten in einem Krieg, der gerade in Europa wütet. Dass ein Festival, das mit der Starpower sowohl eines Wolodymyr Selenskyj als auch eines Tom Cruise für sich wirbt, da schon mal den Überblick verliert, ist verzeihlich. Aber es stimmt nachdenklich, wenn nach zwölf Tagen Kino von der Selenskyj-Rede nicht mehr als ein Nachklang in Erinnerung bleibt, weil in der Taktung des Festivalbetriebs kaum Zeit für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem bleibt, was in der wirklichen Welt gerade geschieht. Und am Ende ein Klamaukfilm gewinnt, der echte Anteilnahme nicht mal mehr vorzugeben versucht.

Die iranische Schauspielerin Zar Amir Ebrahimi wird für ihre Rolle in „Holy Spider“ ausgezeichnet. 
© Piroschka Van De Wouw

Politische Statements wurden in diesem Jahr auf den roten Teppich delegiert, dem natürlichen Habitat der Glamourveranstaltung, wo die Crew des ukrainischen Kriegsdramas „Butterfly Vision“, der in der Reihe Un Certain Regard unverständlicherweise leer ausging, ein Banner mit der Aufschrift „Russians kill Ukrainians. Do you find it offensive or disturbing to talk about this genocide?“ präsentierte. Regisseur Maksym Nakonechnyi ist das seltene Kunststück gelungen, einen Film mit einer klaren, dabei differenzierten politischen Linie zu drehen, der das Trauma des Krieges (in der Figur einer ukrainischen Soldatin, die nach zweimonatiger Gefangenschaft in den Alltag zurück finden muss) ohne Wut oder Mitleid beschreibt.

Bollwerk der Kultur gegen den Faschismus

Man bildet sich in Cannes viel auf seine Gründungsstatuten ein: als Zeichen der Kultur gegen den europäischen Faschismus, wie man es dieser Tage wieder oft in Sonntagsreden hörte. Aber das Kino genießt in Frankreich eben auch eine größere künstlerische Autonomie als etwa in Deutschland, wo die Berlinale nach dem Krieg mit Unterstützung der Alliierten als demokratische Institution ins Leben gerufen wurde. Vielleicht wird „Triangle of Sadness“ mit etwas zeitlichem Abstand noch eine Stärke offenbaren, die über den reinen Affekt der Provokation hinausgeht.

Was die Filmkunst angeht, konnte sich Cannes in diesem Jahr wieder in voller Pracht präsentieren. 21 Filme im Wettbewerb, insgesamt 15 mehr in der offiziellen Auswahl als vor der Pandemie: An Nachschub scheint es nicht zu mangeln, obwohl die Filmeinkäufer an der Croisette immer noch vorsichtig agieren. Auch das Blockbusterkino mischte mit „Top Gun: Maverick“ und „Elvis“ wieder mit.

Die große Frage, wie das Festival auf den überraschenden Vorjahressieger „Titane“ von Julia Ducournau reagieren würde, der eine radikale Abkehr vom gepflegten Arthousekino darstellte, hat die Jury um den französischen Schauspieler Vincent Lindon jedenfalls stilsicher beantwortet. Ein ähnlich herausfordernder Film war im diesjährigen Wettbewerb nicht auszumachen, auch nicht von David Cronenberg, der mit „Crimes of the Future“ zu seinen alten Körperhorror-Topoi zurückkehrte. Allein das wäre Grund genug gewesen, um den inzwischen 79-Jährigen mit einer Auszeichnung zu würdigen.

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Dafür befanden sich unter den Siegern wieder einige alte Bekannte. Der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda präsentierte mit der südkoreanischen Produktion „Broker“ eine weitere Variation seiner in Cannes bereits preisgekrönten Patchwork-Familienfilme, die seinem Hauptdarsteller Song Kang-ho (aus „Parasite“) den Darstellerpreis einbrachte. Jean-Pierre and Luc Dardenne erhielten für ihren inzwischen patentierten Sozialrealismus („Tori and Lokita“) einen Sonderpreis zur 75. Jubiläumsausgabe von Cannes. Park Chan-wook ist der zweite südkoreanische Palmengewinner in diesem Jahr, er erhielt für den Noir-Thriller „Decision to Leave“ den Regiepreis. Und auch der Film eines Wettbewerbsdebütanten wurde mit einem Hauptpreis ausgezeichnet: Die großartige Zar Amir Ebrahimi entschädigt in ihrer Rolle als rastlose Journalistin, die einem Frauenmörders im Iran auf der Spur ist, für so manche wenig geschmackssichere Gewaltdarstellung in Ali Abbasis „Holy Spider“.

Die französische Regisseurin Claire Denis gewinnt 34 Jahre nach ihrem Cannes-Debüt den Großen Preis der Jury.
© Stephan Mahe/Reuters

Für die französische Regisseurin Claire Denis bedeutet der Große Preis der Jury für ihren somnambulen Erotikthriller „Stars at Noon“ über amerikanische Allmachtsfantasien in einem politisch instabilen Nicaragua die erste Auszeichnung in Cannes, 34 Jahre nach ihrem Debüt an der Croisette. Damit findet eine schwierige Geschichte mangelnder Wertschätzung zwischen Denis und Cannes doch noch ein Happy-end, auch wenn „Stars at Noon“ trotz einer dichten Atmosphäre nicht zu ihren besten Filmen gehört. Das lässt sich übrigens über viele Siegerfilme sagen: Die Jury bewies ein sicheres Händchen darin, die besten Filme des Jahrgangs zu übergehen.

Rumänien und Spanien mit starken Filmen

Etwas den Cannes-Stammgast Cristian Mungiu, der in „R.M.N.“ in bewährter Schärfe Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit (mit einer märchenhaften Pointe) in einer transsilvanischen Kleinstadt kartografiert. Und der Spanier Albert Serra begleitet in „Pacifiction“ erzählerisch offen und zudem leicht deliriös einen französischen Verwalter auf einer Südseeinsel, der – während er Zeit in Bars und beim Wellenreiten totschlägt – eine politische Intrige wittert, die sich aber nie zu manifestieren scheint.

Und dann ist da noch „Mother and Son“, in dem die französische Regisseurin Léonor Serraille auf sehr behutsame Weise eine afrikanische Einwanderergeschichte erzählt, die nicht auf Allgemeingültigkeit abzielt. Und genau so die Fallen der Repräsentation vermeidet. Annabelle Lengronne in der Rolle von Rose, die zwanzig Jahre versucht, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen, hätte den Darstellerinnenpreis verdient gehabt.

Zu Beginn des Festivals sprach Thierry Frémaux davon, den „kleinen Filmen“ wieder eine große Bühne zu bieten. Sie waren es dann auch, die am Ende die Erzählmaschine Kino um persönliche Erfahrungen und spezifische Beobachtungen bereicherten. In diesem Jahr ist die Verhältnismäßigkeit ein wenig aus dem Lot geraten, nicht nur was den Realitätsbezug der Filmbranche angeht. Es ist fraglich, ob die Jury um Vincent Lindon das Festival schon wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt hat.

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