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Mary Trump zeichnet ein düsteres Bild ihres Onkels : Welche Rolle spielt moralische Integrität bei der Präsidentenwahl?

Werte und Prinzipien seien Donald Trump fremd. Das sagt seine Nichte, eine promovierte Psychologin. Warum ihm ihre pikanten Enthüllungen gefährlich werden könnten.

Von
  • Christoph von Marschall
  • Juliane Schäuble

Beim Test für die College-Zulassung soll er betrogen haben. Enge Verwandte habe er mit fiesen Methoden um ihr Millionen-Erbe gebracht. Er benehme sich wie ein dreijähriges Kind unter Liebesentzug. Ethische Werte und moralische Prinzipien seien ihm fremd. Und als sein Vater im Sterben lag, sei er ins Kino gegangen.

So beschreibt Donald Trumps Nichte Mary, eine promovierte Psychologin, den US- Präsidenten in ihrem Buch „Zu viel und nie genug: Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt geschaffen hat“. Über das Buch, dessen Erscheinungstag ursprünglich für den 28. Juli geplant war, das jetzt aber aufgrund des riesigen Interesses in der kommenden Woche erscheinen soll, hatte Mitte Juni bereits die Nachrichtenseite „The Daily Beast“ berichtet. Jetzt legen „New York Times“, „Washington Post“, CNN und andere Medien mit weiteren pikanten Auszügen nach.

Was macht das Buch so interessant?


Zum einen, dass Präsident Trump vergeblich versucht hat, die Publikation zu verhindern. Zum anderen, dass das Buch weniger als vier Monate vor der Wahl erscheint. Und ganz besonders, dass es erstmals von einem Mitglied des Clans geschrieben wurde. Den Auszügen nach zu urteilen, ist dies ein Buch, dessen Lektüre viele Gefühle anspricht: Erschaudern über die emotionale Kälte, Mitleid mit den Opfern und Häme. Reißt man den schützenden Vorhang der Diskretion beiseite, so die Botschaft, kommt bei dieser reichen und prominenten Familie allerlei Schmutz zum Vorschein. Zudem können Trumps Verteidiger dieses Mal nicht „die Linken“ oder „die Lügenpresse“ verantwortlich machen. Hier spricht ein Familienmitglied, und die Familie ist ein wichtiger Wert für Konservative, ganz besonders für das Trump-Lager.

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Mit Mary L. Trump äußert sich erstmals ein Mitglied der Trump-Familie ausführlich.

„Sie ist das einzige Mitglied der Trump-Familie, das bereit ist, die Wahrheit über eine der mächtigsten und funktionsgestörtesten Familien der Welt zu berichten“, bewirbt der Verlag Simon & Schuster das Buch. Dieses erkläre, wie Donald Trump zu dem Mann geworden sei, „der jetzt die weltweite Gesundheit, wirtschaftliche Sicherheit und den sozialen Zusammenhalt gefährdet“.

Was sind die wichtigsten Enthüllungen?

In „Too Much and Never Enough: How My Family Created the World’s Most Dangerous Man“ beschreibt die 55-Jährige auf 240 Seiten den Trump-Clan als kaputte Familie, in der niemand – außer ihr – sich traue, die Wahrheit zu sagen. „Donalds Ego ist eine äußerst fragile Barriere zwischen ihm und der realen Welt – das ist es schon immer gewesen“, schreibt Mary Trump.

„Donalds Ego ist eine äußerst fragile Barriere zwischen ihm und der realen Welt“

Mary Trump

Mit diesem Problem musste er sich nie ernsthaft auseinandersetzen. „Das hat er dem Geld und der Macht seines Vaters zu verdanken.“ Die Kindheit ihres Vaters Fred Trump Jr., schreibt Mary, und die des jüngeren Bruders Donald sei ein Albtraum gewesen mit „Traumata, zerstörerischen Beziehungen und einer tragischen Kombination von Vernachlässigung und Missbrauch“.

Ihr Vater überwarf sich mit der Familie und starb mit 42 Jahren an einem Herzinfarkt, der wohl Folge seiner Alkoholabhängigkeit war. Weder der Vater und Familienpatriarch, der ebenfalls Fred hieß, noch Bruder Donald hätten ihrem Vater Fred beigestanden gegen die Sucht. In einem Interview mit der „Washington Post“ gab Donald Trump 2019 zu, seinen Bruder unter Druck gesetzt zu haben; das bedauere er.

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Präsident Trump versuchte vergeblich, die Veröffentlichung des Buches zu verhindern.

Mary Trump behauptet auch, ihr Onkel habe sie bei der Verteilung des Erbes ihres Großvaters übervorteilt. Ein entsprechender Rechtsstreit endete 2001 laut Medienberichten mit einer Einigung, die auch eine Geheimhaltungsklausel enthielt. Mary unterschrieb den Vertrag.

Wie war Trump als Kind?

Seine Nichte beschreibt ihn als einen ichbezogenen Narzissten, der süchtig nach Schmeicheleien war – sogar vonseiten seiner Familie, für deren Gefühle er umgekehrt wenig Verständnis zeigte. Da er kein fleißiger Schüler war, machte seine Schwester Maryanne Trump seine Hausausgaben.

Aber beim Zulassungstest fürs College konnte sie ihm nicht helfen, daher habe er seinen Freund Joe Shapiro dafür bezahlt, die sogenannten SATs zu machen. So sei er von der Wharton School an der University of Pennsylvania angenommen worden, von der er dann zwei Jahre später an die Fordham University im New Yorker Stadtteil Bronx wechselte. Geld habe er ja immer genug gehabt.

Wie glaubwürdig sind die Beschreibungen?

Ob die Autorin nachprüfbare Belege für ihre Anschuldigungen vorlegt oder sich vor allem auf ihre persönlichen Erinnerungen und Gespräche mit Familienangehörigen stützt, ist unklar. Aber vor allem die Charakterbeschreibungen erinnern stark an den heute 74-Jährigen. So vergleicht Mary Trump auch die Wahlkampfauftritte ihres Onkels mit seinem damaligen Verhalten. Seine derbe Rhetorik erinnere sie an Familienessen, bei denen „Donald über all die Frauen sprach, die er als fette Schlampen bezeichnete, oder Männer, die in der Regel erfolgreicher oder mächtiger waren, Loser nannte“. Angesichts eines extrem fordernden Vaters sei Lügen für Donald Trump eine Verteidigungsstrategie gewesen, „um zu überleben“.

„Es ist zum Verrücktwerden. Er hat keine Prinzipien. Absolut keine!“

Mary Trump

Auch über Donald Trumps demonstrativ zur Schau getragenen Glauben, mit dem er im Wahlkampf prominente Prediger und ihre Anhänger umwirbt, urteilt seine Nichte vernichtend: „Donald ging nur in die Kirche, wenn Kameras da waren. Es ist zum Verrücktwerden. Er hat keine Prinzipien. Absolut keine!“

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Eine schrecklich nette Familie. Seine derbe Rhetorik erinnere sie an Familienessen, schreibt Mary Trump.

Spannend ist, dass in den vergangenen Wochen auch bekannt wurde, dass Mary Trump der „New York Times“ bei den Recherchen über die Finanzen des Präsidenten geholfen hatte, etwa mit Steuerunterlagen ihres Großvaters. Die Zeitung berichtete 2018, dass Donald Trump (nach heutigem Wert) mehr als 400 Millionen Dollar aus dem Immobilienimperium seines Vaters erhalten habe. Ein Großteil davon soll aus Steuerhinterziehungen in den 90er Jahren stammen. Bis heute weigert sich Trump, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen.

Welche Rolle spielt das moralische Ansehen im Wahlkampf?

Dass Präsident Trump kein moralisches Vorbild ist, dass er ethische Vorgaben für das Amt und Vorschriften zur Vermeidung von Interessenkonflikten missachtet, ist keine Neuigkeit. Aber die konkreten Beispiele entfalten kurz vor der Wahl ihre eigene Dynamik. Denn nun wird Trumps Integrität nicht isoliert betrachtet, sondern im direkten Vergleich mit seinem designierten Herausforderer Joe Biden von den Demokraten. Der ehemalige Vizepräsident Barack Obamas ist bei vielen Bürgern hoch angesehen und gilt, jedenfalls gemessen an anderen Politikern, als relativ sauber.

Für Trump gilt das nicht. Deshalb bemüht sich seine Kampagne, Bidens Image mit persönlichen Attacken zu beschädigen, um sein öffentliches Bild auf das von Trump herunter zu ziehen. Zum Beispiel unter Verweis auf Bidens Sohn Hunter und dessen hoch bezahlte Beratertätigkeit in der für Korruption bekannten Ukraine. In den verbleibenden Wochen bis zur Wahl dürften diese Angriffe ziemlich sicher noch intensiver werden.

Gelingt es Präsident Trump, Zweifel an der Integrität von Biden zu wecken, wäre dessen Vorteil als relativer Saubermann neutralisiert. Oder, schlimmer noch, der Vergleich schadet dem Demokraten stärker. In Bidens Fall wären die Wähler eher geschockt von Enthüllungen über Verfehlungen. Umgekehrt sind die wenigsten überrascht, wenn mal wieder etwas Negatives über Trump berichtet wird.

© Ron Galella Collection via Getty
Über Frauen spricht Donald Trump oft verächtlich, da er berühmt sei, könne er alles mit ihnen machen, sagte er in einem heimlichen Gesprächsmitschnitt. Das Foto zeigt ihn mit Models in New York von 1991.

Wie steht der Amtsinhaber da?

In den Umfragen für die Wahl im November ist Trump in den vergangenen Wochen deutlich hinter Biden zurückgefallen. Nachdem ihm in den vergangenen drei Jahren kaum eine Debatte etwas anhaben konnte – seien es die rechten Ausschreitungen in Charlottesville (Virginia), die Auswirkungen seiner Steuerreform, der weltweit kritisierte Umgang mit Migranten an der Grenze zu Mexiko oder die Russlandermittlungen von Robert Mueller, die zu einem Amtenthebungsverfahren führten –, scheint sich das jetzt zu ändern.

Im Schnitt würden sich derzeit 49,6 Prozent der US-Wähler für Biden entscheiden, 40,9 Prozent für Trump. Da fließen die Enttäuschungen über die schlechte Corona-Bilanz der USA ein und die Wirtschaftskrise: Drei Millionen Menschen haben sich bereits mit dem Virus infiziert, mehr als 133000 sind an den Folgen gestorben, zeitweise haben über 45 Millionen ihren Job verloren. Die Infektionszahlen nehmen seit gut einer Woche wieder dramatisch zu, während sie in vielen anderen Ländern sinken.

Auch Trumps persönliches Ansehen hat gelitten. Anfang April hatten 44 Prozent ein positives und 51 Prozent ein negatives Bild von ihm. Jetzt sehen ihn nur 40 Prozent positiv und 56 Prozent negativ. Besonders schmerzhaft für den Präsidenten ist: Er zitiert gerne die Entwicklung der Aktienkurse als Beleg für den Erfolg seiner Politik und porträtiert sich als Favorit der Wirtschaftselite. Doch nun hat die Wall Street laut Medienberichten begonnen, sich auf einen US-Präsidenten Joe Biden einzustellen – auch wenn dessen Pläne für Umwelt- und Klimaauflagen sowie Steuern die Wirtschaft belasten würden.

Was kann Trump tun?

In dieser Situation müssen Trump und seine Republikanische Partei Themen finden, mit denen sie die Stimmung zu ihren Gunsten wenden können. Die Debatten um Rassismus und Diskriminierung – Trump stellt die Anschuldigungen gegen die Polizei und die weiße Bevölkerungsmehrheit als überzogen dar und hofft so, Wähler für sich zu gewinnen –, um die Sklaverei und der als Kulturkampf inszenierte Streit um den Abbau oder Verteidigung von Denkmälern, etwa für die Generäle der Südstaaten im Bürgerkrieg, haben ihm bisher wenig Entlastung gebracht. Sie kommen zwar bei den ganz überzeugten Trump-Fans an, haben aber auch das Potenzial, Wechselwähler abzuschrecken.

Die gesellschaftliche Debatte hat sich seit dem letzten Wahlkampf 2016 verändert. Das bereitet republikanischen Strategen Sorgen. Sie kalkulieren, dass sich die Demografie in den USA immer schneller verändert. Mit rein „weißen“ Themen lasse sich künftig keine Wahl mehr gewinnen. Einer Umfrage des Pew Research Centers aus dem Juni zufolge unterstützen inzwischen 67 Prozent der Amerikaner die „Black Lives Matter“-Bewegung. Sie demonstriert seit dem Tod von George Floyd in Polizeigewahrsam überall im Land gegen Rassismus.

Brandon Flowers von The Killers „Ich will nie wieder vor dem Spiegel spielen müssen”

Die Suche nach Themen, die für Trump günstiger sind und mit denen er punkten kann, wird schwieriger, wenn die Schlagzeilen von saftigen Angriffen auf ihn beherrscht werden. Da war kürzlich das Enthüllungsbuch seines früheren Sicherheitsberaters John Bolton. Er schilderte Trump als einen Präsidenten, der sich für Fakten und Details wenig interessiert, bedenkenlos gegen Vorschriften und Gesetze verstößt, immer nur auf seinen persönlichen Vorteil aus ist und dafür selbst zentrale nationale Interessen der USA hintanstellt.

Wie Mary Trumps Buch sind diese vernichtenden Beschreibungen brisant, weil sie den Glauben bisheriger Trump-Wähler an den Präsidenten erschüttern können. Diese Angriffe kommen nicht vom politischen Gegner, sondern sozusagen aus den eigenen Reihen. Bolton ist ein anerkannter Erzkonservativer, also glaubwürdig für Republikaner. Mary ist Mitglied der Familie.

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