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Kleine Befreiung für den Frauen-Radsport? Vom 24. bis 31. Juli findet erstmals eine offizielle Tour de France für Frauen statt.
© IMAGO/frontalvision.com

Erste Tour de France der Frauen: „Es ist etwas für die Geschichtsbücher“

Die sportliche Leiterin Ina-Yoko Teutenberg spricht über die erste Tour für Frauen, Unterschiede zum Männerrennen und Perspektiven für den Radsport.

Ina-Yoko Teutenberg, wie sehr freuen Sie sich auf das historische Ereignis, die erste Tour de France der Frauen?
Ich freue mich schon. Es ist jetzt ein extremer Hype, weil es eben die Tour ist. Dieser Name zieht. Und das ist auch gut so. Wir haben aber auch andere Rundfahrten. Der Giro d'Italia ist auch eine große Rundfahrt. Aber wie bei den Männern überstrahlt auch hier die Tour die anderen großen Rundfahrten, obwohl die auch wichtig sind.

Nun ist diese Tour de France der Frauen ja nicht die erste Rundfahrt für Frauen in Frankreich. Was macht sie im Vergleich zu früheren Rennen wie der Route de France oder Tour de l'Aude so besonders?
Es gab ja auch noch die Grande Boucle Feminine, die war eine Zeitlang sogar drei Wochen lang. Das waren alles große und gute Radrennen. Aber sie waren von anderen Veranstaltern. Den Namen Tour de France hat nur die ASO. Das ist der große Unterschied. Man musste auch damals schon eine gute Radfahrerin sein, um bei diesen Rennen die Gesamtwertung zu gewinnen. Das ist heute genauso. Jetzt ist einfach der Hype da. Sportlich so viel besser als die anderen Rundfahrten wird es dann aber wohl nicht.

Ina-Yoko Teutenberg ist eine der Sportlichen Leiterinnen bei Trek Segafredo.
Ina-Yoko Teutenberg ist eine der Sportlichen Leiterinnen bei Trek Segafredo.
© promo

Sie erwarten sich von der Tour aber schon einen Schub für den Frauenradsport?
Ja, klar, vor allem im Zusammenspiel von vielen Faktoren. Man kann es im Fernsehen sehen. Die Übertragung vom Frauenrennen von Paris - Roubaix….

…auch das ein Rennen vom Tour-de-France-Veranstalter ASO…
… hat auch schon sehr viel bewegt. Man muss sich auch nur die Fußball-EM der Frauen anschauen: Da ist das Interesse viel größer, wenn ARD und ZDF übertragen. Das hat nicht in erster Linie damit zu tun, weil die Leute ganz unbedingt Frauenfußball gucken wollen. Aber es wird eben übertragen und dann guckt man auch. Und wenn sich jetzt viele Leute die Frauen bei der Tour angucken, dann hilft das einfach.

Ich fände es schade, wenn Mädchen nur mit Mädchen trainieren, und Jungs nur mit Jungs.

Ina-Yoko Teutenberg

Was können Zuschauer von der Frauen- Tour erwarten, gerade nach dem packenden Duell bei den Männern zwischen Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar?
Wir werden auch spannende Kämpfe haben. Gut, wir fahren nicht ganz so lange, aber ich denke, es wird ein ganz anspruchsvolles und sehenswertes Rennen. Es wird auch versucht werden, die Konkurrentinnen schon vor dem letzten Berg abzuhängen, das Rennen dynamisch zu gestalten und so auch attraktiv zum Zuschauen zu machen.

Was sind die sportlichen Ziele Ihres Team?
Wir wollen auf alle Fälle einen Etappensieg, und dann mit Elisa Longo Borghini vorn ins Klassement reinfahren.

Die Italienerin wurde jetzt beim Giro Vierte, es gewann, wieder einmal, die überragende Rundfahrerin des letzten Jahrzehnts, Annemiek van Vleuten. Welches Rezept gibt es, sie zu besiegen?
Man kann sie schon schlagen. Annemiek gewinnt nicht automatisch. Es kommen auch mehr Fahrerinnen, die sich auf das Klassement konzentrieren. Es ist schließlich auch etwas für die Geschichtsbücher. Wer jetzt gewinnt, hat die erste Tour de France gewonnen.

Die Holländerin Annemiek van Vleuten gewann zuletzt den Giro d’Italia der Frauen.
Die Holländerin Annemiek van Vleuten gewann zuletzt den Giro d’Italia der Frauen.
© IMAGO/frontalvision.com

Am Sonntag beenden die Männer in Paris ihre Rundfahrt, und die Frauen beginnen ihre ein paar Stunden vorher ebenfalls in Paris auf den Champs Elysees. Ist diese Art der Ausrichtung für den Frauenradsport gut?
Die Vuelta versucht, im nächsten Jahr ja auch in den Mai zu wechseln. Das wird dann ein eigenständiges Frauenrennen. Ich glaube, dass es für den Frauenradsport nicht günstig ist, wenn die Frauen parallel mit den Männern fahren. Denn dann gucken die Leute vor allem die Männer. Besser ist, es nicht zeitgleich zu veranstalten.

Es gibt immer mehr Rennställe der Männer, die jetzt auch Frauenabteilungen haben. In Ihrem, bei Trek Segafredo, ist das auch so. Ist das günstiger als ein alleiniges Frauenteam zu haben?
Ich denke, es ist schon ganz gut, wenn ein Frauenteam mit einem Männerteam zusammen ist. Man kann davon profitieren, schnell einmal ein paar Sachen nachfragen. Aber ich muss auch sagen, alleinstehende Frauenteams sind ebenfalls gut. Die sind seit Jahren schon dabei, haben gutes Material und eine gute Struktur. Es ist kein Nachteil, ein für sich stehendes Frauenteam zu haben.

Sie selbst kommen aus einer Radsportfamilie. Ihre zwei älteren Brüder waren ebenfalls Profis. Sie haben viel mit ihnen trainiert. Was würden Sie Mädchen raten, die mit dem Radsport beginnen?
Ich denke mal, jüngere Menschen spielen auch zusammen Fußball und betreiben andere Sportarten gemeinsam. Am Anfang ist Sport ja auch noch kein Leistungssport. Und da fände ich es schade, wenn Mädchen nur mit Mädchen trainieren, und Jungs nur mit Jungs. Gut, später kann man das trennen. Aber es gibt auch Mädchen, die stärker sind als manche Jungs in ihrer Altersklasse. Für sie macht es sowieso Sinn, mehr mit den Jungs zu fahren. Es gibt da keinen Königsweg. Aber ich würde das auf keinen Fall streng trennen wollen.

Wie weit sind Frauen und Männer im Radsport strukturell und finanziell noch voneinander entfernt?
Der Unterschied ist schon noch groß. Aber es entwickelt sich, nicht nur auf der obersten Ebene, sondern auch bei den Continental Teams. Es wird alles professioneller, es geht aufwärts. Vor allem die Fernsehübertragungen sind wichtig.

Und wann wird ein Gleichstand erreicht?
Oh, das wird noch eine Weile dauern, bis das Verhältnis 1:1 wird. Aber die Entwicklung ist positiv und wir sind auf einem guten Weg.

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