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Gedränge und Enge in der Ausflugslinie : Am Wochenende mit dem Bus zur Pfaueninsel zu reisen, ist kein Vergnügen

Er lässt niemanden zurück: Weil der Andrang auf der Ausflugslinie entlang Havel und Wannsee an sonnigen Wochenenden sehr groß ist, müssten mehr Busse fahren, findet Stefan Freytag von Traditionsbus Berlin. Nicht nur der historische Bus, der jeden Tag auf der Strecke unterwegs ist, ist einfach zu voll.

Von Boris Buchholz

Das Wetter ist sommerlich, die Menschen streben an die Havel und den Wannsee, der Bus bringt sie hin: Die Ausflugsbuslinie 218 pendelt zwischen der Pfaueninsel und dem S-Bahnhof Messe-Nord am Funkturm. Einer der täglich eingesetzten Doppeldecker ist seit 21 Jahren ein historischer Großer Gelber: Im Auftrag der BVG rollen Fahrzeuge von Traditionsbus Berlin über Havelchaussee, Königstraße und Pfaueninselchausee – ein doppeltes Ausflugsvergnügen.

Oder doch nicht? An den sonnigen Wochenenden sei der Andrang der Fahrgäste groß und Abstand halten im Bus unmöglich, berichtet Stefan Freytag, 56, von Traditionsbus Berlin.

Stefan Freytag von Traditionsbus Berlin sitzt oft selber hinter dem Steuer des 218ers – er weiß, wovon er redet.
© Karsten Feucht

Herr Freytag, Sie sitzen auch selber hinter dem Steuer, wo liegt das Problem?
Uns auf dem 218er geht es ähnlich wie der Fähre Kladow-Wannsee: Bei schönem Wetter am Wochenende, speziell an Sonn- und Feiertagen, platzen die Busse, auch unser Wagen, aus allen Nähten. Bei meinem letzten Sonntagsdienst waren so 90 bis 100 Leute drin. Es wird aber auch mit illegalen Stehplätzen auf dem Unter- und Oberdeck gefahren, mit bis zu 110 Passagieren.

Die Leute wollen ins Grüne – vor der Krise, in der Krise, nach der Krise. Es ist jetzt einfach Zeit, dass die Menschen ihre vier Wände verlassen und Ausflüge machen. Aber leider wird der öffentliche Personennahverkehr bei schönem Wetter nicht verstärkt. Deshalb kommt es zu sehr starkem Fahrgastandrang, der für alle Beteiligten anstrengend ist – für die Fahrgäste, die Fahrer und die Fahrzeuge.

So schön kann Busfahren sein: Ein historischer Bus im Linienverkehr der BVG an der Station Pfaueninsel.
© imago images / Frank Sorge

Wie oft kommt denn ein Bus – und wie viele Personen passen in einen alten Bus?
Die Busse kommen tagsüber wochentags alle Stunde, am Wochenende alle halbe Stunde. Die Wagen, die wir betreiben, haben 80 Sitzplätze mit – je nach Fahrzeugtyp – fünf bis zehn Stehplätzen. Ein aktueller BVG-Doppeldecker bietet auch nicht mehr Sitzplätze.

Also dicht an dicht in der Corona-Pandemie … 
Richtig. Wenn wir können, nehmen wir alle mit. Nur trafen in den letzten Wochen zwei Paralleluniversen aufeinander: Corona-Krise, Lockdown und Kontaktbeschränkungen stießen auf Pfaueninsel, Havelstrand und Ausflugsdrang. Abstand halten ist dann im Bus nicht möglich. Letztens fragten mich Fahrgäste an der Haltestelle Pfaueninsel: „Wie kommen wir hier weg, ohne in den vollen Bus einsteigen zu müssen?“ Ich habe ihnen die schönste Spazierroute zum S-Bahnhof beschrieben.

Was wäre die Lösung?
Eben entweder zu Fuß zu gehen oder mehr Busse einzusetzen.

Vor allem werden zusätzlich eingesetzte Busse nach Aussage der BVG eben vom Senat nicht vergütet

Stefan Freytag

Warum werden denn nicht mehr Busse eingesetzt? 
Was ich höre ist, dass bei der BVG die Ressourcen knapp sind. Und vor allem werden zusätzlich eingesetzte Busse nach Aussage der BVG eben vom Senat nicht vergütet. Die BVG ist eher arm als reich und wird sich dauerhaft einen unbezahlten Einsatz von Fahrzeugen nicht leisten können.

Seit Anfang Juni sind Olympia mit Kalb Odin und Sabrina mit Nachwuchs Simba die Attraktion: Die Wasserbüffel sind Sommergäste auf der Pfaueninsel.
© imago images/Future Image

Was würden Sie machen: Das Wetter ist schön, der Kollege berichtet von unglaublich vielen Fahrgästen – würden Sie unentgeltlich einen zweiten Traditionsbus auf der Linie 218 lenken? 
Wissen Sie, vom Schreibtisch aus, ist immer alles schön zu erzählen. Wenn man aber selber im Schlamassel drin steckt und einfach mitbekommt, wie voll das wird, dann sieht man das ganz anders. Dauerhaft würden wir nicht unentgeltlich Linienbus fahren wollen und können.

Aber mal ein Zeichen setzen, für zwei oder drei Dienste? Ja, durchaus. Wir sind nicht die, die nur fordern; wir sind auch die, die handeln. Meine Aufgabe ist, die Leute sicher, zufrieden und gut an ihr Ziel und wieder zurückzubringen. Und wenn Sie einer der hundert Fahrgäste sind, wird das auch zu Ihrem Interesse.

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Gibt es denn Vorgaben der BVG, wie viele Menschen Sie befördern dürfen? 
Es gibt keine klare Anweisung. Im Fahrzeugschein steht drin, was der Bus für eine Kapazität hat. Die Kapazität wurde wegen Corona aber nie offiziell begrenzt und niedriger angesetzt. Es gab nur den Wunsch, dass weniger Leute mitfahren sollten. Im Schülerverkehr wurden zusätzliche Busse eingesetzt. Im Ausflugsverkehr gab es das im Winter auch, aber jetzt gibt es das nicht mehr.

Der Sommer ist da, die Ferien stehen vor der Tür. Reicht der Halbstundentakt für die Linie 218? 
Nein.

Insgesamt sieben Doppeldecker sind beim Traditionsbusbetrieb einsatzbereit. Einen weiteren Bus auf die Strecke zu schicken, wäre kein Problem.
© Karsten Feucht

Wer müsste die Verantwortung übernehmen und für zusätzliche Busse sorgen? 
Der, der das Geld gibt, und wahrscheinlich auch ziemlich pleite ist: der Senat von Berlin. Dort müsste der Beförderungsbedarf gesehen und die BVG beauftragt werden, mehr Busse einzusetzen. Wissen Sie, wir reden von der Verkehrswende und von der Verringerung der Emissionen. Aber wir haben nicht die Bereitschaft, uns damit auseinanderzusetzen und uns darauf einzustellen. Wenn Leute sagen: „Komm, jetzt lassen wir mal das Auto stehen und fahren mit dem Bus und mit der S-Bahn“ und dann geraten sie in so eine Situation – die kommen nicht mehr wieder, diese Leute haben wir verloren.

Sie sagten, dass die Ressourcen der BVG knapp seien. Könnte denn Traditionsbus Berlin noch Doppeldecker zur Verfügung stellen? 
Uns stehen insgesamt sieben Wagen zur Verfügung. Und ja, wir könnten durchaus einen zusätzlichen Bus auf den 218er zu Spitzenzeiten stellen. Von den Fahrzeugkapazitäten wären wir dazu in der Lage.

Auf dem Wasser ist der Senat ja eine Wende gefahren: In den Sommerferien wird es zwischen Wannsee und Kladow eine zweite, eine Pop-Up-Fähre geben – was für Sie wiederum mehr Fahrgäste bedeutet. 
Ich glaube nicht, dass das Gros der Fahrgäste von der Fähre kommen wird. Unser größter Zubringer bleibt bestimmt die S-Bahn mit ihren sehr großen Transportkapazitäten, in Wannsee halten ja zudem auch Regionalbahnen. Durch den Bahnhof kommen Tausende ans Wannsee- und Havelufer, die dann halt in Busse umsteigen.

Gibt es eigentlich Fahrgäste, die gezielt auf den Traditionsbus warten? 
Als Busfahrer mache ich ja keine Mikrozensusbefragungen nach dem Motto: Alle mal die Hand hoch, die wegen der alten Busse da sind. Aber etliche Leute sind sicher wegen des historischen Fahrzeugs an Bord. Wir planen, demnächst eine Fahrgastumfrage durchzuführen.

Und Ihre Leidenschaft, was ist Ihr Lieblingsbus?
Immer der, mit dem ich mich gerade beschäftige – der hat meine höchste Aufmerksamkeit verdient. [Er lacht.] Allerdings teile ich die Busse ein: Für meinen nächsten Dienst habe ich mir einen Bus der D-Serie ausgesucht, den 3550.

Der 3550 wurde im März 1987 in Dienst gestellt, war im heute nicht mehr vorhandenen Betriebshof Zehlendorf beheimatet und fuhr 1989 kurz nach dem Mauerfall als Linie 99 von Wannsee nach Drewitz. Wenn die Stimmung im Bus gut ist und die Fahrgäste bereit zum Zuhören sind, dann erzähle ich aus der Geschichte des Busses.

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