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Die Crew: Joudi, Amira, Asma, Shahed, Fatima, Delavin, Maral, Haya und Tabarek.
© Lupine Mentoring

Geflüchtete Jugendliche drehten einen Kinofilm: Die Mädchen haben viele Träume – und noch mehr vor

„Tagträume“ heißt der Film von neun jungen Frauen aus Syrien, dem Iran und Irak. Was ihnen auf die Nerven geht: Immer auf die Flucht reduziert zu werden. Ein Film-Gespräch.

Am Anfang steht der Blick ins Sonnensystem, in das Feuer der Sonne, in das Feuer, das in jedem Menschen brennt. „Wir sind gemacht aus Wirklichkeit und Fantasie“, sagen zwei Stimmen aus dem Off, eine auf Deutsch, eine auf Arabisch. „Und vielleicht ist unsere Fantasie noch näher dran an der Wirklichkeit als wir glauben. Wir erfinden sie, unsere Träume. Und dann träumen wir weiter, was wir erfunden haben.“

Wovon träumen Teenager, was bewegt Jugendliche? Wie ist das, eine junge Frau zu sein? Heute, in Deutschland, in einer neuen Heimat? Schwierige Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt – aber einen Film.

Denn Joudi, Amira, Asma, Shahed, Fatima, Delavin, Maral, Haya und Tabarek aus Syrien, dem Iran und dem Irak haben schon viel erlebt und einiges zu sagen. Wer ihren selbstgedrehten Kinofilm „Tagträume“ sieht, sollte sich gerne überraschen lassen – es wird geliebt und gekämpft, es wird gemobbt und sich geholfen, es wird beim Thema Zwangsheirat blutiger Ernst. Ehre, Freundschaft, verlassen werden.

Beim Dreh: Das Drehbuch entwickelten die Mädchen gemeinsam mit Profis.
Beim Dreh: Das Drehbuch entwickelten die Mädchen gemeinsam mit Profis.
© Lupine Mentoring

Andere Szenen laden zum Lachen ein: Ein Mädchen bewirbt sich darum, in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Sie ist überschminkt und aufgestylt, eigentlich glaubt sie, dass sie hässlich sei. Also versucht sie betont selbstbewusst aufzutreten, sagt, dass sie weder ein Formular ausgefüllt noch einen Lebenslauf dabei habe. Das Aufnahmekomitee schüttelt mißbilligend die Köpfe, dann die Frage: „Machst du Tiktok-Videos?“ „Ja, natürlich.“ Immerhin. Trotzdem wird sie abgelehnt – bis sie sich abschminkt und sich so zeigt, wie sie ist. Sie selbst, einzigartig, besonders.

Filmpremiere im Adria

So besonders wie die neun jungen Filmemacherinnen zwischen 13 und 16 Jahren sind, ist auch ihr Film. Anfang Dezember feierte der Streifen, der in der Filmwerkstatt des Vereins Lupine Mentoring entstanden ist, im Steglitzer Adria-Kino seine Premiere. Der Verein unterstützt geflüchtete Kinder und Jugendliche bei ihrem Neuanfang in Berlin. Einige Tage nach der Premiere trafen sich sechs der Mädchen zum Gespräch mit dem Tagesspiegel im Kinder- und Jugendbetreuungshaus im Zehlendorfer Rammsteinweg.

Es sei großartig gewesen, berichtet die 16-jährige Tabarek von der Erstaufführung, „da waren sehr viele Leute“. Über die positive Resonanz des Publikums habe sie sich gefreut: „Es ist sehr schön, wenn du eine Person zum Lachen bringst.“

Joudi (vorne) und ihre Schwester Shahed: 2018 flohen sie aus Damaskus nach Berlin.
Joudi (vorne) und ihre Schwester Shahed: 2018 flohen sie aus Damaskus nach Berlin.
© Boris Buchholz

„Ich war richtig stolz auf mich“, sagt Asma, 15. Nach dem Film seien sehr viele Menschen auf sie zugekommen und hätten sie beglückwünscht. Shahed, 15, meint, dass sie etwas aufgeregt gewesen sei. Dann sei es aber perfekt gewesen, „es war das erste Mal auf hohen Hacken“. „Wir sind jetzt auch fast berühmt“, ergänzt ihre fast 17-jährige Schwester Joudi.

Joudi hat die beeindruckenden Texte geschrieben, die sie gemeinsam mit der 73-jährigen Schauspielerin Hanna Schygulla, die das Filmprojekt begleitet, einspricht. Zum Beispiel Sätze wie diesen: „Unter acht Milliarden Menschen fiel auf uns die Wahl zusammen zu sein, vielleicht für immer.“ Nicht alle in der Gruppe sind durch die Arbeit am Film zu engsten Freundinnen geworden. Aber: Es seien „Schwestern, die meine Mutter nicht geboren hat“.

Amira, 13, sagt es lieber so: „Es ist wie beim richtigen Film – es gibt Leute, die du hasst, und Leute, die du magst.“ – „Man muss Job und Freundschaften trennen“, meint Asma – was zum Glück in diesem Fall nicht so richtig geklappt hat: Amira und Asma sind beste Freundinnen.

Sie wollen etwas schaffen im Leben

Die 13-jährige Maral hat es satt, auf ihre Flucht aus dem Iran im Jahr 2016 reduziert zu werden. „Oh, du Arme, du hast so viel erlebt“, sie könne es nicht mehr hören. Die Anderen stimmen zu. „Wir hatten eine gute Vergangenheit“, sagt Amira, auch wenn sie nach Deutschland geflohen seien. Sie wollen mit dem Film zeigen, dass auch sie Träume haben, „dass wir etwas schaffen wollen im Leben“. Wenn sie erzähle, wie das Leben in Syrien war und wie die Flucht verlief, dann hätten viele Menschen Mitleid. „Aber für mich ist das meine Geschichte, eine sehr gute Geschichte.“ Und dann sagt sie: „Ich bin stolz darauf, was ich erlebt habe.“

Ich bin auch stolz auf meine Vergangenheit. Denn ich bin auf meinen Beinen stehen geblieben.

Asma

„Ich bin auch stolz auf meine Vergangenheit“, ergänzt Asma: „Denn ich bin auf meinen Beinen stehen geblieben.“ In der Schule erlebe sie deutsche Gleichaltrige, die am Boden zerstört seien, wenn ihr Freund sie verlassen habe – oder wenn die Eltern sich trennten. Sicher, nicht schön. „Aber dann kommen wir an.“ Sie wolle nicht sagen, dass Deutsche keine Sorgen hätten. „Aber wir haben die Sorgen, die alle Jugendlichen haben, plus unsere Vergangenheit.“ Dieses „Plus“ sei etwas Großes, dass man nicht übergehen könne.

Zum Beispiel Amira: Sie erzählt, dass sie miterlebt habe, wie ihr Nachbarhaus zerbombt wurde. Sie habe die Flucht aus Syrien wie eine Weltreise erlebt – „wir sind durch so viele Länder gelaufen, gefahren oder geschwommen“. Es seien Geschichten, die jetzt zu ihrem Leben gehörten.

Und darum gehe es auch in dem Film, bekräftigt Joudi: „Ich habe den Krieg gesehen, ich habe viele Tote gesehen. Wir sind alle Menschen, wir wurden unterschätzt, unser Herz wurde gebrochen – aber am Ende sind wir stärker geworden und immer war jemand an unserer Seite.“ Ihre Schwester Shahed sagt, dass manche Menschen sie für schwach hielten, aber das stimme nicht: „Jeden Tag werde ich stärker.“ Amira: „Wir sind hierhergekommen, um viel zu erreichen.“

Die Mädchen beim Tagesspiegel-Gespräch: Tabarek, Maral, Shahed, Joudi, Amira und Asma (von links oben).
Die Mädchen beim Tagesspiegel-Gespräch: Tabarek, Maral, Shahed, Joudi, Amira und Asma (von links oben).
© Boris Buchholz

Asma fällt noch etwas ein, was sie von gleichaltrigen Deutschen unterscheidet: „Das soll nicht gemein klingen, aber sie schätzen die Sicherheit nicht, in der sie leben. Für mich ist das so teuer, so wertvoll. Für mich ist es wertvoll, dass ich bei meiner Familie sein kann, es ist wertvoll, zur Schule gehen zu können.“ Für die Deutschen sei das alles normal.

Neun Mädchen, neun Fantasien, neun Tagträume, neun Zukunftspläne

„Ich freue mich auf meine Zukunft“, sagt Amira. Sie wolle Kinderärztin werden. Maral erzählt stolz, dass sie in der Grundschule oft eine vier oder vier minus als Note bekommen habe – jetzt gehe sie auf ein Gymnasium. „Mein Weg ist jetzt, dass ich Abitur mache und eine Pilotin werde.“ Asma: „Ich bin die zukünftige Anwältin.“ Shehad will „Kinderkrebsärztin“ werden und nach Syrien zurückkehren. Und auch – wen wundert es – das Ziel, als Schauspielerin Erfolg zu haben, wird als Berufswunsch genannt.

Jugendliche sein und erwachsen werden: Vielleicht kleidet Joudi mit ihren Off-Texten im Film das Lebensgefühl der jungen Filmemacherinnen am besten in Worte – zum Beispiel mit dem Bild der lodernden Feuer der Sterne. Aber sie sagt im Film auch Sätze wie diesen: „Ich habe Angst vor dem Unbekannten in meinem Herzen.“ Und: „Ich glaube, das Wichtigste fehlt mir. Ich warte seit Jahren darauf. Aber worauf ich genau warte, weiß ich selber nicht.“

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