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© Suse Grützmacher

Protokoll einer Abtreibung: „Langwierig, demütigend, gefährlich“

Sie haben so einen netten Eindruck gemacht, sagt der Gynäkologe. Die Beraterin empfiehlt eine Therapie. Was eine Frau in Deutschland erleben kann, wenn sie abtreiben möchte

Von
  • Julia Prosinger
  • Suse Grützmacher (Illustration)

Die Protagonistin dieser Geschichte möchte anonym bleiben. Name und Wohnort der Betroffenen sind der Redaktion bekannt. Julia Prosinger hat ihre Geschichte aufgeschrieben.


Ich wusste ziemlich schnell, dass ich schwanger bin. Und ich wusste auch sofort, dass ich kein Kind bekommen wollte. Was ich nicht wusste: dass eine Abtreibung im 21. Jahrhundert, mitten in Deutschland, ein solch langwieriger, demütigender und sogar gefährlicher Prozess sein kann.

Es ist im vergangenen November, die Regierung hat gerade den zweiten Lockdown in der Pandemie verkündet, als meine Periode ausbleibt. Seit Jahren verhüte ich mit der eigentlich sehr zuverlässigen Kupferspirale. Ich bin Sportlerin, ich kenne meinen Körper gut, arbeite in einem medizinischen Beruf, und meine Menstruation ist selbst in stressigen Zeiten pünktlich.

Ich sage ihm, dass ich kein Kind möchte und nicht glaube, dass sich das in der Zukunft ändert

Anonym

Meine Gynäkologin winkt ab, auf dem Ultraschall sei nichts zu sehen, erst als ich Tage später mit einem positiven Schwangerschaftstest bei ihrem Kollegen auftauche, weil sie inzwischen in den Urlaub gefahren ist, bekomme ich die Bestätigung: Ich bin schwanger, fünfte Woche.

Ich sage ihm, dass ich jetzt, mit 23, kein Kind möchte und auch nicht glaube, dass sich das in der Zukunft ändert. Er antwortet: „Wirklich? Sie haben so einen netten Eindruck gemacht.“ Ich glaube, es war lustig gemeint. Ich sage: „Sie bis gerade eben auch“. Und frage ihn, ob ich deswegen ein schlechterer Mensch sei. Ich schaue mich in der Praxis um. Alles hängt voller Babyfotos. Hat hier jemand darüber nachgedacht, wie sich das wohl für Frauen anfühlt, die keine Kinder wollen oder auch keine kriegen können?

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Ich komme aus einer Region in Bayern, von der oft die Rede ist, wenn es um den schlechten Zugang zu Abtreibungen geht. Die Leute hier sind sehr katholisch, für die meisten meiner Mitschüler:innen war klar, dass sie mal heiraten wollen, Kinder, ein Haus bauen. Häufig leben die Eltern oder Großeltern im selben Gebäude, einen Schwangerschaftsabbruch geheim zu halten, ist schwierig. Ich habe es versucht – deshalb sind die Orte und manch andere Angabe in diesem Text vage gehalten.

Der Gyncast (Folge 23) Was bei einer Abtreibung geschieht

Mein Gynäkologe zieht die Spirale. Es könne sein, erklärt er, dass sich der Embryo dadurch bereits löst. Merkwürdig, denke ich, damit hätte er kein moralisches Problem. Den Abbruch selbst würde er jedoch nicht vornehmen. Der Embryo löst sich nicht. Der Arzt gibt mir die Adresse einer Beratungsstelle.

Abtreibungen sind in Deutschland verboten - bleiben aber meist straffrei

Ich mache mir einen Termin bei der Organisation „Donum Vitae“, die in meiner Gegend Gespräche anbietet. Nur gegen Vorlage eines Beratungsscheins und nach drei Tagen vorgeschriebener Pause, dürfen Ärzt:innen den Eingriff vornehmen. Die Situation ist recht kompliziert – die Paragrafen 218 und 219 Strafgesetzbuch spielen hier zusammen: Abtreibungen sind in Deutschland verboten, bleiben aber straffrei, wenn bestimmte Vorgaben erfüllt sind. Ich kann mir vorstellen, dass vielen ungeplant Schwangeren mulmig dabei ist, etwas Illegales zu tun. Hätte ich mich nicht schon während meines Studiums damit beschäftigt, ich hätte Tage gebraucht, um alles zu verstehen. Wie ist das für Frauen, die die Schwangerschaft später bemerken?

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Am Abend will ich mit dem Mann sprechen, dessen Spermien mich in diese Situation gebracht haben, er soll hier Felix heißen. Wir sind kein Paar, ich weiß nicht, wie er reagieren wird. Wegen Pandemie und Ausgangssperre mussten wir das Gespräch erst verschieben. Dann sitze ich vor ihm auf dem Sofa und druckse herum. „Na, sag schon“, sagt er. Und fragt mich dann, ob ich das Kind bekommen möchte. Ich bin froh, dass er fragt und noch froher, dass er mit der Abtreibung einverstanden ist. Wir trinken einen Schnaps und probieren Rucksäcke an, die wir für eine Reise bestellt haben. Ein komisches Gefühl meldet sich aus einer Ecke meines Bewusstseins, ich habe ja gelernt, dass Schwangere nichts trinken dürfen und Abtreibende sich schuldig fühlen sollen. Noch deutlicher ist aber das Gefühl: Da ist etwas in meinem Körper, das da nicht hingehört.

So erkläre ich es auch am nächsten Morgen beim Beratungsgespräch. Die Mitarbeiterin ist freundlich, aber sie verbirgt nicht, dass sie mich ermutigen will, das Kind zu bekommen. „Ungeborenes Leben schützen“, so heißt es im Gesetz. Sie fragt nach meiner Partnerschaft. „Manche treffen sich zur Elternschaft“, entgegnet sie auf den Einwand, dass wir uns erst seit ein paar Monaten kennen, ich noch in der Ausbildung bin und Felix einen Kredit abbezahlt … ich merke, dass ihr das nicht genügt. In anderen Bundesländern reicht es, den Mitarbeiter:innen zuzuhören, die Stunde abzusitzen. Im Bayerischen Schwangerenberatungsgesetz steht jedoch, dass eine Frau den Schein nur erhält, wenn sie die Gründe für den Abbruch mitteilt. Meine Beraterin führt eine Statistik mit den Gründen. „Kein Kinderwunsch“ ist nicht darauf.

Die Stunde bei „Donum Vitae“ fühlt sich ewig an. Ohne den Zwang hier zu sein, hätte ich mich dieser Beraterin nicht anvertraut. Zumal sie plötzlich empfiehlt, ich solle mal therapeutisch überprüfen lassen, was mit mir nicht stimme, wenn ich keine Kinder wolle. Ich muss schlucken, trete aber weiter bestimmt auf. Meine Freund:innen unterstützen mich die ganze Zeit, mit Felix kann ich reden. Für diesen Rückhalt bin ich dankbar. Aber wie muss es Frauen ergehen, die verzweifelt und unsicher sind?

Warum gibt es keine Beratungspflicht für Leute, die ein Kind kriegen?

Anonym

Bestimmt kann dieses Beratungsgespräch für manche eine gute Hilfe sein. Vielleicht kann die Berater:in erspüren, ob Dritte die Schwangere zur Entscheidung drängen, ob sie aus Sorge vor der finanziellen Belastung abtreiben will und ihr aufzeigen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Trotzdem frage ich mich: Könnte das nicht auch bei einem freiwilligen Gespräch passieren? Und warum gibt es keine Beratungspflicht für Leute, die ein Kind kriegen? Könnte doch sein, dass sie es gar nicht wirklich wollen, sondern sich nur gesellschaftlichen Konventionen fügen?

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Mein Gynäkologe gibt mir schließlich die Adresse einer Praxis, die Abtreibungen macht. Unter dem Tisch durch, er spricht ganz leise. Es fühlt sich an wie ein Drogendeal. Die Praxis liegt 85 Kilometer weit weg. Die Versorgungslage ist eben nur in Ballungszentren wie Berlin oder München gut. Wie soll jemand diese Strecke inmitten einer Pandemie unbemerkt hinter sich bringen? In Großbritannien können Frauen seit Kurzem telemedizinisch betreut mit einer Pille abtreiben.

Hier nimmt Felix sich einen Tag von der Arbeit frei, um mich zu fahren – ich selbst darf nach einer Vollnarkose nicht ans Steuer. Man liest immer wieder, dass die Entscheidung über eine Abtreibung Partnerschaften zerstört. Felix und ich merken in dieser Extremsituation, wie gut wir zusammenhalten können.

Ich bin überrascht, wie heftig meine Mutter reagiert

Anonym

Eine Abtreibung wird in Deutschland nicht automatisch von der Krankenkasse übernommen, eine weitere Auswirkung der Illegalisierung. Weil ich noch studiere, kann ich leichter eine Kostenübernahme beantragen. Per Post dauert zu lange, es eilt ja. In Deutschland ist der Abbruch nur bis zur zwölften Woche straffrei und bald ist Weihnachten, wer weiß, ob ich dann noch Termine bekomme und wie sich die Pandemie entwickelt. In einem Großraumbüro voll wartender Personen erkläre ich nochmal alles. Zum Glück steht niemand aus meinem Ort herum – wenn man mal von der Sachbearbeiterin absieht, die im Jahrgang über mir an der Schule war.

Aus meiner Familie weihe ich nur meine Mutter ein. Ich bin überrascht, wie heftig sie reagiert. Wir streiten stundenlang. Ob mir klar ist, was ich da mache, fragt sie immer wieder. Ja, es ist mir klar.

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Ich fahre in die 85 Kilometer entfernte Stadt zu einem Vorgespräch. Ich will wissen, welche Methode sie hier anwenden. Was sind die Vorteile, was die Risiken? Wann kann ich anschließend wieder Sport machen, wie verhüte ich hinterher? Der Arzt wimmelt mich ab, das solle ich später mit meinem Gynäkologen besprechen. Den Aufklärungsbogen gibt er mir nicht mit, es dauert ein paar Telefonate bis er mir zugemailt wird. Auf dem Zettel stehen verschiedene Methoden, welche sie hier anwenden, erfahre ich nicht. Normalerweise würde ich nach so einem schlechten Eindruck die Praxis wechseln. Ich würde mir die miserablen Bewertungen im Netz durchlesen, das tu ich nun erst hinterher. Denn ich habe ja keine Wahl. Und immer weniger Zeit. Ich fühle mich ausgeliefert.

Noch einmal muss ich zu meinem Gynäkologen, ich brauche Blutgruppe und Rhesusfaktor für die OP. Der Azubi an der Theke benötigt mehrere Anläufe dazu – haben sie hier gar keine Erfahrungen mit diesem medizinischen Eingriff, der ja einer der häufigsten gynäkologischen überhaupt ist?

Ich bekomme eine Tablette. Wofür, sagt mir keiner

Anonym

Die Tage nach der Abtreibung will ich bei Felix verbringen, auch damit meine Großeltern nichts mitbekommen. Wir fahren um fünf Uhr morgens los in die große Stadt. Unterwegs muss ich mich übergeben, Schwangerschaftsübelkeit, ich bin inzwischen kurz vor der siebten Woche. Zwei Stunden, sagt man uns am Empfang, würde es dauern. Felix geht durch die Kälte spazieren.

Ich bekomme eine Tablette. Wofür, sagt mir keiner. Aus meiner Ausbildung weiß ich, dass sie den Muttermund öffnet. Ich bin in ein Handtuch und eine Decke von daheim gewickelt. Wo bleibt das sterile OP-Hemd, das man auf Abbildungen sieht? Im OP tummeln sich zehn Leute, mein Kreislauf macht schlapp, niemand stützt mich. Unsanft zieht mich der Arzt auf einen gynäkologischen Stuhl. Wäre es nicht würdevoller gewesen, die Narkose vorher zu machen?

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Noch immer weiß ich nicht, was mich erwartet. Bei jeder anderen Operation wird ausführlich aufgeklärt. Die mangelhafte Information führe ich auf Paragraf 219a Strafgesetzbuch zurück. In der Vergangenheit wurde dieser so interpretiert, dass bereits Information auf der Webseite einer Praxis als Werbung gewertet wurde. Ärztinnen wie Kristina Hänel aus Gießen wurden dafür verurteilt. Medizinische Aufklärung als Werbung zu bezeichnen ist schon interessant. Da steht ja nicht: Drei Abtreibungen zum Preis für eine.

Warum geben sie mir nicht die Abtreibungspille Mifepriston? Die ist in diesem frühen Stadium eigentlich die schonendste Variante. Sie löst eine Blutung aus, die einer starken Menstruation ähnelt. Als ich aus der Narkose aufwache, habe ich starke Bauchkrämpfe. Ich rufe, niemand kommt. Kein Sichtschutz trennt mich von den anderen Patient:innen. Nach einer Stunde gibt mir ein Pfleger eine Ibuprofen, die kaum wirkt. Ich bitte darum, dass jemand Felix Bescheid sagt. Später erfahre ich, welch große Sorgen er sich gemacht hat. Er erfährt nur, dass es mir schlecht geht. Aus zwei Stunden werden fünf.

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Ich bin eigentlich kein Jammerlappen, doch mein Uterus ist sehr empfindlich, das weiß ich vom Einlegen der Spirale. Ich habe den Arzt zuvor darauf hingewiesen. Aber er gab mir das Gefühl, ihm lästig zu sein. Jetzt raunzt er mich an, dass ich schon den ganzen Vormittag das Bett belege. Als ich vor Schmerzen weine, fragt mich eine Pflegerin, ob ich mir sicher sei, dass es nicht mein schlechtes Gewissen wegen der Abtreibung ist. Ich muss mich verteidigen. Die Schnittlauchbrezel auf dem Heimweg schmeckt so gut wie nie.

Ich kuriere mich auf Felix’ Sofa aus. Die Schmerzen bleiben. Mein Gynäkologe sagt, ich bräuchte eine zweite OP. Auch das scheint für ihn moralisch in Ordnung zu sein: Er richtet schließlich nur, was sein Kollege verbockt hat. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob der Embryo abgesaugt oder eine Ausschabung gemacht wurde. Letzteres ist eine altmodische Variante, wobei die bis dahin aufgebaute Gebärmutterschleimhaut mit einer Art messerscharfem Löffel, der Kürette, entfernt wird. Jedenfalls beseitigt mein Gynäkologe nun das restliche Gewebe, das die Schmerzen verursacht. Ich bekomme ein OP-Hemd, werde rechtzeitig betäubt, der Anästhesist hört mir zu, das alles an meinem Heimartort. Auch so könnte es gehen.

Ich wünsche mir, dass wir weniger aufgeregt über Abtreibung reden. Sie braucht keine Bewertung, sie ist, richtig gemacht, ein Standard-Eingriff, ist Teil des Lebens vieler Frauen. Studien sagen, dass 95 Prozent aller ungeplant Schwangeren die Entscheidung zum Abbruch auch fünf Jahre später nicht bereuen. Die allermeisten schildern ein Gefühl: Erleichterung. Es gibt hingegen Mütter, die ihre Entscheidung Mutter zu sein bereuen, wie die Debatte um die israelische Studie „Regretting Motherhood“ 2015 gezeigt hat. Bei mir gibt es nur einen einzigen Moment, in dem ich mich schlecht fühle. Im Aufwachraum nach der zweiten Operation unterhalten sich die Pflegerinnen, eine spricht von ihrem unerfüllten Kinderwunsch.

Denke ich an den Abbruch und die Wochen drumherum, kommt mir das Erlebte surreal vor. Was hingegen real ist: Morgens wache ich meistens neben Felix auf. Wir planen eine Reise im Sommer. Wir sprechen oft darüber, wie es uns mit der Entscheidung geht. Gut.

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