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© Clayton Cooper
Tagesspiegel Plus

Kiefer Sutherland im Interview: „Mir fehlen die Tage, als meine Kinder jung waren“

Ein alkoholfreier Januar ist nichts für ihn. Der Musiker und Schauspieler über seine Präsidentenrollen, Kulturkämpfe in Hollywood und das Leben als Großvater.

Herr Sutherland, im Titeltrack Ihres neuen Albums besingen Sie die „Bloor Street“ in Toronto, wo Sie Ihre Jugend verbrachten. Wenn Sie da heute langlaufen, erkennen Sie die Straße noch wieder oder sind auch dort die kleinen Geschäfte von damals Biosupermärkten und Starbucks-Filialen gewichen?
An der Ecke Bloor und Yonge gab es einen Sandwich-Shop namens Mr. Sub und einen Hamburgerladen, der Harvey’s hieß. Die sind beide weg. Leider. Aber der Laden, in dem ich meinen ersten Job hatte, der steht noch.

Was für ein Geschäft ist das?
Ein Restaurant im Food Corner des Hudson’s Bay Centers. Die Mall liegt in einem der größten Hochhäuser von Toronto, im Kellergeschoss fährt die U-Bahn. Das wird so schnell nicht abgerissen.

Sie wurden in London geboren, wuchsen in Kanada auf, kauften später eine Ranch in Montana, leben heute in Los Angeles. Warum fühlen Sie sich ausgerechnet an dieser Kreuzung zu Hause, wie es im Song heißt?
Als wir die TV-Serie „Designated Survivor“ in Toronto drehten, bin ich da langgelaufen, und mich überkam die Erkenntnis, dass an diesem Fleck Erde tatsächlich ganz viele Sachen in meinem Leben zum ersten Mal passiert sind: das erste Gefühl von Unabhängigkeit, das mein erster Job mir gab. Hier bekam ich meinen ersten Kuss. Auch das erste Mal zusammengeschlagen wurde ich an der Ecke. Wahrscheinlich beim Graskaufen. Und als ich da nach all den Jahren so stand, wurde ich doch sehr nostalgisch.

Als Kind in den 70ern hatten Sie Freiheiten, von denen die heutige Jugend nur träumen kann.
Klar, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Als ich zehn oder elf war, verließen wir um neun Uhr morgens das Haus, und solange wir um halb sieben zum Abendessen wieder zurück waren, konnten wir bis dahin machen, was wir wollten. Also fuhren wir mit der U-Bahn nach Downtown, wo die Bars und Striptease-Läden waren, wo Leute auf der Straße Musik machten. In den Plattenläden trafen sich damals die Jugendlichen aus der ganzen Stadt. Punk-Rocker und Rock-’n’-Roller zofften sich. Das war einfach aufregend. Die Kinder heute tun mir leid. Schon meine wurden ja überall hingefahren, wenn sie mit Freunden spielen wollten. Aber Los Angeles ist halt eine Stadt, in der das kaum anders geht. Da gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr wie in Toronto.

Kiefer Sutherland als Jack Bauer in der Serie „24“.
© RTL II

Warum hat sich das so geändert? Haben die Menschen heute einfach mehr Angst?
Das mag eine Ursache sein. Aber wir hatten auch andere Voraussetzungen. Es gab keine Computer, keine Videospiele, keine Handys. Wir konnten die Welt nicht aus unseren Kinderzimmern heraus entdecken. Wenn wir das Leben sehen wollten, mussten wir raus, dahin, wo es stattfand. Und ich konnte nicht erwarten, da rauszugehen.

Sie wollten früh Schauspieler werden, verließen dafür nach etlichen Wechseln die Schule ohne Abschluss.
Dass ich die Schule geschmissen habe, bereue ich bis heute. Na ja, am Ende hat auch so alles geklappt. Aber ich hatte sehr viel Glück.

Mir fehlen die Tage, als meine Kinder jung waren. Besonders die Weihnachtszeit.

Kiefer Sutherland

Haben Sie Ihre Kinder getriezt, die Schule unbedingt fertig zu machen?
Dankenswerterweise musste ich sie dazu nie zwingen. Von ihnen hatte keins so ein brennendes Verlangen, auf die Bühne zu gehen. Keine Ahnung, wie ich reagiert hätte.

Waren Sie insgesamt ein strenger Vater?
Ich habe versucht, ein verantwortungsvoller Vater zu sein. Ich gehe ans Elternsein heran wie an alles: mit hoffentlich genug gesundem Menschenverstand, um mich einer Situation auch noch anpassen zu können. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass meine Aufgabe nicht ist, der beste Freund meiner Kinder zu sein, sondern ihr Vater. Ich muss sie beschützen, versorgen, anleiten.

Inzwischen sind Ihre Kinder selbst Eltern. Ist Großvater zu sein besser als Vater, wie viele sagen?
Die Großvaterrolle ist seltsam. Du hast keine Autorität, irgendwas zu entscheiden, aber alle tun so, als ob. Dann stehe ich da mit Schokolade und fünf Dollar in der Hand: Hallo, Grandpa ist da! Mir fehlen die Tage, als meine Kinder jung waren. Besonders die Weihnachtszeit, bevor sie zehn Jahre alt wurden.

Nach dem fiktiven Präsidenten Kirkman in der Serie „Designated Survivor“ spielen Sie jetzt in der Serie „The First Lady“ Franklin D. Roosevelt. Was denken Sie nach all den Jahren im Studio-Oval-Office über das wirkliche Amt?
Der kanadische Premierminister erzählt ja gerne, der US-Präsident sei gar nicht so ein wichtiger Posten, weil die wirkliche Arbeit andere Leute machten. Aber das ist Quatsch. Es ist ein unglaublich mächtiger Job. Durch die Executive Orders kann der Präsident direkt Gesetze erlassen, was sehr bedenklich ist, wenn alle vier Jahre der Neue im Amt die Entscheidungen seines Vorgängers einkassiert. Wie soll eine Gesellschaft mit solchen ständigen 180-Grad-Wendungen umgehen? Der Job ist aber auch eine sehr schwierige Aufgabe. Ich kenne keinen Präsidenten, der alle glücklich gemacht hätte. Gewinnen kann man nicht. Ich denke: Solange das Boot nicht sinkt, hat man es wohl gut hinbekommen.

Franklin D. Roosevelt war von 1933 bis 1945 Präsident der USA.
© imago/UIG

Wie schneidet Roosevelt in Ihren Augen ab?
Roosevelt ist mein Lieblingspräsident. Er trat 1933 mitten in der Großen Depression an, als in den trockenen Staaten das ganze Farmland verwüstet worden war. Die USA konnten nicht genug Ernte einfahren, um ihre Leute zu ernähren. Er tat dann, was vorher noch nie gemacht wurde. Er sagte: Die Regierung übernimmt die Verantwortung für ihre Leute, wir liefern Hilfe und Unterstützung, Essen, Kleidung, Arbeitsprogramme. Man kann sicher streiten, wie erfolgreich er war. Aber erfolgreich war er. Nicht umsonst blieb er der Einzige, der vier Mal gewählt wurde, auch wenn er effektiv dann nur drei Wahlperioden im Amt war. Aber das war eine andere Zeit. Damals war die politische Landschaft nicht so gespalten, so unflexibel wie heute.

Was war bei der Rolle die schauspielerisch größte Herausforderung?
Bevor ich einen Part übernehme, muss ich wissen, ob ich die Stimme hinbekomme. Dass ich aussehe wie Roosevelt, schaffen die Maskenbildner schon, und ich habe auch großes Vertrauen in meine Fähigkeiten, Bewegungen zu imitieren. Die Stimme ist was ganz anderes: Das klappt oder es klappt nicht. Roosevelt hatte einen sehr eigenen Rhythmus und sprach mit einem ausgeprägten New Yorker Upper-Class-Dialekt. Ich habe einen Monat geübt, bis ich zufrieden war.

Laut den neuen Statuten der Filmstudios von Amazon sollen künftig nur noch Schauspieler in Rollen eingesetzt werden, die ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung und auch ihrer Nationalität entsprechen. Gab es schon Protest, dass Sie als kanadisch-britischer Staatsbürger einen US-amerikanischen Präsidenten mimen?
Die Vorstellung, dass nur ein Amerikaner einen amerikanischen Präsidenten spielen könnte und dass Amazon glaubt, vorschreiben zu müssen, wie Filme gedreht werden, ist so ziemlich der größte Blödsinn, den ich je gehört habe. Das ist so dumm. Ich komme noch aus einer Welt, in der derjenige engagiert wird, der für den Job der Richtige ist. Wenn ich in meinem Hinterhof mit Freunden Football spielen will, wähle ich auch die Leute in mein Team, die am schnellsten laufen oder den Ball am besten fangen. Punkt. Komplizierter ist das nicht.

Als Sie zwischen 2001 und 2010 die Serie „24“ drehten, in der Sie als Agent Jack Bauer Terroristen jagen, gab es große Diskussionen über den bei Verhören gezeigten Einsatz von Gewalt. Kritiker monierten, die Serie legitimiere Folter. Ihre Replik war damals stets: Wer so was sagt, kann nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden.
Nur um das noch mal klarzustellen: Auch wenn „24“ nach den Anschlägen vom 11. September erschien, hatten wir die Serie lange davor gedreht und konzipiert. Überhaupt, bei dem sympathischen TV-Serienkiller „Dexter“ kam auch keiner auf die Idee, er würde irgendwen zum Mord anstiften. Das ist eine Show! „24“ war nichts anderes. Als diese schrecklichen Dinge in Abu Ghraib passierten …
… 2004 wurden Fotos publik, auf denen US-Gefängniswärter und -wärterinnen Insassen misshandeln und demütigen …
… und die Leute dort die Show als Ausrede benutzten, das hat mich geärgert. Eine Fernsehsendung soll verantwortlich sein, dass du das Gesetz gebrochen hast? Das ist lächerlich und feige.

Ich bin nicht Jack Bauer.

Kiefer Sutherland

Wenn Sie sich die aktuellen Kulturdebatten anschauen, denken Sie, das Abstraktionsvermögen der Zuschauerinnen und Zuschauer hat seitdem eher zu- oder eher abgenommen?
Besonders online haben die Menschen in den vergangenen zehn Jahren zunehmend Schwierigkeiten, Wahrheit von Fiktion zu unterscheiden. Persönlich treffe ich aber dankenswerterweise nur wenige, die nicht verstehen, dass das, was ich als Schauspieler mache, nicht unbedingt viel mit dem zu tun hat, wer ich als Person bin. Ich bin nicht Jack Bauer.

Wenn Sie über Ihre Musik reden, betonen Sie hingegen stets, wie authentisch diese im Gegensatz zu Ihren Rollen ist. Ist Wahrhaftigkeit etwas, was man als Musiker anders als ein Schauspieler anstreben sollte? Ist Rockmusik nicht auch Showbusiness?
Ich bewundere jedenfalls Künstler wie Jackson Browne oder James Taylor für ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

Was ist mit jemandem wie David Bowie, der ja an vielen Punkten seiner Karriere als Kunstfigur alles andere als authentisch war und trotzdem als großer Künstler gilt?
Ich würde dagegenhalten, dass David Bowie auch als Ziggy Stardust er selbst war. „Rock’n’Roll Suicide“ zum Beispiel. Wenn er da dieses „You are not alone!“ singt. Nach allem, was ich über Bowie gelesen habe, hat er sich seine gesamte Jugend über einsam und unverstanden gefühlt. Der Song ist doch der unverstellte, wahrhaftige Ausdruck von jemandem, der das selbst verstanden hat und nun einem anderen Menschen Mut machen möchte, weil auch er eben nicht allein ist. Aber möglicherweise projiziere ich das alles nur. Schließlich mag ich auch Led Zeppelins „Black Dog“. Wenn Sie mir sagen können, wovon der handelt, nur zu.

In etlichen Ihrer Texte spielt Whiskey eine prominente Rolle. Homer Simpson brachte mal folgenden Toast aus: „Auf den Alkohol, die Lösung und Wurzel all unserer menschlichen Probleme.“ Hatte er recht?
Nein. Natürlich nicht! Mir ist nur stets wichtig, etwas zu schreiben, was persönlich ist, und Whiskey ist – im Guten wie im Schlechten – ein Teil meines Lebens. Also ist es nur natürlich, dass er auch seinen Weg in ein oder zwei Songs gefunden hat.

Scotch oder Bourbon?
Für mich? Scotch.

In Berlin befinden sich viele gerade im „Dry January“, trinken also einen Monat nicht.
Der Name war mir kein Begriff, ich hab das kürzlich zum ersten Mal gehört. Für mich ist das nichts. Ich bin auch schon seit Jahren nicht mehr an Silvester ausgegangen. Und insgesamt war es für mich immer besser, wenn ich morgens aufstehen und sagen konnte: Ich fühle mich super!

Whiskey ist – im Guten wie im Schlechten – ein Teil meines Lebens.

Kiefer Sutherland

Das konnten Sie nicht immer. 2008 saßen Sie wegen Trunkenheit am Steuer für ein paar Wochen im Gefängnis. Haben Sie mal ernsthaft versucht, aufzuhören mit dem Alkohol?
Nicht aus gesundheitlichen Gründen. Ich laufe jeden Tag ein paar Meilen und trainiere viel. Ich denke, ein paarmal in meinem Leben habe ich aufgehört, weil ich dachte, ich gehe nicht gut damit um und sollte besser auf mich aufpassen. Ich trinke gern ein Glas und mache mit meinen Freunden einen drauf. Aber wenn du allein zu Hause sitzt, traurig bist und dann anfängst, hast du schnell ein paar Probleme. Was das angeht, war ich zugegebenermaßen manchmal nicht sehr erfolgreich.

Äußerst gewissenhaft waren Sie hingegen als Sammler von Gitarren.
Ich hatte mal fast 100 Stück. Aber irgendwann war ich ernüchtert, denn was soll man mit so vielen Gitarren? Man kann sie ja nicht alle spielen. Heute habe ich um die 20. Einige habe ich verschenkt, andere verkauft. Trotzdem ist es schwer für mich, wenn ich einen Gitarrenladen sehe. Für mich sind die Instrumente Kunstwerke. Jede Gitarre bringt dich dazu, etwas anders zu spielen. Wenn du ein neues Instrument hast, kannst du es eine Weile lang gar nicht weglegen. Ich denke, jede Gitarre trägt einen Song in sich. Wenigstens einen.

Wann haben Sie eigentlich gelernt, Gitarre zu spielen?
Erst habe ich ja Violine gespielt.

Oh Gott, wer hat Sie denn dazu gezwungen?
Meine Mutter. Mit sieben wollte ich dann unbedingt eine Gitarre. Meine Mutter meinte, wenn ich Geige spiele, bis ich zehn bin, kauft sie mir eine. Sie hat Wort gehalten.

Und dann haben Sie nie wieder eine Geige angefasst.
Richtig. Und die Gitarre nie wieder aus der Hand gelegt.

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