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Bürgermeister Vladyslav Atroshenko
© privat

„Aus einem Haus wurden 35 Leichen geborgen.“: Die versuchte Auslöschung der ukrainischen Großstadt Tschernihiw

Seit acht Tagen wird Tschernihiw von russischen Truppen belagert und beschossen. Bürgermeister Vladyslav Atroshenko sagt: „Alle 20 Minuten nähert sich ein neues Flugzeug.“

Von Sebastian Leber

Die Stadt Tschernihiw liegt 105 Kilometer nördlich von Kiew nahe der Grenze zu Belarus. Seit Freitag vergangener Woche wird sie von allen Seiten von russischen Truppen belagert. Am Telefon berichtet Bürgermeister Vladyslav Atroshenko über die aktuelle Situation.

Herr Atroshenko, seit acht Tagen wird Ihre Stadt von russischen Truppen belagert. Haben es russische Soldaten bereits in die Stadt geschafft?
Noch nicht. Aber die heftigen Bombardierungen dauern inzwischen tagelang an, sowohl aus der Luft als auch durch Artillerie. Das russische Militär greift ganz gezielt Zivilisten und zivile Infrastruktur an. Die Piloten beschießen bei klarer Sicht und aus niedriger Höhe Wohngebiete. Das tun sie mit voller Absicht. Nirgendwo in der Umgebung dieser Häuser befinden sich potenzielle militärische Ziele.

Wie groß sind mittlerweile die Schäden?
Tausende Wohnungen wurden zerstört, viele dutzend Menschen getötet. Exakte Zahlen haben wir nicht, aber allein aus einem einzigen getroffenen Haus wurden 35 Leichen geborgen. Etwa alle 20 Minuten nähert sich ein neues Flugzeug, wirft seine Bomben ab und dreht um, um Nachschub zu holen.

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Wo findet die Zivilbevölkerung Schutz?
In Tschernihiw leben 285.000 Menschen. Da wir bereits am zweiten Kriegstag komplett eingekreist wurden, kann niemand fliehen. Wir bräuchten dringend einen dieser sogenannten „Grünen Korridore“, die Russland zugesichert hat, um Frauen, Kinder, Alte und Verletzte zu evakieren. Aber den gibt es nicht. Und wir haben auch keinen U-Bahn-Tunnel, in denen die Bevölkerung vor den Bomben Schutz suchen könnte.

Als ein Schutzraum sollte eine Schule dienen. In dieser haben sich Kinder mit ihren Lehrern versteckt ...
Die Schule wurde gezielt von russischen Flugzeugen beschossen, sie ist jetzt zerstört. Eine zweite, nahegelegene Schule wurde ebenfalls stark beschädigt. Auch hier gilt: Nirgendwo in der Nähe dieser Gebäude befand sich ein denkbares militärisches Ziel.

Wohngebäude in Tschernihiw.
Wohngebäude in Tschernihiw.
© privat / privat

Werden durch die Belagerung die Lebensmittel knapp?
Es gibt in den Geschäften nur noch Restbestände. In der Not wird auch verkauft, was eigentlich längst abgelaufen ist. Auch die sonstige Versorgung bricht zusammen. In einigen Stadtteilen gibt es weder Strom noch Heizung noch Frischwasser. In anderen kommt bis jetzt immerhin noch kaltes Wasser aus der Leitung. Wir stehen ganz klar am Rand einer humanitären Katastrophe.

Auf dem Foto, das wir über diesem Interview zeigen, sieht man Sie vor einem Trümmerhaufen.
Dieser Haufen war bis vor wenigen Tagen ein Kino. Es befand sich 50 Meter Luftlinie von meinem Büro entfernt. Das Büro wurde ebenfalls bombardiert. Ein historisches Gebäude aus dem Jahr 1908.

Wie lange können Ihre Soldaten noch Widerstand leisten?
Sie müssen sehen: Die russische Armee kämpft nicht nur mit unseren Soldaten, sondern mit der gesamten Bevölkerung. Und wir werden solange durchhalten und kämpfen, wie es nötig ist.

Frische Gräber in Tschernihiw.
Frische Gräber in Tschernihiw.
© privat

Was können Deutsche, zum Beispiel die Leser des Tagesspiegel, jetzt tun, um zu helfen?
Ich kann sie nur inständig bitten: Bewegen Sie Ihre Regierung dazu, sich für die Schließung des ukraininischen Luftraums einzusetzen. Eine solche Schutzzone würde zahllose Menschenleben retten.

In der deutschen Öffentlichkeit gibt es die Überzeugung, dass dies nicht Russlands, sondern Putins Invasion ist. Teilen Sie das?
Nur 70 Kilometer von uns entfernt steht ein bekanntes Denkmal, das drei Schwestern symbolisiert: Russland, Belarus und die Ukraine. Dort stoßen unsere Grenzen zusammen. Hier in Tschernihiw haben wir viele gemischte Familien, in denen ein Teil Ukrainer ist, ein anderer Russe oder aus Belarus. Meine Frau ist Russin. Aber die Wut der Menschen hier auf Russland ist jetzt sehr groß. Und zwar unabhängig davon, ob man selbst russischer oder ukrainischer Herkunft ist. Es wird nach diesem Krieg viele, viele Jahre brauchen, um die alten, guten Verbindungen wieder herzustellen.   

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