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Tatort Berlin – Fall Ryan
© Gestaltung: Tagesspiegel/ Katrin Schuber | Foto: Sebastian Leber

Berliner Vermisstenfall Ryan: „Die Erfahrung hat mein Vertrauen in die Polizei erschüttert“

Ende 2021 verschwindet Ryan M. spurlos, sein Umfeld organisiert eine Suchaktion. Ein enger Freund von Ryan macht den Ermittlern nun erhebliche Vorwürfe.

Von Sebastian Leber

Kurz vor Weihnachten verschwindet der 39-jährige Berliner Ryan M. spurlos. Seine Verwandten und Freunde sind besorgt und organisieren eine großangelegte Suchaktion: Sie kleben 3000 Zettel mit dem Foto des Vermissten und der Bitte um Hinweise an Laternenmasten, Häuserwände und Stromkästen - und können die letzten Stunden von Ryan vor seinem Verschwinden rekonstruieren. In der zwölften Folge des Tagesspiegel-Podcasts „Tatort Berlin“ beschreibt Ryans enger Freund Marcus, wie die Suchenden auf ein Dickicht von Ungereimtheiten und Lügen stießen und trotzdem schrittweise der Wahrheit näher kamen.

Marcus, Sie haben einen riesigen Aufwand betrieben, um Ihren verschwundenen Freund Ryan zu finden. Warum haben Sie nicht einfach die Polizei ermitteln lassen?
Selbstverständlich haben wir uns im Januar zunächst an die Polizei gewandt und eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Die zuständige Dienststelle hat aber nichts unternommen. Die Beamten gingen davon aus, dass Ryan schon wieder von alleine auftauchen würde. Sie sagten auch, Menschen hätten ein „Recht auf Verschwinden“.

Das haben sie tatsächlich. Jeder Erwachsene darf abtauchen, Kontakte zu seiner Familie abbrechen und sich anderswo ein neues Leben aufbauen. Die Polizei darf nur ermitteln, wenn sie den Verdacht hat, dass eine Straftat passiert sein könnte.
Und genau dafür gab es reihenweise Anzeichen.

Ich frage mich, warum ihm nicht geholfen wurde. Unterlassene Hilfeleistung wäre ja ebenfalls eine schwere Straftat.

Marcus, Freund des verschwundenen Ryan

Zum Beispiel?
Ryan war weder depressiv noch hatte er Streit. Er hatte auch nie angedeutet, dass er sich absetzen wollte. Er besaß ja nicht einmal einen gültigen Reisepass. Sowohl sein Handy als auch seine Kreditkarte wurden das letzte Mal am 20. Dezember 2021 benutzt, seitdem nie wieder.

Durch einen gemeinsamen Bekannten erfuhren Sie, dass Ryan die Nacht vor seinem Verschwinden auf einer WG-Party in der Rigaer Straße verbrachte.
In der Nähe hat sich auch das Handy zum letzten Mal in die Funkzelle eingeloggt. In dieser WG lebt ein szenebekannter Partyveranstalter. Dort wird exzessiv gefeiert. Aber wir wissen, dass Ryan mit einem Bekannten am nächsten Vormittag weiterzog - und zwar in die Rummelsburger Bucht.

Dort leben Menschen auf Booten und selbstgebauten Flößen - wie eine Wagenburg auf dem Wasser. Zusammen mit Ryans Cousine Micki haben sich vor Ort umgesehen und Bewohner befragt. Wie war das?
Man trifft da auf Aussteiger, Künstlertypen, Alternative - aber auch auf schwere Alkoholiker und Menschen, die schon wegen Totschlags im Gefängnis saßen. Ich würde sagen, es sind Grenzgänger. Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Und tatsächlich haben wir mehrere Zeugen ausfindig machen können, die Ryan und seinen Bekannten an diesem Tag gesehen haben.

Im Podcast nennen wir diesen Bekannten Simon. Die beiden haben zuerst mit einer kleinen Gruppe unter Deck eines Bootes gesessen, dann mutmaßlich Streit gehabt. Jedenfalls sind sie weiter auf eine sogenannte Insel gepaddelt - so bezeichnen die Bucht-Bewohner das Gebilde von mehreren aneinander geketteten Booten.
Und einige Minuten später beobachteten Zeugen Simon dabei, wie dieser alleine auf der Insel herumtobt und um Hilfe schreit. Er brüllt wie ein Affe und gibt andere seltsame Laute von sich. Von Ryan fehlt zu diesem Zeitpunkt bereits jede Spur... Als wir diese Zeugenaussagen erhielten, haben wir die neuen Informationen natürlich auch wieder direkt an die Polizei weitergeleitet. Aber die ging immer noch davon aus, dass für Ryan keine Gefahr für Leib und Leben bestehe.

Das änderte sich schlagartig, als der Tagesspiegel und der rbb über den Fall berichteten, korrekt?
Es ist traurig, dass es erst Presseberichte brauchte, bis die Ermittler ernsthaft loslegten. Diese Erfahrung hat mein Vertrauen in die Polizei nachhaltig erschüttert - von wegen “Freund und Helfer”. Und die Kripobeamten, die jetzt endlich übernahmen, waren selbst verwundert, dass wir bereits so viel recherchiert hatten und dass der Fall intern so spät zu ihnen weitergeleitet wurde.

Durch Ihre Gespräche mit Zeugen fanden Sie heraus, dass es bereits am 20. Dezember, dem Tag von Ryans Verschwinden, einen Polizeieinsatz in der Bucht gab...
... zu dem allerdings keiner der beteiligten Beamten hinterher ein Einsatzprotokoll geschrieben hat. Und zwar verständigte ein Anwohner damals den Notruf, weil er sich um den tobenden, brüllenden Simon auf der Insel sorgte. Die fünf herbeigerufenen Polizisten baten am Ufer einen der Buchtbewohner, sie mit seinem Motorboot dorthin zu bringen, was der auch bereitwillig tat. Allerdings trauten sich die Polizisten dann doch nicht auf die Insel. Angeblich aus Gründen der “Eigensicherung”. Das finde ich
irritierend, ich selbst bin bei meiner Suche ja später auf dieser Insel gewesen, das ging problemlos. Die Polizisten baten dann jedenfalls einen anderen Buchtbewohner, dort hinzufahren, Simon einzusammeln und ans Ufer zu bringen. Der ist weggelaufen, sobald er an Land kam - während die Beamten noch auf ihrem Boot hockten.

Es hatten ja mindestens sechs Menschen mitbekommen, dass Ryan mit Simon zu dieser Insel gepaddelt ist, dass da also eigentlich noch eine zweite Person sein müsste. Hat denn niemand die Beamten darauf hingewiesen?
Nein, und das ist einer der Punkte, die mir komplett unbegreiflich sind. Ich weiß auch nicht, weshalb Simon in den folgenden Wochen nicht nach Ryan gesucht hat. Oder warum er nicht wenigstens eine Vermisstenanzeige aufgab. Stattdessen hat er Berlin verlassen und ist nach Süddeutschland gereist.

Zu dieser „Insel“ paddelten die beiden.  
Zu dieser „Insel“ paddelten die beiden.  
© Gestaltung: Tagesspiegel/ Katrin Schuber | Foto: privat

Wie viele Menschen haben sich auf Ihre Zettel hin gemeldet?
Es waren dutzende. Einige behaupteten, sie hätten Ryan in anderen Stadtteilen gesichtet. Das gab uns die Hoffnung, dass er es irgendwie von dieser Insel in der Bucht herunter geschafft haben könnte, jetzt durch Berlin irrte und sich - aus welchem Grund auch immer - nicht bei uns meldete. Jemand wollte ihn am Kurfürstendamm gesehen haben, ein anderer in Zehlendorf, ein dritter in Dahlem. Leider gab es auch Anrufer, die sich einen Spaß daraus machten, uns mit erfundenen Sichtungen auf eine falsche Fährte zu locken. Außerdem hat sich ein Hellseher gemeldet. Der meinte ebenfalls, genau zu wissen, wo Ryan steckt. Das war natürlich auch Unsinn.

Wie haben Sie die Wochen des Hoffens und Bangens verkraftet?
Das war eine quälende Zeit. Die Ungewissheit macht einen fertig. Durch unsere Suche habe ich inzwischen Menschen kennengelernt, die schon sehr viel länger auf ein Lebenszeichen einer verschwundenen, ihnen nahestehenden Person warten. Ich weiß nicht, ob ich das aushalten könnte.


Schließlich wurde Ryans Leiche im Wasser der Rummelsburger Bucht von einem Bootsbewohner gefunden. Laut Obduktion ist er nach einem Krampf ertrunken. Die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt, geht nicht von Fremdverschulden aus. Nun muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob die Akte geschlossen wird.
Dabei sind so viele Fragen offen. Es gibt Ungereimtheiten, Widersprüche, auch offensichtliche Falschaussagen von Zeugen. Andere Zeugen sind bis heute noch gar nicht von der Polizei befragt worden.

Einige dieser Ungereimtheiten besprechen wir im Podcast. Was erwarten Sie vom Rechtsstaat?
Die Ermittler haben keine Erkenntnisse darüber, wie Ryan ins Wasser gefallen ist. Ob er gestolpert ist, ob er gestoßen wurde. Ich frage mich, warum ihm nicht geholfen wurde. Unterlassene Hilfeleistung wäre ja ebenfalls eine schwere Straftat. Das sind alles Fragen, auf die Ryans Verwandte und Freunde Antworten verdienen. Auch um dann innerlich abschließen zu können. Es wäre skandalös, wenn dieser Fall jetzt einfach zu den Akten gelegt würde.

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