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© IMAGO/ZUMA Wire

Geflüchtet – und in die Ukraine zurückgekehrt: „An den Checkpoints war es beängstigend“

Hunderttausende Ukrainer:innen sind nach der Flucht inzwischen in ihre Heimat zurückgereist. Zwei von ihnen sprechen über ihre Erlebnisse – und ihre Erfahrungen in Deutschland.

Von
  • Maria Kotsev
  • Sebastian Leber

Als sich der Reisebus am frühen Abend nach 25 Stunden Fahrt auf der Schnellstraße aus Richtung Westen kommend Kiew nähert, sieht Iryna Medvedieva durchs Fenster die ersten kaputten Gebäude. Sie habe in diesem Moment wenig gespürt, wird sie später sagen. Sie blickt auf stark beschädigte Hochhäuser, eine verwüstete Tankstelle, abgebrannte Fabrikhallen. Die Zerstörungen wirkten wie Überbleibsel aus einer anderen Zeit, sagt sie. „Als ob du ein Freiluftmuseum besuchst und von alten Geschichten erfährst – mit dem Unterschied, dass dies alles in Wahrheit eben erst passiert ist. Und zwar meinen Landsleuten und mir.“

Rund drei Monate war Iryna Medvedieva fort, zwei davon hat sie als Geflüchtete in Deutschland verbracht. Jetzt, glaubt sie, sei der Zeitpunkt gekommen, zurückzukehren und ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Zurück zu ihren Eltern, ihrem Freund. Zurück in die Stadt, in der sie ihre bisherigen 21 Lebensjahre verbracht hat.

Iryna Medvedieva nach ihrer Rückkehr in Kiew.
© Sebastian Leber

Wie Iryna Medvedieva geht es dieser Tage vielen. Als die russische Armee Ende Februar und Anfang März auf die ukrainische Hauptstadt vorrückte, floh die Mehrheit ihrer 3,5 Millionen Einwohner vor deren Bomben und Raketen. Zwischenzeitlich, so beziffern es offizielle Quellen, hatten zwei von drei Kiewern die Stadt verlassen. Nun, da der Angriff zurückgeschlagen wurde, füllt sich die Metropole allmählich wieder.

Vitali Klitschko rät Rückkehrwilligen dazu, noch abzuwarten

Die Einwohnerzahl sei inzwischen wieder auf rund 2,5 Millionen Menschen angewachsen, heißt es aus der Stadtverwaltung. Zwar rät Bürgermeister Vitali Klitschko offiziell dazu, noch abzuwarten und in Sicherheit zu bleiben, sofern man die Möglichkeit hat. Er sagt aber auch, dass er den Menschen die Rückkehr nicht verbieten könne. Schätzungen zufolge sind mehr als eine Million vorübergehend ins Ausland Geflüchtete in den vergangenen Wochen wieder in die Ukraine zurückgegangen.

Der Bus, den Iryna Medvedieva am Abend zuvor 1200 Kilometer weiter westlich am Zentralen Busbahnhof in Berlin-Charlottenburg besteigt, ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Mit Frauen, Kindern und einigen alten Männern. Zwei kleine Hunde sind auch dabei, sie fahren auf dem Schoß ihrer Menschen mit. Die Luft ist schnell stickig, hinten hustet ein Kleinkind. Der Bus durchquert Polen, stoppt zwischendurch kurz für Raucher- und Toilettenpausen. Iryna Medvedieva findet keinen Schlaf.

Als sie die Grenze passieren, kommen ihr die Tränen

Frühmorgens erreicht die Reisegruppe die ukrainische Grenze. Maryna Demitor, Medvedievas Sitznachbarin, kommen die Tränen, als sich nahe dem Dorf Medyka der Schlagbaum hebt. Die meisten Passagiere werden später bei Zwischenhalten im westlichen Landesteil aussteigen, nur zwölf wollen durchfahren bis nach Kiew.

Eine Straßenszene in Kiew aus dem Mai.
© REUTERS

Ihre zwei Monate in Deutschland hat Iryna Medvedieva in Nürnberg verbracht. Dort hat sie Verwandte, die sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte, wie sie sagt. Sie habe immer vorgehabt, diese einmal zu besuchen. Aber doch nicht unter solchen Umständen.

Als sie am 26. Februar, dem dritten Tag des Kriegs, Kiew verließ, war sie in Panik. Sie hatte keine Ahnung, dass sie wenig später auch das Land verlassen würde – und schon gar nicht, für wie lange sie fortbleiben würde. Nur raus aus der Stadt, das war ihr Gedanke. Sie packte lediglich einen kleinen, pinken Rollkoffer mit dem Nötigsten. Ihren Laptop, ihre Bücher, das Make-up, die meisten Klamotten ließ sie zurück.

Ständig hatte sie Angst um ihren Freund

Während ihrer Zeit in Deutschland, erzählt Medvedieva, habe sie ständig in Angst um ihren Freund gelebt. Der sei zwar nicht beim Militär, durfte aber wie alle Männer im wehrfähigen Alter das Land nicht verlassen. Deshalb sei er gemeinsam mit Freunden aufs Land gegangen. Irgendwo ins Nirgendwo, dahin, so der Plan, wo ganz sicher nicht gekämpft werden würde. Doch es kam anders.

Die Gruppe wählte ausgerechnet ein Dorf nahe der Kleinstadt Makariw westlich von Kiew als Refugium. Eine Gegend, in der gerade in den ersten Kriegswochen mitunter die schwersten Gefechte stattfanden. Ihr Freund hatte versprochen, sich jeden Morgen und jeden Abend bei ihr zu melden, sagt Medvedieva. Zu schreiben, dass es ihm gut geht. Es habe sie fertiggemacht, erinnert sie sich, wenn er morgens mal länger geschlafen habe und das Handy stumm blieb.

Am Berliner Hauptbahnhof ist für Flüchtlinge aus der Ukraine inzwischen eine Hilfseinrichtung aufgebaut worden.
© dpa

Iryna Medvedieva sagt, sie habe in Deutschland einen Kulturschock erlebt – einen „größeren, als ich es mir vorgestellt hatte“. Die Sprachbarriere habe sie angestrengt. Medvedieva spricht gutes Englisch, aber in Nürnberg merkt sie schnell, dass das bei vielen in der bayerischen Großstadt anders ist. Sie wundert sich darüber, dass die Deutschen einfach über rote Ampeln laufen. Dass am Sonntag die Geschäfte geschlossen bleiben, sogar die Arztpraxen. Und dass die Deutschen keine Kontaktlinsen kennen, die man nachts trägt, damit man tagsüber keine braucht.

In Lwiw fand sie keine Wohnung, also floh sie weiter

Auch erstaunt es sie, wie anders das Essen in Deutschland schmeckt. „Sogar das Sushi“, sagt Medvedieva. Das sei ihre Lieblingsspeise, jedenfalls in der Ukraine. „Ich glaube, ich weiß, woran es liegt.“ In Deutschland sei das Sushi authentischer, weil es hier oft von Japanern zubereitet werde. In ihrer Heimat werde es von Ukrainern gemacht, mit ukrainischen Zutaten, daran sei sie nun einmal gewöhnt. Sie muss über sich selbst lachen.

Zuerst hatte Medvedieva sich davor gesträubt, ins Ausland zu flüchten. Sie wollte lieber nach Lwiw, der Großstadt im Westen der Ukraine nahe der polnischen Grenze. Sie versuchte, dort eine Bleibe zu finden. Aber weil Hunderttausende andere Ukrainer die gleiche Idee hatten, war die Stadt völlig überlaufen, erzählt sie. Sie fand keine Wohnung. Also floh sie weiter gen Westen.

Eine Mitfahrerin hinten im Bus erzählt, dass unter ukrainischen Flüchtlingen das Bundesland Sachsen sehr beliebt sei. Denn es habe sich in den ersten Kriegswochen rasch herumgesprochen, dass Berlin überfüllt sei und kaum weitere Flüchtlinge aufnehme. Leipzig und Dresden seien die nächstbesten Alternativen gewesen. Vor allem, weil Sachsen so nah an Polen liege.

Eine, die das Glück hatte, in Berlin unterzukommen, ist Victoria Antoniuk. Sie ist bereits im April in die Ukraine zurückgekehrt. Am Telefon sagt die 25-Jährige, es sei für sie schwer gewesen, als Einzige aus ihrer Familie im Ausland zu sein. Ihre Eltern, ihre Schwester und die kleine Nichte seien in der Region Winnyzja in der Zentralukraine geblieben.

Dorthin sei sie jetzt auch wieder gefahren. Schließlich sei es dort derzeit sicher, könne ihre Schwester Hilfe mit ihrer zehn Monate alten Tochter gut gebrauchen. Sie sei aber auch wieder zurück in die Ukraine gegangen, sagt sie, weil sie der Meinung war, dass Menschen aus der Ostukraine, aus Cherson oder Mariupol, einen Platz in Berlin gerade viel dringender brauchten, als sie es tut.

Victoria Antoniuk auf einem Schnappschuss aus Berlin.
© Victoria Antoniuk

Während ihrer Zeit in Berlin lebte Victoria Antoniuk bei einer Familie in Friedrichshain, in der Nähe des U-Bahnhofs Samariterstraße. Dies sei perfekt gewesen, sagt sie, denn so konnte sie immer mit der U5 zum Hauptbahnhof durchfahren. Sie verspürte den Drang, anderen Geflüchteten zu helfen. Also meldete sie sich als Freiwillige im Ankunftszentrum am Hauptbahnhof, arbeitete als Kinderbetreuerin. Gleichzeitig konnte sie in Berlin ihrem eigentlichen Beruf nachgehen, als Community-Managerin benötigte sie dafür nur einen Laptop.

Sie fühlte sich kraftlos und alleine

Über die sozialen Netzwerke informierte sich Antoniuk in dieser Zeit über den Kriegsverlauf. So erfuhr sie auch von den vielen ermordeten Zivilisten in Butscha – und bekam mit, wie am selben Tag in ihrem Exil Berlin ein prorussischer Autokorso durch die Straßen zog. „Danach war meine Seele zerstört“, sagt sie. Wenig später schickte ihr ein befreundetes Pärchen, das in einem der angegriffenen Vororte Kiews lebt, ein Foto von einem Teddybären, in dem russische Soldaten einen Sprengkörper versteckt haben sollen. „Ich habe mich in Berlin so kraftlos und allein gefühlt“, sagt Antoniuk. „In dieser Zeit war meine Familie besorgter um mich als ich um sie.“

Eine Szene vom Berliner Hauptbahnhof, wo vor allem in den ersten Kriegswochen zahlreiche Bewohner:innen der Stadt Geflüchteten private Unterkünfte anboten.
© IMAGO/Stefan Trappe

Bei ihrer Arbeit am Hauptbahnhof lernte sie auch Flüchtlinge aus Mariupol kennen. Menschen, die unter Beschuss aus der damals belagerten Stadt geflohen waren. Das bestärkte Victoria Antoniuk in ihrer Überzeugung, dass diese Menschen dringender im Ausland in Sicherheit gebracht werden müssten. Und sich ehrenamtlich engagieren, das könne sie schließlich auch in der Ukraine. Sie kehrte nicht mit dem Bus zurück in ihre Heimat, sondern fuhr mit dem Nachtzug bis zur polnisch-ukrainischen Grenze. Dort holte sie ein Freund mit dem Auto ab.

Sie hatte Glück, sie kannte die Grenzsoldaten

Etliche Male mussten sie unterwegs an Kontrollpunkten anhalten. „Einmal blieb unser Auto im Matsch stecken“, sagt sie. Nachdem sie das Auto mit großer Mühe herauszerren konnten, war bereits die Sperrstunde angebrochen, die es Zivilisten im Krieg verbietet, nachts unterwegs zu sein. „An den Checkpoints war das ganz schön beängstigend, wenn dich bewaffnete Soldaten fragen, warum du um diese Uhrzeit unterwegs bist“, sagt Antoniuk. Sie habe noch Glück gehabt, da sie in der Nähe von Winnyzja viele Leute kenne, auch die Grenzsoldaten.

Diese Szene wurde Anfang Mai in der Region Winnyzja aufgenommen.
© IMAGO/Ukrinform

Pünktlich zum orthodoxen Osterfest war Antoniuk wieder bei ihrer Familie in Winnyzja. Dort machte sie ihr Vorhaben wahr und engagierte sich weiter. Zusammen mit einem Netzwerk von Freiwilligen mit Sitz in der Ukraine und in Berlin versucht sie heute, Medizin, Lebensmittel und Schutzausrüstung zu organisieren und in die Kampfgebiete im Osten des Landes zu schicken. Die größte Herausforderung sei, sagt sie, Menschen zu finden, die spendeten, um all das auch zu bezahlen. Ihre Kontakte, die sie als Freiwillige in Berlin geknüpft hat, helfen ihr dabei. Sie sagt: „Wenn wir den Krieg gewonnen haben, werde ich alle Freiwilligen aus Berlin zu einer großen Party zu mir nach Hause einladen.“

Der Notfall-Rucksack bleibt gepackt

Die Region Winnyzja, in der Antoniuk nun wieder mit ihrer Familie lebt, liegt rund 100 Kilometer von der Grenze zu Transnistrien entfernt. Die von Russland unterstützte Separatistenregion im Nordosten der Republik Moldau könnte in den Krieg hineingezogen werden, das ist ihre Sorge – und auch die der internationalen Gemeinschaft. Denn ein erklärtes Ziel Russlands im Ukraine-Krieg ist es, einen Landkorridor von der annektierten Krim bis nach Transnistrien zu schaffen, wo seit den 1990er Jahren russische Truppen stationiert sind.

Für diesen Fall hat Victoria Antoniuk bereits einen Notfall-Rucksack mit dem Nötigsten gepackt. Ausweispapiere, Schmerztabletten, Kleidung, Snacks, eine Powerbank. Sie würde sofort wieder fliehen, sobald die feindlichen Truppen sich auf Winnyzja zubewegten, sagt sie.

Iryna Medvedieva, die Passagierin im Bus von Berlin nach Kiew, hat sich vor der Heimreise Gedanken gemacht, ob der Zeitpunkt zu früh sein könnte – und die Fahrt zu riskant. Ob der Bus mit Raketen beschossen werden könnte. Ob sie die Fahrt am Ende nicht überleben würde. Jetzt, da der Bus sich auf ukrainischem Gebiet befindet, seien diese Gedanken verschwunden, sagt sie. Es bleibe nur die Vorfreude. Auf ihr Zuhause, darauf, ihren Freund wiederzusehen.

Wiedersehensfreude am Bahnhof von Charkiw.
© IMAGO/ZUMA Wire

Drei Tage später sitzt Medvedieva in einem holzvertäfelten Restaurant in der Innenstadt Kiews vor einem Teller Salat. Sie sagt, sie habe dieses Essen vermisst. Gleich am ersten Abend habe ihr Freund Hirsegraupen für sie gekocht, dazu Pilze und gebratene Zwiebeln, auch dies sei für sie Heimat. Danach habe sie elf Stunden geschlafen, wegen der stressigen Reise, und am nächsten Tag hätten sie gemeinsam ihren Geburtstag nachgefeiert.

Weitaus dramatischer als ihre eigene Ankunft in Kiew sei die von Maryna Demitor, ihrer Sitznachbarin aus dem Bus, verlaufen. Die beiden hätten sich während der Reise angefreundet und versprochen, in Kontakt zu bleiben. Demitor, erzählt Medvedieva, habe ihren Mann zu Hause überraschen wollen und sich deshalb in die gemeinsame Wohnung geschlichen, um dort auf ihn zu warten. Die Überraschung klappte. Doch im Nachhinein sei Maryna Demitor froh, dass ihr Mann sie nicht für einen Einbrecher gehalten habe. Er besitze nämlich eine Pistole. Als der Krieg ausbrach, habe er sich auch noch eine Schrotflinte bestellt. Wegen der großen Nachfrage sei die aber noch nicht geliefert worden.

Iryna Medvedieva sagt, sie selbst sei unendlich froh, dass sie sich zur Rückkehr entschieden habe. Sie genieße es, ohne Ziel durch Kiew zu spazieren. Und ihr sei klar, dass sie hier nicht mehr wegwolle, schon gar nicht ohne ihren Freund. Sie gehe jetzt übrigens über rote Ampeln, sagt sie, wie eine echte Deutsche. „Ich bin nicht sicher, ob ich mir das wieder abgewöhnen kann.“

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