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Eine Frau macht in Kiew ein Selfie an einer Panzersperre.
© Viacheslav Ratynskyi/Reuters

„Hier entsteht etwas Neues“: Unterwegs in Kiew, einer Stadt auf der Suche nach der Normalität

Stand-up-Comedy, Touristen, Fahrscheinkontrolle – das Leben kehrt zurück nach Kiew. Und aus dem Trauma des russischen Angriffs formt sich ein neuer Patriotismus.

Von Sebastian Leber

Anton Tymoshenko steht auf einer kleinen Bühne vor den blau angestrahlten Vorhängen und erzählt Witze. Zum Beispiel den hier: Neulich sei sein Vermieter auf ihn zugekommen und habe gesagt, das Leben müsse nun doch irgendwie weitergehen. Was er meinte, war, dass Tymoshenko endlich wieder seine Miete bezahlen soll. Doch zum Glück sei dann zwei Tage später in der Umgebung seiner Wohnung eine Rakete eingeschlagen. Tymoshenko freut sich: „Das müsste doch eigentlich ein Grund für eine Mietminderung sein, oder nicht?“

Etwa 100 Menschen sind an diesem Samstag zum Comedy-Abend in den Keller eines Hinterhof-Kulturzentrums in der Kiewer Innenstadt gekommen. Es wird Bier getrunken und viel gelacht. Die Veranstaltung wird früh enden, weil bis 22 Uhr alle zu Hause sein müssen, dann beginnt die nächtliche Ausgangssperre.

Zurück zur Normalität. In Kiew sind seit einigen Wochen die U-Bahnen wieder fast so voll wie vor der russischen Invasion.
Zurück zur Normalität. In Kiew sind seit einigen Wochen die U-Bahnen wieder fast so voll wie vor der russischen Invasion.
© Viacheslav Ratynskyi/Reuters

Es werden Witze über Russen erzählt, die mit „War and Travel“-Visa durch Europa reisen wollen. Auch darüber, wie unfassbar stressig der Job des ukrainischen Präsidenten sei, besonders im Vergleich zu dem seines deutschen Amtskollegen – dieser müsse ja offenbar überhaupt nichts tun, außer vor Putin zu buckeln.

Tymoshenko sagt, er werde oft gefragt, wie bei seinem Publikum in diesen düsteren Zeiten Witze über den Krieg ankämen. Das lasse sich leicht beantworten: Alles, was nicht nach Bombeneinschlag klinge, komme positiv an.

Die Front ist 400 Kilometer entfernt

Der Abend im Kulturzentrum wirkt wie ein Versuch, zur Normalität zurückzukehren. Davon kann man in Kiew jetzt viele beobachten. Seit sich die russischen Truppen vor anderthalb Monaten aus der Region zurückgezogen haben, sind Hunderttausende Bewohner nach Kiew zurückgekehrt. Inzwischen wird die Einwohnerzahl der Hauptstadt wieder auf 2,2 Millionen geschätzt, vor dem Krieg waren es 3,5 Millionen. Restaurants, Geschäfte und Kinos haben wieder geöffnet. Seit dieser Woche müssen für Fahrten mit Bus und U-Bahn wieder Fahrscheine gekauft werden. Das Geld werde dringend benötigt, um die Gehälter der Beschäftigten zu bezahlen, verkündete die Stadtverwaltung.

Die Front liegt inzwischen fast 400 Kilometer entfernt im Osten des Landes. Dennoch ertönen in Kiew mehrfach am Tag die Sirenen des Luftalarms. In der Innenstadt gibt es noch zahlreiche Straßensperren, besonders in der Umgebung der Regierungsgebäude. Schwer bewaffnete Soldaten lassen dort nur die Anwohner durch. Die Denkmäler der Stadt bleiben bis auf Weiteres komplett mit Sandsäcken bedeckt, um sie vor möglichen Bombensplittern zu schützen.

In Grünanlagen entlang zentraler Straßen findet man ausgehobene Schützengräben, und an etlichen Kreuzungen liegen rostige, miteinander verschweißte Stahlträger am Wegesrand – sogenannte „Tschechenigel“, also Panzersperren, die jederzeit zurück auf die Straße verschoben werden könnten, sollte der Feind doch noch einmal versuchen, in die ukrainische Hauptstadt einzudringen.

An Witze über den Krieg taste ich mich noch heran.

Anton Tymoshenko, Comedian aus Kiew

Um sich vor möglichen Einschlägen von Bomben und Raketen zu schützen, hat Anton Tymoshenko, der Comedian aus dem Kulturzentrum, zu Beginn des Krieges mehrere Wochen im Keller einer Shisha-Bar verbracht. Gemeinsam mit mehr als 20 Freunden und Bekannten, sagt er. Zum Glück habe es genug gemütliche Sofas für alle gegeben. Als Freiwilliger fuhr er Lebensmittel an Bedürftige aus, half Waffen und Munition zu beschaffen. An anderen Tagen habe er lediglich versucht, nicht durchzudrehen.

Blau und Gelb überall

Inzwischen ist Tymoshenko in seine Wohnung zurückgekehrt. Es ist sehr schwer, die richtige Tonlage zu treffen, um jetzt Witze über den Krieg zu erzählen, sagt er. Kann man etwa behaupten, dass die Sirenen draußen zwar angsteinflößend sind, aber nicht so angsteinflößend wie das Schnarchen des Nebenmanns in der Shisha-Bar? „Ich taste mich da noch heran“, sagt Tymoshenko.

Wer tagsüber durch Kiew schlendert, dem wird früher oder später die dominante Farbkombination Blau-Gelb auffallen. Man findet sie auf Flaggen, Wimpeln, Transparenten, auf Handtaschen, Haarkränzen und Hundehalsbändern. Die Zuckerwatte, die der Händler am Straßenrand zubereitet, ist ebenfalls blau-gelb. Auf den Tischen der Trödler in der belebten Gasse Andreassteig, die hoch zur berühmten St.-Andreas-Kirche führt, werden reihenweise Souvenirs verkauft, auf denen sich der Patriotismus der Ukrainer deutlich materialisiert.

Farben der Stadt. Blau und Gelb, die Nationalfarben der Ukraine, sind in ganz Kiew zu sehen.
Farben der Stadt. Blau und Gelb, die Nationalfarben der Ukraine, sind in ganz Kiew zu sehen.
© Efrem Lukatsky/dpa

Da sind die T-Shirts und Kaffeetassen mit dem Slogan „Russian warship, go fuck yourself“ – der Sprichwort gewordenen Antwort des ukrainischen Soldaten auf der Schlangeninsel, nachdem der Feind seine Einheit zum Aufgeben aufgefordert hatte. Da sind aber auch Motive mit grimmig dreinblickenden Kriegern, unterlegt mit martialischen Sprüchen wie „Sklaven kommen nicht in den Himmel“.

Leere als Zeichen zerstörter Beziehungen zu Russland

Anderthalb Kilometer weiter südöstlich, auf einer Anhöhe im Stadtbezirk Schewtschenko, zieht ein verwaister Betonsockel das Interesse der Passanten auf sich. Bis vor Kurzem standen hier noch zwei meterhohe Bronzefiguren: Arbeiter, die mit ihren ausgestreckten Armen gemeinsam eine Medaille in die Höhe hielten. Die Figuren symbolisierten die Freundschaft zwischen Russland und der Ukraine. Ende April ist die Skulptur auf Geheiß der Stadtverwaltung abgerissen worden.

Seitdem hat sich der leere Sockel aus Beton zu einem beliebten Fotomotiv und regelrechten Pilgerort entwickelt. Die gähnende Leere auf dem Sockel gilt als Zeichen der zerstörten Beziehungen beider Länder – und des Widerstands gegen den russischen Aggressor. Auf der Südseite des Sockels hat jemand einen Trauerkranz in den Farben der russischen Flagge aufgestellt. „Ruhe in Frieden, Freundschaft mit Russland“, steht auf dem Trauerbändchen. Unterzeichnet mit „Vom rebellischen und unzerbrechlichen Volk der Ukraine“. Die meisten Besucher, die das lesen, grinsen. Manche lachen laut.

Über den Platz mit dem Betonsockel spannt sich ein 60 Meter langer Bogen aus Titan. Auch dieses Kunstwerk war Ausdruck der Freundschaft mit Russland, nun soll es angestrichen werden, natürlich blau-gelb. Außerdem heißt es ab sofort nicht mehr „Bogen der Völkerfreundschaft“, sondern „Freiheitsbogen des ukrainischen Volkes“. Insgesamt hat der Stadtrat von Kiew eine Liste mit 40 Denkmälern erstellt, die in den kommenden Tagen abgerissen werden sollen. Auch über die Umbenennung zahlreicher Straßen wird diskutiert. Eine Expertengruppe soll neue Namen finden, die auch in 20 Jahren noch passend erscheinen.

In Podil, dem Ausgehviertel Kiews, sind mittlerweile die ersten Touristen zurückgekehrt. Die Angestellte des örtlichen Dream Hostels erklärt, dies habe bereits zu Konflikten geführt, weil sich feierwütige Übernachtungsgäste nicht an die abendliche Ausgangssperre hielten und noch nach 22 Uhr angetrunken durch die Straßen zogen. Patrouillierende Soldaten hätten sie wiederholt aufgegriffen und zu Kniebeugen gezwungen. Um Ärger zu vermeiden, schließt das Hostel abends jetzt schon eine halbe Stunde vor Sperrstundenbeginn seinen Haupteingang zu. Seitdem ist Ruhe.

Kriegszeichen. Viele Denkmäler in Kiew sind weiterhin in Sandsäcke gehüllt.
Kriegszeichen. Viele Denkmäler in Kiew sind weiterhin in Sandsäcke gehüllt.
© Sebastian Leber/TSP

Zwei Ecken weiter befindet sich die Kneipe „Blumenmafia“. Mit ihren Vintage-Möbeln, dem Lametta an der Wand, den ausrangierten Wählscheibentelefonen als Deko und dem 80er-Jahre-Pop aus den Boxen könnte sie auch in Berlin-Neukölln stehen. Am frühen Abend stoßen hier eine Handvoll junger Menschen mit Aperol an. Eine von ihnen ist Alina Marchuk, 32. Sie sagt, sie sei bei Kriegsbeginn Ende Februar zunächst aufs Land geflüchtet, 200 Kilometer südwestlich in die Nähe eines Dorfs, in die Datscha ihrer Eltern. Dort fühlte sie sich sicher. Vor einem Monat ist Marchuk nach Kiew zurückgekehrt, und jetzt werde sie diese Stadt unter gar keinen Umständen mehr verlassen, komme, was wolle. Zumindest fühle sie das heute so, sagt sie dann noch.

Es entsteht etwas Neues hier.

Alina Marchuk, 32, aus Kiew

Bei allem Leid, das über ihre Heimat gekommen sei, erkenne sie aber auch Gutes: „Es entsteht etwas Neues hier.“ Vielleicht werde man diesen Krieg im Rückblick als eigentliche Formung der Ukraine begreifen. Als Geburt quasi.

Sie sprach stets Russisch. Jetzt nicht mehr

In den Nullerjahren zum Beispiel habe sie sowohl zu Hause mit ihren Eltern als auch mit ihren Freunden ausschließlich russisch gesprochen. Ukrainisch sei damals die Sprache der Bauern gewesen, sagt sie. Wirklich nichts, womit man sich identifizieren wollte. Das habe sich komplett gewandelt, und fast müsste man Wladimir Putin dafür danken. Wäre er nicht dieses Monster, wie sie sagt.

Alina Marchuk sagt auch, dass sie inzwischen nicht mehr in den Bunker eile, sobald der Luftalarm ertöne. Sondern einfach normal weiterlebe. Nicht aus Mut, sondern aus Gewöhnung. Der junge Mann neben ihr sagt, er gebe sich Mühe, die Russen nicht in ihrer Gesamtheit zu hassen. Dass ihm das aber immer schwerer falle, je länger die Invasion andauere. Er werde auch nie wieder Pelmeni essen, die russischen Teigtaschen, die er früher mochte. Nur noch Wareniki, die ukrainische Variante.

In einer abgedunkelten Halle, zehn Autominuten entfernt, stehen Dutzende Paare Stiefel nebeneinander auf dem Boden und formen einen riesigen Stern. Sie gehörten russischen Soldaten, die in Kiews nördlichen Vororten gefallen sind. Die Stiefel sind eines der Exponate einer neuen Ausstellung, die das Kiewer Kriegsmuseum soeben eröffnet hat. Eigentlich ist das Museum dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Diese Ausstellung über einen laufenden Krieg, eine Echtzeit-Ausstellung, sei ein Experiment, sagt der Museumsmitarbeiter Dmytro Hainetdinov, der bei der Erstellung der Ausstellung geholfen hat.

Noch Ende April richteten Explosionen durch russischen Beschuss in Kiew Schäden an. Hier am Lokal eines Spirituosenhändlers.
Noch Ende April richteten Explosionen durch russischen Beschuss in Kiew Schäden an. Hier am Lokal eines Spirituosenhändlers.
© Emilio Morenatti/dpa

Alle Exponate wurden in den Regionen im Norden der Ukraine gesammelt, nachdem sich die russischen Truppen Anfang April zurückgezogen hatten. Es sind übrig gebliebene Raketenhülsen, veraltete Stadtpläne Kiews, auf denen alle Polizei- und Metrostationen eingezeichnet sind und die den russischen Soldaten wohl bei der Erstürmung der Stadt helfen sollten. Und der Helm des russischen Hubschrauberpiloten Airat Safargaleyev. Seine Maschine wurde vom Himmel geholt, als die Russen am ersten Kriegstag versuchten, den Flughafen Hostomel einzunehmen und dann als Brückenkopf für ihren Angriff auf Kiew zu nutzen. Dass dieser Plan am Widerstand ukrainischer Kämpfer scheiterte, gilt als erstes wichtiges Ereignis, das zur erfolgreichen Verteidigung Kiews führte.

In einer Vitrine nebenan liegt ein Exemplar des Flyers, den der Feind an die Bevölkerung verteilen wollte. Dmytro Hainetdinov liest vor und übersetzt: „Liebe Brüder und Schwestern, wir haben immer friedlich zusammengelebt, mit unserer gemeinsamen Kultur und Geschichte. Seht euch an, was Ihr mit Eurem Land angestellt habt … Aus dem Industriegiganten der UdSSR wurde das ärmste Land Europas.“

Anschließend zählt der Flyer auf, dass in der Ukraine heute keine Raumfähren mehr ins All starten, keine großen Schiffe mehr gebaut werden, dass die Regierung unter Anleitung des Westens das eigene Volk ausgeplündert habe. Hainetdinov verzieht das Gesicht, dann liest er weiter: „Russland will keinen Krieg. Wir werden Eure Städte nicht angreifen und nicht bombardieren. Eure Leben werden sich nicht ändern.“ Alles, was man wolle, sei, die Neo-Nazis aus der ukrainischen Regierung zu verjagen.

Im oberen Stockwerk des Museums werden angerichtete Schäden gezeigt. Zum Beispiel das zersplitterte Schutzglas eines Gemäldes von Christus’ Kreuzigung, gefunden in einer Kirche der Kleinstadt Makariw, 20 Kilometer westlich von Kiew. Russische Truppen beschossen die Kirche mit Schrapnellen, das sind mit Metallkugeln gefüllte Granaten, erklärt Hainetdinov. Das Exponat gibt der gesamten Ausstellung seinen Namen: „Kreuzigung“. Der Titel klingt wie ein Versprechen. Auf den qualvollen, scheinbar sinnlosen Tod folgt die Auferstehung.

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