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© Muhamad Abdi; Montage: Tagesspiegel

Intensivpfleger Ricardo Lange trifft Olaf Scholz : „Bisschen was haben wir hingekriegt“ – „Bekommt man nicht so mit!“

Pfleger und Tagesspiegel-Kolumnist Ricardo Lange stellt vor der Bundestagswahl Politiker zur Rede. Welche Versprechen kann Olaf Scholz von der SPD ihm geben?

Von Barbara Nolte

Treffpunkt: Der Helmut-Schmidt-Saal im Willy-Brandt-Haus. Ein Konferenzraum in Form eines Tortenstücks, die Wände aus Glas. Davor steht eine Bronzebüste von Schmidt, natürlich rauchend. Aber warum hat der Künstler Rainer Fetting nur dem grauen Schmidt bunte Farbkleckse ins Gesicht gemalt?

Drinnen sitzt Ricardo Lange, 40, in einem ledernen Bürostuhl und wartet auf Olaf Scholz. „Scholz hat kürzlich gesagt, dass es mit ihm als Kanzler eine stabile und sichere Rente geben wird. Bin gespannt, wie er das machen will….”, sagt er vorfreudig.

Es ist sein zweites Gespräch in der Reihe, die er zusammen mit dem Tagesspiegel initiiert hat. Eigentlich ist Lange Intensivpfleger. Das letzte Jahr hat er auf Corona-Stationen verschiedener Berliner Krankenhäuser gearbeitet, denn er ist bei einer Leasingfirma angestellt. Lange hat mitgeholfen, Patienten an die Beatmung oder die Herz-Lungen-Maschine anzuschließen, und andere in Plastiksäcke verpackt, denen die Gerätemedizin nicht helfen konnte.

Ricardo Lange. sprach schon vor der Bundespressekonferenz und saß neben Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und RKI-Chef Lothar Wieler.
© Kay Nietfeld / dpa

Höchstwahrscheinlich hat er sich bei der Arbeit selbst infiziert, ziemlich zu Beginn der Pandemie war er lange krank. Doch damals waren Tests noch Mangelware. Nach diesem aufreibenden Jahr hat er Urlaub und sich vorgenommen, die systemischen Mängel, die ihm seine Arbeit noch schwerer machten, als sie ohnehin schon war, mit Spitzenpolitikern der Parteien zu debattieren.

Für die SPD hat sich der Kanzlerkandidat und amtierende Vize-Kanzler Olaf Scholz, 63, dazu bereit erklärt. Von draußen dringen jetzt Stimmen in den Helmut-Schmidt-Saal. Scholz’ Personenschützer nähern sich. Dann steht er selbst in der Tür. Blauer Sommeranzug, weißes Hemd mit geöffnetem obersten Knopf. Das Maximum an Lässigkeit, das im politischen Betrieb an einem Hochsommertag voller Sitzungen gestattet ist.

Scholz’ Personenschützer nähern sich

„So, Kaffee haben wir gekriegt?“, fragt Scholz. Schon ist er in seiner Lieblingsrolle: Der Mann, der sich um alles kümmert. Eine Drei-Viertel-Stunde hat er sich Zeit genommen. „Ist ja auch ein wichtiges Thema“, sagt Scholz. Fast flüsternd. Er unterhalte sich oft mit Betroffenen darüber. „Es ist schon so, dass ganz viele das Gefühl haben, es wird nur drüber geredet.“

„Aber ist ja auch so!“, wendet Lange ein.

„Na ja, ein bisschen was haben wir jetzt schon hingekriegt“, flüstert Scholz.

„Bekommt man vielleicht nicht so mit“, sagt Lange konziliant.

„Das, was wir zuletzt gemacht haben, wirkt ja erst zeitversetzt“, erklärt Scholz, während er sich in den Konferenzstuhl neben Lange setzt. Er legt seine Hände ineinander verschränkt in seinen Schoß, so, als würde er sich selbst die Hand geben. Es kann losgehen.

Ricardo Lange (l.) lässt Olaf Scholz ausreden. Auch wenn seine Aussichten vage sind.
© Foto: Muhamad Abdi

Lange: Herr Scholz, welches Versprechen können Sie mir geben, was Sie in den nächsten vier Jahren im Gesundheitswesen verändern wollen?

Scholz: Wichtig ist, dass wir überall eine gute Gesundheitsversorgung haben – auch auf dem Land oder in ärmeren Stadtteilen. Wir werden die Beschäftigten viel stärker in den Blick nehmen. Schlimm ist, dass die Effizienzsteigerungen im Gesundheitswesen der vergangenen Jahre so oft auf Kosten der Beschäftigten gingen.

Er referiert erstmal das SPD-Wahlprogramm

Olaf Scholz versucht erst gar nicht, zu bemänteln, dass es sich bei Gesundheitspolitik um trockene Materie handelt. „Es war ein hartes Stück Arbeit, dass wir endlich durchsetzen konnten, dass die Beschäftigten in der Altenpflege nach Tarif bezahlt werden“, fährt er fort. „Diesen Ansatz, Tariflöhne durchzusetzen, werden wir konsequent weiterverfolgen.“

Berliner Intensivpfleger an der Corona-Front „Laschet debattiert stattdessen mit Sophia Thomalla“

Fünf Minuten lang referiert er mehr oder weniger das Wahlprogramm der SPD: Vom Fallpauschalensystem, das überarbeitet, über einen besseren Bemessungsschlüssel für Pflegekräfte, der eingeführt werden soll, bis zur Bürgerversicherung, die die Zwei-Klassen-Medizin beenden soll. Scholz spricht kaum lauter als zu Anfang, außerdem langsam und gleichförmig. Wahrscheinlich hat er sich das angewöhnt, um sich den Stress, den er hat, nicht anmerken zu lassen. Er lächelt permanent.

Die Flucht in die Zeitarbeit heilt ja nicht grundlegende Defizite in der Pflegebranche.

Olaf Scholz

Vielleicht liegt es an Scholz’ sanftmütiger Sachlichkeit, dass Ricardo Lange ihn nicht unterbricht, auch wenn ihm die Zeit davon läuft. Vielleicht lässt er ihn auch ausreden, weil ihm die Aussichten, die Scholz darstellt, gefallen, auch wenn sie vage sind.

Leiharbeit: ein Thema, zwei Meinungen

Lange: Sie haben viele Dinge angesprochen, die mir auch am Herzen liegen. Jetzt eine konkrete Frage: Die Berliner Gesundheitssenatorin Kalayci, die ja auch Mitglied der SPD ist, hat eine Bundesratsinitiative ins Leben gerufen zum Verbot von Leiharbeit in der Pflege. Jetzt haben wir ja die Situation, dass viele Mitarbeiter sich in die Zeitarbeit flüchten, weil die Arbeitsbedingungen dort besser sind. Wegen Corona ist die Initiative erstmal auf Eis gelegt worden. Haben Sie die Absicht, sie wieder ins Leben zu rufen?

Scholz: Die Flucht in die Zeitarbeit heilt ja nicht grundlegende Defizite in der Pflegebranche. Es geht um gute und verlässliche Arbeitsbedingungen für alle. Das Anliegen, das die Berliner Gesundheitssenatorin verfolgt, ist doch gut zu erkennen. Die Überlassung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in diesem Bereich macht es den Krankenhäusern nicht leichter, weil die Gestaltung der Dienstpläne für die Festangestellten unflexibler wird.

Wenn solche Personen Debatten anstoßen, weiß man, was die wahren Hintergedanken sind: Geld sparen.

Ricardo Lange

Lange: Dem muss ich widersprechen. Viele Leiharbeiter machen gerade Wochenend- und Nachtdienste, weil es sich durch die Zuschläge, die man bekommt, mehr lohnt. Sie würden also mit einem Verbot von Leiharbeit den Kliniken die Möglichkeiten nehmen, darauf auszuweichen. Damit würden Sie die Festangestellten in ihrer Flexibilität einschränken.

Scholz: Meine These ist: Wir müssen insgesamt in den Krankenhäusern für gute Bezahlung sorgen und auch dafür, dass es einen Bemessungsschlüssel für Personal gibt, der sicherstellt, dass genügend Männer und Frauen sich für den Beruf entscheiden und ihm vor allem treu bleiben.

Lange: Genau. Ich finde, es hat nur einen faden Beigeschmack, denn Frau Kalayci ist im Aufsichtsrat von Vivantes, einem großen Berliner Klinikkonzern. Wenn solche Personen Debatten anstoßen, weiß man, was die wahren Hintergedanken sind: Geld sparen. Durch ein Verbot von Leiharbeit möchte man die Mitarbeiter dort dazu nötigen, dass sie sich wieder den Kliniken zur Verfügung stellen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass viele, wenn es zu einem Verbot kommen sollte, den Beruf, und da schließe ich mich ein, komplett verlassen werden.

Scholz: Zu Recht weisen Sie jetzt darauf hin, dass ein solcher Schritt nur sinnvoll ist, wenn man gleichzeitig sicherstellt, dass die Arbeitsbedingungen für Pflegerinnen und Pfleger besser werden.

Scholz versucht sein Dilemma zu lösen

Dass Scholz seine Meinung zum Verbot von Leiharbeit in Pflegeberufen derart verklausuliert äußert, macht ein Dilemma deutlich, mit dem die letzten sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten zu kämpfen hatten. Die SPD regiert bereits seit 2001 im Land Berlin und seit 1998 – mit vierjähriger Unterbrechung – im Bund. Dass „Effizienzsteigerungen auf dem Rücken der Beschäftigten“ erzielt worden sind, wie Olaf Scholz zu Anfang angeprangert hat, hat die Partei mit getragen. Oder sie war zu schwach, um es zu verhindern, was auch kein gutes Licht auf sie wirft.

Ich setze mich dafür ein, die Regelungen für diejenigen zu verbessern, die nicht mehr arbeiten können.

Olaf Scholz

Scholz versucht wie seine Vorgänger das Dilemma damit zu lösen, dass er vom Streit der Koalitionäre berichtet. „Die Welt ist nicht so: Auf der einen Seite ist die Politik, und auf der anderen Seite sind die ungelösten Probleme“, sagt er. „In der Politik wird heftig über solche Fragen gestritten. Es gibt Politikerinnen und Politiker, die sich kümmern. Und zu denen zählen ziemlich oft die von der SPD.“

Lange: Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie gegen die Rente mit 68 sind. Finde ich sehr gut. Gehen wir einen Schritt weiter. Menschen, die im Schichtsystem arbeiten, unabhängig von der Pflege, büßen viel Lebenszeit ein und haben überdurchschnittlich oft gesundheitliche Probleme, sogar Krebs. Warum lässt man sie nicht mit 60 in Rente gehen? Ich habe letztens mit einer Soldatin gesprochen, die geht mit 54 in Pension.


Das komplette Gespräch, ungeschnitten:

Scholz: Das allgemeine Renten-Eintrittsalter steigt allmählich auf 67 Jahre – diese Regelung finde ich richtig. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Ich setze mich dafür ein, die Regelungen für diejenigen zu verbessern, die nicht mehr arbeiten können. Dafür gibt es die Erwerbsminderungsrente – bei ihr wird die Rente so berechnet, als hätte man weitergearbeitet bis zum regulären Rentenbeginn.

Lange:  So, mit dem Thema Rente kann ich also nicht punkten. Da bleibt es bei 67. Wir sind uns aber einig, dass wir neue Pflegekräfte brauchen. Es gibt viele Lebensältere wie ich damals, die sich aus welchen Gründen auch immer für diese Ausbildung entscheiden wollen, dann aber feststellen, dass das Schulgeld nicht ausreicht, wenn sie beispielsweise schon eine Familie haben. Warum macht man es nicht wie bei der Polizei, bei der es eine höhere Ausbildungsvergütung für Ältere gibt?

Warum haben Sie es nicht geschafft, Ihren eigenen Bruder zu überzeugen?

Ricardo Lange

Scholz: Ich finde es völlig richtig, dass wir uns über die Ausbildungsvergütung Gedanken machen. Deshalb haben wir für ganz Deutschland eine Mindest-Ausbildungsvergütung von 550 Euro im ersten Lehrjahr durchgesetzt. Die zweite Frage, die Sie ansprechen: Was ist mit Lebensälteren? Schönes Wort. Wir müssen es möglich machen, dass man mit 41 oder 52 Jahren nochmal einen komplett neuen Beruf ergreifen kann. Dazu möchte ich die Altersobergrenzen bei der Ausbildungsförderung abschaffen.

Wie sicher ist die Rente? Was die Parteien uns zur Wahl versprechen

Lange: Und wie würden Sie bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in der Pflege finanzieren wollen? Sollen die Beitragszahler mehr zahlen? Oder funktioniert es, weil man die Krankenkassen zusammenlegt?

Scholz: Für mich ist die solidarische Bürgerversicherung die richtige Grundlage ...

Lange: Ich hatte dieses Gespräch auch mit Herrn Kubicki von der FDP, der glaubt, dass es nicht zum Vorteil wäre, wenn man Privatversicherungen und Krankenkassen zu einer Bürgerversicherung zusammenwerfen würde. Kubicki nannte Ihren Bruder Jens Scholz, der Klinikdirektor ist und seine These unterstütze. Warum haben Sie es nicht geschafft, Ihren eigenen Bruder zu überzeugen?

Scholz: Über Politik diskutieren meine Brüder und ich gerne, aber nie in der Öffentlichkeit, und damit werden wir auch jetzt nicht anfangen.

Söder nennt seinen Ausdruck ein „schlumpfiges Grinsen“

Scholz lächelt auch diese kleine Spitze weg. Markus Söder hat den Gesichtsausdruck kürzlich „schlumpfiges Grinsen“ genannt, was Scholz gelegen kam, denn Einhelligkeit mit Unionspolitikern schwächt, wie gesagt, seine Wahlchancen.

Bürokratie im Pandemie-Notstand Krankenpfleger Shu Hung Siu darf nicht arbeiten

Zu einer Satire-Sendung hat Scholz anschließend sogar einen Schlumpf mitgebracht und vor sich hingestellt. Die Selbst-Verschlumpfung als Vermenschlichung eines versierten, aber mitunter allzu nüchtern auftretenden Juristen.

Nach 40 Minuten gibt Scholz’ Sprecherin über Handzeichen zu verstehen, dass das Gespräch dem Ende zugeht.

Schließlich schlägt Scholz doch ein. „Von Mann zu Mann!“, sagt er leise und lacht kurz auf.
© Foto: Muhamad Abdi

Lange: Wird jetzt die Bundesratsinitiative zum Verbot von Leiharbeit in der Pflege nun wiederaufgenommen oder nicht?

Scholz: Das habe ich doch beantwortet. Man muss dafür sorgen, dass man das Pferd nicht von hinten aufzäumt.

Lange war erst Polizist, dann dienstuntauglich

Er ist fast übervorsichtig. Scholz will auch seine Zitate autorisieren, was in Deutschland üblich ist, aber in dem Fall sinnlos, denn man kann sich das Interview im Internet ansehen. Nachträglich verändert er Formulierungen. Erstmal bedankt sich Ricardo Lange „für das ruhige Gespräch“. Doch ohne das Versprechen, dass Scholz das, was er angekündigt hat, auch umsetzt, wenn er kann, will er ihn nicht gehen lassen. Coronakonform reckt Lange ihm die Faust entgegen und sagt: „Von Mann zu Mann.“

Scholz stutzt kurz, wahrscheinlich weil er abwägt, wie viel Ärger er sich mit einem unbedacht geäußerten Schwur in diesen Zeiten einhandeln könnte. Unverfänglich wäre: Von Mensch zu Mensch. Oder wenigstens: Von Mann zu Schlumpf. Schließlich schlägt Scholz doch ein. „Von Mann zu Mann!“, sagt er leise und lacht kurz auf. Dann dreht er die Rollen um.

Dann saß ich auf der Straße. Ohne Krankenversicherung, ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld ...

Ricardo Lange

Scholz: Sie sagten vorhin, Sie hätten sich erst spät für den Beruf des Intensivpflegers entscheiden. Was haben Sie denn vorher gemacht?

Lange: Ich? Ich war Polizist. Aufgrund eines eingeschränkten Hörvermögens habe ich kurz vor Abschluss der Ausbildung aufhören müssen. Der Polizeiarzt hat mich polizeidienstuntauglich geschrieben, und dann saß ich auf der Straße. Ohne Krankenversicherung, ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld ….

Scholz: Wenn man im Beamtenstatus ist, ist die Nachversicherung nur eine ganz kleine Hilfe. Ein großes Problem. Auch da gibt es noch Einiges zu tun.

Olaf Scholz hebt Ricardo Langes Schicksal sofort auf die politische Ebene. Das ist sein Selbstverständnis: mit kühler Effizienz menschliche Probleme in „Regelungen“ – das Wort verwendet er oft – zu verwandeln, die Ähnliches fortan verhindern.

Vom Herbst an will Scholz ganz Deutschland regeln und ein bisschen auch die Welt. Bei einer Umfrage Ende Juni trauten ihm mehr Menschen das Amt des Kanzlers zu als seinen Konkurrenten Laschet und Baerbock. Doch seine SPD liegt zurzeit nur bei 15 Prozent.

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