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© promo / Renee Song^/promo

Leben, wo andere Urlaub machen: Der Traum von Meer

Julia Gräßer war in Frankfurt erfolgreich, doch glücklich wurde sie nicht. Dann fing sie noch einmal von vorne an und hat sich neu gefunden – als Yoga-Lehrerin in Kopenhagen

Von Julia Wäschenbach

Nach Monaten der Pandemie sehnen sich viele Menschen in die Ferne. Andere haben aus ihrem Fernweh oder der Sehnsucht nach Aufbruch schon vor langer Zeit ein neues Leben gemacht und sich dort niedergelassen, wo andere Urlaub machen. An dieser Stelle porträtieren wir einige dieser Aussteiger. Heute: Teil drei.

Ein Tag im August vor acht Jahren. Die Sonne strahlt vom Himmel. Julia Gräßer ist zu Besuch bei einem Freund in Kopenhagen. Sie spaziert über die Dronning Louises Bro, eine Brücke, die über die Seen führt, in Richtung Markthallen.

Jemand spielt Musik

Jemand spielt Musik, auf den Bänken und Brückenmauern sitzen junge Menschen, trinken, unterhalten sich. „Wie kann man sich da nicht in diese Stadt verlieben?“ fragt sie. Gräßer – lange, braune Locken, Julia-Roberts-Lächeln – hat es immer in die Welt rausgezogen, zum Auslandssemester im Tourismus-Studium nach Vancouver und Auckland, allein mit dem Rucksack durch fünf Länder in Südamerika. 56 Länder hat sie bereist. „Aber hier habe ich mich direkt zuhause gefühlt“, sagt die 36-Jährige über die dänische Hauptstadt.

Die Kleine Meerjungfrau, Bronzefigur an der Uferpromenade von Kopenhagen.
© Stefan Zeitz/Imago

Den Entschluss, nach Dänemark auszuwandern, trifft sie trotzdem erst 2015, ein paar Monate nach einer Trennung. „Ich bin nachts wachgeblieben, habe Dänisch-Lehrbücher bestellt und Kopenhagen bei Instagram gestalkt“, erzählt sie. Da lebt sie gerade seit ein paar Jahren in Frankfurt, weil sie dort einen guten Job bekommen hatte.

Ich habe plötzlich einen Rappel bekommen

Julia Gräßer

„Ich habe plötzlich einen Rappel bekommen und gedacht: Was mache ich eigentlich hier?“, sagt Gräßer. „Ich war schon wieder für einen Job in eine Stadt gezogen, in der ich eigentlich nicht leben wollte. Und ich hab mich gefragt, ob ich mein Leben wirklich so weiterleben möchte, mit dem ganzen Stress und jeden Tag Metro, Arbeit, Metro, schlafen.“

Sie erfüllt sich den Traum vom Umzug nach Kopenhagen. Der Start in der neuen Wahlheimat hätte nicht besser laufen können. Gräßer bekommt einen Job im Vertrieb einer Softwarefirma, nebenbei modelt sie.

Für das erste WG-Zimmer, das sie sich ansieht, bekommt sie sofort eine Zusage. Sie lernt neue Freunde kennen, geht in die Sprachschule und beim Sonnenuntergang im Kanal schwimmen. Kopenhagen findet sie traumhaft.

Der erste Winter war ganz schrecklich

Bis die Tage kürzer werden. „Der erste Winter hier war ganz schrecklich“, sagt sie. „Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.“ Es ist grau, es regnet. Um kurz vor vier geht die Sonne unter. Da sucht Julia Gräßer ein Yogastudio in ihrem Viertel Islands Brygge auf. „Das hat mir geholfen, durch den Winter zu kommen. Das war meine Therapie“, erzählt sie.

Irgendwann kommt der Frühling, es wird heller und Kopenhagen wieder zu der freundlichen Stadt, in die sie sich verliebt hat. Mit dem Yoga macht Gräßer weiter, geht immer mehr darin auf. 2018 fängt sie an, es als Selbstständige auch zu unterrichten.

„Mir ist klargeworden, dass ich mit etwas arbeiten möchte, wofür ich stehe, was die Welt ein bisschen besser macht“, sagt sie. Und: „Ich kenne so viele Leute, denen das guttun würde.“

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Ein Freund bringt sie auf den Namen „Warrior Princess Yoga“ für ihr kleines Unternehmen. „Ich bin im Herzen schon so ein kleine Prinzessin“, sagt Gräßer, die in Potsdam aufgewachsen ist. Aber eben auch eine Powerfrau.

Im November 2020 eröffnet sie ihr eigenes Yoga-Studio, doch der zweite Corona-Lockdown macht ihr kurz darauf einen Strich durch die Rechnung. In den nächsten Monaten bleibt ihr nur der Online-Unterricht. Inzwischen darf sie wieder Kurse anbieten. Jetzt im Sommer unterrichtet Gräßer auch in Parks, oder in einer alten Reithalle in der Nachbarschaft.

An einem Mittwochvormittag im Juli sitzt sie auf dem Balkon ihrer Wohnung im ersten Stock in Ølstykke, einem kleinen Ort etwa 40 Minuten Autofahrt von Kopenhagen entfernt.

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Sie hört die Vögel zwitschern, ab und zu fährt eine Landmaschine vorbei. Hierher ist Gräßer mit ihrem dänischen Freund Jeppe gezogen, den sie im vorigen Sommer kennengelernt hat. Alle zwei Wochen wohnt der Beagle Bongo bei ihnen, ein „Scheidungshund“, wie Gräßer sagt, aus einer früheren Beziehung ihres Freundes.

Mit ihrem Freund spricht die 36-Jährige Englisch. „Das mit dem Dänisch ist so ein bisschen ein wunder Punkt“, erzählt sie. „Ich verstehe 80 Prozent und kann auch Smalltalk. Es reicht aus zum Einkaufen und Essen-Bestellen. Weil ich aber auf Englisch arbeite und lebe, habe ich mich entschlossen die Zeit anderweitig zu investieren.“ Gerade Fremde gäben ihr aber häufig ungefragt zu verstehen, dass sie doch bitte Dänisch sprechen solle.

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Es ist nicht das einzige, das sie inzwischen an Dänemark nervt. „Enttäuscht hat mich auch, dass die Dänen so rückständig sind, was das vegane Essen angeht“, sagt Gräßer. „Dänemark möchte immer so grün sein, ist aber Weltmeister im Schweineexport und denkt nicht daran, dass die Tierhaltung einen großen Einfluss auf die Umwelt hat.“ In dem Land, das gemessen an seiner Fläche soviel Acker hat wie kaum ein anderes in Europa, fehlt ihr auch die wilde Natur.

Wieder auswandern?

Deshalb denkt Gräßer gerade wieder über das Auswandern nach, diesmal gemeinsam mit ihrem Freund. „Im Lockdown habe ich gemerkt: Gerade wenn ich nicht reisen kann, dann möchte ich an einem Ort leben, wo ich von ganz viel Natur umgeben bin“, erklärt sie. Ihr nächstes Ziel: Norwegen.

„Ich werde nie bereuen, dass ich hierher gekommen bin“, sagt Gräßer über die Jahre in Dänemark. „Aber jetzt ist es langsam an der Zeit, mich weiterzubewegen.“ Etwas, das die 36-Jährige ganz sicher nicht loslassen wird, ist das Yoga.

In Norwegen will sie vor allem künftige Yoga- Lehrer ausbilden, damit die ihre Leidenschaft weitertragen können. „Yoga ist das, womit ich für den Rest meines Lebens arbeiten möchte. Es klingt vielleicht komisch, aber es fühlt sich so an, als wäre ich hier, um das zu tun. Das ist einfach meine Welt.“

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