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Auch für sein eigenes Label Y/Project zeigte Glenn Martens im Januar für diesen Herbst auf Kleidung gedruckte Kleidung. 
© Getty Images

Optische Täuschung : Anzüge werden nicht länger geschneidert.

Trompe-l’œil schafft Illusion, insbesondere in der Mode: Durch raffinierte Techniken führen uns viele Designer an der Nase herum.

Von Tobias Langley-Hunt

Entscheidet man sich dieser Tage, einen Diesel-Laden zu betreten, findet man neben den klassischen Jeans- auch Denim-Unterhemden, Denim-Jacken und Denim-Shirts und das muss, laut hauseigener Werbung, unbedingt zusammen getragen werden. Beim genaueren Betrachten der einzelnen Produkte fällt aber auf, dass die Stoffe irgendwie abgetragen, seltsam verfärbt und zerschlissen aussehen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, das Label arbeite jetzt ganz im Sinne der Nachhaltigkeit mit recycelten Stoffen. Weit gefehlt, ein weiterer Blick und ein prüfender Griff in das Textil stellen klar: Es handelt sich gar nicht um Denim, sondern um Jersey, Feinripp oder Polyester, welches durch raffinierte Bedruckung vorgibt, etwas zu sein, das es nicht ist.

Vorgetäuschte Materialien sind kunsthistorisch betrachtet weit mehr als eine kreative Eingebung. So galt Blattgold für Künstler und ihre wohlhabenden Mäzenen lange als elementarer Bestandteil eines wertvollen Gemäldes. In der frühchristlichen Kunst wurden Bildhintergründe, Heiligenscheine, Mantelsäume oder Schmuck mit dem Edelmetall beklebt. Bis im Spätmittelalter der berühmte Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti in seinem Malereitraktat schrieb, Gold würde die Bildillusion sprengen, Gold sei nicht Farbe und falle optisch „aus dem Bild“. So wertvoll Gold auch sein mochte, spätestens seit der Äußerung des hohen Gelehrten gewann ein Bild erst dann an Wert, wenn mit Farben und mit künstlerischem Können die Illusion desselbigen hergestellt werden konnte.

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Kunst mag zu einem gewissen Anteil von Können kommen, es ist aber kein Zufall, dass auch künstlich ein artverwandtes Wort ist. Dabei geht es nicht zwangsläufig um den Beweis des handwerklichen Geschicks, die Kunst der Täuschung hatte und hat auch ganz praktische Gründe. Antike Fresken simulierten räumliche Tiefe, barocke Deckenmalereien machten aus schlichten Kirchen kolossale Gotteshäuser und Photoshoptechniken generieren den perfekten Körper. Jede Zeit hat ihre technischen Errungenschaften und diese werden fleißig genutzt, um uns an der Nase herumzuführen. Zusammengefasst wird die große künstlerische Trickserei mit dem Begriff „Trompe-l’œil“, was auf Französisch etwa „Augentäuschung“ oder einfach optische Täuschung bedeutet.

Diesel zeigt uns einen Aspekt dieser Technik und darüber hinaus, dass Trompe-l’œil auch in der Mode ein immer wiederkehrendes Motiv ist. Versteckte Korsagen und ausladende Reifröcke simulierten Wespentaillen sowie gepolsterte Schultern einen muskulösen Oberkörper. Hohe Schuhe lassen Beine länger wirken, Anzüge geben dem Träger eine einheitlich gute Figur. Letztendlich ist Mode, also Kleidung, die nicht allein den Zweck verfolgt, uns zu verhüllen, und ihre Präsentation ein einziges Spiel mit Illusion. So fällt es auf, wenn zeitgenössische Modemacher die Täuschung illustrativ nutzen und mit ihr als ästhetischem Stilmittel spielen.

Die aktuelle Allgegenwärtigkeit dieses Themas lässt sich auf den Designer Glenn Martens zurückführen, der seit 2020 Creative Director von Diesel ist, Trompe-l’œil-Motive aber erstmals in einer vorangegangenen Kollektion seines eigenen Labels „Y/Project“ zum Thema machte. Auf der Pariser Herrenmodewoche im Januar zeigt er fließende, körperbetonte, bodenlange Kleider, bedruckt mit lebensgroßen, idealisierten nackten Körpern. Zwei- oder Dreiteiler lassen optisch das unter dem Stoff Befindliche diffus nach außen kommen – scheinbare Transparenz, wo fester Stoff ist.

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Der gebürtige Belgier erlangte in den vergangenen Jahren Aufmerksamkeit als Meister einer raffinierten und, thematisch passend, mehrdeutigen Schnittkunst. Bei ihm können Armlöcher auch Kragen sein und umgekehrt, das Futter eines Rocks, scheinbar zufällig nach außen gekehrt, wird zum Bund. Der Einsatz von Trompe-l’œil-Drucken scheint also schlüssig, sie fügen seinen Entwürfen eine weitere Ebene hinzu, treiben die Vielschichtigkeit auf die Spitze. Er zitiert damit keinen Geringeren als Jean Paul Gaultier, der Ähnliches seit den neunziger Jahren immer wieder auf die Klamotte bringt. Gerade wurde Martens zum temporären Creative Director für die Couture-Linie des Hauses Gaultier ernannt. Trompe-l’œil auf Kleidung wurde bei Martens also ganz bewusst als ikonisches Zitat in Szene gesetzt.

Kleidungstücke, die andere Kleidungsstücke imitieren, sind ebenso wie das Spiel mit dem nackten Körper immer wieder Thema in der jüngeren Modegeschichte

Dennoch, Zufall oder nicht, keine zwei Monate später, im März diesen Jahres, zur Damenmodewoche, ebenfalls in Paris, hatte Olivier Rousteing, der kreative Kopf hinter dem Modehaus Balmain, eine sehr ähnliche Idee. Die abgebildeten nackten Körper erinnerten bei ihm aber weniger an lebendige Körper als an stark ausgeleuchtete Marmorstatuen. Doch auch hier präsentieren die Träger und Trägerinnen vermeidliche Nacktheit. Gleichzeitig entlarvt Rousteing die falsche Transparenz mit verzerrten Perspektiven. Die Körper auf den Körpern sind leicht verschoben, asymmetrisch abgedreht. Auch Martens versucht die Trägerinnen seiner Entwürfe nicht nackt aussehen zu lassen, auch wenn mitunter primäre und sekundäre Geschlechtsteile zu sehen sind. Vielmehr entzaubert er die Illusion durch teilweise knallige Farben und illustrative Brüche.

Für das spanische Modehaus Loewe ließ der britische Designer J.W. Anderson Jacken und Hosen auf Stoff drucken.
Für das spanische Modehaus Loewe ließ der britische Designer J.W. Anderson Jacken und Hosen auf Stoff drucken.
© Gamma-Rapho via Getty Images

Auch dem britischen Designer Jonathan Anderson kam die optische Täuschung in den Sinn. Er übersetzt die kreative Eingebung allerdings verspielter: Beim spanischen Modehaus Loewe, für das Anderson arbeitet, bildet ein gigantischer Kussmund das Bustier eines Kleides. Bei kurz über dem Bauchnabel abgeschnittenen Mänteln muss man zweimal hinsehen um zu erkennen, dass es sich eigentlich um capeartige Seidenblusen handelt, welche nur vorgeben, zu kurze Winterbekleidung aus dickem Vliesstoff zu sein.

Kleidungstücke, die andere Kleidungsstücke imitieren, sind ebenso wie das Spiel mit dem nackten Körper immer wieder Thema in der jüngeren Modegeschichte. Gaultier, Viktor & Rolf und ganz aktuell wieder einmal Moschino präsentierten und präsentieren die unterschiedlichsten Versionen dieser optischen Trickserei.

Über kurz oder lang werden uns auf den Straßen und Social-Media-Kanälen also mal wieder allerhand falsche textile Tatsachen entgegenkommen. Vielleicht sind die Designer es leid, nicht mehr die Allmacht über den schönen Schein zu haben. Heutzutage kann jeder und jede mit zwei Klicks oder einem Filter alles und jeden und vor allem sich selbst beschönigen, beliebig anpassen und verändern. Um Diskussionen über falsche Realitäten oder alternative Fakten kommen wir weder gesellschaftlich noch politisch herum. Hinzu kommt eine nie dagewesene Freiheit von Körpern und Körperbildern, die gleichzeitig viel Druck aufbaut und Unsicherheiten hervorruft. Bitcoin-Milliardäre, die Mäzene von heute, brauchen keine Bilder aus Gold, die Kunst, die sie kaufen, existiert (nur noch) als Blockchain im Digitalen, dort ist sie sowohl fälschungs- als täuschungssicher. Die perfekte Illusion braucht es in einer aufgeklärten und virtuellen Welt nicht mehr, denn sie entlarvt sich selbst immer wieder als Illusion. Die spielerische Version davon, die uns die Designer vor Augen führen, bringt die große Trickserei mit Fake-Jeans-Shirts treffend auf den Punkt.

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