zum Hauptinhalt
Die „Svarog“ ist das erste in Deutschland rekonstruierte Slawenschiff.
© Martin Pauer
Tagesspiegel Plus

Familienreise ins mittelalterliche Slawendorf: Wo die sanften Kerle wohnen

Im Takt rudern, Messer schmieden, Bogen schießen – im Ukranenland in Torgelow an der Uecker können Kinder tief in die Welt der Slawen eintauchen. Sogar Hollywood drehte hier schon.

Von Annika Kiehn

Etwas abseits liegt die Geschichte verborgen, eingeklemmt zwischen einer Wiesenaue und einem Waldgebiet. Blockhäuser, grau gegerbt vom Wetter, und lehmverputzte Hütten mit Schilfdächern reihen sich aneinander, ein Dorf wie aus der Zeit gefallen. Menschen in Leinentracht gehen gedankenversunken ihrem Tun nach. Ein Mann mit wuscheligem Haar, vielleicht in seinen Fünfzigern, sitzt vor dem Eingang seiner Hütte und näht ein paar Schuhe. Gemächlich zieht er den dicken Faden durch das Leder, und wenn er Lust hat, grüßt er mit einem Lächeln.

© GrafiK: TSP

In der Hütte gegenüber schnauft unentwegt ein Blasebalg. Den bedient „Fischi“, der von sich selbst sagt: „Ich mag aber gar keinen Fisch“. Wenn das Feuer heiß genug ist, wird er darin Eisen erhitzen, um Messer zu schmieden. Ein paar Hütten weiter fädelt eine junge Frau Perlen auf. Hier am Fluss Uecker, etwas außerhalb der Stadt Torgelow, finden wir eine historische Kulisse vor, die so zauberhaft echt wirkt, dass selbst Hollywood sie schon für Dreharbeiten genutzt hat: Eine nachgebaute Slawensiedlung aus dem 9. und 10. Jahrhundert.

Jetzt wird’s heiß: Der Schmied hat das Feuer mit dem Blasebalg so stark angeheizt, dass die Funken sprühen und das Eisen glüht.
Jetzt wird’s heiß: Der Schmied hat das Feuer mit dem Blasebalg so stark angeheizt, dass die Funken sprühen und das Eisen glüht.
© Martin Pauer

Seit 1995 vermittelt das Freilichtmuseum Ukranenland das Leben und Wirken eines Volksstammes, der ursprünglich aus Osteuropa stammte. Unweit von hier, im heutigen Vorpommern, sollen sich die Ukranen um das Jahr 700 herum zwischen Uecker und Randow angesiedelt haben. Im Jahr 934 werden sie in einer Stiftungsurkunde des Bischofs von Brandenburg zum ersten Mal erwähnt.

Bei uns lautet das Motto: Geschichte zum Anfassen.

Stephan Thiele, Freilichtmuseum Ukranenland

Ihr Gebiet erstreckte sich von Torgelow bis Pasewalk im Süden und östlich bis Löcknitz. Der Name Ukranen oder auch Ukrer, so vermuten Historiker, könnte vom Wort u-kraja stammen, also die „am Rande“ Stehenden. Denn nachdem die Hunnen sie immer weiter westwärts drängten, wurden die Ukranen im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen ansässig.

Mitte des 12. Jahrhunderts tauchten dann plötzlich die Christen auf, die unter dem polnischen Herzog Boleslaw III. die heidnischen Slawen bekämpften. Deutsche Siedler übernahmen später. Um das 14. Jahrhundert herum verblassen die Spuren der slawischen Sprache und Kultur schließlich ganz. Etliche Ortsnamen in Mecklenburg-Vorpommern verweisen aber bis heute auf die Existenz der Ukraner. Sie enden auf -itz oder -ow, so wie der Name der Stadt Torgelow, an deren Rand sich das Ukranenland befindet.

Laierdarsteller schlüpfen in die Rolle der slawischen Urbevölkerung

„Bei uns lautet das Motto: Geschichte zum Anfassen“, sagt Stephan Thiele, Vorstand im Verein, der das Museumsdorf betreibt. Er trägt eine braune Ledertunika über dem Leinenhemd. Seine langen, dunklen Haare hat er zum Zopf gebunden. Stephan sieht aus als sei er dem Mittelalter entsprungen. Das ist das Prinzip des Ukranenlandes: Laien­darsteller schlüpfen in die Rolle der slawischen Urbevölkerung, um ihre Lebensweise möglichst authentisch nachzustellen.

Stephan Thiele, Vorstand im Verein, der das Museumsdorf Ukranenland betreibt.
Stephan Thiele, Vorstand im Verein, der das Museumsdorf Ukranenland betreibt.
© Martin Pauer

An diesem Tag führt Thiele eine Schulklasse durch die Siedlung. Nach einer kurzen Einführung zieht er bereits das erste Ass aus dem Ärmel: einen originalgetreu nachgebauten Helm aus Eisen. Ein Neunjähriger kann nicht widerstehen und setzt ihn sich auf. Nun sieht er aus wie ein echter Slawenkrieger. Ein breites Lächeln lugt unter dem Helm hervor. Ein Kettenhemd bedeckt den Nackenbereich. Dicht gedrängt stehen seine Mitschüler um ihn herum. „Ich will den Helm auch mal tragen!“, mehren sich die Rufe.

Ein Mädchen hält indes ein Eisenschild vor sich in die Höhe und prustet: „Boah, ist das schwer!“ Die Viertklässler aus Stralsund sind plötzlich ganz aufgeregt: Der Geist der Vergangenheit hat ihre Neugier geweckt. Ein Hüne mit hellblondem Rauschebart gesellt sich zu der Gruppe. Er verkörpert genau das, was der griechische Historiker Prokopios von Caesarea als Ebenbild der Slawen beschrieb: „Außergewöhnlich hochgewachsen und von mächtigem Körperbau sowie unerschütterlicher Natur.“

Was für ein Spaß! Mit Helm, Lederpanzer und Holzschwert können sich kleine Ukranerinnen und Ukraner ganz stark fühlen.
Was für ein Spaß! Mit Helm, Lederpanzer und Holzschwert können sich kleine Ukranerinnen und Ukraner ganz stark fühlen.
© Martin Pauer

Warum zwängten sich die großen Slawen durch so kleine Türen?

Museumspädagoge Frank Wilke zählt zur Urbesetzung im Ukranenland. Er trägt Wollleggins, Wollsocken und zwei Lagen langer Unterhemden. Sein ganzer Stolz ist die Tunika aus dickem Filz. „Die ist nach einem Originalfund aus Norwegen genäht worden. Leider nicht den Slawen zuzuschreiben, sondern den Wikingern, aber egal, ich finde sie wunderschön.“ Mit seiner fuchsfarbenen Fellmütze sieht er dennoch aus wie ein Original. „Geschichte hat mich schon immer fasziniert“, sagt er. „Vor allem die große Frage: Wo kommen wir her?“

Die slawische Urbevölkerung an der Uecker lebte in schilfgedeckten Blockhäusern.
Die slawische Urbevölkerung an der Uecker lebte in schilfgedeckten Blockhäusern.
© Martin Pauer

Die beiden Männer zeigen den Kindern das Dorf. Die Eingangstüren der Hütten sind teilweise so niedrig, dass auch die Kleinsten sich ducken müssen, um einen Blick hineinzuwerfen. Sie staunen: Warum zwängten sich die großen Slawen durch so kleine Türen? „Damit die Wärme nicht so schnell entweichen konnte“, klärt Frank auf.

Eng ist es darin und dunkel, nicht sehr gemütlich. Doch die Slawen hatten ja wenig Zeit, in ihren Hütten herumzusitzen und Däumchen zu drehen, sagt Frank. Schließlich betrieben sie eifrig Ackerbau und Viehzucht sowie Handel mit handwerklich gefertigten Erzeugnissen. Wie aufwendig und kräftezehrend dieser Lebensstil gewesen sein muss, wissen Frank, Stephan und die anderen aus eigener Erfahrung.

Im Ukranenland können die Kinder sogar Tonschmuck selber verzieren.
Im Ukranenland können die Kinder sogar Tonschmuck selber verzieren.
© Martin Pauer

„Jedes Gebäude, jeden Zaun haben wir selbst gebaut“, sagt Stephan. Er zeigt dabei auf ein Dach mit Holzschindeln, die mit unzähligen Nägeln befestigt sind. „Wir haben probiert, ausschließlich mit historischem Werkzeug zu bauen, doch irgendwann haben wir kapituliert. Für jeden Nagel haben die Slawen früher eine halbe Stunde gebraucht. Bei rund 300 an der Zahl kann man sich ja ausrechnen, wie lange das gedauert hat.“ Er lächelt. Der Tischler und Bootsbauer ist seit Projektbeginn dabei.

Die Begeisterung der Kinder ist Grund genug

Mit ihrer Baulust schufen die modernen Neuzeit-Ukraner noch einen weiteren Schauplatz: Das Castrum Turglowe, lateinisch für Burg Torgelow. Es liegt mitten im Stadtzentrum von Torgelow, nahe der Ruine der echten Burg, die 1281 erstmals erwähnt wurde. Hier zeigen die Mitarbeiter in historischen Trachten, wie das Leben im 13. Jahrhundert ausgesehen hat, als bereits Christen im Ukranenland lebten. Mit derselben Hingabe haben die Vereinsleute hier stattliche Fachwerkhäuser errichtet, das Haus des Schusters etwa oder des Bogners.

Mehr Tipps für Ausflüge gibt es im Ostsee-Magazin des Tagesspiegels.
Mehr Tipps für Ausflüge gibt es im Ostsee-Magazin des Tagesspiegels.
© Marzena Skubatz

„Wir wollen ein Lebensgefühl vermitteln. Eines, das auf Demut beruht vor dem, was die Vorherigen geschaffen haben. Wenn ich die Begeisterung der Kinder spüre, gibt mir das so viel zurück, das kann ich gar nicht mit Worten beschreiben“, sagt Heiko Weiher, der das Castrum Turglowe leitet und seine Rolle als Bogenschütze mit Haut und Haaren auslebt. Ein Mann mit kahlem Haupt und warmem Lächeln. Auch so ein Urgestein des Teams. Er strahlt und hat allen Grund dazu: Wer darf sich schon von Beruf her Bogenschütze nennen? Das Schöne am Mittelalter, sagt Heiko, sei noch weit mehr: „Hier kann man brüllen, schreien, fluchen. Hier dürfen Kinder eben noch richtige Kinder sein!“

Und Männer richtige Männer. Am Slawendorf präsentieren Stephan und Frank stolz den Schutzwall, den sie gebaut haben. Er grenzt das Dorf nach außen ab. Als sie ihren jungen Zuhörern erzählen, wie sie mit Axt und Beil meterhohe Stämme gespalten haben, ist ihnen anzumerken, wie viel Spaß sie gehabt haben müssen. Spitz geschnitzte Staken, so dick wie ein Oberschenkel, ragen aus dem Wall heraus wie übergroße Krallen.

Mit dem schlafenden Holzdrachen in See stechen

Staunende Gesichter folgen Stephan zum Lehmbackofen und weiter ins Langhaus, dem Fürstensitz. Felle liegen auf den kargen Holzbänken, kalter Rauch hängt schwer in der Luft, als sei die Meute eben erst abgezogen. Über der Feuerstelle schwebt ein Wildschweinfell. „Wozu ist das?“, fragt ein Junge. „Damit die Flammen nicht bis an die Decke kamen“, antwortet Stephan. „Aber ist das Fell nicht verbrannt?“, fragt der Junge zurück. Stephan schüttelt den Kopf. „Die Borsten können nicht brennen, aber wenn sie zu doll angeschmort waren, wurde es ausgetauscht.“

Alle an Bord! Auf der „Svarog“, einem nachempfundenen Slawenschiff aus dem 9. Jahrhundert, muss man erst mal den Rudertakt finden.
Alle an Bord! Auf der „Svarog“, einem nachempfundenen Slawenschiff aus dem 9. Jahrhundert, muss man erst mal den Rudertakt finden.
© Martin Pauer

Doch genug der Theorie, sagt er, und treibt die Gruppe zum Fluss. Zeit, dass die Schüler ihre Armmuskeln spielen lassen, denn nun wartet der Höhepunkt auf sie: Eine Fahrt auf der „Svarog“. Der Nachbau aus dem 9. Jahrhundert ist das erste in Deutschland rekonstruierte Slawenschiff. Wie ein schlafender Holzdrache ruht das große Schiff am Anlegesteg.

Unter aufmunternden Worten findet die Mannschaft ihren Takt

Als alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen, geht die Arbeit los. Mit zaghaften Zügen heben sie die schweren Ruder an. Unbeholfen stochern sie im Wasser herum, doch unter ­Stephans aufmunternden Worten findet die ­junge Mannschaft ihren Takt. Behäbig setzt sich das große Holzschiff in Bewegung. Die Kinder verziehen angestrengt die Gesichter. Als sich die Sonne kurz durch den wolkenbedeckten Himmel schiebt, leuchten Wasserpflanzen auf dem Grund der Uecker. „Das war cool“, sagt ein Mädchen, als sie kurz darauf wieder aus dem tiefen Bauch des Schiffes steigt.

Nun dürfen die Schüler den Handwerkern über die Schulter schauen. „Wer möchte sein eigenes Messer schmieden?“, ruft Fischi, der Schmied, und kann sich vor Ansturm kaum retten. Auf dem Amboss tönt der Hammer. Ein paar Hütten weiter schnitzen Kinder im Beisein von Frank eigene Holzlöffel. Stephan spielt auf einem Dudelsack aus Ziegenleder. Die heiteren, dumpfen Töne durchziehen die historische Szenerie.

Mittlerweile nieselt es. Doch unter den Dächern der offenen Hütten blenden die Kinder das schlechte Wetter aus. Eine kleine Gruppe zerdrückt Dinkelkörner mit Mahlsteinen. Nur langsam entweicht das weiße Pulver. „Ist das anstrengend“, stöhnt ein ­Mädchen. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie das früher stundenlang machen mussten.“ Doch sie ist nicht zu bremsen. Ihr Eifer verrät: Selber ­machen lässt sie die Vergangenheit fühlen.

Zur Startseite