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© Kai Röger

Restaurantkritik Julius: Kürbis mit Algenbutter, Seebarsch in Rauchfond

Berlins kleinstes Restaurant, das „Ernst“, hat einen Bruder bekommen: Das „Julius“ verbindet perfekte Produktqualität mit einer Prise Lässigkeit.

Von Kai Röger

Auf der Homepage heißt es, „Julius“ sei „der kleine Bruder“ des international beachteten Restaurants „Ernst“, das man mit seinen gerade mal acht Plätzen eigentlich kaum als „groß“ bezeichnen kann. Aber das ist die Idee, die Mastermind Dylan Watson-Brawn für das sehr schicke Eckrestaurant auf dem sehr unschicken Platz in Wedding gleich gegenüber dem großen Bruder vorgegeben hat: kompromisslose Fokussierung auf Saison und Produktqualität, japanische Ethik, Ästhetik und Kochtechniken in einem unverrückbaren Menükonzept, in dem Gemüse denselben Stellenwert hat wie Fisch und Fleisch. Nur, dass sich der kleine Bruder nahbarer geben soll, alltagstauglich und bezahlbar.

Das funktioniert tagsüber sehr gut, wenn hochwertige und überraschende Speisen á la carte zu einem Glas Naturwein serviert werden. Abends, wenn der Menüzwang greift, das Reservierungssystem Tock schon bei der Vorabbestellung des Menüs (65 Euro) und der Getränkebegleitung (Wein 55, alkoholfrei 45 Euro) automatisch zwölf Prozent Trinkgeld einkassiert, wird es schon schwieriger, die ausgerufene Lässigkeit zu spüren. Vorgeplänkel.

Eher was für Minimalisten: Mit seiner großen Glasfront, der unverputzten Betondecke und den weißen Wänden hat das „Julius“ einen sehr coolen Look.
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Abends präsentiert sich das Julius dann sehr cool, elegant-urban mit großer Glasfront, einem Mix aus weißen Wänden, unverputzter Betondecke akzentuiert von klarem Design in Holz und Stahl. In der offenen Küche werkeln fast ausschließlich Japaner, die selbst servieren und in Englisch erklären. Wie den Auftakt aus kraftvoller Lauchconsommé mit gefüllter Eirolle, dazu südfranzösische Austern in Pflaumenessig gefolgt von einem Grünkohl-Pancake mit Dip aus heller Sojasauce, Tomatenessenz, Sesamöl und Chili.

Apero im Julius: Austern in Pflaumenessig, Lauchconsommé mit gefüllter Eirolle
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Rauchig gegrillter Mangold, wilder Brokkoli und Rasieschen. Nicht im Bild: der hausgemachte Ricotta unter dem bildschönen Gemüsearrangement.
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Ein erstes Ausrufezeichen setzt der hinreißend schöne Teller mit rauchig-gegrilltem Mangold, wildem Brokkoli und Radieschen auf hausgemachtem Ricotta. Noch besser: Eine Art Sashimi von einer Makrele in fantastischer Produktqualität mit jungem Ingwer, Dalienblüten und Steckrübenspäne. Mit ebenso strenger Fokussierung auf die ziemlich perfekte Zutat folgt Patisson-Kürbis in Algenbuttersauce und gerösteten Sonnenblumenkernen, der seine Exzellenzstellung nicht ganz ausspielen kann.

Bei der Menüvorauswahl konnte man sich für vegetarisch, regulär oder „pescetarisch“ entscheiden. Bis zum Hauptgang blieben die beiden Letzteren aber identisch, jetzt trennen sich ihre Wege: regulär gibt es kleine Scheiben einer unfassbar guten Schweineschulter, „fischig“ liefert Tranchen eines scharf angegrillten aber innen perfekt saftigen Seebarschs in mild säuerlich-rauchiger Brühe. Apart dazu gibt es tatsächlich Beilagen – im puristischen „Ernst“ undenkbar –: Emmer, in Hummerfond gegart, mit Eigelb und gepickelte Rübchen. So oder so: Schwein und Fisch kann man kaum besser zubereiten, da scheinen die Brüder auf Augenhöhe zu liegen.

Große Überraschung oben links im Bild: Zum perfekt gegrillten Seebarsch gab es sogar eine Beilage, einen in Hummerfond gegagarten Emmer mit Eigelb und eingelegten Rübchen.
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Gemüse zum Dessert: Eine Crème brûlée aus Süßkartoffel.
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Neben der teilweise fordernden Naturweinbegleitung buchten wir die alkoholfreie Alternative aus zum Teil komplexen Tee- oder Kaffeefruchtauszügen, die immer passend begleiteten, solo aber wenig Genuss brachten. Ausnahme: ein frischgepresster Birnensaft mit Molke, der jeden Wein des Abends in den Schatten stellte, auch wenn ein sehr ledriger Beaujolais – zum Fisch – und ein ganz Wilder aus dem Elsass zur Makrele angenehm in Erinnerung blieben.

Zuletzt noch zwei winzige Dessertgänge, einmal ein großartiges Apfelsorbet mit extrafettem Doppelrahm und eine Süßkartoffel- Crème brûlée, dann warten auch schon ganz lässig die nächsten Gäste auf unseren Tisch.  

„Julius“ , Gerichtstraße 31, 13347 Berlin (Wedding), Do-So 10-0 Uhr, Mi 10-18 Uhr

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