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© Foto: Fischer TOR

Simon Stålenhags „Das Labyrinth“: Das Bilderbuch der Generation Klimakollaps

Der schwedische Autor und Zeichner stellt in seinem neuen „illustrierten Roman“ grundsätzliche Fragen nach dem Preis des Überlebens. Das Ergebnis ist so verstörend wie anmutig.

Etwas stimmt nicht mit dem Jungen. Charlie prügelt sich in der Schule, spricht wenig, verkriecht sich mit seinen Kopfhörern. Und eines Nachts steht er mit einem über den Kopf gestülpten Kissenbezug vor dem Bett seines Ziehvaters. Still, unheimlich, bedrohlich. „Ich glaube, er erinnert sich“, fürchtet Matte am nächsten Morgen. Zu Recht.

Autor und Zeichner Simon Stålenhag ist ein Meister der schwelenden Bedrohung, der vagen Andeutung eines dräuenden Unheils. Noch nie jedoch entpuppte sich das als so harsch wie in seinem neuen Buch „Das Labyrinth“.

Simon Stålenhag: Das Labyrinth – Ein illustrierter Roman. Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat. Fischer Tor, Frankfurt am Main, 2022. 152 Seiten, 36 €.
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Während sein erstes Werk „Tales from the Loop“ noch die wärmende Nostalgie einer analogen Jugend verbreitete, erzählt der vierte „illustrierte Roman“ des Schweden von Schuld und Rache. Hoffnung gibt es wenig. Dass die Geschichte tödlich enden wird, verraten bereits die ersten Seiten, auf denen die Erzählerin aus einer Zelle heraus die Geschehnisse der vergangenen Wochen rekapituliert.

Bilderwelten irgendwo zwischen Edward Hopper und H. R. Giger.
© Foto: Fischer TOR

Sigrid ist Wissenschaftlerin. Mit ihrem Bruder Matte und dem gemeinsamen Ziehsohn Charlie macht sie sich auf in die entlegene Forschungsstation Granhammar. Von dort unternehmen sie Expeditionen und sammeln Proben. Ihre Wege führen durch eine apokalyptische Landschaft. Die Welt liegt in giftigen Trümmern, wuchernde Gewächse haben die aufgegebenen Städte der Menschen überzogen. Die gewaltigen Wracks skelettierter Flugschiffe ragen mahnend in den ewigen Aschenebel.

Was den Untergang ausgelöst hat, woran sich Charlie erinnert, welche Schuld die Erzählerin auf sich geladen hat, offenbart sich erst nach und nach in den lakonischen Textvignetten und den seitenfüllenden Bildern, die Stålenhags Markenzeichen geworden sind: morbide Stillleben, so verstörend wie anmutig, irgendwo zwischen Edward Hopper und H. R. Giger, die noch lange nachhallen werden. Denn die Fragen, denen sich die Protagonisten stellen müssen, sind die, die auch wir angesichts des Klimakollapses, eines sich verfestigenden Generationenkonflikts und der zunehmend befestigten Grenzen Europas werden beantworten müssen. Wer darf überleben? Und welchen Preis sind wir bereit, für unser Überleben zu bezahlen?

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