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Aussichtspunkt auf Ko Phi Phi
© Sebastian Leber

Tourismus in Thailand startet neu: Zweite Chance für Koh Phi Phi

Wegen der Pandemie kamen länger keine Touristen auf die thailändische Insel. Für die Natur war das ein Segen. Ob die Besucher jetzt sorgsamer sind?

Von Sebastian Leber

Bis zu den Knien steht Tamás Nádor im Wasser, in seinem Rücken das Ufer mit den majestätischen Palmen, die eigentlich zu kitschig wirken, als dass sie echt sein können. „Verrückt“, sagt der junge Ungar. „Wie sich das verändert hat.“ Als er zuletzt hier gewesen sei, vor fünf Jahren, sei es längst nicht so sauber gewesen. Damals trieben Plastikflaschen im Meer umher. Jetzt kann der Tourist aus Budapest beim Waten durchs klare Wasser winzige, fast durchsichtige Fische beobachten, die seinen Füßen ausweichen.

Vor fünf Jahren gehörte Koh Phi Phi noch zu den Hotspots des Massentourismus. Eine winzige Insel vor der Küste der Provinz Krabi im Südwesten des Landes, im Wesentlichen zwei Berge, verbunden durch eine schmale, 900 Meter lange Landzunge. Weil sie in Reiseführern wie Internetforen jedoch als Schnorchel- und Taucherparadies, als exotisches Postkartenmotiv und Bucketlist-Muss gefeiert wurde, landeten jedes Jahr Zehntausende Besucher auf dem Eiland.

Die Pandemie hat das jäh beendet. Der Tourismus kam komplett zum Stillstand. Es gab keine Europäer mehr und keine Chinesen, die sich dicht an dicht im Sand drängten, Müll liegen ließen und die Bucht verschandelten. Für alle Einheimischen, die vom Tourismus lebten, und das tun hier die meisten, war es eine Katastrophe. Für die Natur eher ein Segen.

Abends lockt die Feuershow

Während Tamás Nádor in der Vormittagssonne durchs flache Wasser watet, zeigt er rüber zur Slinky Bar, der Strandbar, an der jeden Abend die Jongleure zur kostenlosen Feuershow laden. Sobald es dunkel wird, gilt diese Show als größte Attraktion der Insel. Doch derzeit kommen nie mehr als 100 Zuschauer. An den kleineren Bars nebenan bleiben, unter den mit Lichterketten behangenen Palmenzweigen, einige Liegestühle frei. Na klar hoffe er, dass Corona bald Geschichte sei, sagt Nádor. Aber vielleicht schafften es die zurückkehrenden Touristen ja diesmal, ein bisschen sorgsamer mit Phi Phi umzugehen? Es sei wie eine zweite Chance, sagt er. Eine Chance auf einen weniger destruktiven und ruinösen, dafür nachhaltigen Tourismus. Einen, der Wohlstand bringe, ohne die Landschaft in eine Müllkippe zu verwandeln.

Die Provinz Krabi gehörte dieses Jahr zu den Ersten, die probeweise wieder für den Tourismus geöffnet wurden. Inzwischen ist das gesamte Land bereisbar - unter den Bedingungen des sogenannten „Test & Go“-Prinzips. Das bedeutet: Die erste und die fünfte Nacht müssen Reisende jeweils in einem zertifizierten, schon vor Abflug ausgewählten Hotel verbringen und dort das Ergebnis ihres PCR-Tests abwarten. Ansonsten dürfen sie sich, auch in der Zeit zwischen den beiden Pflichtübernachtungen, in ganz Thailand frei bewegen.

Inseltrip bei Ko Phi Phi
Inseltrip bei Ko Phi Phi
© Sebastian Leber

Wer das erste Mal ein Testzentrum aufsucht, wundert sich. Der medizinische Mitarbeiter sitzt hinter einer luftdichten Plastikscheibe, seine Arme steckt er durch zwei Löcher in blaue, zu groß geratene Schläuche und nimmt so den Abstrich vor. Auch sonst unterscheiden sich die Corona-Maßnahmen zu denen in Deutschland: In den Eingängen von Hotels, Restaurants und Einkaufsmeilen stehen weiße, kameragroße Apparate auf Stativen bereit, an die jeder Gast seine Hand halten muss, zum Temperaturmessen. Auf den Böden von Fahrstühlen sind oft mehrere Schuhsymbole geklebt, die jeweils von der Mitte aus in Richtung Wand zeigen. Coronakonformes Aufzugfahren geht in Thailand Rücken an Rücken.

Vor allem aber fällt angenehm auf, wie selbstverständlich die Thais überall dort, wo Menschen zusammenkommen, ihre Masken tragen. Auf die Idee, sie unter der Nase baumeln zu lassen, kommt hier niemand. Außer einzelnen Touristen.

Koh Phi Phi hat noch eine kleinere Nebeninsel, sie liegt nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt, diverse Anbieter von Halbtagestouren steuern sie mit motorisierten Holzbooten an. Zwischendurch halten sie an Korallenriffen, Schnorchel und Flossen liegen im Boot. Auf Phi Phi mahnen Schilder, bitte nur noch solche Sonnencremes zu benutzen, die Korallen nicht schaden.

Die wiedereröffnete Bucht

Höhepunkt jeder Tour ist der Besuch einer Bucht, die vor mehr als 20 Jahren durch einen Kinofilm weltberühmt wurde: Die Maya Bay diente als Kulisse des Aussteiger-Dramas „The Beach“ mit Leonardo DiCaprio. Für die Dreharbeiten wurde der Strand mit Bulldozern geplättet, Vegetation gerodet und der Optik wegen durch eine nicht heimische Palmenart ersetzt.

Der eigentliche Albtraum begann jedoch erst, nachdem der Film ein Welterfolg wurde und - obwohl man die Maya Bay kurzerhand zum Nationalpark erklärte - immer mehr Touristen dort baden wollten. Es existieren Fotos aus dieser Zeit, sie erinnern an das Kreuzberger Prinzenbad im Sommer, nur vor malerischer Kulisse. Am Ende griff die Regierung durch und sperrte die komplette Bucht. Erst diesen Januar wurde sie nach drei Jahren wieder geöffnet - allerdings unter strengen Auflagen. Auch die Maya Bay bekommt ihre zweite Chance.

In der Maya Bay.
In der Maya Bay.
© Sebastian Leber

Das Holzboot, das einen hinbringt, darf die Bucht nicht mehr direkt ansteuern, sondern nähert sich von der rückwärtigen Seite. Ein schmaler Pfad, den die Besucher nicht verlassen dürfen, führt zum Kassenhäuschen, ausländische Touristen zahlen umgerechnet elf Euro Eintritt. So werden die Parkwächter finanziert. Der Weg führt weiter durch einen Dschungel, gespickt mit Hinweisschildern: Bitte keine Muscheln klauen! Keine Fische füttern! Keine Dronen fliegen lassen! Keine Abfälle hinterlassen! Es wirkt, als meinten sie es wirklich ernst mit der zweiten Chance.

Der eigentliche Strand, fast zu allen Seiten durch bewaldete Felsen geschützt, ist tatsächlich spektakulär. Man darf im Sand liegen, durchs flache Wasser spazieren, Unmengen Selfies machen. Allein diese Fotos lohnen den Trip.

Zur Provinz Krabi gehören auch mehrere Küstenorte am Festland, mit dem Schnellboot sind sie in einer Stunde erreichbar. Der spektakulärste heißt Railay und liegt verborgen hinter einer Kette von Kalksteinfelsen. Einst galt Railay als Hippie-Nest, in dem Rucksacktouristen in Bambushütten hausten. Heute gibt es hier Vier-Sterne-Hotels, aber jede zweite Bar hat noch eine Bob-Marley-Flagge an der Wand, und auf den Speisekarten werden weiterhin „Happy shakes“ und „Happy pancakes“ beworben.

In Railay trifft man Menschen wie Nathapong. Vor Corona war er Reiseleiter, hatte sich auf chinesische Gruppen spezialisiert. Das brachte ihm rund 50 000 Baht im Monat ein, knapp 1400 Euro. Heute steht Nathapong am Wegesrand und verkauft Kokosnüsse. So kommt er nur auf ein Fünftel seines früheren Gehalts. Nathapong hofft, dass die Chinesen bald zurückkehren. Theoretisch sind ihnen Reisen ins Ausland bereits wieder erlaubt, aber nach der Rückkehr müssten sie für drei Wochen ins Quarantäne-Hotel und anschließend zwei Wochen zu Hause bleiben. So viel Urlaub am Stück hat in China kein Arbeitnehmer.

Nathapong sagt, ein Freund habe ihm geraten, er solle auf indische Touristen umsatteln. Die kämen jetzt wieder vermehrt. Leider seien sie deutlich unpünktlicher als Chinesen. Da brauche man als Reiseleiter vor allem Geduld.

Railay hat drei Strände, eine Wanderroute zu einer entlegenen Lagune sowie eine Tropfsteinhöhle. Und auch hier finden sich immer wieder Hinweisschilder. Eines bittet Touristen darum, keine Höhlenwände zu bemalen. Man schämt sich ein bisschen und überlegt, wie schlimm sich Urlauber wohl in der Vergangenheit benommen haben, dass Behörden solche Schilder aufstellen mussten.

Wer Railay besucht, wird auf jeden Fall Affen begegnen. Es gibt zwei Arten. Die eine sind Makaken: Sie haben graues, struppiges Fell, sind mit den Berberaffen verwandt und ausgesprochen wild. Man kann sie dabei beobachten, wie sie über Häuserdächer toben oder aus Swimmingpools verwaister Ferienanlagen trinken. Das ist sehr unterhaltsam, doch man sollte unbedingt Abstand halten. Makaken beißen und rauben Touristen schon mal ihre Smartphones.

Der Affe, den man gesehen haben muss

Die andere Affenart ist der Südliche Brillenlangur, auch Dusky genannt. Sein Anblick ist mindestens so aufregend wie die Felsenkulisse der Maya Bay. Er sieht einfach grotesk aus. Als hätte sich der Brillenlangur, ohne in den Spiegel zu schauen, mit weißer Schminke im Gesicht rumgepinselt, einmal dick um die Knopfaugen herum und dann noch quer unter der Nase, aber immer viel zu viel aufgetragen.

Duskys ernähren sich ausschließlich von jungen Blättern bestimmter Bäume, sie kommen Menschen nicht zu nahe. Wer das Glück hat, einer Langurenfamilie zu begegnen, wird sich nicht mehr einkriegen und fotografieren, bis der Speicher voll ist.

Aus dem „The Beach“-Desaster in der Maya Bay hat die Provinzregierung von Krabi gelernt. Soeben hat sie ein neues Filmprojekt untersagt: die Fortsetzung des Horrorschockers „Meg“, bei dem ein Urzeithai Menschen jagt, sollte nach dem Willen der Produzenten ab April in Railay gedreht werden, inklusive Jet-Ski-Actionszenen und Helikopterlandung. Solche Aufnahmen, entschied der Gouverneur, würden ein falsches Bild von den Zuständen in Krabi in die Welt transportieren. Hier sind Jet-Skis schließlich ebenso verboten wie Parasailing. Genau genommen dürfen die Urlauber an den Stränden von Railay nicht mal einen Sonnenschirm in den Sand zu stecken.

Das eigentliche Spektakel von Railay findet jeden Abend am westlichen Strand statt. Der Sonnenuntergang taucht den Horizont in ein knalliges Orange. Touristen bestaunen das Schauspiel von den angrenzenden Restaurants aus, manche sitzen auf mitgebrachten Decken im Sand. Noch ist hier jede Menge Platz.

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