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© Getty Images

Triebenthemmung in der Smalltalk-Hölle: Betriebsweihnachtsfeiern gehören abgeschafft!

Warum Arbeitgeber am Jahresende Partys schmeißen? Um Unmut in Alkohol und Schamgefühlen zu ertränken. Ein Glück, dass all das wieder ausfällt.

Eine Glosse von Hannes Soltau

| Update:

Der Firmenboss betritt verspätet die Betriebsweihnachtsfeier. „Wir haben Getränke, Mädchen und Spiele“, flüstert ihm jemand ins Ohr. Die Mitarbeiter:innen der Werbeagentur „Sterling Cooper“ tanzen Polonaise. Angeführt von der attraktiven Chefsekretärin, die ein Kleid mit einer Geschenkschleife trägt. Die Dienstältesten unterbrechen kurz ihr reaktionäres Gefasel, um ihr nachzuschielen, fragen sich, wer sie wohl auspacken dürfe, um dann weiter Whiskey ins sich reinzukippen.

Am Ende des Abends überredet der Chef seine Assistentin zum Sex, nur um sie am kommenden Tag kalt abzuservieren. Es sind Szenen aus der Serie „Mad Men“, die in einer New Yorker Werbeagentur der 1960er Jahre angesiedelt ist – und doch wirken sie so seltsam vertraut.

Alle Jahre wieder war der Termin für die Betriebsweihnachtsfeier im Kalendarium des vorpandemischen Zeitalters gesetzt. Welch Erleichterung, als sich abzeichnete, dass die meisten Festivitäten in dieser Adventszeit erneut ausfallen werden. Ein weiteres Jahr, in der die unheilvolle Verschränkung von eiserner Unternehmensdisziplin und Triebenthemmung ausfällt. Welch Glück!

Sexistische Männerwelt: Die Serie „Mad Men“.
Sexistische Männerwelt: Die Serie „Mad Men“.
© imago images/Ronald Grant

Hierzulande richteten zuletzt drei von vier Unternehmen zum Jahresende eine Feier aus. Arbeitspsychologen werden nicht müde, die positiven Aspekte von Eisstockschießen, Glühweintrinken und Weihnachtsgans für das Betriebsklima hervorzuheben. Das gemeinschaftsstiftende Erlebnis stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl der Arbeitnehmer:innen und die Loyalität gegenüber der Firma: ein Abend auf Augenhöhe mit den Vorgesetzten, des Austauschs und der Wertschätzung.

Eine Feier der Besinnlichkeit? Eher ein Gereiher bis zur Besinnungslosigkeit

Intensive Face-to-Face-Beziehungen. Der eine Tag im Jahr, an dem sich aus der amorphen Masse an Angestellten auf einmal leichtlebige Individuen herausschälen.

Was für ein ideologisches Gewäsch!

Vielmehr ist die Betriebsweihnachtsfeier der beste Beweis dafür, wie dünn die zivilisatorische Lackschicht in unserer Gesellschaft ist. Und Alkohol nach wie vor das beste Lösungsmittel, um diesen Firnis zu beseitigen und die Abgründe darunter freizulegen. Eine Feier der Besinnlichkeit? Eher ein Gereiher bis zur Besinnungslosigkeit. Ein Beleg, wie wenig die MeToo-Debatten bisher fruchteten.

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Die Kulturwissenschaftlerin Eva Hesslinger nennt die Betriebsweihnachtsfeier ein „Fest der Moderne, das die Grenze zwischen Privat und Firma verwischen soll“. Die Idee dazu kam erst im 19. Jahrhundert auf, als kleine Handwerksbetriebe durch eine zentralisierte Industrie abgelöst wurden. Die Magnaten suchten damals nach Möglichkeiten, den anonymen Großbetrieben einen familiären Anstrich zu geben. Im Laufe der Jahre hat sich dafür ein Regelkanon herausgebildet, der sich in ungezählten Ratgebern niederschlug.

Wer sich den herabwürdigenden Ritualen in der Fotobox entzieht, dürfte fortan als nicht teamfähig gelten.

Hannes Soltau

Einigkeit besteht unter den Autor:innen in einer Sache: Man muss mitmachen. Unentschuldigtes Fernbleiben könnte als undankbare Anmaßung ausgelegt werden, schon ein zu häufiger Blick auf die Uhr als augenfällige Miesepetrigkeit. Und wer sich den herabwürdigenden Ritualen in der Fotobox entzieht, dürfte fortan als nicht teamfähig gelten.

Für gewöhnlich legt die Unternehmensführung die Betriebsweihnachtsfeier mitten in die Woche, um die destruktiven Kräfte, die sie entfesselt, zumindest etwas einzuhegen. Vom durchorchestrierten Stahlbad im Kunstschnee kündet schon die Begrüßung durch die Cateringfirma mit aufgestecktem Geweih-Haarreif und Pullover im Rentier-Strickmuster. Direkt nach dem Sektempfang geht es zum obligatorischen Schrottwichteln, wo man sich feixend den aussortierten Hausrat zuschiebt. Lediglich die Dekoration mit Lebkuchen und Tannenzweigen auf den Tischen lässt noch einen losen Zusammenhang mit Weihnachten erkennen. In ihrer Fantasielosigkeit wird sie nur von den folgenden Ansprachen überboten.

Eine realistische Einschätzung des Wirtschaftsjahres bietet der Blick aufs Buffet

Vom Chief Financial Officer („Herausfordernde Monate für unser Unternehmen liegen hinter uns“) bis zum CEO („Mit frischer Kraft an die Herausforderungen des kommenden Jahres“) wird die letzte Chance genutzt, die Bilanzen schönzureden. Eine realistischere Einschätzung des Wirtschaftsjahres bietet hingegen der Blick aufs Buffet. Statt einem mehrgängigen Menü wartet meist nur Fingerfood. Dabei kann der Arbeitgeber die Kosten der Feier von der Steuer absetzen – bis zu 110 Euro pro Kopf. Schon türmen sich die Ersten die Teller voll, als müssten die unbezahlten Überstunden in Kartoffelsalat und Lachs-Frischkäse-Röllchen aufgewogen werden.

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Die Gesättigten rotten sich alsdann vor dem DJ-Pult zusammen. Kaum werden die Regler hochgezogen, schrauben Michael-Jackson-Gedächtnis-Moonwalks und John-Travolta-Hüftschwünge auch den Fremdschämfaktor in die Höhe. Doch Tanzen ist der einzige Ausweg aus der Smalltalk-Hölle, die losbricht, wenn Menschen miteinander reden müssen, die sonst stumm in Bildschirme starren. Unverhofft wird die Duz-Maschine angeschmissen. In einer Atmosphäre zwischen Beichtstuhl und Therapiecouch darf von der Nagelbettentzündung bis zum Nahostkonflikt alles verhandelt werden.

„Die da“ von den Fantas wummert zum fünften Mal aus den Boxen

Durchsetzt von Gesprächspausen, betretenen Blicken, Festklammern am Weinglas. Der DJ hat derweil vor dem Spotify-Mob kapituliert. Zum fünften Mal wummert „Die da“ von den Fantastischen Vier aus den Boxen.

Wenn ein Chef gegenüber seinen Angestellten behauptet, eine Untergebene habe „wie eine Dirne getanzt“, kann eine dadurch ausgelöste psychische Krise mit Dienstausfall zu einer Fortzahlungsverpflichtung des vollen Gehalts plus Schmerzensgeld führen, wie das Arbeitsgericht Bocholt urteilte.

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Ohnehin beschäftigt sich die deutsche Justiz erstaunlich viel mit Weihnachtsfeiern. So darf ein Arbeitnehmer, der die Ansprache seines Vorgesetzten auf der Betriebsfeier mit Buhrufen begleitet, dafür lediglich abgemahnt werden. Sollte man seinen Chef allerdings als „Arschloch“ und „Wichser“ bezeichnen und behaupten, dieser könne „nicht ficken und nicht saufen“, dann ist eine Kündigung laut Gerichtsurteil gerechtfertigt. Wer plant, alkoholisiert die Treppe herunterzufallen und sich dabei ein Schädel-Hirn-Trauma zuzuziehen, tut das besser, solange der Chef noch an der Theke steht. Nur dann gilt es als Dienstunfall.

„Wo Es war, soll Ich werden“, schrieb Sigmund Freud einmal über das Ziel der Psychoanalyse. Doch an diesem Abend heißt es: Wo Ich bin, soll Es sein. Das Feierbiest, die Saufziege, der Lustmolch. Abscheu erregte vor einigen Jahren der Kreativchef einer renommierten Werbeagentur, der bei der Weihnachtsfeier betrunken seinen Penis herausholte und so tat, als würde er darauf Gitarre spielen. Er wurde danach weder verurteilt noch gefeuert – sondern befördert.

Hält der Augenkontakt länger als eine Sekunde, gilt das schon als Match.

Hannes Soltau

Je fortgeschrittener der Abend, desto einsilbiger und speicheldurchsetzter die Artikulation. Die Augen disparat. Der Gang schwankend. Über glühweingetränkte Hemdkragen versichert man sich im Tonfall hirngewaschener Sektenmitglieder, man sei doch „eine große Familie“. Zum Zwecke unerwünschter Verbrüderungsversuche werden Arme um Schultern und Hände auf Oberschenkel gelegt. Auf Servietten notieren emsige Buchhalter die Attraktivität der Auszubildenden auf einer Skala von eins bis zehn. Analoges Tindern. Hält der Augenkontakt länger als eine Sekunde, gilt das schon als Match.

Heidi und Franz Beckenbauer kamen sich bei einer Weihnachtsfeier näher.
Heidi und Franz Beckenbauer kamen sich bei einer Weihnachtsfeier näher.
© imago/Sammy Minkoff

„All I Want For Christmas Is You!“ Menschen gehen in der Vorweihnachtszeit häufiger fremd als zu anderen Zeiten des Jahres, sagt die Statistik. Wenn das, ja mei, der Kaiser gewusst hätte: Franz Beckenbauer zeugte einst nach einer Weihnachtsfeier des FC Bayern München mit einer Sekretärin ein Kind.

Die Raucherfraktion hat derweil eine Stehleiter organisiert, mit deren Hilfe sie die Feuermelder abmontiert. Als gegen Mitternacht der Klassiker „Killing In The Name“ von Rage Against The Machine ertönt, lässt das auch die letzten Hosentaschenrebellen aus dem Sakko hüpfen, mit ausgestrecktem Mittelfinger vor dem Chef auflaufen und in den Chor der Entrechteten einstimmen: „Fuck You, I Won’t Do What You Tell Me!“

Der Fahrstuhl hängt schon längere Zeit im obersten Geschoss fest. Es bleibt nur noch die Flucht durch das Treppenhaus hinab. Ohne Verabschiedung.

Die Überlebenden begegnen sich anderntags in reuegefluteten Räumen wieder. Eine erlesene Duftkomposition von Schweiß und Qualm in der Kleidung. Zwischen zertretenen Essensresten und Bierpfützen sitzen bedröppelt dreinschauende Zweierkonstellationen. Satzfetzen wie „Frau und Kinder“ oder „nie wieder vorkommen“ dringen herüber. Bleiche Gestalten mit fauligem Atem stehen flüsternd zusammen, um das Geschehen der Nacht zu rekonstruieren.

Helfen könnte dabei die Unternehmenskommunikation, die gegen Mittag die Bilder des eigens engagierten Fotografen über den Gesamtverteiler schickt. Whatsapp-Kanäle glühen. Knutschbilder von Kolleg:innen sind die Celebrity-Sextapes der Mittelschicht. Die systemerhaltende Funktion der Weihnachtsfeier, den übers Jahr angestauten Unmut in Alkohol und Schamgefühlen zu ertränken, sie ging mal wieder auf.

Und doch gibt es Hoffnung. Lediglich 29 Prozent der deutschen Arbeitnehmer:innen finden es schade, dass die Weihnachtsfeier dieses Jahr schon zum zweiten Mal ausfällt. Die meisten hätten laut Umfrage lieber Weihnachtsgeld oder ein paar freie Tage.

Um den Dezember in Würde hinter sich zu bringen, bleibt für die postpandemischen Zeiten derweil nur folgender Lifehack: Frühzeitig den Restjahresurlaub beantragen.

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