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© Sebastian Leber, Victoria Ivleva

Ukrainer wenden sich an Deutschland: „Ihr hättet uns Butscha ersparen können“

In Kiew beobachten die Menschen sehr genau, wie in Deutschland über den Krieg diskutiert wird. Sieben von ihnen kommen hier zu Wort. Mit klaren Botschaften.

Von Sebastian Leber

Während das Leben in die ukrainische Hauptstadt langsam zurückkehrt, tobt in anderen Landesteilen weiter der Krieg. Die Menschen machen sich Gedanken, wie es weitergehen könnte. Und ahnen: ohne Europa, ohne Deutschland, geht es nicht. Hier erzählen sieben von ihnen, was die Deutschen wissen sollten.


Maryna Demitor, 34

© Sebastian Leber

„Deutschland hilft in dieser Krise enorm, zum Beispiel dadurch, dass es Flüchtlinge aufnimmt, ihnen Unterkünfte gibt und sogar Geld. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe selbst zwei Monate als Flüchtling in Deutschland gelebt. Meine kleine Tochter und meine Mutter sind immer noch in Rostock. Ich glaube auch, dass es für Deutschland nicht einfach ist, so viele Ukrainer temporär aufzunehmen, das belastet natürlich den Staatshaushalt.

Die Unterstützung Deutschlands ist also bereits sehr großzügig. Was die Waffenlieferungen angeht: Ich denke, es ist im Interesse sämtlicher Staaten Europas, dass Russland in diesem Krieg scheitert. Denn ansonsten wird Putin als nächstes Polen bedrohen oder Litauen oder wer weiß wen noch alles. Uns verbindet der Wunsch, dass dieser Krieg hier in diesem Land aufgehalten und beendet wird, dass er sich nicht weiter ausbreitet. Und dafür sind die Waffen notwendig.

Und natürlich denke ich auch, dass Europa uns viel früher mehr hätte zutrauen sollen, das war ein Fehler. Hätten uns andere Länder schon vor Monaten die richtigen Waffen geliefert, wäre uns einiges erspart geblieben. Butscha zum Beispiel.“


Pavlo Kirnoz, 20

© Sebastian Leber

„Jedes Land hat seine eigene Identität. Mit eigenen Helden, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Musikern. Jedes Land hat auch seine eigene Geschichte und Dinge, auf die es stolz sein kann. Und nun stellt Euch einmal vor, jemand käme zu Euch, um all dies auszulöschen. Es ist eine furchtbare Vorstellung, oder?

Ich verstehe Europa als ein großes Haus, in dem jede Nation in einem eigenen Appartement lebt. Wahrscheinlich kennt man darin manche Nachbarn besser als andere, fühlt sich ihnen verbundener, aber letztlich leben alle unter demselben Dach. Wenn nun bei einem Bewohner eingebrochen wird und das Opfer um Hilfe schreit, dann sollten sich die Nachbarn doch kümmern.

Ich bin kein Politiker und maße mir nicht an, über die komplizierten politischen Vorgänge in Deutschland zu urteilen. Ich möchte auch niemandem vorwerfen, zu zögerlich zu sein oder starrsinnig. Als Bürger Europas kann ich nur alle anderen Bürger Europas bitten, jetzt nicht stumm zu sein, sondern die Nachricht von unserer Not und unserem Leiden weiterzutragen. Und in Euren Ländern dafür zu sorgen, dass Russland diesen Krieg nicht gewinnt.“


Liuda Basenko, 67

© Sebastian Leber

„Mein Sohn ist einer der Männer, die im Stahlwerk von Mariupol festsitzen. (Die Verteidigung von Mariupol wurde mittlerweile von der ukrainischen Regierung aufgegeben. Das Schicksal des Sohnes ist weiter ungewiss. Anm. d. Red.) Er ist Soldat und schwer verletzt, sie mussten ihm ein Bein amputieren, oberhalb des Knies. Seine Kameraden haben mir ein Bild von ihm geschickt, da sieht man seinen dicken Verband. Sie schrieben mir auch, dass es vor Ort in ihrem Versteck keine Antibiotika gibt.

Inzwischen habe ich schon mehrere Tage keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Ich weiß nicht, ob er zu denen gehört, die das Stahlwerk vor kurzem verlassen haben. Mein Sohn ist erst 28 Jahre alt. Ich hoffe so sehr, dass er noch lebt. Ich will die Weltgemeinschaft, auch Deutschland, daran erinnern, dass mein Sohn und viele andere Männer, die dort noch immer ausharren, dringend Hilfe brauchen. Bitte vergesst sie nicht. Bitte setzt Euch dafür ein, dass sie endlich freikommen.“


Dmytro Hainetdinov, 35

© Sebastian Leber

„Aus dem Zweiten Weltkrieg sollte die internationale Staatengemeinschaft doch eigentlich eine Lehre gezogen haben: nämlich dass eine Aggression, wenn der Aggressor nicht auf entschiedenen Widerstand aller stößt, nur noch stärker wird.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es die aktuelle Invasion nicht gäbe, hätte die Welt schon 2008 angemessen auf die russische Invasion Georgiens reagiert. Die heutige Invasion würde es auch nicht geben, hätte Russland 2014 nach der Besetzung der Krim den entschiedenen Widerstand der Weltgemeinschaft zu spüren bekommen. Beide Gelegenheiten, dem Aggressor Einhalt zu gebieten, wurden leider nicht genutzt.

Es ist höchste Zeit, jetzt endlich zu sagen: Es reicht! Zu Beginn dieses Konflikts war die Unterstützung der Deutschen unzureichend, womöglich einfach deshalb, weil Deutschland genau wie andere Partner fest davon ausging, Russland werde den Krieg sowieso innerhalb weniger Tage für sich entscheiden.

Inzwischen hat sich das sehr gewandelt. Wir sehen, dass die Weltgemeinschaft die Ukraine unterstützt, militärisch wie finanziell. Ich bin ganz sicher: Dieser Krieg wird als der beschämendste und dümmste aggressive Akt, den eine russische Regierung je befohlen hat, in die Geschichte eingehen wird.

Allerdings fürchte ich auch, dass Putin versuchen wird, diesen Konflikt jetzt einzufrieren. Deshalb brauchen unsere Truppen schwere Waffen, um die aktuell besetzten Gebiete zurückzuerobern. Und natürlich müssen auch die Sanktionen weiter verschärft werden. Gerade im Finanzsektor sind sie noch ausbaufähig.“


Maria Malorenko, 47 und Roman Rotanov, 45

© Victoria Ivleva

„Wir sind erstaunt, dass die Deutschen offenbar nicht verstehen, dass hier täglich unschuldige Menschen sterben. Wir haben davon gehört, dass es innerhalb Deutschlands Diskussionen über mehr Hilfe gibt. Aber ehrlich gesagt sollte das eigentlich klar sein. Das ist doch nichts, worüber man lange diskutieren muss.

Warum sich Deutschland so passiv verhält, kann verschiedene Gründe haben. Einerseits sicher die Abhängigkeit vom russischen Gas. Andererseits haben sich die Deutschen vielleicht von den russischen Lügen blenden lassen und glauben, die Ukraine werde tatsächlich von Nazis regiert.

Wir fürchten, es gibt aber noch einen dritten Grund: nämlich dass einige deutsche Politiker von Putin gekauft sind und mehr oder weniger offensichtlich daran arbeiten, dass der Horror in der Ukraine möglichst ungestört weitergehen kann.“


Mykhailo Aleshenko, 23

© Victoria Ivleva

„Es war nicht die deutsche Bevölkerung, sondern die deutsche Regierung, die uns in der Anfangszeit des Krieges im Stich gelassen hat. Zum Glück hat sich das etwas gewandelt, sowohl die Rhetorik als auch die Taten der Regierung von Olaf Scholz haben sich geändert. Es liegt sicher auch an dem Druck, der in Deutschland auf den Kanzler aufgebaut wurde.

Im Internet habe ich sogar von Aufrufen gelesen, ein Misstrauensvotum gegen Scholz zu versuchen. Ich weiß, dass sich Deutschland weigert, in Rubel zu bezahlen, so wie Wladimir Putin es verlangte. Hoffentlich bleibt Deutschland bei dieser Entscheidung, selbst wenn Russland seine Lieferungen tatsächlich stoppen sollte. Überhaupt wäre es am sinnvollsten, würde das Embargo für russisches Öl und Gas endlich kommen. Ein modernes, leistungsstarkes Land wie Deutschland wird schnell auf alternative Energien umstellen, wenn es denn sein muss.

Insgesamt wünsche ich mir, dass Russland als Konsequenz für seine andauernden Verbrechen so sehr isoliert wird, dass es sich wieder hinter einem Eisernen Vorhang befindet. Und die Welt muss verstehen, dass diese Verbrechen nicht allein auf Putin zurückgehen. Putin steht nur an der Spitze, und er spricht stellvertretend für viele, viele Russen. Er spricht für die marodierenden und mordenden Soldaten, auch für deren Familien, die diese Soldaten unterstützen.“


Igor, 39

© Victoria Ivleva

„Wir brauchen dringend mehr militärische Hilfe. Also modernes Kriegsgerät. Ich bin Soldat der Special Forces, gehe nächste Woche zurück an die Front in die Region Luhansk, deswegen kann ich weder mein Gesicht zeigen noch meinen Nachnamen nennen.

Mittlerweile kommen ja Waffenlieferungen aus Deutschland, aber leider immer noch nicht in den benötigten Mengen. Die Zurückhaltung der Deutschen liegt sicher an den historischen Beziehungen zu Russland. Das klingt jetzt zynisch, aber: Russland war extrem gut darin, Deutschland an seine Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Das hat die Ukraine nicht gemacht, und das war wohl ein Fehler.

Denn in Wahrheit fand ein großer Teil der Gräueltaten des Nazi-Regimes ja auf ukrainischem Boden statt, nicht nur auf russischem. Das ist den Deutschen aber unbekannt, und sie fühlen sich aufgrund ihrer historischen Verantwortung heute eher mit den Russen verbunden. Das hat Moskau geschickt gemacht, und wir haben das versäumt.

Zur Verteidigung der Deutschen muss ich allerdings auch sagen, dass sie nicht die einzigen sind, die Putin so einen brutalen Angriff nicht zugetraut und sich derart abhängig von russischen Rohstoffen gemacht haben. Sogar uns Ukrainern ist das passiert.“

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