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Geflüchteter in Velika Kladuša
© Sebastian Leber

„Was hier geschieht, macht Menschen kaputt“: Die Geschichte, die nicht erscheinen sollte

Systematisch verstößt Kroatien gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Als unser Reporter dazu recherchieren wollte, wurde er festgenommen.

Von Sebastian Leber

Jameel Ahmed sagt, es sei ihm schon 17 Mal passiert. Einmal, im Mai, habe ihm ein kroatischer Polizist mit der Faust ins Gesicht geschlagen, mehrfach hätten sie ihn mit Elektroschockern traktiert. Oft wurde er beleidigt, gedemütigt, bedroht. Sie hätten ihn einen schlechten Vater geschimpft, weil er seine zweijährige Tochter mit auf die Flucht genommen habe und weil er überhaupt ein Kind gezeugt habe in seiner aussichtslosen Lage. „Why do you fuck?“, habe einer gefragt.

Einmal hätten die Polizisten auch Seema, seine Frau, grob angefasst. Sie hatte sich geweigert, ihren Ehering herzugeben. Die Grenzer schubsten sie zu Boden. Den Ring hat sie nicht mehr. Aber seitdem Schmerzen links an der Hüfte.

Es gab allerdings auch Begegnungen mit Grenzbeamten, bei denen er nicht gedemütigt wurde, sagt Jameel Ahmed. Bei denen die Männer sie nach dem Aufgreifen einfach am Straßenrand warten ließen. Bis der Kleinlaster da war, in den Seema, er und seine Tochter dann hinten einsteigen mussten, bevor der Wagen sie zurück auf bosnisches Gebiet brachte. Natürlich ohne ihre Schuhe, das Handy und alle sonstigen Wertsachen. Das nehmen sie dir immer ab, sagt Jameel Ahmed.

Eine Zuflucht namens Velika Kladuša

Den Fußboden des kleinen Raums im ersten Stock der Fabrikruine, in dem die Ahmeds leben, hat Jameel mit einem Stück Stoff als Teppich ausgelegt. Die Wände sind kahl, in einer Ecke steht ein selbst gebauter Ofen. Die Fabrik liegt an einer kaum befahrenen Straße in den Ausläufern von Velika Kladuša, einer Grenzstadt am nordwestlichen Zipfel Bosniens. Dass ein Ort namens Velika Kladuša einmal ihre Zuflucht werden würde, haben die Ahmeds bis vor einem Jahr nicht geahnt. Sie sind Belutschen, Angehörige einer verfolgten ethnischen Minderheit in Pakistan.

Jameel und Seema Ahmed heißen eigentlich anders, aus Angst vor der kroatischen Polizei sollen ihre echten Namen, wie die aller übrigen Betroffenen in diesem Text, nicht genannt werden. Von ihrem Verschlag in der alten Fabrik aus starten sie ihre Versuche, über die Felder und durch Wälder nach Kroatien zu gelangen und dort um Asyl zu bitten. Denn das steht ihnen laut Genfer Flüchtlingskonvention zu: Sobald ein Geflüchteter Kroatien und somit EU-Territorium betritt und um Asyl bittet, muss geprüft werden, ob ein Anspruch darauf besteht oder nicht. Bei den bisherigen 17 Malen wurde ihnen dieses Recht verwehrt.

Warum Jameel denkt, dass es beim 18. Versuch anders laufen wird?

„Das denken wir nicht. Wir hoffen es nur.“

Geflüchtete in Velika Kladuša
Geflüchtete in Velika Kladuša
© Sebastian Leber

Obwohl Menschenrechtsorganisationen seit Jahren von den illegalen, teils gewalttätigen „Pushbacks“ durch kroatische Grenzbeamte berichten, hat die kroatische Regierung derartige Übergriffe stets bestritten. Sollte es je zu Pushbacks gekommen sein, liege dies am Fehlverhalten einzelner Polizisten, heißt es.

Dass diese Darstellung grob falsch ist, die illegalen Pushbacks in Wahrheit systematisch und tagtäglich stattfinden, haben mittlerweile auch offizielle Stellen dokumentiert. Zwei UN-Sonderberichterstatter beklagen „unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt durch die kroatische Polizei“, bei denen selbst Kinder körperlich misshandelt würden, sie sprechen von Elektroschocks, Schlägen und sogar „Folter“. Dunja Mijatovic, die Menschenrechtskommissarin des Europarats, ruft Kroatien auf, seine Praxis der illegalen Rückführungen, die Gewalt und das Ausrauben von Migranten sofort zu beenden. EU-Kommissarin Ylva Johansson spricht von „überzeugenden Belegen für den Missbrauch von EU-Mitteln“ zur Durchführung der Pushbacks. Das Anti-Folter-Komitee des Europarats hat forensische Befunde vorgelegt, die den Einsatz von Keulen und Schlagstöcken beweisen, und kritisiert Praktiken, die keinen Platz haben dürften in einem Staat, der von sich behaupte, auf die Einhaltung von Menschenrechten Wert zu legen. Alle Ermahnungen blieben folgenlos.

Die Frage lautet: Warum stößt der systematische Gesetzesbruch an der bosnisch-kroatischen Grenze auf so wenig öffentliches Interesse? Weshalb führt ein Skandal, der derart offensichtlich und nur 800 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt stattfindet, nicht zu kollektiver Empörung und dem Wunsch, den Missstand abzustellen?

In der Region um den bosnischen Grenzort Velika Kladuša harren derzeit Tausende Migranten aus. Viele leben in heruntergekommenen, verlassenen Wohnhäusern, in stillgelegten Industrieanlagen oder nie fertiggestellten Bauruinen. Andere übernachten in den umliegenden Wäldern, unter Plastikplanen oder in windschiefen, selbstgezimmerten Holzhütten. Zugang zu Sanitäranlagen haben die wenigsten.

Velika Kladuša bietet für Geflüchtete, die in die Europäische Union wollen, einen geografischen Vorteil: Die Kleinstadt mit ihren 40 000 Einwohnern liegt im äußersten Zipfel Bosniens. Egal, ob man sich von hier aus nord- oder westwärts bewegt, man erreicht schnell kroatisches Staatsgebiet. Zudem gibt es keine Mauern oder Zäune, die einen am Grenzübertritt hindern, nicht einmal Hinweisschilder, ab welchem Moment man sich auf EU-Terrain befindet. Es gibt nur Wälder, Hügel, Ackerflächen, ein paar Bauernhöfe und viel Gestrüpp.

Die Grenzer setzen zur Überwachung Hubschrauber ein, sie haben Kameras installiert und aus Holz Hochsitze gebaut, wie es in Deutschland die Förster tun. Außerdem sind einige Areale noch vermint, Relikte aus den Jugoslawienkriegen der frühen 1990er Jahre.

Notunterkunft eines Geflüchteten
Notunterkunft eines Geflüchteten
© Sebastian Leber

Die Migranten, die von Velika Kladuša aus den Grenzübertritt versuchen, tauschen sich über die vielversprechendsten Routen aus. Also diejenigen, die ihnen die größten Chancen bieten, ungehindert auf EU-Gebiet zu gelangen. Es gibt auch eine App mit einer Landkarte, auf denen alle bekannten Minenfelder kartiert sind.

Die meisten, die in Velika Kladuša bereit sind, über ihre Fluchtversuche zu sprechen, haben bereits etliche Pushbacks erlebt. Viele mehr als 10 Stück, andere über 20, manche über 30.

An einem kalten Sonntagmittag im November steht Baran Sayyid, Handwerker aus Afghanistan, 800 Meter östlich des Zentrums von Velika Kladuša auf einem freien Feld zwischen provisorischen Zelten. Die Migranten nennen diesen Ort Helikopter, bloß weiß keiner, warum.

Sie mussten zusehen, wie ihre Kleidung verbrannt wurde

Baran Sayyid berichtet von Tritten und Stockschlägen, die er bei Pushbacks erlitten hat. Einmal, im September dieses Jahres, hätten Polizisten seine Frau und ihn zusammen mit einer Gruppe anderer Migranten zuerst in ein Waldstück gefahren. Auf einer Lichtung hielt der Wagen an, alle mussten aussteigen. Dann wurde ihnen befohlen, sämtliche Kleidung bis auf die Unterwäsche auf einen Haufen zu legen, dazu die Schlafsäcke. Sie mussten mitansehen, wie eine Polizistin den Haufen mit einer Flüssigkeit übergoss und anschließend anzündete. Auf der Lichtung, sagt Sayyid, konnte man noch mehrere andere verkohlte Haufen sehen. Wahrscheinlich die Reste früherer Verbrennungen.

Manchen Polizisten macht es Spaß, uns zu quälen, sagt Baran Sayyid.

Er berichtet auch von einem Grenzübertritt im Juni, als sie es bis nach Zagreb schafften, 20 Stunden Fußmarsch waren das. In der kroatischen Hauptstadt, glaubte er, würde es anders laufen als in der Provinz, die Beamten dort würden sich vielleicht eher an Gesetze halten. Stattdessen seien seine Frau und er ausgelacht worden. Dann ging es zurück über die Grenze.

Bei den meisten Geflüchteten, die in Velika Kladuša auf dem Feld namens Helikopter gestrandet sind, handelt es sich um Afghanen. Viele von ihnen gehören der schiitischen Minderheit der Hazara an, die auch bereits vor der Machtübernahme der Taliban verfolgt wurden. Sie sind alle schon seit mindestens zwei Jahren unterwegs. Von denen, die in diesem Sommer aus Kabul geflüchtet sind, hat es noch keiner hergeschafft. „Die kommen erst noch“, sagt Baran Sayyid. Vielleicht seien die gerade erst in der Türkei angekommen, vielleicht auch erst im Iran.

Manchen Polizisten macht es Spaß, uns zu quälen

Baran Sayyid

Mehrfach ist dieses Jahr die bosnische Polizei angerückt, um den Helikopter zu räumen. Sie hat die Zelte eingerissen und alle Bewohner, die nicht rechtzeitig das Weite suchten, in Busse verladen und dann in Flüchtlingslager im Landesinneren gebracht. Nach wenigen Tagen standen die ersten Zelte wieder. Beim letzten Räumungsversuch Anfang Dezember hat die Polizei die Plastikplanen und Hütten nicht nur niedergerissen, sondern verbrannt. Aber auch das verhinderte nicht, dass Helikopter bald neu aufgebaut wurde. Die Räumungen sind eher symbolisch, glaubt Baran Sayyid. Ansonsten seien die Bosnier anständige Menschen.

Vor sieben Jahren gab es noch kaum Geflüchtete in Velika Kladuša. Die sogenannte Balkanroute, entlang der damals Zigtausende Menschen aus Syrien und dem Irak nach Mitteleuropa fanden, verlief noch 300 Kilometer weiter nördlich. Weil Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán dann Stacheldrahtzäune an den Grenzen zu Serbien und Kroatien bauen ließ, verlagerten sich die Routen.

Unterkunft in Velika Kladuša
Unterkunft in Velika Kladuša
© Sebastian Leber

Ab 2018 geriet Velika Kladuša zum neuen Hotspot. Die Stadtverwaltung kümmerte sich zunächst um die Versorgung der Geflüchteten, ließ Essen verteilen und organisierte Unterkünfte. Doch versprochene Finanzhilfen durch die bosnische Zentralregierung in Sarajevo blieben aus, der Grenzort verschuldete sich in Millionenhöhe, stellte sämtliche Maßnahmen ein. Damals kippte die Stimmung, sagt einer, der seit Jahren in Velika Kladuša lebt und sich bei einer lokalen Hilfsorganisation engagiert. Im Ortskern bettelten hungrige Geflüchtete, manche klauten Essen aus Supermärkten oder holzten nachts Bäume ab, um weiter heizen zu können. Alteingesessene beschwerten sich, dass die Migranten das Stadtbild dominierten und nervten. Es gab Demonstrationen. Jetzt habe sich die Situation beruhigt, sagt der Mann. Vor allem deshalb, weil private Hilfsorganisationen die Versorgung der Geflüchteten übernommen haben.

Eine von ihnen nennt sich „Blindspots“. Der Name steht für Orte auf der Welt, in denen Leid und Unrecht geschehen, auf die aber niemand schauen mag. Orte wie die Grenze bei Velika Kladuša.

Was die Helfer dürfen – und was nicht

Die Freiwilligen von „Blindspots“ bringen Feuerholz, unterstützen die Geflüchteten beim Abdichten ihrer Notbehelfe und dem Einbau von Öfen zum Heizen. Helfen, Plumpsklos zu bauen. Stellen mobile Duschen auf. Sie fahren auch los, sobald sie erfahren, dass wieder eine Gruppe Migranten von der kroatischen Polizei aufgegriffen und im bosnischen Nirgendwo ausgesetzt wurde. Den Betroffenen bringen sie Wasser, Essen und neue Schuhe. Zurück nach Velika Kladuša müssen es die Migranten danach alleine schaffen. Die Helfer dürfen sie nicht in ihren Wagen mitnehmen, das könnte ihnen als Schleusertum ausgelegt werden.

Was hier geschieht, macht Menschen kaputt

Ärztin von MVI

Neben Blindspots gibt es eine Gruppe, die Kleidung verteilt sowie Lebensmittelmarken, die Migranten dann in Supermärkten einlösen können. Es gibt die ehrenamtlichen Ärzte der Gruppe „Medical Volunteers International“, kurz MVI, die die Wunden der malträtierten Migranten nach Pushbacks behandeln, aber auch Entzündungen, Knieschmerzen von den langen Märschen, die grassierende Krätze. Sie verarzten auch Geflüchtete, die sich selbst tiefe Schnitte an den Armen zugefügt oder brennende Zigaretten auf ihrer Haut ausgedrückt haben, einfach weil sie den Stress und die Not nicht mehr aushalten. Ein einjähriges Kind, berichtet eine Ärztin, habe in seiner Zeit in Bosnien begonnen, seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. Die Mutter habe gefragt, was man da tun könnte. Sie wusste keinen Rat.

Die Ärztin sagt: „Was hier geschieht, macht Menschen kaputt.“

Einige der Hilfsorganisationen arbeiten undercover. Da sie offiziell nicht registriert sind, müssen sich die Mitarbeiter als Touristen ausgeben. Die Registrierungsverfahren, sagen sie, dauern hier teils mehrere Jahre.

Unter den Mitarbeitern der Gruppen sind auch Deutsche. Eine sagt, ihr Engagement fühle sich einerseits richtig an. Andererseits auch arg inkonsequent. Sie könne hier nur versuchen, das Leid der gestrandeten Menschen etwas zu lindern. Wirklich helfen würde sie ihnen nur, wenn sie sie beim Überqueren der Grenze unterstützte: „Aber die massive Kriminalisierung von Fluchthilfe schreckt ab.“

Ein anderer sagt, wer nach einem Besuch von Velika Kladuša noch an das Märchen von allenfalls vereinzelt stattfindenden Pushbacks glaube, dem sei nicht zu helfen.

Es sind nicht nur die Migranten und ihre Unterstützer, die offen über die systematischen Pushbacks sprechen. Anwohner auf beiden Seiten der Grenze tun es ebenso. „Es ist ja gar nicht zu übersehen“, sagt ein Kroate. Auch die kroatische Grenzpolizei spricht darüber. Mehrere Polizisten bestätigen dem Tagesspiegel, dass die Pushbacks alltägliche Praxis sind. Allerdings legen sie Wert auf die Feststellung, dass sie selbst nie an Gewalttaten beteiligt gewesen seien. Ein Beamter sagt, er freue sich über mehr Berichterstattung und hoffe, dass die Praktiken öffentlich diskutiert würden. Denn er wolle sich als Polizist eigentlich korrekt verhalten, und der Regelbruch werde so lange andauern, wie die mächtigen Staaten Europas, allen voran Deutschland, nicht einschreiten, sondern diesen durch Wegschauen noch förderten.

Er sagt: „Was wir hier tun, ist im Interesse deines Landes.“

Tatsächlich will ein Großteil der Geflüchteten, die von Velika Kladuša die Grenze überqueren, nicht in Kroatien bleiben. Viele möchten nach Deutschland.

Bewohner des Helikopters bauen ein Plumpsklo
Bewohner des Helikopters bauen ein Plumpsklo
© Sebastian Leber

Andererseits hat Kroatien auch ein eigenes Interesse daran, die Zahl der Menschen, die Kroatiens Grenze überqueren, möglichst gering zu halten. Denn das Land, das erst seit 2013 Mitglied der Europäischen Union ist, möchte dringend dem Schengenraum beitreten. Als Bedingung hierfür gilt, die Außengrenze der EU sichern zu können. In dieser Woche wurde der Einsatz Kroatiens belohnt: Bei einer Sitzung in Brüssel kritisierten die EU-Innenminister scharf den Autokraten Alexander Lukaschenko, der Menschenrechte missachte und von Belarus aus Tausende Flüchtlinge über die polnische Grenze schicken lassen wolle. Gleichzeitig beschlossen sie einstimmig, dass der Aufnahme Kroatiens in den Schengenraum nun nichts mehr im Wege stehe. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lobte, das Land habe bewiesen, dass es die EU-Außengrenzen verteidigen könne.

Eine Tagesspiegel-Anfrage an das kroatische Innenministerium, wie viele zwangsweise Rückführungen ohne vorherige Prüfung von Asylansprüchen es an der kroatisch-bosnischen Grenze pro Jahr gebe und was die Regierung gegen diese illegale Praxis unternehme, bleibt unbeantwortet.

Um den Pushbacks der Kroaten zu entgehen, versuchen manche Migranten, nach dem Grenzübertritt zunächst nicht aufzufallen, sich nicht als Geflüchtete zu erkennen zu geben und keinen Asylantrag zu stellen, sondern direkt weiterzuziehen nach Slowenien oder noch besser Italien. Die Route, die sie dafür nehmen, ist dicht bewaldet. „Full Jungle“ nennen sie die Tour. Es braucht etwa neun Tage Fußmarsch, um von Velika Kladuša nach Italien zu gelangen, sagt Baran Sayyid, der Afghane vom Helikopter. Deswegen ziehen Migranten, die „Full Jungle“ wagen, nur los, wenn die Wettervorhersage mindestens fünf Tage ohne Regen prognostiziert.

Aber Pushbacks finden auch in Slowenien statt. Werden sie kurz vor der italienischen Grenze aufgegriffen, ist die Chance groß, dass sie am nächsten Tag wieder in Velika Kladuša auf dem Helikopter stehen. Baran Sayyid ist es schon so ergangen.

Im Oktober dieses Jahres veröffentlichten mehrere Medien, darunter die ARD, ein Video, das maskierte Männer, sehr wahrscheinlich kroatische Polizisten, bei einem Pushback zeigt. Mit ihren Schlagstöcken treiben sie Geflüchtete in den kroatisch-bosnischen Grenzfluss Korana. Die Behörden versprachen, den Vorfall umgehend zu untersuchen.

Was viele Migranten in Velika Kladuša dennoch antreibt, es trotz der Pushbacks immer wieder aufs Neue zu versuchen, sind die Geschichten, die sich die Gestrandeten untereinander erzählen. Geschichten über jene, die es durch die Wälder bis nach Italien geschafft haben. Und denen, die in Kroatien nicht angefeindet wurden, sondern ihr Recht bekamen, einen Asyl-Antrag zu stellen. „Vielleicht kommt es auf den richtigen Moment an, die richtigen Polizisten in der richtigen Stimmung“, sagt Baran Sayyid.

In der alten Fabrikhalle weiter südlich, in dem Raum im ersten Stock auf dem ausgelegten Teppich, hat Jameel Ahmed feuchte Augen bekommen. Er sagt, wer so lange auf der Flucht sei wie er und so viele schlechte Erfahrungen gemacht habe, der könne gar nicht anders, als psychisch krank zu werden. Sollte er es je nach Italien schaffen und dort tatsächlich Asyl erhalten, werde er einen Arzt aufsuchen.

Seine Frau Seema sagt: ja, das sei wahrscheinlich nötig. Und dass sie selbst niemals verzeihen werde, was ihnen angetan wurde. Dann berichtet sie von den „deportation cars“, den Kleinlastern, mit denen die Pushbacks durchgeführt werden. In jedem gibt es zwei Sitzbänke, die längsseits in Fahrtrichtung an die Wände montiert sind. Sie sind spiegelglatt, es gibt keine Gurte, Griffe oder sonstige Möglichkeiten zum Festhalten. Theoretisch, sagt Seema Ahmed, gibt es ein Sichtfenster zur Fahrerkabine, doch das wird von den Beamten verschlossen, sodass es im Innern komplett dunkel ist. Manche Fahrer führen bloß schnell durch die Kurven. Andere rissen, so kommt es ihr jedenfalls vor, während der Fahrt absichtlich das Steuer herum, sodass die Migranten hinten in der Dunkelheit durcheinanderwirbelten, sich übergeben müssten, aneinanderstießen, sich teils auch verletzten.

Inspekteuren des Anti-Folter-Komitees des Europarats gelang es bei ihrem Besuch im August, einen der Wagen inklusive des Innenraums zu fotografieren, er entspricht Seema Ahmeds Beschreibung. Dem Wagentyp zufolge ist der Transportraum mit seinen Bänken für maximal acht Passagiere geeignet. Das Komitee berichtet von Fahrten mit 20, manchmal bis zu 26 Migranten gleichzeitig zurück nach Bosnien.

Die Inspekteure des Anti-Folter-Komitees des Europarats besuchten im August mehrere Polizeistationen. Ihr Bericht liest sich wie eine Anklage. Mehrfach seien sie von den Kroaten getäuscht oder gezielt in die Irre geführt worden. Einmal kam es gar zu Gewalt. Auf der Polizeiwache des kroatischen Orts Korenica, 40 Kilometer südlich von Velika Kladuša, fanden sie ein Buch, das die Namen von 2373 Geflüchteten enthielt. Alles Personen, die allein in den drei Wochen zuvor von Beamten eben dieser Station aufgegriffen worden waren. Die offizielle Zahl der hier Aufgegriffenen hatten die Behörden jedoch lediglich mit 10 angegeben.

10 statt 2373. Der Verdacht liegt nahe, dass die übrigen Migranten verschwiegen wurden, da sie ohne Prüfung ihres Asylanspruchs zurück nach Bosnien transportiert wurden. Als die Beamten der Polizeistation realisierten, welches brisante Dokument die Inspekteure gefunden hatten, versuchten sie, ihnen das Buch gewaltsam abzunehmen.

Zoran Milanovic, der Präsident Kroatiens, hat den Bericht des Anti-Folter-Komitees inzwischen kommentiert. Die darin angeprangerte Behandlung von Geflüchteten sei scheinheilig. „Ein gewisses Maß an Gewalt“ sei notwendig, man könne Migranten, die unerlaubt die kroatische Grenze überquerten, doch nicht mit Musikinstrumenten begrüßen. Die Inspekteure, die der Europarat entsandt hatte, bezeichnet Zoran Milanovic als „Schädlinge“.

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