zum Hauptinhalt
© Martin Meissner/AP

Im Braunkohle-Revier: Klimaaktivistin Vanessa Nakate protestiert gegen Tagebau in Lüzerath

Die 24 Jahre alte Nakate ist die bekannteste Klima-Aktivistin aus Afrika. Ihre Heimat Uganda leidet stark unter der Klimakrise.

Von David Renke

Auf Vanessa Nakates Pulli prangt der Spruch „We cannot eat coal“ („Kohle können wir nicht essen“). Hinter ihr liegt in grauem Dunst der Braunkohletagebau Garzweiler. Der Wind trägt das monotone Rattern der Schaufelbagger vom anderen Ende der Kohlegrube bis zur Abbruchkante, an der die ugandische Klimaaktivistin steht.

Der Pulli erinnert ein wenig an die Plakate, die Nakate bei ihren ersten Protesten vor dem ugandischen Parlament hochgehalten hat. „Danke für die Erderwärmung“ stand darauf. Ironie ist ein wichtiger Teil ihres Protests für mehr Klimagerechtigkeit. „Ich will, dass die Menschen über das nachdenken, was sie lesen“, sagt Nakate.

Protestbotschaft: „We cannot eat coal“ steht auf Vanessa Nakates Pullover („Kohle können wir nicht essen“).
© Miguel Medina/AFP

Aktuell tourt Nakate durch Europa, um die Klimabewegung hier bei ihren wiederaufgenommenen Protesten nach der Pandemie zu unterstützen. Ende September marschierte sie an der Seite von Greta Thunberg an der Spitze des Klimaprotestmarsches in Mailand. Zuvor sprach sie auf dem Jugend-Klimagipfel, der als Vorbereitung auf die Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow Anfang Ende Oktober dient.

In den Medien wird sie gerne mit Thunberg verglichen. Nakate empfindet den Vergleich seltsam. Die Schwedin und die Uganderin teilen die gleiche Vision für eine klimagerechte Welt. Um zu verstehen, wie unterschiedlich die beiden jungen Frauen sind, lohnt es, sich ihre Reden während des Jugend- Klimagipfels anzuhören. Trotzig klingt es, wenn Thunberg den Staatenlenkern ihr „blah, blah, blah“ entgegenschleudert.

Auch Nakate fordert zwar die Politiker heraus, doch sie wirkt dabei diplomatischer. Nakate beschreibt sich selbst als schüchtern. Doch sie hat eine klare Botschaft. Überhaupt merkt man ihr an, dass sie viel lieber über das Klimathema als über ihre Person sprechen möchte.

Beim Jugend-Klimagipfel in Mailand demonstriert Vanessa Nakate gemeinsam mit der Schwedin Greta Thunberg für mehr Klimaschutz.
© Matteo Rossetti/imago

Dass Nakate in ihrem Protest weniger konfrontativ ist als ihre europäischen Kolleginnen, liegt vielleicht an den anderen Gesetzmäßigkeiten für Proteste in Afrika. „Wir können nicht die Straßen fluten“, sagt Nakate. In Uganda engagieren sich viele junge Menschen vor allem von zu Hause aus. Klimastreiks gibt es nicht.

Immer wieder eskalieren Proteste in der ostafrikanischen Republik. So zum Beispiel im Oktober 2019, als Studenten der Makerere Universität wegen einer Erhöhung ihrer Studiengebühren in den Ausstand gingen. Es ist die gleiche Universität, an der auch Nakate ihr Wirtschaftsstudium absolviert hat.

Auch während ihres Studiums erlebte sie die Streiks der Studenten und die Radikalität, mit der die Polizei gegen die Protestierendensie vorging. Die Hochschule liegt in der ugandischen Hauptstadt Kampala unweit des Distrikts, in dem Nakate mit ihren Eltern wohnt.

2018 erlebte Ostafrika das, was Deutschland an Ahr und Erft in diesem Sommer ereilte. Bis Mai 2018 wurden im ugandischen Nachbarland Kenia mehr als 200.000 Menschen durch extreme Regenfälle vertrieben. Nakate spielte schon da mit dem Gedanken an ein Engagement für die Gesellschaft. Als sie die Bilder im Fernsehen sah, hatte sie ihr Thema gefunden.

Die Klimakrise führt dazu, dass es in Uganda häufiger zu starken Regenfällen und Überschwemmungen kommt. Hier ein Bild aus dem Jahr 2021.
© picture alliance/dpa/XinHua

Eine protestierende Frau ist in Uganda keine Selbstverständlichkeit. Noch herrschen klare Rollenbilder in der Gesellschaft vor. Eine Frau, die nach dem Universitätsabschluss nicht zügig heiratet, wird argwöhnisch betrachtet. Ihre Eltern hingegen unterstützen Nakate bei ihrem Aktivismus.

Gut zwei Jahre sind seit ihren ersten Protesten vergangen und Nakate gehört mittlerweile zu den profiliertesten Klimaaktivistinnen auf dem afrikanischen Kontinent. Sie hat die Organisation Youth for Future Africa gegründet. Mit der Rise up Movement will Nakate außerdem jungen Aktivisten aus Afrika eine Plattform für ihren Protest bieten.

Im Dezember vergangenen Jahres listete die BBC Nakate als eine der hundert einflussreichsten Frauen des Jahres 2020. Ihr Name steht neben dem Opal Tometis, der Begründerin der Black-Lives-Matter-Bewegung. Auch die weißrussische Bürgerrechtlerin Swetlana Tichanowskaja steht auf der Liste. Die Oppositionsführerin galt in diesem Jahr als aussichtsreiche Kandidatin für den Friedensnobelpreis.

Sie ist die Stimme des Kontinents, der am stärksten unter den Folgen der Erderwärmung leidet und auch künftig die höchsten Klimakosten wird schultern müssen. Und das, obwohl Afrika lediglich rund vier Prozent zu den globalen CO2-Emissionen beiträgt. Wahrscheinlich liegt der Prozentsatz sogar noch niedriger.

Europa steht an Platz drei der größten CO2-Emittenten hinter China und den USA. Deshalb steht sie an diesem Samstagvormittag an einer Abbruchkante im Rheinischen Braunkohlerevier.

An der Abbruchkante: Vanessa Nakate trifft im Rheinischen Braunkohlerevier Leonie Bremer von Fridays for Future in Deutschland.
© Martin Meissner/AP

In einer zweiten Station trifft Nakate Klimaaktivisten in einem kleinen Wald im Dorf Kayenberg auf der anderen Seite des Tagebaus. Bis spätestens 2027 soll Kayenberg weichen, damit die Kohlegrube erweitert werden kann. Die Aktivisten haben Baumhäuser errichtet, ähnlich wie im Hambacher Forst vor drei Jahren.

Nakate trägt schwarze Sportsneaker. Der Schriftzug des amerikanischen Herstellers glitzert golden in der warmen Herbstsonne. Für den schmodderigen Waldboden eine denkbar ungünstige Schuhauswahl. Als sie auf den „Turm“, das größte Baumhaus im Wald, klettert, hält Leonie Bremer ihre Hand.

Am Nachmittag liest Nakate im einige Kilometer südlich gelegenen Lützerath aus ihrem Buch, das Ende des Monats erscheinen wird. Der Abbruch des Dorfes wird im kommenden Monat beginnen. Ende letzter Woche erlaubte das Verwaltungsgericht Aachen auch den Abriss des Bauernhofs gegen den der Besitzer Beschwerde eingelegt hatte.

Der Weg für die Förderung der darunter lagernden Braunkohle wird somit frei. „Was in Lützerath passiert, hat Auswirkungen auf die ganze Welt.“ Nakate will den Industriestaaten klarmachen, dass ihr Kontinent zuerst unter den Folgen des Klimawandels zu leiden hat. Bereits jetzt muss Afrika eine Erwärmung von 1,2 Grad verkraften.

Schon vor zehn Jahren machten sich die steigenden Temperaturen in Uganda bei der Kaffeeernte bemerkbar. Immer geringer fällt die Ernte der Kaffeeplantagen aus. Dabei verlässt sich Ugandas Wirtschaft auf den Kaffee, denn das Land ist der größte Exporteur in Afrika. Überhaupt leben rund 90 Prozent der Menschen in Uganda von der Landwirtschaft. Ihnen will Nakate in der Weltöffentlichkeit Gehör verschaffen. Doch Afrika wird allzu oft schlicht ignoriert.

Nakate hat das am eigenen Leib in Davos im Januar 2020 erlebt. Berühmt wurde ein Bild von Nakate gerade deshalb, weil es sie nicht zeigte. Abgeschnitten kann man noch ihren Ärmel erahnen und ihre Hand, die sie tief in ihrer Anoraktasche vergräbt. Anschließend erklärte die Nachrichtenagentur Associated Press, die das Foto an die Medien verteilte, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Da das Haus im Hintergrund störte, hatte der Fotograph Nakate aus dem Bild geschnitten. Übrig blieben Luisa Neubauer, Greta Thunberg und zwei weitere europäische Aktivistinnen.

Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos: Auf dem Original-Bild war Vanessa Nakate neben Luisa Neubauer, Greta Thunberg, Isabelle Axelsson and Loukina Tille (v.l.n.r.) zu sehen. Die Aktivistin aus Uganda wurde später aus dem Foto raugeschnitten.
© Markus Schreiber/AP

Auf Twitter berichtet Nakate unter Tränen, wie wertlos sie sich in diesem Moment fühlte. Der Agentur warf sie Rassismus vor. Thunberg antwortete auf Nakates Video. Die Schwedin erklärte, dass Nakate die Letzte sei, die so etwas verdient hätte. Dem Spiegel erzählt Nakate später, sie habe innerhalb weniger Stunden nach dem Video mehr als 500 Mails bekommen. In einigen sei sie beschimpft worden. Es gab aber auch Stimmen, die ihr vorwarfen, vorschnell den Begriff Rassismus zu verwenden.

Mittlerweile stört es sie, immer noch auf diesen Moment angesprochen zu werden. Andererseits weiß Nakate das Bild von Davos auch gut eineinhalb Jahre später für ihren Aktivismus zu nutzen. Nie wieder dürfe Afrika beim Thema Klimagerechtigkeit so übergangen werden, meint sie.

In der Fragerunde nach Nakates Lesung fragt ein Aktivist daher, was Weiße tun könnten, um ihren eigenen Rassismus zu überwinden. Die Uganderin antwortet, dass „weiße Menschen aufhören sollten, die Stimmen der am meisten vom Klimawandel Bedrohten weiterhin auszublenden“.

Gleichzeitig geht es ihr um eine Emanzipation ihres eigenen Kontinents. Noch immer seien die Spuren des Kolonialismus in Afrika zu spüren. „Noch immer lernen wir in der Schule, dem Westen nachzueifern“, erzählt Nakate. Dabei mache Afrika die gleichen Fehler wie die Industrienationen.

In Uganda plant der Konzern Total eine Ölpipeline, die durch Tansania bis an die Küste des indischen Ozeans reichen soll. Dabei verläuft sie entlang des Victoriasees. An seinem Ufer leben rund 30 Millionen Menschen. Auf die Nachfrage, ob es Notfallpläne in Falle eines Öllecks gebe, habe sie keine Antwort bekommen, sagt Nakate. Nun steht sie mit anderen Aktivisten vor den Tankstellen des Landes und protestiert gegen den Bau. „In der Bevölkerung gelten wir als Feinde des Fortschritts“, sagt Nakate.

Noch verbindet man in Uganda mit dem Öl die Hoffnung auf Arbeitsplätze und einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung. „Die Investition lohnt sich aber nur auf kurze Sicht und kommt nur bei einer kleinen privilegierten Schicht an“, erklärt Nakate. Viele bemerken die Hitze und die Trockenperioden. Die Brücke zum Klimawandel schlagen jedoch noch zu wenige, sagt Nakate. Sie spricht deshalb viel in den Schulen ihrer Heimat.

Nakate will aber einen umfassenderen Wandel und sie fordert, dass die Länder, die den Klimawandel maßgeblich zu verantworten haben, zur Kasse gebeten werden. Denn es seien zuerst die armen Länder, denen die Erwärmung teuer zu stehen kommt. Dafür will sie bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow Ende des Monats werben.

Zur Startseite