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© imago images/UPI Photo/Hassan Majeed

Interview mit der Leiterin des DRK-Suchdienstes: „Manche Schicksale von Vermissten werden sich erst in Jahrzehnten klären lassen”

Krieg, Flucht und Flutkatastrophen zerreißen Familien: Dorota Dziwoki und ihr Team vom Deutschen Roten Kreuz suchen Tag für Tag nach Angehörigen und Freunden. Am 30. August ist der Internationale Tag der Vermissten.

Von Boris Buchholz

Als das Wasser vor fünf Wochen in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Menschen und Häuser mit sich riss, war die Lage über Tage hinweg unklar: Wo sind Angehörige, leben Eltern und Großeltern noch, wo sind Freunde? Schnell wurden neben Leitstellen für die Katastrophenhilfe auch Vermisstenstellen und -hotlines eingerichtet.

Ob Deutschland, Afghanistan oder Somalia – jeden Tag beschäftigt sich Dorota Dziwoki, 63, mit der Suche nach Vermissten. Sie ist die Leiterin der Suchdienst-Leitstelle im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes in der Lichterfelder Carstennstraße. Jedes Jahr werden über 1.500 Suchanfragen von Menschen gestellt, die durch Flucht, Krieg und Katastrophen von ihren Familienangehörigen getrennt wurden.

Anlässlich des Internationalen Tages der Vermissten, es ist der 30. August, berichtet Dorota Dziwoki von ihrer Arbeit – und von menschlichen Schicksalen.

Frau Dziwoki, normalerweise geht es bei Ihrer Arbeit vermutlich nicht um Katastrophen, die in Deutschland stattfinden. Was ist daran anders?
Nach einer derart großen Katastrophe – egal, wo auf der Welt – benötigen viele Menschen Hilfe, um ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Dabei ist es für viele Angehörige besonders wichtig, zu erfahren, was mit ihren Liebsten passiert ist. Der DRK-Suchdienst unterstützt durch das internationale Suchdienst-Netzwerk weltweit Menschen, die durch bewaffnete Konflikte, Katastrophen, Flucht, Vertreibung oder Migration von ihren Nächsten getrennt wurden.

Sie arbeitet in Lichterfelde: Dorota Dziwoki leitet den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in der Carstennstraße.
© DRK

Im Unterschied dazu werden nach Katastrophen oder großen Schadensereignissen innerhalb Deutschlands – gemäß den entsprechenden gesetzlichen Festlegungen auf Landes- und Kreisebene – die ehrenamtlich tätigen Kreisauskunftsbüros vor Ort aktiv. Die Einsatzkräfte sind auf solche Lagen vorbereitet und üben dafür regelmäßig. Ein tatsächlicher Einsatz verläuft dann nicht immer so, wie in der Theorie trainiert, der emotionale Druck ist hoch. Daher ist es besonders wichtig, dass die Einsatzkräfte auch auf sich selbst achtgeben.

Sie führen weltweit Menschen wieder zusammen: Was sind aktuell Ihre Tätigkeitschwerpunkte?
Der DRK-Suchdienst bekommt jedes Jahr hunderte Anfragen, die Vermisste aus aktuellen Konflikten betreffen. Die Anfragen kommen zum einen von Menschen, die sich in Deutschland in Sicherheit befinden, aber nicht wissen, was aus ihren Familien geworden ist. Zum anderen erreichen den DRK-Suchdienst auch Anfragen aus dem Ausland, wenn Menschen vermuten, dass sich ihre Angehörigen in Deutschland aufhalten. Hauptschwerpunktländer im Jahr 2020 waren Afghanistan, Somalia, Irak und Syrien.

Eine zentrale Rolle nimmt die Frage ein, inwieweit dem IKRK Zugang zu allen Unterlagen über Inhaftierte und zu allen Hafteinrichtungen ermöglicht wird.

Dorota Dziwoki

Die Suchen nach Menschen in und aus Afghanistan werden Sie auch dieser Tage wieder vermehrt beschäftigen. Generell: Wie gehen Sie bei internationalen Suchen vor?
Um den Familien von Vermissten Antworten auf ihre drängenden Fragen zum Verbleib des geliebten Familienmitglieds geben zu können, arbeitet der DRK-Suchdienst mit den Schwestergesellschaften vom Roten Kreuz und Roten Halbmond sowie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sehr eng zusammen. Es ist ein weltweit einzigartiges Suchdienstnetzwerk.

Eine zentrale Rolle bei der Suche und der Schicksalsklärung von Vermissten in den bewaffneten Konflikten weltweit nimmt die Frage ein, inwieweit dem IKRK Zugang zu allen Unterlagen über Inhaftierte und zu allen Hafteinrichtungen von den Konfliktparteien ermöglicht wird.

Nach der Flutkatastrophe in Deutschland, hier der Eifel-Ort Schuld, war das Schicksal von vielen Menschen unklar. Vermisstenstellen und -hotlines wurden eingerichtet.
© imago images/Reichwein

Sie sprechen auf ihrer Website über das humanitäre Recht auf die Einheit der Familie: Wird dieses Recht nicht weltweit – und oft auch bei uns – missachtet?
Die rechtliche Verpflichtung des besonderen Schutzes von Ehe, Familie und Kindern hat seinen Niederschlag in vielen internationalen und nationalen Abkommen wie zum Beispiel dem Sozialpakt der Vereinten Nationen, der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der europäischen Menschenrechtskonvention und dem deutschen Grundgesetz als auch im humanitären Völkerrecht und dem Flüchtlingsrecht gefunden.

Ohnmacht bindet alle Energien eines Menschen und begleitet ihn von nun an, bis zu einer Klärung.

Dorota Dziwoki

Der Hintergrund für diese Schutzrechte sind menschlich leicht nachzuvollziehen: Die Unkenntnis vom Schicksal eines Familienangehörigen oder die ununterbrochene Sorge um Familienmitglieder führen dazu, dass sich alles Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen nur noch darum drehen, was den Angehörigen wohl zugestoßen sein mag oder zustoßen kann.

Das macht ohnmächtig ...
Das entstehende Gefühl von Ohnmacht bindet alle Energien eines Menschen und begleitet ihn von nun an, bis zu einer Klärung. Die Anerkennung dieses Umstandes sowie der entsprechenden Schutzrechte der Familie sollte alles staatliche Handeln in jeder denkbaren Situation lenken. Aber auch wir als Gesellschaft sollten uns dessen bewusst sein und unsere Mitmenschen entsprechend unterstützen.

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Bitte schildern Sie einen „ganz normalen“ Fall aus Ihrem Arbeitsalltag.
Ali aus Afghanistan ist 19 Jahre alt und lebt seit fast fünf Jahren in Deutschland. Er ist ganz auf sich allein gestellt, nachdem er an einem Strand in der Türkei vor der lebensgefährlichen Überfahrt nach Griechenland gewaltsam von Mutter und Schwester getrennt wurde. Bis Anfang des Jahres 2018 wusste er nicht einmal, ob sie überhaupt noch leben.

Dieses Schicksal teilt Ali mit tausenden anderen Flüchtlingen in Europa, viele von ihnen wissen nicht, ob ihre Angehörigen lebendig oder tot sind. Ali hatte Glück: Nach über zwei Jahren der Ungewissheit konnte der DRK-Suchdienst mit Unterstützung des Britischen Roten Kreuzes seine Mutter und Schwester in England finden. Im Januar 2018 konnte die Familie überglücklich wieder miteinander telefonieren. Seitdem haben die Mutter und die Geschwister regelmäßig Kontakt.

Ihre Arbeit dauert manchmal Jahre: Wie bleiben Sie zuversichtlich – ohne den Angehörigen falsche Hoffnungen zu machen? 
Betrachtet man die Komplexität der bewaffneten Konflikte von heute weltweit und die Hürden eines jeden Suchprozesses wird deutlich: Eine Gewissheit, in welchem Umfang wir für die Familien Antworten erlangen können, gibt es nicht. Manche Schicksale werden sich voraussichtlich erst in Jahrzehnten klären lassen.

Das belegen auch die Suchfälle im Zusammenhang mit den Balkankriegen, sie fanden zwischen 1991 und 1999 statt, die wir erst 20 oder 30 Jahre nach dem bewaffneten Konflikt klären können. Es gibt auch eine Parallele zum Zweiten Weltkrieg und dessen Vermisstenschicksalen: Noch heute, 76 Jahre nach Kriegsende, kann der DRK-Suchdienst suchenden Angehörigen erlösende Gewissheit verschaffen.

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Wie hoch ist die Erfolgsquote des DRK-Suchdienstes?
Jede Suche ist individuell und verläuft aufgrund der jeweils besonderen Bedingungen unterschiedlich. Die Erfolgsquote ist daher auch unterschiedlich und abhängig davon, in welchem Land der Vermisste vermutet wird, welches Instrument der Suche wir anwenden und ob wir Zugang zu allen Hafteinrichtungen und Archivbeständen mit Hilfe unseres internationalen Suchdienstnetzwerks erhalten. Ungeachtet dessen ist der DRK-Suchdienst persönlicher Begleiter und Unterstützer der betroffenen Familien und stets an ihrer Seite.

Und wie kompensieren Sie es, jeden Tag mit Leid und Trauer umgehen zu müssen?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Jeder Mensch bringt unterschiedliche Ressourcen mit und entwickelt seine ihm ganz eigenen Verarbeitungsstrategien. Von Bedeutung ist es, sich mit Kolleginnen und Kollegen mit ähnlichen Erfahrungen auszutauschen und auch mal über längere Zeit ganz abschalten zu können. Manchen Menschen hilft es, sich anderen nahestehenden Menschen mitteilen zu können und hier auf Verständnis zu stoßen.

Gerade in Situationen, in welchen das Gefühl der Ohnmacht auch bei den unterstützenden und helfenden Kolleginnen und Kollegen droht, übermächtig zu werden, ist es wichtig, sich eines bewusst zu machen: Bereits unser Verständnis, unser Zuhören und unsere professionelle Anwesenheit stellt für die Betroffenen eine große Hilfe dar.

Ganz persönlich, was tun Sie zum Ausgleich?
Ich treffe gerne Freunde, gehe mit ihnen ins Kino oder eine Kunstausstellung oder unternehme mit ihnen lange Spaziergänge.

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