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Ungerechtigkeit bei Corona-Impfstoffen: Die EU unterwirft sich der Pharmalobby - das ist teuer und hat grausame Folgen

Die Monopole hebeln den Wettbewerb aus und die Hersteller erhöhen die Preise. Für ärmere Länder gibt es eben keinen Impfstoff. Eine Kolumne.

Von Harald Schumann

Es gibt Skandale, die sind so gewöhnlich, dass die Regierenden sie am liebsten einfach ignorieren. Einer davon ist die unkontrollierte Monopolmacht einiger Pharmakonzerne. Das demonstrieren derzeit die Unternehmen Pfizer und Moderna.

Den beiden führenden Herstellern von Corona-Impfstoffen beschert die Seuche eine Bonanza ohne Ende. Ihr Jahresumsatz mit dem begehrten Stoff wird in diesem Jahr voraussichtlich rund 50 Milliarden Dollar betragen, nächstes Jahr sollen es schon 85 Milliarden sein. Allein an die EU sollen sie 2,1 Milliarden Impfdosen liefern. Und weil mit steigender Produktion die Kosten sinken, explodieren die Gewinne und erreichen an die 30 Prozent des Umsatzes, berichtete die Financial Times.

Die Manager verlangen trotz sinkender Kosten höhere Preise von der EU

Aber das ist den Managern nicht genug. Moderna verlangt von den EU–Staaten neuerdings statt bisher 19 einfach mal 21,60 Euro pro Dosis. Und Pfizer steigerte den Preis kurzerhand von 15,50 Euro pro Schuss auf künftig 19,50 Euro. Das wird Europas Steuerzahler mal eben ein paar Milliarden Euro mehr kosten.

Dabei sparen die Aktionäre von Moderna sogar noch die Steuern auf die Gewinne. Der Konzern verbucht seine europäischen Umsätze bei einer Tochterfirma in der Schweiz, die hohe Steuernachlässe genießt. Doch merkwürdig: Keine Regierung, kein Parlament in der EU hat diesen Vorgang auch nur kommentiert. Die Verhandlungen lassen sie die EU-Kommission führen, und eine Kontrolle findet nicht statt.

Wir sehen nur Bereicherung bei Pfizer und Hortung von Impfdosen in reichen Ländern

Emmanuel André, Chef Nationales Covid-Zentrum Belgien

„Das empört mich“, schrieb der Virologe Emmanuel André, Chef des nationalen Covid-Zentrums in Belgien. „Um diese Pandemie zu stoppen, brauchen wir schnell mehr Impfstoffe. Aber wir sehen nur Bereicherung bei Pfizer und die Hortung von Impfdosen in Ländern, die künstlich erhöhte Preise zahlen können“.

Die EU-Staaten müssten Druck zur Aufhebung der Patente machen

Das haben zuallererst die EU-Staaten zu verantworten. In blinder Gefolgschaft zur Pharmalobby halten sie gegen den Rat der Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen daran fest, dass die Hersteller ihre Patente auf die Impfstoffe und das Know-how für die Produktion nicht freigeben müssen.

Zu Begründung heißt es, die Freigabe würde nichts bringen, weil die Herstellung so kompliziert sei. Tatsächlich hat Pfizer-Partner Biontech in Marburg gerade mal sechs Monate gebraucht, um eine Altanlage auf ihr neues Produkt umzustellen. Das ginge genauso bei den erfahrenen Impfstoffproduzenten in Indien oder Südafrika.

So aber gibt es keine Wettbewerber, und die Monopolisten können die Produktion verknappen und überhöhte Preise kassieren. Dabei ist die Abzocke der Steuerzahler noch der kleinere Teil der Misere.

Viel schwerer wiegt, dass in der Folge Milliarden Menschen nicht geimpft werden, weil sie nicht bezahlen können. In Europa kommen auf 100 Einwohner schon 87 Impfungen. In Afrika sind es gerade mal fünf, berichtet die „Zeit“. Das fordert von Algerien bis Indonesien hunderttausende von vermeidbaren Opfern, ihre politischen Vertreter nennen es Impfstoff-Apartheid.

Zugleich wächst die Gefahr, dass mit dem Notstand noch virulentere Mutanten des Erregers entstehen. Darum hat selbst die US-Regierung für die Freigabe des „geistigen Eigentums“ der Hersteller plädiert, zumal das ohnehin zum größten Teil auf staatlich finanzierter Forschung beruht. Doch bei den Verhandlungen dazu blockieren ausgerechnet die Europäer jeden Fortschritt. Das ist nicht nur teuer und dumm, sondern auch grausam.

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