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Der Mensch kann handeln - Zuversicht ist hilfreich.
© Illustration: Martha von Maydell

Perspektiven in der Krise: „Der Klimawandel ist gut für die Mobilisierung“

Fatalismus und Illusionen lähmen den Menschen. Die Philosophin Lea Ypi darüber, wie Hoffnung neue Horizonte eröffnet. Teil 2 der Serie „Was ist Hoffnung für Sie?“

Von Lea Ypi

Was bedeutet Hoffnung für mich?

Hoffnung ist eine Einstellung zwischen Wünschen und Glauben – der Wunsch nach einem bestimmten Ergebnis und der Glaube, dass dieses Ergebnis gut sein wird. Hoffnung ist eine individuelle Art der Leidenschaft.

Im Mythos öffnet Pandora die Büchse, und alles entflieht: Neid, Wut, alle Leidenschaften sind nun in der Welt. Allein die Hoffnung verbleibt in der Büchse. Bedeutet das aber, dass die Hoffnung etwas ist, vor dem man die Menschen bewahren sollte? Dass die alten Griechen dachten, dass Hoffnung etwas Schlechtes ist? Oder bedeutet das, dass Hoffnung etwas Gutes ist? Dass sie in der Büchse bleibt, weil es ein bloßes Versprechen einer anderen Welt ist, auf Wandel, und dass sie von Menschen isoliert bleiben soll?

Ist Hoffnung also eine revolutionäre Kraft oder eine Macht, die den Status Quo beschützt?

Die negative Hoffnung, die wir Illusion nennen, stärkt den Status Quo. Positive Hoffnung eröffnet den Menschen neue Horizonte. Alles in allem dachten die Griechen wohl, dass Hoffnung eher etwas Schlechtes ist. Das veränderte sich dann mit dem Christentum, mit Augustin und Thomas von Aquin. Sie sprechen von Hoffnung als Trost, der von Gott kommt. Das verwandelt die Hoffnung in etwas Gutes.

In der katholischen Dimension ist die Hoffnung mit der Erlösung oder dem Eingreifen Gottes verbunden – auf transzendentale Art, die Hoffnung von Handlungsfähigkeit trennt. Ich interessiere mich mehr für die Art, wie Kant über Hoffnung spricht, denn für ihn ist sie mit dem Individuum verbunden, ist sie etwas, an das das Individuum glauben muss, ein motivierendes Set von Einstellungen, die mit seiner Disposition zu handeln verbunden ist.

Und was ist mit der Hoffnung als kollektiver Kraft?

Was wir auf individueller Ebene Hoffnung nennen, das nennen wir auf kollektiver Ebene Fortschritt. Wenn wir an kollektive Handlungsfähigkeit denken, dann denken wir darüber nach, welche Möglichkeiten es für die Vernunft gibt.

Ich mag an Kant, dass er von der Pflicht zu hoffen spricht.

Lea Ypi 

Mit Kant gesprochen: Die Tatsache, dass Sie sich auf eine gewisse Weise verhalten, produziert bestimmte Ergebnisse, und diese Ergebnisse bestätigen gewisse Einstellungen gegenüber der Zukunft. Was ich an Kant mag, ist, dass er von der Pflicht zu hoffen spricht und über eine Verbindung zur Hoffnung als einer vernünftigen Erwartung, die mit einem gewissen Verständnis der menschlichen Handlungsfähigkeit einher geht.

Und was ist mit Marx?

Ich sehe die Hoffnung als Brücke zwischen der idealistischen kantianischen Tradition und der materialistischen marxistischen Tradition. Hoffnung ist ein Weg, Zukunftserwartungen mit Handlungsfähigkeit anzureichern, und nicht nur ein Mechanismus, der unabhängig vom menschlichen Willen ist. Im Bezug zum Marxismus erlaubt uns Hoffnung über eine sozialistische Tradition nachzudenken, auf eine Weise, die sich auf das Subjekt ebenso bezieht wie auf die historischen Entwicklungen, die das Subjekt transzendieren – Wandel, der nicht nur von Technologie oder natürlicher Evolution angetrieben wird.

Der Marxismus gibt uns eine Theorie dessen, was nicht stimmt mit der Gesellschaft, in der man lebt, und wie man Wandel verstehen kann. Das Problem ist, dass er nur eine diagnostische Komponente bietet. Dem Marxismus fehlt eine präskriptive Seite: Was tun? Wie sollen wir Ungerechtigkeit überwinden? Wie sollen wir den Status Quo überwinden? Hoffnung bringt jene Kräfte, die größer als die Menschen sind und zur Tatenlosigkeit verleiten, in Einklang mit der Notwendigkeit, sich weiterhin auf das Individuum zu konzentrieren.

Hat Kant denn an soziale Kämpfe, Emanzipation oder einen Feind gedacht, wenn er von Hoffnung sprach?

Ja, aber er hat anders als Marx seinen Feind nicht benannt. Sein Problem war das Böse. Das verbindet sein Denken über die Hoffnung mit der theologischen Tradition: Es gibt menschliche Handlungsfreiheit, und es gibt freien Willen, aber wir wissen auch, dass dieser Wille von externen Umständen korrumpiert werden kann – korrumpiert aufgrund einer dem Menschen innewohnenden Tendenz zum Bösen. Kant sagt, dass wir gute Beweggründe haben und schlechte, und dass sie in jedem menschlichen Wesen immer miteinander im Wettstreit sind. Die Frage ist: Wie stellt man sicher, dass die schlechten Beweggründe nicht über die guten triumphieren?

Bei Marx wie auch bei Rousseau gibt es empirische historische Umstände, die schlechte Neigungen verschlimmern: Gesellschaften, in denen Neid und Konkurrenz spezifische historische und soziale Kräfte entfesseln, die Menschen dazu bringen, sich unmoralisch zu verhalten. Man muss Menschen dabei unterstützen, diese Tendenzen zu überwinden. Kant nannte das die „ethischen gemeinen Wesen“, die ethische Gemeinschaft. Die marxistische Tradition interpretiert das neu, um uns eine eher soziologische Geschichte des Klassenkampfs zu geben. Aber die Route ist ähnlich. Und die Hoffnung ist in beiden Fällen wichtig; sie ist mit Handlungen verbunden, die motiviert sind von einer bestimmten Vision der Zukunft.

Schafft Hoffnung also Zukunft?

Eine Vision der Zukunft erlaubt uns, in der Gegenwart auf gewisse Weise zu handeln. Und indem man auf gewisse Weise in der Gegenwart handelt, verwirklicht man diese Vision der Zukunft bereits.

Stehen also stehen materielle Tatsachen und moralische Visionen im Widerstreit zueinander?

Sowohl die humanistische wie auch die materialistische Interpretation finden sich bei Marx. Es sind eine Erzählung über die sozialen Kräfte und eine sehr stark moralisch geprägte Erzählung davon, was die menschliche Spezies ist. Die Erzählung gibt uns eine empirische Beschreibung des Kapitalismus, seiner Widersprüche und warum wir zur Zeit in Unterdrückung leben. Aber wenn Marx sagt, dass der Kapitalismus zu Entfremdung führt, muss man auch eine Vorstellung davon haben, was menschliches Gedeihen oder die menschliche Natur ist, um über die Entfremdung des Menschen von dieser Natur sprechen zu können.

Wo liegt die Hoffnung heute?

Hoffnung ist zum Teil mit der Frage des Fortschritts verbunden. Man muss zuallererst gewisse moralische Prioritäten gegenüber dem politischen System, in dem man lebt, identifizieren. Diese Ebene der Analyse stößt eine soziale und politische Kritik des Systems an: Um so einen Konflikt sichtbar zu machen zwischen dem, was man hat, und dem, was man will. Auf einer anderen Ebene muss man die Lernprozesse ansehen, die uns helfen, Bewegungen in der Gegenwart zu etablieren.

Wie beeinflusst der Klimawandel das Konzept der Hoffnung?

Der Klimawandel ist eine fundamentale Veränderung und ein Katalysator für Handlung. Auf gewisse Weise ermächtigt er uns, weil wir gerade realisieren, dass es hier um die Menschheit geht. Das ist das Subjekt hier, es geht um die Welt als Ganzes, als Einheit der Sorge. Der Klimawandel ist wirklich gut für die Mobilisierung, aber nur, wenn man sich auch bewusst wird, welche Versprechen darin liegen, sich mit der Natur auseinanderzusetzen – und sich nicht nur als Opfer der Natur versteht. Alle Entscheidungen über den Klimawandel müssen in der Annahme gründen, dass wir tatsächlich handeln können.

Das Gegenteil von Fatalismus? Die Tatsache, dass etwas getan werden muss, bedeutet, dass etwas getan werden kann. Es bedeutet, es ist in unserer Macht. Und wenn es in unserer Macht ist, dann können wir nicht wie ein Stein sein, oder ein Vogel oder ein Tier. Es gibt etwas an uns, das fundamental anders ist als diese anderen Elemente der Natur. Und das muss wiederentdeckt werden, damit wir auf die richtige Art mit der Natur interagieren können.

Ich glaube, es ist wichtig, eine menschenzentrierte Perspektive einzunehmen, denn wenn wir die verlieren, verlieren wir unseren Sinn für Freiheit und Maß und Handlungsfähigkeit. Dann kann man auch nichts mehr an der Natur machen.

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