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© Illustration: Martha von Maydell für Tagesspiegel

Perspektiven in der Krise: Jede Revolution scheint unmöglich – bis sie stattfindet

Der Begriff Hoffnung kann missbraucht werden, um alles zu lassen, wie es ist, sagt Politologe Jonathan White. Vierter und letzter Teil der Befragungsreihe „Was ist Hoffnung für Sie?“

Von Jonathan White

Was bedeutet Hoffnung für mich?

Hoffnung ist der Glaube an eine bessere Zukunft, ohne die Gewissheit, dass sie verwirklicht wird. Hoffnung ist durchsetzungsstark. Sie muss es sein. Wir denken oft, Hoffnung sei ein Gefühl. Aber tatsächlich ist sie mehr ein kognitiver Akt: Man entscheidet, dass man den Augenblick der Möglichkeiten nutzen wird. Die Hoffnung gibt uns Grund zum Optimismus, selbst dann, wenn man sich emotional nicht besonders hoffnungsvoll fühlt.

Es gibt verschiedene Arten der Hoffnung, die wir auf die Zukunft projizieren: Die aktivistische Hoffnung beinhaltet den Versuch, etwas geschehen zu lassen – eine Hoffnung, die in etwas anderes kippt, wobei es weniger um Handlungsfähigkeit geht, es ist eher mystisch, die Projektion einer Erzählung in die Zukunft. Diese Art von Hoffnung entsteht aus Idealen, man hat keinen echten Sinn dafür, was zwischen Heute und Später passieren wird. Manchmal ist es sehr schwer, eine Linie zwischen diesen Punkten zu zeichnen.

Was passiert, wenn die Perspektive auf die Zukunft verloren geht?

Als Bürger müssen wir Hoffnung haben, um ein Gefühl der Kontrolle zu bewahren – weswegen wir dazu neigen, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die uns am nächsten sind. Aber wir brauchen auch eine Perspektive, die über das Heute hinausgeht, idealistische Motivationen, insbesondere in der Politik – Ideen wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit. Einer politischen Partei beizutreten ist – oder sollte – beides sein: eine langfristige Idee mit konkreten Verpflichtungen.

Gibt es einen Mangel an Zukunftssinn in den heutigen Demokratien?

Oh ja. Das begann schon Mitte des 20. Jahrhunderts mit den Atomwaffen und der Vorstellung eines plötzlichen Endes. Die Frage war weniger: Was für eine Zukunft wollen wir?, sondern mehr: Haben wir eine Zukunft? Diese Art zu denken versank mit dem Ende des Kaltes Krieges in einem Winterschlaf und kam in anderer Form im frühen 21. Jahrhundert zurück.

Die Menschen werden weitermachen – aber welche Menschen? Die Welt wird weiter existieren – aber mit uns?

Jonathan White

Heute ist es weniger die Angst vor einem plötzlichen Ende als die Furcht einer Zukunft, die nur eine Fortsetzung der Gegenwart wäre. Das ist verbunden mit gewissen Charakteristika des Neoliberalismus: dass wir uns das Ende der Welt vorstellen können, aber nicht das Ende des Kapitalismus. Und es ist verbunden mit der Sprache des Klimawandels, die nicht vom baldigen Ende handelt. Die Menschen werden weitermachen – aber welche Menschen? Die Welt wird weiter existieren – aber mit uns? Wir sind schlecht dafür ausgerüstet, diesen Fragen ins Auge zu sehen, weil wir uns daran gewöhnt haben, nichts zu erwarten, außer der Fortsetzung des Gleichen.

Hängt die Demokratie am Versprechen einer besseren Zukunft?

Denken wir an politische Parteien, die Parteidemokratie, all die Arten von Kollektiven, denen Menschen beitreten. Die setzen allgemein die Idee einer besseren Zukunft voraus, entweder als etwas Neues oder als Wiederherstellung einer besseren Vergangenheit. Und sie unterstellen oft einen langen Zeithorizont. Sie verlangen Einsatz angesichts von Stillstand und Rückschlägen. Man kann sagen, bei Demokratie geht es nicht nur um das, was man anstrebt, sondern darum, wie man den Hindernissen auf dem Weg dorthin Sinn abgewinnt. Das Projekt einer egalitären Gesellschaft etwa ist unweigerlich langfristig, wahrscheinlich unbegrenzt.

Gleichzeitig geht es bei der Demokratie aber um die Gegenwart – man muss bestimmte Dinge geregelt bekommen?

Stimmt, Demokratie ist sowohl ein Versprechen als auch ein Verfahren – die Vorstellung der prozeduralen Demokratie, nicht nur die Demokratie als generelles Ethos. Wenn Sie an Institutionen glauben, glauben Sie an Prozesse. Aber wie geht man mit der Tatsache um, dass man manchmal davon frustriert ist, dass die Falschen die Wahlen gewinnen? Traditionellerweise lautete die Antwort für moderne Demokratien, dass man darauf hoffen konnte, dass Fehler korrigiert werden. Damit ist demokratische Geduld verbunden: dass es genügend Zeit für Fehler gibt, auch wenn die Bürger falsch liegen, die Falschen ermächtigt werden, Menschen sich schlecht verhalten.

Hoffnung ist ein Versprechen des Wandels, das Stabilität fördert?

So funktioniert auch der Kapitalismus – indem er an die Langfristigkeit appelliert: Urteilt noch nicht über uns. Verurteilt das System noch nicht, denn der Reichtum ist einfach noch nicht nach unten durchgesickert. Es ist der Versuch, die ferne Zukunft zu benutzen, um die Unzulänglichkeiten der Gegenwart zu kompensieren. Es ist die Behauptung, dass sich in der Zukunft die Rationalität des Systems zeigen wird.

Jede Revolution scheint unmöglich – am Abend, bevor sie stattfindet. 

Jonathan White

Die Demokratie braucht also Geduld. Aber schlussendlich müssen wir einen Sinn für die Zeit zurückerobern, denn ohne Dringlichkeit gibt es keine Handlungsfähigkeit. Es ist einfach, Dinge an sich vorbeiziehen zu lassen, wenn man glaubt, dass man Zeit im Überfluss hat. Manchmal muss man sich fühlen, als hätten wir keine Zeit, um ins Handeln zu kommen.

Stehen wir gerade an diesem Punkt?

Wir haben das Gefühl, wir seien an einer Weggabelung angelangt. Das kommt immer wieder vor in der Geschichte, wie es etwa im 20. Jahrhundert geschah: Sozialismus oder Barbarei. Diese Fragen tauchen in jeder Krise auf.

Eine Charakteristik von Ausnahmezuständen ist der Wunsch, den Status quo ante wiederherzustellen.

Jonathan White

An unserer gegenwärtigen Situation ist besonders, dass es so viel Anlass für Sorge gibt: Wir sollten vielleicht unsere Diagnose des Klimawandels nicht nur auf den Kapitalismus reduzieren. Wir sehen auch dem technologischen Wandel, künstlicher Intelligenz und dem möglichen Einsatz von Atomwaffen entgegen. Die Krise des Moments ist nicht auf eine Gefahr zu reduzieren.

Leben wir in einem revolutionären Moment?

Jede Revolution scheint unmöglich – am Abend, bevor sie stattfindet. Revolutionen sind genau deswegen Ereignisse, weil sie überraschend sind, weil sie aus dem Lauf der Zeit herausstechen, weil sie komplett die Erwartungen durcheinanderwirbeln. Wenn ich über die Gegenwart nachdenke, empfinde ich die Idee einer Schweigespirale als relevant: Alle denken, alle anderen seien apathisch. Und dann plötzlich merken sie, dass sie es nicht sind. Plötzlich merken alle, dass sie etwas dachten, das nicht nur ihnen durch den Kopf geht – es ist etwas, das sie mit vielen Menschen teilen.

Der Klimawandel führt zu einer anderen Dynamik – welche Rolle spielt die Hoffnung in Zeiten des Ausnahmezustandes?

Eine Charakteristik von Ausnahmezuständen ist der Wunsch, den Status quo ante wiederherzustellen. Das Denken in Ausnahmezuständen ist in der Hinsicht ziemlich konservativ. Deshalb wollen Regierungen oft, dass wir in Ausnahmezuständen statt Krisen denken – eine Krise impliziert, dass der Zustand unhaltbar ist, dass wir komplett anders handeln müssen. Vieles, dem wir im vergangenen Jahrzehnt ins Auge sehen mussten, wurde uns als Ausnahmezustand präsentiert und wie ein Ausnahmezustand verwaltet, der schnelles und entschiedenes Handeln der Regierung benötigt, um restaurative Ziele zu erreichen – um sicherzustellen, dass das Bankensystem weiter funktioniert beispielsweise. Die Gefahr von Ausnahmezuständen ist, dass die Hoffnung auf den Wunsch nach Wiederherstellung reduziert wird, nach Luft zum Atmen.

Hoffnung, ins Schlechte verkehrt?

Hoffnung kann natürlich auch missbraucht werden. Sie kann von denjenigen kooptiert werden, die die Dinge erhalten wollen, wie sie sind, weil man den Menschen Hoffnung machen kann, einfach indem man in die Vergangenheit zurückkehrt, die Märkte beruhigt, wieder in den Pub trinken gehen kann. Das sind alles Bedürfnisse, die ich auf einer gewissen Ebene teile. Um den Raum für eine kritische Art von Hoffnung offen zu halten, ist ein Gefühl von Volatilität wichtig – den Lauf der Dinge in eine Richtung zu lenken, die fortschrittlich ist.

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