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© Alexey NIKOLSKY / SPUTNIK / AFP / AFP

Angebliche Demütigung des eigenen Landes: Wo Putins Strategie Parallelen zu Hitler aufweist

In den 1930er Jahren wurde eine imperiale Gewalt- und Aggressionspolitik verfolgt. Ebenso wie seit Beginn der Herrschaft Putins.

Ein Kommentar von Eckart Conze

Gerade verfolgt die Welt, wie eine internationale Ordnung beerdigt wird. Das geschieht nicht zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte: In Versailles beziehungsweise auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine neue internationale Ordnung geschaffen worden, die Hitler nach 1933 systematisch zerstörte.

Auch in den frühen 1990er Jahren war nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue internationale Ordnung entstanden. Anders als das Deutsche Reich 1919 waren an dieser Neuordnung die Sowjetunion und ab 1991 Russland beteiligt. Diese Ordnung beruhte auf Multilateralismus und der Anerkennung von Regeln, und sie verhinderte lange die Vollendung der von Putin letztlich seit Beginn seiner Herrschaft betriebenen Rückkehr zur Imperialität, für welche die Kontrolle über die Ukraine von entscheidender Bedeutung ist.

Diejenigen ex-sowjetischen Potentaten in Belarus oder Zentralasien, die sich heute an die Seite Putins stellen, werden sehr bald merken, was Moskaus imperiale Politik auch für sie bedeutet. In seinem aggressiven, regelverletzenden Unilateralismus hat Putin natürlich auch andere Verbündeten – von China bis hin zu Trumps USA– , deren Unilateralismus genau in sein Konzept passt.

Der Rückgriff auf angeblich bedrohte Minderheiten gehört zum Repertoire der Aggressionspolitik.

Eckhard Conze

Putin nutzt ähnlich wie Hitler eine wahrgenommene oder zumindest immer wieder beschworene Demütigung seines Landes, um seiner Aggressionspolitik innenpolitischen Rückhalt zu geben. Metaphern wie „Die Ketten sprengen“ fallen einem da ein. Und natürlich gehört auch der propagandistische Rückgriff auf angeblich bedrohte Minderheiten (damals die Sudetendeutschen, heute die Russen im Donbass) zum Repertoire der Aggressionspolitik. Hier verbindet sich Expansionspolitik mit radikalem Nationalismus.

Putin nutzte „Versailles“ als Symbol für Demütigung, aus der sich Gewalt speiste

Interessanterweise hat Putin gelegentlich mit drohendem Unterton von „Versailles“ gesprochen und auf den Zusammenhang zwischen dem Friedensvertrag von Versailles, Hitler und dem Zweiten Weltkrieg hingewiesen. „Versailles“ war in seiner kruden Geschichtsvorstellung das Symbol für die Demütigung von Schwachen oder Verlierern und für die Dynamik von Krieg und Gewalt, die sich daraus fast zwangsläufig speiste.

Einen temporären Kompromiss, wie Hitler ihn 1938 im Münchner Abkommen machen musste, wollte Putin nicht eingehen. Eine Rückkehr zum Minsk-Format wäre aus Putins Sicht eine Art München gewesen, was seinen klar festgelegten Aggressionskurs noch einmal, vermutlich nur kurz, ausgebremst hätte.

Hitler war bekanntlich wütend über München und den Kompromiss, zu dem er sich gezwungen sah. Und der ja auch nicht lange hielt. Ob es in den letzten Jahren eine Appeasement-Politik des Westens oder einzelner Staaten des Westens, auch der Bundesrepublik, gegeben hat, kann man diskutieren.

Putin freilich war an Appeasement nicht interessiert, je später, desto weniger. Angesichts der ja schon in den frühen 2000er Jahren beginnenden russischen Aggressionspolitik kann man heute sicher kritisieren, dass es der Westen nicht geschafft oder nicht gewollt hat, eine wirksame Abschreckung zu entwickeln.

Die Ordnung von 1990 ist tot, ihre Zerstörung begann allerdings lange vor 2022. Sie folgte einer neo-imperialen Agenda in zaristischem Gewand, sie wurde und systematisch vorangetrieben– das sieht man jetzt in der Retrospektive in aller Klarheit.

So wie am 1. September 1939 klar wurde, welchen Kurs Hitler seit 1933 verfolgt hatte: lauter Vorstufen zu imperialer Expansion. Nicht legitime Interessen wurden verfolgt, sondern eine imperiale Gewalt- und Aggressionspolitik – in den 1930er Jahren ebenso wie seit Beginn der Herrschaft Putins.

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