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Ein Bundeswehrsoldat nimmt an der Anmeldung für die mobile Corona-Schutzimpfung auf der Ostseeinsel Poel die persönlichen Angaben eines Einwohners auf. Geimpft wird auf dem Freigelände des Inselmuseums in einem Krankenwagen mit Biontech-Impfstoff. Auf der Insel soll zusammen mit der Bundeswehr ein neues Konzept für Corona-Schutzimpfungen erprobt werden. Das Impfteam besteht aus einer Ärztin, einer medizinischen Fachkraft und vier Bundeswehrangehörigen. +++ dpa-Bildfunk +++
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Was eine Gesellschaft zusammenhält: Warum wir ein allgemeines Dienstjahr brauchen - oder auch nicht

Ein Jahr in Uniform oder Zivil im Einsatz, für die Allgemeinheit - kann das die Demokratie beleben oder wäre es eine Zumutung für junge Menschen? Ein Pro & Contra.

Von

Pro von Julius Betschka

Männer können vom vollendeten 18. Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften verpflichtet werden. Dieser Satz steht noch immer im Grundgesetz. Die Sicherheit, er werde nicht mehr gebraucht, hat Wladimir Putin weggebombt.

Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht wäre zwar kaum sofort hilfreich. Es wäre eine angstgetriebene Überreaktion, Populismus. Die Wehrpflicht – die in dieser Situation als Mobilmachung verstanden würde – wird kein einziges der Probleme der maroden deutschen Armee lösen. Dennoch lohnt es, sich in Zeiten, in denen die liberale Gesellschaft stark bedroht ist, Gedanken über den Wert des Gemeinwesens zu machen.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Carsten Linnemann hat deshalb die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres neu vorgebracht, für junge Männer und Frauen nach Beendigung ihrer Schulzeit. Es ist eine alte, schon damals nicht schlechte Idee von Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Dienst würde sich nicht auf die Bundeswehr beschränken, sondern auch Pflege- und Sozialbereich sowie Technisches Hilfswerk, Feuerwehr oder Vereine berücksichtigen. Denkbar wäre auch ein Einsatz in Klimaschutzorganisationen.

Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr könnte auch im Sinne eines neuen Staatsverständnisses gedacht werden. 

Julius Betschka

Rund 80.000 Menschen wurden 2010 noch zum Zivildienst einberufen. Viele von ihnen halfen Alten und Kranken, betreuten Kinder. Sie trafen Menschen, denen sie nie zuvor begegnet wären, wurden von Kindern zu Erwachsenen, lernten, Verantwortung zu übernehmen. Hauptschüler trafen auf Gymnasiasten, Ost- auf Westdeutsche, Menschen mit Migrationsgeschichte auf jene ohne. Keine Selbstverständlichkeit.

Aber ja doch, gerade für Konservative ist der „Dienst am Staat“ ein besonderer Identitätsmarker. Allerdings könnte ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr auch im Sinne eines neuen Staatsverständnisses gedacht werden. Im Sinne des Kampfes gegen eine zunehmende Segregation der Gesellschaft. Für ein Zusammenhalten gegen die Feinde der Demokratie von Außen und Innen. Zeigt nicht gerade die Ukraine, wie sehr eine gemeinsame Idee von Staatlichkeit hilft, sich gegen einen autoritären Aggressor zu wehren?

Er will massiv in die Bundeswehr investieren: Bundeskanzler Olaf Scholz.
Er will massiv in die Bundeswehr investieren: Bundeskanzler Olaf Scholz.
© John Thys/AFP

Tatsächlich könnte die allgemeine Dienstpflicht aber auch für die Bundeswehr positive Konsequenzen haben – zumindest mittelfristig. Sie zieht heute, so ist oft zu hören, vermehrt Gescheiterte und Autoritätshörige an, alle paar Monate fliegen Rechtsextremisten in der Truppe auf. Das ist schädlich für alle – Armee und Demokratie. Meint Olaf Scholz den Plan ernst, 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr zu investieren, muss es unbedingt darum gehen, dieses Bild zu drehen.

Und so absurd der Gedanke bis vor kurzem schien, könnte man es jungen Menschen gleichzeitig ermöglichen, sich für den Verteidigungsfall zu schulen, ohne gleich Soldat werden zu müssen. Ja, über solche Gedanken reden wir jetzt wieder am Essenstisch. Was würdest Du tun, wenn? Das ist die „Zeitenwende“, von der Scholz sprach. Sie passiert vor allem in den Köpfen. Unsere liberale Demokratie darf das nicht zum Kampfverband machen, wie es ZEIT-Autor Lenz Jacobsen geschrieben hat. Aber zu einer Gesellschaft, die den Wert der Freiheit schätzt – und bereit ist, etwas dafür zu tun.


Contra von Werner van Bebber

Wie ein brutal-heftiger Realitätsschock mutet an, was jetzt über Jugendliche und junge Erwachsene hereinbricht. Ein Krieg, bloß zweitausend Kilometer entfernt – das muss auf die Angehörigen der Generation Z wirken, als bestehe das Erwachsenwerden daraus, stets neue Krisen zu bestehen.

War die Pandemie-Politik schon eine Übung in Freiheitsbeschränkung, ist der vom russischen Präsidenten inszenierte Ausbruch des Bösen in der Politik jetzt so etwas wie eine medial-vermittelte Konfrontation mit dem tödlichen Ernst, den Politik haben kann.

Die Politik spricht von vielen bald ankommenden Flüchtlingen, von Entbehrungen, von Risiken der Energieversorgung, von immensen Investitionen in die Bundeswehr.

Die Jugend, unbeschwerte Zeit? Für die Menschen, die heute erwachsen werden, stellen sich die Verhältnisse anders dar.
Die Jugend, unbeschwerte Zeit? Für die Menschen, die heute erwachsen werden, stellen sich die Verhältnisse anders dar.
© imago/PhotoAlto

Da soll es von einer Generation, die in maximaler Sicherheit erwachsen geworden ist, gesünder ernährt, sanftmütiger erzogen, intensiver gefördert und freundlicher behandelt als jede vor ihr, zu viel verlangt sein, der Gesellschaft für eine begrenzte Zeit ihre Arbeitsfähigkeit zu schenken? Ja, das wäre es. Diese Generation hat Anderes, Wichtigeres zu tun.

Längst kann man ahnen, dass dieses Land in eine dauerhafte schwere Wintermüdigkeit verfallen wird, wenn aktuelle Entwicklungen sich fortsetzen. Auf jedem zweiten Transporter eines Handwerkerbetriebs liest man: „Wir suchen Dich!“ (zeitgemäß ergänzt von „m/f/d“), ob als Mitarbeiter, gleich zur Festanstellung, oder als Auszubildende.

Eine Dienstpflicht würde den Pflegenotstand so wenig lindern wie den Lehrermangel verringern wie den Zustand der meisten Berliner Parks verbessern.

Werner van Bebber

Vom Kassierer im Supermarkt über Lkw-Fahrer, Möbelmonteure, Anlagenmechaniker, Pfleger – überall fehlen arbeitswillige und arbeitsfähige Leute. Längst werben ganze Betriebe um „Übernahme“, sprich um eine neue Chefin oder einen neuen Chef, weil der Inhaber selbst keinen Nachfolger findet. Da wäre vieles zu tun, zu ändern, zu erleichtern , zu beschleunigen.

Eine Dienstpflicht würde den Pflegenotstand so wenig lindern wie den Lehrermangel verringern wie den Zustand der meisten Berliner Parks verbessern. Wer jung ist und das Gefühl hat, sie oder er müsse die Welt ein bisschen besser machen, findet im randvollen Internet zahllose Möglichkeiten des Engagements. Oder macht ein Freiwilliges Soziales Jahr. Oder wird Jugendtrainer im Sportverein. Oder geht zur Freiwilligen Feuerwehr. Die Welt ist voller Möglichkeiten für alle, die welche suchen.

Genug zu tun: So oder so ähnlich sieht es allzu oft in Berliner Parks aus.
Genug zu tun: So oder so ähnlich sieht es allzu oft in Berliner Parks aus.
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Würde sich aber der Staat daran machen, eine „Dienstpflicht“ zu organisieren, wäre das zuerst mit viel Organisation und dem Aufbau einer riesigen Behördenlandschaft verbunden.

Die Einberufung müsste organisiert werden; die Dienstpflichtigen müssten gemustert werden. Dienstpflicht-Orte wären auf Tauglichkeit zu prüfen, Unterbringung würde zum Thema, Entgelt-Kassen wären auszustatten, je nach Dienstort müsste womöglich Dienstkleidung vorgehalten werden.

Wer eine düstere Erinnerung an den bürokratischen Aufwand hat, mit dem die Bundeswehr Wehrpflichtige musterte und rekrutierte, dem graust bei dem Gedanken, dass der deutsche Staat so etwas abermals in Angriff nimmt.

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