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© Montage: Tagesspiegel/ Fotos: imago images/ZUMA Wire, AFP

Die Veränderung des Wolodymyr Selenskyj: Zwischen diesen beiden Fotos liegen 40 Tage Krieg

Bei seinem Besuch in Butscha zeigt sich, wie sehr die Kämpfe in seinem Land auch den ukrainischen Präsidenten zeichnen.

Von Julia Bernewasser

Zwischen dem 23. Februar und dem 4. April liegen 40 Tage. Keine lange Zeit, normalerweise.

Schaut man sich Aufnahmen vom Besuch des ukrainischen Präsidenten am Montag in dem schwer zerstörten Butscha und eines von Wolodymyr Selenskyj kurz vor Kriegsausbruch an, dann wird schnell klar: 40 Tage können in einem Krieg wie mehrere Jahre wirken.

Die Bilder des ukrainischen Präsidenten lassen erahnen, wie sehr ihn diese eineinhalb Monate andauernde Krise mitgenommen, belastet und gezeichnet hat.

Da war Selenkskyj noch als Schauspieler tätig. Hier in „Diener des Volkes“.
© ARTE G.E.I.E./ARTE G.E.I.E./obs
Selenskyj am 19. März 2019 kurz vor der Aufnahme seiner Comedy-Show.
© Getty Images / BRENDAN HOFFMAN

23. Februar, einen Tag vor der russischen Invasion: Da steht ein sauber gekleideter Mann. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, weißes Hemd. Die Haare hat der 44 -Jährige ordentlich gebürstet, den Bart rasiert. Er steht aufrecht, wirkt stolz, selbstbewusst.

Selenskyj wartet am 23. Februar auf die Ankunft der Präsidenten aus Litauen und Polen.
© imago images/ZUMA Wire

Selenskyj wartet vor dem Marienpalast in Kiew, der zeremoniellen Residenz des Präsidenten, auf den litauischen und den ukrainischen Präsidenten. Der Konflikt mit Russland ist schon da mehr als angespannt. Ein Angriff Putins wird immer wahrscheinlicher. Doch: Selenskyj wirkt frisch, wach. Das wird sich schnell ändern. Der Anfangs noch zuversichtliche Präsident verändert sich in den Wochen danach.

Selenskyj am 24. Februar, da hat der russische Angriff gerade begonnen.
© Ukrainian President’s Office/ZUMA Press Wire Service/dpa
Selenskyj am 25. Februar mit seinen Beratern vor dem Präsidialamt der Ukraine in Kiew.
© picture alliance / ZUMAPRESS.com / Ukrainian President's Office
Selenskyj am 1. März bei einer Videoansprache vor dem Europäischen Parlament.
© imago/sepp spiegl / imago/sepp spiegl
Selenskyj am 16. März in seinem Büro in Kiew.
© dpa / President Of Ukraine
Selenskyj besucht am 17. März ein Krankenhaus in Kiew.
© dpa / -

Dem gegenüber steht ein Bild vom 4. April: Der ukrainische Präsident besucht die ukrainische Kleinstadt Butscha. Bilder von Leichen dutzender ukrainischer Zivilisten hatten dort am Wochenende international für Entsetzen gesorgt.

Selenskyj spricht in Butscha in die Mikrofone der Pressevertreter.
© AFP

Leblose Körper lagen über mehrere Meter verstreut auf der Straße, Leichen in verlassenen Autos, neben Fahrrädern, einige mit gefesselten Händen. Familien – einfach ausgelöscht. Russland streitet ein Kriegsverbrechen ab, die internationale Politik sieht das anders.

An diesem 4. April schaut sich Selenskyj die Zerstörung in Butscha an, rund 25 Kilometer von Kiew entfernt. „Die Welt wird das als Genozid anerkennen“, sagt der ukrainische Präsident.

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Selenskyj versichert, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. „Die Zeit wird kommen, in der jeder Russe die ganze Wahrheit darüber erfahren wird, wer von seinen Mitbürgern (in der Ukraine) gemordet hat. Wer Befehle gegeben hat. Wer bei den Morden ein Auge zugedrückt hat“, sagte der ukrainische Präsident.

Er lädt Journalisten aus der ganzen Welt ein, sich die zerstörten Städte wie Butscha anzuschauen. „Lassen Sie die Welt sehen, was Russland getan hat!“

Eineinhalb Monate Krieg liegen an diesem Tag schon hinter der Ukraine. Viele Städte sind zerstört, unzählige Ukrainer sind seitdem gestorben, andere mussten um ihr Leben bangen, ihre Heimat verlassen.

Selenskyj zusammen mit Soldaten unterwegs in Butscha.
© Anadolu Agency via Getty Images / Anadolu Agency
Wolodymyr Selenskyj bei der Essensausgabe in Butscha.
© dpa / President Of Ukraine

Wolodymyr Selenskyj, der ebenfalls mit der Furcht leben muss, dass Putins Truppen ihn stürzen und ihn und seine Familie umbringen könnten, tritt in Butscha in dunkelgrünem Pullover und einer Militärweste in Tarnmuster auf.

Er wird begleitet von bewaffneten Sicherheitskräften. Seinen feinen Anzug hatte er bereits bei Kriegsbeginn abgelegt. Sein Gesicht ist stark gezeichnet von den Strapazen dieses Konflikts.

Der Unterschied zum 23. Februar ist groß: Der Bart ist länger, ungepflegter geworden, die Haare strubbeliger. Sicher, im Krieg haben sich die Prioritäten verschoben.

Doch die Furchen unter den Augen, die Tränensäcke, die Falten auf der Stirn – das Leid, was ihm und der Ukraine gerade widerfährt, sieht man Selenskyj auch äußerlich an. Wann mag dieser Mann zuletzt ordentlich geschlafen haben?

Die äußerliche Veränderung von Selenskyj zeigt aber wohl nicht nur seine Entwicklung im Inneren, die Strapazen des Krieges. Sondern auch seinen im wahrsten Sinne des Wortes unermüdlichen Einsatz für sein Land. Die täglichen, dutzendfachen Telefonate mit ausländischen Diplomaten und Staatschefs, mit seinen eigenen Leuten. Selenskyjs Gesicht ist somit auch zu einem Zeugnis für seinen bemerkenswerten Mut geworden, der der Mut eines ganzen Landes ist.

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