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© Privat

Elizabeth Wathuti aus Kenia: „Unsere Flüsse trocknen aus, wir erleben Missernten“

Die Aktivistin will jungen Menschen in Kenia ein Bewusstsein für ihre Umwelt geben - sie pflanzt mit Schülern Bäume. Diese liefern auch Essen für die Kinder.

Es ist ein seltener Moment der Stille. Nur das Treiben fern des Saals ist zu hören. Elizabeth Wathuti trägt traditionellen Kopfschmuck und ein blaues Jacket mit roten, schwarzen und grünen Streifen der kenianischen Nationalflagge, als sie auf der Weltklimakonferenz in Glasgow vor die Staatschefs tritt.

Sie bittet um einen Moment der Ruhe, für jene, deren Stimme in der Klimakrise nicht gehört und deren Leiden nicht gefühlt würden. Wathuti senkt den Kopf, hält ihre rechte Hand ans Herz. Joe Biden sitzt wenige Meter von ihr entfernt, blickt auf sie. „Bitte öffnen Sie Ihre Herzen“, sagt sie. „Wenn Sie sich erlauben es zu fühlen, ist die Ungerechtigkeit schwer zu ertragen.“

Mahnende Stimme beim Klimagipfel – Elizabeth Wathuti aus Kenia
© Tagesspiegel | Foto: imago/FilippoxAttili

Sucht man die Regionen, in denen die Folgen des Klimawandels am sichtbarsten sind, lebt Wathuti mittendrin. Dürre und Trockenheit, Starkregen und Überflutungen: Der Klimawandel trifft Afrika mit voller Wucht, und er trifft die, die am wenigsten haben.

In Kenia lässt die Dürre das Getreide verdorren und das Vieh sterben. Über zwei Millionen Menschen hungern in dem Land, in dem Wathuti geboren ist und bis heute lebt. Dort, wo Mütter mitunter 12 Meilen zurücklegen, um eine Wasserstelle zu erreichen und Kinder weinen, wenn dort keines mehr ist, so beschreibt es Wathuti in Glasgow. Die 26-Jährige wird energisch. „Unsere Flüsse trocknen aus, wir erleben Missernten, unsere Tiere und Menschen sterben.“

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Wathuti ist eine der deutlichsten Stimmen der Klimabewegung in Afrika. Sie spricht über ein Thema, das sich durch ihr Leben zieht. Für Wathuti begann es mit einer Kindheit und Jugend nah der Natur, in Nyeri, der waldreichsten Region Kenias. Lange bevor sie vom Klimawandel hörte, sah sie, wie Wälder zerstört und Flüsse verunreinigt wurden.

Ein frühes Erlebnis prägt sie bis heute, weil es etwas schuf: Wie sie im Alter von sieben Jahren ihren ersten Baum pflanzte, in einer Aktion der örtlichen Abgeordneten Wangari Maathai, die 2004 als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Wathuti denkt an diesen ersten Baum. „Er verbindet einen mit der Natur, er schafft Erinnerungen.“

Später liest sie die Bücher von Maathai und fragt sich, wie sie helfen kann, einer ganzen Generation junger Menschen ein Umweltbewusstsein zu geben. Mit vier Freunden und 20 Baumsetzlingen machte sie sich 2016 auf den Weg in ihre alte Schule, sie pflanzten die Bäume, verbrachten Zeit mit den Kindern und versuchten, die Welt mit deren Augen zu sehen.

Es ist der Start der „Green Generation Initiative“. Da ist Wathuti gerade 20, studiert im zweiten Jahr Umweltwissenschaften an der Universität in Nairobi. „Junge Menschen wachsen auf in einer Welt, die gegen uns arbeitet“, sagt sie. „Es ist kein fairer Start.“ Sie will, dass das aufhört. Wathuti geht es auch um die Selbstermächtigung der Jungen.

Bis heute geht sie mit ihrem Team an Schulen, hält Vorträge über Klima- und Umweltschutz, über den Umgang mit Müll, pflanzt mit Schülern kleine Setzlinge und begrünt die Schulen. Die Kinder sollen ein Bewusstsein dafür bekommen, wie sie nachhaltig leben können.

In den „Food Forests“ werden Mangos und andere Früchte für die Schulkinder angebaut.
© imago stock&people

Und Wathuti sieht ihre Probleme. Die meisten Kinder stünden an der vordersten Linie des Klimawandels. „Und sie kommen ohne Nahrung zur Schule“, sagt sie. So entsteht die Idee der „Food Forests“: Wathuti und ihr Team pflanzen Bäume, die Früchte tragen. Guaven, Mango-, Avocado- und Orangenbäume. Wichtig ist ihr, dass die Früchte unter den Schülern geteilt werden können.

Über 30.000 Bäume sind bislang gepflanzt, viele davon in Schulen im ganzen Land. 20.000 Schülern haben in Trainingsstunden gelernt, was Bäume zum Gedeihen brauchen. Das ist auch eine Erfolgsgeschichte. Nur fällt das Wort „Erfolg“ im Gespräch mit Wathuti nicht.

Sie spricht stattdessen von einem „Hindernis“ – der Finanzierung. Geld kam über Preise herein, die die Initiative gewann. Wathuti ließ einen Teil eines Studienstipendiums in die Organisation fließen. Nun geht ihr um regelmäßige Geldflüsse, sie will viel mehr Schulen erreichen. „Das könnte die Situation wirklich drehen.“

Es ist ihr Ansatz für eine gesellschaftliche Wende. Auch wenn sie weiß, wie beharrlich das System ist, gegen dessen zerstörerische Eigenschaften sie antritt. Sie malt es in einem Bild aus: Auf der einen Seite der Schule pflegen die Schüler ihre Bäume. Auf der anderen Seite sehen sie Unternehmen, die der Umwelt schaden, Ökosysteme zerstören, Wald roden. „Genug Staaten und Unternehmen befeuern den Klimawandel“, sagt Wathuti.

Vier Monate sind vergangen, seit die Staatschefs über eine Begrenzung der Erderwärmung berieten. Ein jährliches Ritual, wieder reichten die Zusagen nicht aus. Das Ergebnis von Glasgow hinterlasse viel zu starke Risiken für Afrika, sagt Wathuti. „Es ist immer derselbe Kontinent, der die Folgen des Klimawandels am deutlichsten spürt und die wenigsten Ressourcen hat, sich an die Folgen anzupassen.“

Klimagerechtigkeit bedeute auch, historische Emissionen und den niedrigen jährlichen Ausstoß anzuerkennen. Sie kommt zurück auf ihre Rede in Glasgow, jene 12 Meilen zur Wasserstelle. „Wie weit soll die Frau mit ihrem Kind denn künftig laufen, wenn der Regen nicht zurückkehrt?“

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