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© Privat

Gegen jedes zehntel Grad Erwärmung: Deshalb kämpfen wir für Klimagerechtigkeit

Die Emissionen steigen immer weiter - die Klimaaktivistinnen Vanessa Nakate aus Uganda und Luisa Neubauer aus Deutschland wollen das nicht hinnehmen. Ein Gastbeitrag.

Von
  • Vanessa Nakate
  • Luisa Neubauer

Im Januar 2022 liegen bereits zwei Jahre des entscheidenden Jahrzehnts für unser Klima hinter uns. Es ist das Jahrzehnt, in dem auf der ganzen Welt beispiellose Veränderungen stattfinden müssen – man könnte es die „große Trennung von fossilen Brennstoffen“ nennen.

Um die schlimmsten Klimakatastrophen zu verhindern, muss die Welt innerhalb der nächsten acht Jahre ihre Liebesbeziehung zu fossilen Brennstoffen beenden. Und, sie muss sich von der Gewohnheit verabschieden, aus Profitgier die Umwelt zu zerstören. Damit meinen wir in erster Linie die Regierungen der reichsten Länder – und die größten industriellen Umweltverschmutzer.

Doch statt eines rapiden Rückgangs erleben wir einen Anstieg der weltweiten Emissionen sowie extreme Temperaturen. Deutschland, Luisas Heimatland, das im ersten Jahr der Pandemie für seine geringeren Emissionen gelobt wurde, hat 2021 einen Anstieg der Emissionen um 4,5 Prozent verzeichnet. Die Hochrechnung des Global Carbon Project ergab für das Jahr 2021 einen Anstieg der weltweiten Emissionen um 4,9 Prozent.

Im Jahr 1996, dem Geburtsjahr von Vanessa und Luisa, lag die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bei 364 Teilchen pro Million (ppm). Im Mai 2020 lag sie bei 417 ppm. Zur Erinnerung: 350 ppm galt einst als sicherer Grenzwert, der nicht überschritten werden sollte.

Die Reaktion der Politik auf diese Entwicklungen war, gelinde gesagt, absurd. Im November, als Hunderttausende von uns auf den Straßen von Glasgow demonstrierten, diskutierten Regierungen aus aller Welt darüber, ob der Begriff „fossile Brennstoffe“ in das finale Abkommen aufgenommen werden sollte. Zur Erinnerung: Wir sprechen hier von einem Abkommen, das eine Antwort auf die durch fossile Brennstoffe verursachte Krise bieten sollte.

Januar 2019: Luisa Neubauer und Mistreiter*innen demonstrieren vor dem Wirtschaftsministerium für einen schnellen Kohleausstieg.
© Peter Schatz/imago images/Action Pictures
Oktober 2021: Vanessa Nakate bei einer Demonstration am Rande der Jugendklimakonferenz in Mailand, wenige Wochen vor dem Klimagipfel in Glasgow.
© Matteo Rossetti /imago images/ZUMA Wire

Heute sind wir beide 25 Jahre alt. Wir haben die Hälfte unserer 20er bereits hinter uns und haben die meiste Zeit davon damit verbracht, gegen den Emissionsanstieg zu kämpfen. Bislang hat uns keine Klimakonferenz, kein politisches Versprechen und kein „Abkommen“ dabei entlastet. Woche für Woche häufen sich die Klimaschäden und Verluste, die diese Krise verursacht. Wenn wir beide 30 werden, ist das entscheidende Jahrzehnt fast vorüber.

Man könnte sagen, dass wir gescheitert sind. Seit drei Jahren protestiert Fridays for Future und reiht sich dabei in eine lange Historie von Umweltbewegungen rund um den Globus. Drei Jahre lang haben wir Menschenmassen auf allen Kontinenten mobilisiert, sind gegen Regierungen vor Gericht gezogen, haben die Banken und Industrien bloßgestellt, die den Klimakollaps vorantreiben, uns in den größten Medien der Welt zu Wort gemeldet und die Botschaft bis in die letzten Ecken der Erde getragen.

Diejenigen, die in den am stärksten betroffenen Gebieten leben, trotzten als die Katastrophen kamen, als Taifune auf den Philippinen immer wieder Verwüstung und Elend anrichteten, als die Fluten in Indien Existenzen, Träume und Hoffnungen wegschwemmten und als Millionen von Menschen in Afrika aufgrund von Dürren kaum noch Nahrung und Wasser finden konnten.

Als die Pandemie ausbrach, haben wir uns nicht aufhalten lassen, und weiter gemacht. Wir haben Verbündete gefunden, wir haben weitergekämpft, wir haben uns mit Gewerkschaften und Arbeiter:innen an vorderster Front zusammengeschlossen. Wir haben es mit aller Kraft versucht und dennoch steigen die Emissionen weiter an.

Widerstand bedeutet immer mehr, die emotionalen Kapazitäten zu organisieren, der Verzweiflung zu widerstehen.

Vanessa Nakate und Luisa Neubauer, Klimaaktivistinnen

Im Laufe der Jahre haben der wachsende Zeitdruck und die eskalierende Klimakrise unseren Aktivismus verändert. Für Klimagerechtigkeit zu kämpfen bedeutet zunehmend, Klimakatastrophen körperlich und Klimaangst mental zu widerstehen. Auch was „Widerstand” heißt, hat für uns eine neue Bedeutung. Es geht nicht mehr „nur“ um den Widerstand gegen die Klimazerstörung. Widerstand bedeutet immer mehr, die emotionalen Kapazitäten zu organisieren, der Verzweiflung zu widerstehen.

Auch die Kräfte, gegen die wir ankämpfen, haben sich verändert. Wir kämpfen weniger gegen das Schweigen der Institutionen und der Politik zum Thema Klima. Stattdessen kämpfen wir gegen das Greenwashing, das in den Institutionen und der Politik die Oberhand gewonnen hat.

Vanessa Nakate und Luisa Neubauer gemeinsam mit der Schwedin Greta Thunberg und anderen Aktivistinnen beim Weltwirtschaftsforum im Januar 2020 in Davos. Für Empörung sorgte damals, dass Nakate nachträglich aus dem Agenturfoto herausgeschnitten wurde.
© Markus Schreiber/AP

Eine Klimakatastrophe nach der anderen und ein Protest nach dem anderen lassen es gesellschaftlich nicht mehr zu, den Klimanotstand offen zu leugnen oder zu ignorieren. Verzögerungstaktiken gibt es weiterhin, nur neuerdings grün verpackt. Und so steigen die Emissionen weiter.

Wenn Shell eine Anlage zur Speicherung von Kohlenstoffemissionen in Kanada eröffnet, die laut einer Untersuchung von Global Witness mehr CO2 ausstößt als sie einfängt, wird dies als „Schritt in die richtige Richtung“ bezeichnet, weil wir uns alle einig sind, dass die Klimakrise ein wichtiges Thema ist. Ein Sprecher von Shell wies daraufhin die Erkenntnisse von Global Witness als „schlichtweg falsch“ zurück und betonte, dass die Quest-Anlage darauf ausgelegt sei, ein Drittel der CO2-Emissionen abzuscheiden.

In ähnlicher Manier versucht Europa öffentlich, Investitionen in fossiles Gas als „nachhaltig“ zu bezeichnen. Eine dreiste Lüge auf dem Niveau von George Orwells Satz „Sklaverei ist Freiheit“ aus seinem Buch 1984. Das war Fiktion. Dramatischerweise ist dies aber die Wirklichkeit in einer Region, die sich gerne als grüner Vorreiter im Klimaschutz sieht. Man sendet eine zynische Botschaft an die Welt, allen voran an Afrika, wo einige bereits von jahrzehntelangen Milliardengewinnen aus weiteren Gasexporten träumen. Warum ist das noch möglich?

Wir werden dieselben Dinge immer wieder wiederholen müssen, wir werden immer wieder ähnliche Proteste organisieren und wir werden immer wieder die gleiche fossile Infrastruktur bekämpfen. Denn an irgendeinem Punkt wird es aufgehen.

Hoffnung, dass die Zukunft, von der wir träumen, möglich ist, die ist da. Wir sehen sie, wir stellen sie uns vor, wir malen sie uns aus und wir wissen, dass wir sie irgendwann erleben werden. Das ist die Magie der gesellschaftlichen Kipppunkte – wir wissen nicht genau, wann wir sie erreichen werden, aber wir wissen, dass sie kommen werden.

Und sie sind zum Greifen nah, selbst und gerade dann wenn es sich sinnlos anfühlt, weiterzumachen. Gerade dann, wenn man versucht ist, aufzugeben. Wir geben also nicht auf und kämpfen gegen jedes Zehntelgrad Erwärmung an – und für jedes Ökosystem, jede Spezie und jeden Menschen.

Wir laden euch alle ein, wir rufen euch auf, euch uns anzuschließen, wenn wir am Freitag, den 25. März, wieder weltweit auf die Straße gehen und #PeopleOverProfit fordern. Wir sind der Wandel, auf den wir gewartet haben. Wir sehen uns auf den Straßen.

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