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© Theresa Leisgang

Krieg, Klimakrise, Ungerechtigkeiten: Do look up!

Die Öko-Feministin Antonia Teixeira weiß was es braucht, um dem täglichen Weltuntergang zu begegnen. Ein Ortsbesuch in Mosambik.

Von Theresa Leisgang

Eine Katastrophe jagt die andere: Krieg, steigende Lebensmittelpreise, Überschwemmungen infolge der Klimakrise, Epidemien, Gender-Pay-Gap, struktureller Rassismus. Wo soll man hinschauen? Antonia Teixeira hat keine Wahl. Alle diese Krisen bestimmen seit Jahren ihren Alltag. Aber die 45-Jährige ist trotzdem voller Zuversicht, und die kommt nicht von ungefähr. Sie hat in ihrem Dorf an der mosambikanischen Küste Strukturen aufgebaut, die ihre ganze Gemeinschaft durch schwere Zeiten tragen.

Nach dem verheerenden Wirbelsturm Idai, der 2019 Hunderttausende in Südost-Afrika obdachlos machte und über tausend Menschen tötete, organisierte Teixeira mit ihrem feministischen Netzwerk Hilfe, wo die Regierung versagte. Einfach still auf die nächste Katastrophe zu warten, kommt für sie nicht infrage. Denn sie weiß um die Prognosen der Klimawissenschaft: Zyklone wie Idai werden durch die Erderwärmung häufiger, und sie werden heftiger.

Antonia vor den Überresten einer Scheune auf dem Feld.
© Theresa Leisgang

„Eine Aktivistin ist eine Person, die die Bedürfnisse der Community erkennt und handelt“, sagt Antonia Teixeira. „Der Wandel beginnt in dir. Und dann veränderst du die Menschen um dich herum.“

Wenn man die Visionärin besuchen will, muss man von der Hafenstadt Beira am Indischen Ozean eine halbe Stunde über sandige Pisten mit dem Bus die Küste entlang fahren. Am Ortseingang von Nhangau steht zwischen uralten Mangobäumen ihr Haus, in dem sie mit ihrem Ehemann und den jüngsten ihrer sieben Kinder lebt.

Auf dem hinteren Teil des Grundstücks ist neben dem Brunnen ein langes, weißes Gebäude zu erkennen. In dieser Versammlungshalle trifft sich Teixeira einmal die Woche mit ihrem Netzwerk GMPIS, die „Grupo de Mulheres de Partilha“ versteht sich als Kreis von Frauen, die sich gegenseitig empowern.

Vor Antonias Haus steht ein alter Mangrovenbaum.
© Theresa Leisgang

Ihr ist es wichtig, dass sie hier nicht Chefin ist, dass das Netzwerk eine Graswurzelbewegung bleibt, es flache Hierarchien gibt und alle mitbestimmen dürfen. Es sei ein erster Schritt heraus aus patriarchalen Strukturen, sich unter Frauen als ebenbürtig zu sehen. In den Blicken der Anwesenden wird dennoch deutlich, wie sehr sie Antonia Teixeira für ihre Haltung und Tatkraft bewundern.

Viele sind an diesem Freitag mit ihren Kindern gekommen, eine Nachbarin hat eine Batuke dabei und stimmt zur Begrüßung ein Lied an. Noch bevor Teixeira und die anderen anfangen zu erzählen, ist in den Stimmen und den Bewegungen der Frauen die ganze Geschichte der Sturmflut präsent: Der Ausnahmezustand nach Idai, die Verzweiflung, die Trauer, aber auch der Zusammenhalt und die Freundschaften, die sich durch gelebte Solidarität in Krisenzeiten immer festigen. Die Stimmung ist ausgelassen, es ist offensichtlich, dass dieser Raum eine Quelle der Kraft ist, das Miteinander eine gemeinsame Ressource in schwierigen Zeiten.

Nach dem Treffen erzählt Antonia Teixeira, es sei nicht immer so gewesen. Über der bunten Capulana, dem traditionellen Wickelrock, trägt sie heute ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich sage Nein zu Gewalt“. Die größte Gefahr für eine Frau ist in Mosambik genau wie in Deutschland nach wie vor der eigene Mann. Häusliche Gewalt und Kinderehen waren schon ein Problem, lange bevor Sturm Idai hereinbrach.

Aber die Situation für Frauen im Dorf wurde durch die Flutkatastrophe noch prekärer: Sie waren für die Versorgung der Familien zuständig, auch als keine Essensvorräte mehr übrig waren, kümmerten sich Tag und Nacht um Kinder und verletzte Angehörige. Es fehlte an allem.

Über das Netzwerk konnten Antonia Teixeira und ihre Mitstreiterinnen Hilfsmittel unbürokratisch dort organisieren, wo sie am dringendsten benötigt wurden: „Wir haben priorisiert: zuerst haben wir Waisen, älteren Frauen, Witwen oder Menschen mit Behinderung geholfen.“ Sie gingen bei vielen offiziellen Stellen der Katastrophenhilfe oder der Regierung leer aus, erinnert Teixeira sich, Männer drängelten sich in der Not oft vor.

Antonia will in ihrem Dorf den Zusammenhalt stärken.
© Theresa Leisgang

Die Klimakrise verstärkt bestehende Ungerechtigkeiten. Laut der Vereinten Nationen sind Frauen und andere marginalisierte Gruppen „höheren Risiken und Belastungen durch die Auswirkungen des Klimawandels ausgesetzt, und die Mehrheit der Armen der Welt sind Frauen.“

Aber durch ihr Engagement in Gemeinden und lokalen Initiativen, durch ihre Ortskenntnis haben Frauen auch eine Schlüsselrolle in der Anpassung an die Krise inne. Deshalb ist der Ansatz eines intersektionalen Feminismus, wie Antonia Teixeira ihn lebt, so vielversprechend: Nur wer erkennt, wie verschiedene Formen der Ungleichheit zusammenwirken und sich gegenseitig verschärfen, wird Strukturen aufbauen, die dem entgegenwirken.

Den Zusammenhalt im Dorf zu stärken ist nicht Teixeiras einzige Strategie. Mucandala, Mugorongo, Mutumbutumbu heißen ihre anderen Verbündeten in der Lokalsprache: Mangroven, ein grüner Schutzwall an der Küste, der bei Stürmen die Wellen bricht und den Wind ausbremst. Sie gedeihen dort, wo andere Pflanzen sofort absterben würden: in der sengenden Hitze, zwischen Ebbe und Flut im Salzwasser – Überlebenskünstler wie die Dorfbewohnerinnen selbst.

Mangroven sind Überlebenskünstler.
© Theresa Leisgang

Seit sie denken kann, ist Teixeira fasziniert von Pflanzen. Als Kind verzierte sie jedes Schulheft mit Bleistift-Zeichnungen von Blättern und Blüten, heute sieht sie die Pflanzen als Teil ihrer Familie. Wenn sie von den Heilkräutern in ihrem Garten, von Artemisia und Tulsi, oder den neun verschiedenen Mangrovenarten spricht, die an der Küste gedeihen, leuchten ihre Augen.

Studien belegen, dass Mangroven Überschwemmungen nach einer Flutwelle im Landesinneren um bis zu 40 Prozent verringern können. Sie bieten doppelten Schutz in Zeiten der Klimakrise: Als CO2-Senke verlangsamen sie die Erderwärmung und schützen gleichzeitig Küstenregionen so effektiv wie keine technische Erfindung vor deren Auswirkungen.

Damit es beim nächsten Sturm gar nicht zu so dramatischen Szenen kommt wie im März 2019, hat Antonia Teixeira mit ihrem Mann das „Mangroven-Komitee“ gegründet. In der Grundschule, am Tresen der Dorfkneipe, auf dem Marktplatz, am Strand, nach der Kirche, überall wirbt sie neue Mitstreiter. Mindestens einmal die Woche sammeln sie mit dem Komitee ehrenamtlich Samen und ziehen Setzlinge, damit neue Mangrovenwälder wachsen können.

„Es läuft sehr gut”, berichtet Teixeira bei einem Telefonat. Inzwischen sind mehr als dreißig Kleinbäuerinnen und Fischer aus den benachbarten Dörfern regelmäßig dabei. Gemeinsam haben sie über die Monate fast neun Millionen Samen in den Sand gesteckt, auf 900 Hektar wächst ihr Wald jetzt - eine Fläche so groß wie 1000 Fußballfelder. „Wir sind eine Referenz geworden für Klimaschutzmaßnahmen, wir hatten Besuch aus den Universitäten und von den Behörden“, sagt sie nicht ohne Stolz.

Dass sie bislang keine finanzielle Unterstützung von der Regierung für ihre Bemühungen bekommen, stört sie nicht so sehr. „Wir wissen, wie viel unsere Arbeit wert ist“, sagt Teixeira. Um einen zusätzlichen Anreiz zu schaffen, Teil des Komitees zu werden, will sie gerne Bienenstöcke in die Mangroven bringen. „Zwei Mal im Jahr kann man dann den dickflüssigen, roten Honig ernten“, schwärmt sie. Das Businessmodell wäre eine Win-Win-Win Situation für das Klima, die Dorfgemeinschaft, und die Imkerinnen. Die Ideen gehen Antonia Teixeira jedenfalls nicht aus, und das ist auch gut so. Die nächste Krise kommt bestimmt.

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