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Martenstein über die Arbeitsweise des Berliner Schulamts : Gut, dass der Frühling nicht ausgeschrieben werden muss!

Impfstoff bestellen, genügend Schnelltests, Luftreiniger in den Schulen, das alles ist so kompliziert und würde derart viel Improvisationsgeschick erfordern, dass es die viel einfachere Lösung darstellt, alle Schulen dichtzumachen. Eine Kolumne.

Von Harald Martenstein

Diese Geschichte lief in der Nachrichtensendung „Abendschau“ des RBB, am 13. Januar. Der RBB ist bisher nicht als Quelle von Fake News aufgefallen, also glaube ich das. Kaya Deniz, Grafiker, Vater eines Grundschülers, wohnhaft im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, hatte von einem neuartigen Aerosol-Absauger erfahren. Ein solches Gerät reinigt die Luft, zum Beispiel von Coronaviren.

Das Gerät sei relativ billig, etwa 200 Euro, der Clou dabei: Mit Material aus dem Baumarkt kann man es selbst herstellen. Entwickelt wurde es am Max-Planck-Institut, das gemeinhin als seriös gilt. Laut Max-Planck-Institut vernichtet es mehr als 90 Prozent aller Aerosole, viel effektiver ist eine Impfung auch nicht. Es wurde bereits an einer Schule getestet.

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Der Vater wandte sich an die Schule seines Sohnes. Die Schulleitung wollte das Gerät ausprobieren, sie wandte sich an das Schulamt. Dort hieß es, man sei nicht zuständig. Über den Einsatz von Luftreinigern entscheide das Bauamt. Das Bauamt erklärte, es habe nichts gegen den Einsatz dieses Geräts, die Entscheidung darüber müsse aber das Schulamt treffen.

Die Schule sprach also erneut beim Schulamt vor. Nach nochmaliger Prüfung der Angelegenheit gelangte das Schulamt zu der Einschätzung, es fühle sich in dieser Sache nicht kompetent. Eine so weitreichende Entscheidung müsse wohl das Berliner Parlament treffen, welches sie aber ebenfalls nicht traf. Inzwischen waren drei Wochen vergangen in der, wie es manchmal heißt, schwersten Weltkrise seit dem Weltkrieg.

Es seit Vorschrift, den Kauf jedes Luftreinigers europaweit auszuschreiben

Aber jetzt passierte endlich etwas. Der Vater erhielt einen Brief des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, aus dem er im RBB vorliest. Wegen der Höhe des Betrags, der in Berlin für die Anschaffung von mobilen Luftreinigern zur Verfügung steht – allein in Kreuzberg 237.000 Euro – sei es Vorschrift, den Kauf jedes Luftreinigers europaweit auszuschreiben. Das kann natürlich dauern. Zuvor hatte die Senatsverwaltung an die Bezirke einen langen Brief zum Thema Luftreiniger geschrieben. Die Senatsbildungsverwaltung betont, sie habe darauf hingewiesen, eine europaweite Ausschreibung sei nicht nötig. Womöglich - es kann ja sein! - wollte sich in Kreuzberg jemand Arbeit sparen, indem er eine Elterninitiative abwürgt. Fest steht, wer in dieser Geschichte der Dumme ist, es sind Berliner Kinder, für die es bis auf Weiteres weder genügend Luftreiniger noch Unterricht gibt.  

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Impfstoff bestellen, genügend Schnelltests, Luftreiniger in den Schulen, Pflegepersonal aufstocken, ein „Gute-Corona-App-Gesetz“, das alles ist eben so kompliziert und würde derart viel Improvisationsgeschick erfordern, dass es die viel einfachere Lösung darstellt, alle Schulen dichtzumachen beziehungsweise alles in den großen Lockdown zu schicken. Das dauert, bis eines Tages der Sommer uns alle, also die, die bis dahin noch leben, von dem Übel erlöst. Der Anstieg der Temperaturen im April kann ja gottlob auch ohne eine behördliche Genehmigung stattfinden und er wird, Stand heute, auch nicht europaweit ausgeschrieben.

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In einer ersten Fassung dieses Textes hieß es, die Senatsbildungsverwaltung habe angemahnt, der Kauf jedes Luftreinigers sei europaweit auszuschreiben. Das war nicht der Fall. Wir haben das entsprechend korrigiert.

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