zum Hauptinhalt

Ein falscher Tweet - und du bist weg? : Freie Rede braucht auch offene Ohren

Statt wie inzwischen üblich missliebige Stimmen auszugrenzen oder zu „canceln“, sollten viel mehr Stimmen als bisher gehört werden

Von Timothy Garton Ash

- Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Geschichte an der Universität Oxford und Autor von „Redefreiheit: Prinzipien für eine vernetzte Welt“ (Hanser, 2016).

© picture alliance / ZB
Wer kann was noch sagen, ohne mit Konsequenzen bis hin zum Jobverlust rechnen zu müssen?

Ein Offener Brief zur Verteidigung robuster Debatten hat selbst eine robuste Debatte ausgelöst, inklusive eines Gegenbriefes. Gut so. Wir müssen die freie Rede verteidigen, sie aber auch für jene ausweiten, die weniger oft gehört werden.

Mehr als 150 hauptsächlich nordamerikanische Autoren, Akademiker und Journalisten haben einen offenen Brief unterzeichnet, der im „Harper’s Magazine“ und zeitgleich in der „Zeit“ veröffentlicht wurde.

Darin unterstützen sie die „Proteste gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit“, warnen aber gleichzeitig vor den abschreckenden Effekten einer neuen Zensurkultur, die sich in „Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentlicher Anprangerung und Ausgrenzung“ manifestiert.

„One strike and you’re out“

Die Distanzierungsformel für unliebsame Meinungen

Ihr Hauptkritikpunkt zielte auf die Schwäche von „Institutionen“, die „im Geiste einer panischen Schadensbegrenzung übereilte und unverhältnismäßige Strafen verhängen, statt überlegte Reformen durchzuführen“.

Die Unterzeichner haben recht. Ein anstößiger Tweet, eine wirklich krasse Bemerkung, ein Literaturzitat, das den Rassismus oder Sexismus seiner Zeit enthält, und du bist weg vom Fenster - entlassen oder zumindest freigestellt.

Namensdebatte um Berliner Bahnhof Geteilte Meinungen bei Onkel Tom

Denn Institutionen überschlagen sich, um sich von dem intellektuell Aussätzigen zu distanzieren. „One strike and you’re out“ (Ein Schlag und du bist raus). Einige werden sagen, das seien nur Ausnahmen. Sicher ist jeder Fall als Einzelfall zu betrachten.

Aber die Liste ist schon lang, und es müssen gar nicht viele sein, um einen Einschüchterungseffekt zu haben. Das musste gesagt werden, und es ist gut gesagt.

Der beste Weg: selbst offene Ohren haben

Aber ich bin mir sicher, dass viele Unterzeichner des Aufrufs sich mit mir einig sind, dass dies nur die Hälfte der nötigen Antwort aus liberaler Sicht ist. Freie Rede braucht beides - Mund und Ohr. Es geht um die Rechte und Bedürfnisse von Sprechern, aber auch von Zuhörern. Mahatma Gandhi hat bemerkenswert darüber gesprochen, dass man versuchen soll, die Ohren der Menschen zu öffnen. Der beste Weg ist es, selbst offene Ohren zu haben.

Die jüngsten Angriffe auf die freie Rede reflektieren die Ansichten von Vertretern einiger Minderheiten, aber hier zeigt sich auch eine deutliche Verschiebung der Einstellungen bei der jüngeren Generation. Ähnlich wie 1968, das von der Empörung von Menschen unter 30 angetrieben wurde. (Es wäre interessant, das Alter der Unterzeichner des Briefes zur Verteidigung einer liberalen Debattenkultur und derjenigen des Gegenbriefes zu vergleichen.)

© AFP
Die Wut der jungen Leute über die Verhältnisse war auch 1968 der Motor.

Nach den 68ern haben wir die Post-89er. Ihre Forderungen drücken sich manchmal, ähnlich wie bei radikalen Studentenvertretern 1968, in extremen Slogans aus. Aber man muss durch die Übertreibungen hindurchsehen, um die Substanz darunter zu erkennen.

Ich führe solche Diskussionen seit Jahren programmatisch mit meinen Studentinnen und Studenten in Oxford. Viele fanden es gerechtfertigt, die ehemalige britische Innenministerin Amber Rudd von einem studentischen Debattierclub auszuladen - „no-platforming“ - wegen ihres angeblichen Verhaltens im Skandal um die Behandlung von Einwanderern aus der Karibik als vermutlich Illegale.

Die Anklageschrift meiner Studierenden lautete in etwa wie folgt: Die Welt, die ihr ältere Liberale uns hinterlasst, ist auf der Rückseite verrottet. Wie konntet ihr so viel amerikanische Polizeigewalt gegen Schwarze tolerieren?

Sie sagen: Was ihr alten Liberalen predigt, gilt für uns nicht mehr

Wie konntet ihr den verklärenden Blick Großbritanniens auf seine eigene Kolonialvergangenheit zulassen? Wie konntet ihr Harvey Weinstein und all die anderen Missbrauchstäter ignorieren?

Ihr alten Liberalen predigt „gleichen Respekt und gleiche Aufmerksamkeit“ (in den Worten des Philosophen Ronald Dworkin), aber die sozialen Medien, die im öffentlichen Raum unserer Generation eine größere Rolle spielen als die „New York Times“ und die BBC, verstärken massiv die Intoleranz gegenüber LGTBT+ und anderen Gruppen.

Jetzt rede ich - Lara Keilbart ist trans Frau „Ich verstehe ja, dass es für manche Leute nicht einfach ist, mich richtig anzusprechen“

Viele Menschen fühlten sich wirklich bedroht. Jeder individuelle Vorfall - der Tweet eines Journalisten, die Bemerkung eines Professors oder die Meinung eines Kommentators - sie mögen alle klein wirken, aber für uns sind sie jeweils die Spitze eines Eisbergs.

Haben sie da nicht größtenteils recht?

Doch unrecht haben sie, ganz entschieden sogar, wenn sie illiberale Methoden befürworten oder anwenden, um ihre legitimen Ziele zu erreichen. Daher muss sich die zweite Hälfte unserer liberalen Antwort darauf beziehen, wie wir bessere freiheitliche Wege finden, um diese Anliegen anzugehen.

Meine Universität, Oxford, beispielsweise sollte an einer Ausstellung arbeiten, in der es darum geht, warum Großbritannien so unangemessen mit seiner kolonialen Vergangenheit umgeht - und im Zentrum dieser Ausstellung sollte die Statue von Cecil Rhodes stehen, des ehemaligen Gouverneurs der britischen Kap-Republik im heutigen Südafrika, die bald aus der College-Fassade entfernt wird.

© Imago/Zuma
Stehen lassen oder abreißen? Die Statue von Cecil Rhodes an der Fassade der Oxford University

Wir sollten Sprech-Boykotte („no-platforming“) ablehnen, aber neue Plattformen schaffen, auf denen bisher marginalisierte Gruppen mehr Gehör bekommen.

Der Gegenbrief gegen den Aufruf zur Verteidigung der liberalen Debattenkultur erschien auf einer Webseite namens „The Objective“. Dort werden Texte von Gruppen und Communities publiziert, „die im amerikanischen Journalismus ignoriert werden“. Die Asymmetrie der Aufmerksamkeit war einer der Vorwürfe der Unterzeichner.

Zeitschriften sollten also keinesfalls Redakteure feuern, die einen anstößigen Text veröffentlichen; sie sollten aber mehr Artikel von unterdrückten und benachteiligten Gruppen abdrucken.

Verleger sollten Autoren nicht beim kleinsten Gegenwind fallen lassen, dafür aber konsequenter nach Stimmen der Stimmlosen suchen.

Jeden Morgen ab 6 Uhr Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team berichten im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über Berlins Irrungen und Wirrungen. Hier kostenlos anmelden.

Diese positiven Schritte bringen niemanden zum Verstummen, es werden aber andere Stimmen hörbar als nur die der älteren liberalen Professoren und Journalisten, die in „Harper’s Magazine“ erscheinen.

Das ist die Welt, die wir jetzt brauchen: eine Welt mit freier Rede, die einiges aushält, aber auch mit aufmerksamem und unvoreingenommenem Zuhören.

Übersetzung aus dem Englischen von Andrea Nüsse

Zur Startseite