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© Imago, Bearbeitung: Tagesspiegel

„Ich bin schon bei dir im Energiefeld“ : Was die Deutschen so an Esoterik fasziniert

Sie wehren sich gegen Pandemie-Maßnahmen, paktieren mit Extremisten, kassieren Milliarden. Was treibt die Esoterik-Szene an? Ein Report.

Von
  • Sebastian Leber
  • Werner van Bebber

Dienstagnachmittag sitzt Andrea Partisch im Berliner Aufnahmestudio und nimmt den nächsten Anrufer entgegen. Waltraud ist dran. Sie sagt, sie hätte gern „den Energie-Booster“. „Den bekommst du“, antwortet Partisch. In ihrer linken Hand hält das Medium einen glänzenden Stab, mit dem kreist sie in der Luft, direkt über der kleinen Pyramide, die vor ihr auf der Tischplatte steht. Partisch sagt: „Ich bin schon bei dir im Energiefeld.“

Dann diagnostiziert Andrea Partisch ein Problem bei Waltraud: Die Energie der Anruferin sei „sehr stark auf Wegfluss programmiert“, verweile also nicht lange in Waltraud. Dies habe, auch dies weiß Partisch augenblicklich, „mit einem Mangelprogramm aus der Ahnenreihe väterlicherseits zu tun“. Doch keine Angst, hier werde Partisch nun gegenwirken. Sie kreist noch einmal mit ihrem Stab über der Pyramide und sagt: „Die Kraft und die Stärke wird gerade für dich aktiviert.“

Das Grundstück, auf dem du lebst, zieht dir gerade sehr viel Energie

Andrea Partisch, nach eigenen Angaben hellsichtig

So macht Partisch das im Minutentakt, an diesem Dienstag im Aufnahmestudio des Fernsehsenders Astro.TV, in einem Bürogebäude am Rand eines Industriegebiets nahe dem S-Bahnhof Jungfernheide. Bei jedem neuen Anrufer erkennt Andrea Partisch direkt das Problem. Mal spürt sie angeblich „viele Fremdenergien im Energiefeld“ des Hilfesuchenden, die löst sie dann in Sekundenschnelle auf, mal behauptet sie: „Das Grundstück, auf dem du lebst, zieht dir sehr viel Energie.“

Dies alles weiß sie, weil sie nach eigenen Angaben hellsichtig und hellfühlig ist und so nach Belieben in fremden Energiefeldern lesen könne und wisse, „was da gerade los ist“. Fast alle Anrufer sind weiblich. Zwischendurch schenkt Andrea Partisch einer Zuschauerin noch „einen blauen Schutz um deine Aura rum“, reinigt ein „mentales Feld“ und hat für ihr Publikum generell einen dringenden Rat: „Nehmen Sie sich ernst in Ihrer Bedürftigkeit!“

© AstroTV/Screenshot tsp, Bearbeitung: Tagesspiegel
Andrea Partisch verkauft Schmuck.

Glaubt man Andrea Partisch, ist ihre Energiearbeit eine „sehr exklusive und hochwertige“. Schließlich hantiere sie mit der „Energie der Plejaden“, dies sei eine „ganz besonders feine, hoch frequentierte, mit der es möglich ist, ganz schnell energetisch zu arbeiten“. Sie sei sehr dankbar, dass sie diese Gabe besitze und so Menschen glücklich machen könne.

Elemente der Esoterik sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Die Energie der Plejaden ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal in einer florierenden, weitverzweigten Multimillionenbranche. Allein in Deutschland setzen Wahrsager und Astrologen, Wünschelrutengänger und Traumdeuter, Schamanen und Energetiker jedes Jahr geschätzt zwischen 20 und 25 Milliarden Euro um.

Genaue Zahlen gibt es nicht, da weder ein Berufsverband noch Gewerkschaften noch Ausbildungsberufe existieren. Rund neun Prozent der verkauften deutschen Sachbücher entfallen auf die Themengebiete Spiritualität und Esoterik. In Form von Yogakursen und Achtsamkeitsworkshops, Räucherstäbchen und Traumfängern sind esoterische Inhalte längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, gelten nicht mehr als exotisch, sondern als Teil des modernen Lebens in Deutschland.

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Im Jahr der Coronakrise ist die Esoterik dennoch verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt – und hat manchen irritiert. Denn ausgerechnet bei den viel beachteten Protesten gegen die Pandemie-Maßnahmen gingen auffallend viele Esoteriker auf die Straße und hatten keine Hemmungen, auch an der Seite von Rechtsextremen und Reichsbürgern zu demonstrieren. Wie ist das möglich bei Menschen, die sich doch vor allem um ihr seelisches Wohlergehen und inneren Frieden sorgen? Und muss sich jetzt jeder, der sich für Übersinnliches interessiert, von den Antidemokraten distanzieren, die Ende August das Reichstagsgebäude stürmen wollten?

Wer zockt ab? Wer meint es gut?

Die Kritik, mit der Esoterik in Deutschland bisher zu kämpfen hatte, war eine andere. Erstens: Keine der Wirkungen, die ihre Gurus versprechen und ihre Anhänger sich erhoffen, ist wissenschaftlich nachweisbar. Und zweitens: In der Branche tummeln sich reihenweise Geschäftemacher und Scharlatane, auch solche, die keine Hemmungen haben, leichtgläubige Hilfesuchende in den Ruin zu treiben. Und es ist schwer, die Abzocker und Hochstapler von denen zu unterscheiden, die es wirklich gut meinen mit ihren Kunden.

Andrea Partisch, die Anbieterin der qualitativ hochwertigen Plejaden-Energie, ist nach eigenen Angaben Medium, spiritueller Coach und Transformationstrainer. Ihre übersinnlichen Fähigkeiten besitzt sie angeblich seit ihrer Geburt, die will sie zum Nutzen der Menschheit einsetzen. Man kann sich von Partisch – abseits ihrer Fernsehauftritte – telefonisch beraten lassen. Das kostet 3,99 Euro pro Minute.

„Aura Chakren Reiniger Pro“ – 120 Euro

Sie betreibt zudem einen Onlineshop, in dem sie Produkte verkauft wie den „Aura Chakren Reiniger Pro“, ein handtellergroßes Stück Glas mit sieben pinken Kugeln drauf. Andrea Partisch behauptet, sie habe diesen Gegenstand „speziell energetisiert“, weshalb er Energiefelder neu ausrichten könne. Der „Aura Chakren Reiniger Pro“ kostet 120 Euro.

Warum kann ausgerechnet sie die Plejaden-Energie anbieten und warum ist ihre Beratung so teuer? Auf Anfrage schreibt Andrea Partisch, sie sei zu einem Interview mit dem Tagesspiegel bereit. Einen Tag später meldet sie sich erneut und teilt mit, sie habe es sich anders überlegt. Nach Rücksprache mit ihrer Marketingagentur sei man zu dem Schluss gekommen, dass ein Artikel „momentan nicht in unser Konzept“ passe.

Diagnosen von Astrologen

Der Sender Astro.TV, der Menschen wie Partisch, aber auch Traumdeutern, Karma-Astrologen, Pendlern und Haustier-Hellsehern eine Bühne gibt, gehört dem Berliner Unternehmen Adviqo. Das betreibt 14 weitere esoterische Marken und Onlineportale, darunter die Plattform Questico, auf der dann die teure Telefonberatung mit den Esoterikern gebucht werden kann, die ihr Können zuvor auf Astro.TV angepriesen haben. Von Verbraucherschützern wird das Geschäftsmodell massiv kritisiert, unter anderem, weil auf dem Sender zeitweise medizinische Diagnosen gestellt wurden („Da kommt in den nächsten zwei Jahren eine Hüftoperation auf Sie zu“).

Die Kreativdirektorin von Adviqo sagt ein Interview mit dem Tagesspiegel zunächst mehrfach zu. Sie lässt sich die Fragen vorab schicken. Dann schreibt sie, ein Interview sei aus zeitlichen Gründen doch nicht möglich.

Der Club der „Eingeweihten“

Das Wissen, das nur Eingeweihte haben – das bedeutet Esoterik im Wortsinn. Esoteriker sind die, die wissen, Exoteriker wissen nichts.

Mit Esoterik wird oft auch assoziiert: von der Zivilisation unbeeinflusst. Naturnah. Ohne Technik. Einfach. Bodenständig. Das ist ein Leitbild esoterischen Denkens, das sich oft auf den Seiten gedruckter Bücher niedergeschlagen hat. Das Hauptwerk eines der wichtigsten französischen Kritiker an der Rationalität des Westens im 20. Jahrhundert – sein Name war René Guénon – lautete: „Die Krise der modernen Welt“. Erstveröffentlichung 1927. Ende Oktober 2020 soll mal wieder eine Neuauflage erscheinen; es gibt offenbar eine spürbare Nachfrage. Ein paar Jahre vor René Guénon, nämlich 1917, hatte Oswald Spengler sein Werk „Der Untergang des Abendlands“ veröffentlicht.

© Felix Kästle/dpa, Bearbeitung: Tagesspiegel
Hunderte Menschen feiern am Ufer des Bodensees einen Gottesdienst.

René Guénon gehört zu den wichtigsten Denkern einer Richtung, die dem rationalen Denken ein religiös unterlegtes, von den großen Religionen Asiens inspiriertes Denken entgegensetzen wollte. Der britische Historiker Mark Sedgwick beschreibt ihn in seinem Standardwerk „Gegen die moderne Welt – Die geheime Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts“ als einen Vordenker des „Traditionalismus“.

Sehnsucht nach der spirituellen Elite

Der Traditionalismus ist eine geistige Lehre, die sich nicht allein auf die Vernunft gründet. Sedgwick gibt Guénons Vorstellung von der Rettung des Westens folgendermaßen wieder: Es bedürfe einer neuen metaphysischen und spirituellen Elite, ausgebildet in orientalischen Wissenssystemen – noch ein Element vieler esoterischer Richtungen: die Weisheit des Ostens. Die neue Elite, so Guénon, solle den Westen an eine Wiederherstellung der traditionellen Kultur heranführen.

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Zivilisation, die nach den Regeln der Vernunft gestaltete Gesellschaft mit ihren Rechten, Vorschriften, Zwängen und Pflichten: Das ist die Zielscheibe esoterischen Denkens und, in der Folge, esoterischer Lebensmodelle. Zivilisation mit ihren Möglichkeiten – und mit der Leere ihrer Funktionalität, der Mechanik ihrer Institutionen, der Kälte des Rechts, dem Pragmatismus der Politik. Die Esoterik setzt dagegen ihren angeblich höheren Sinn – auch wenn nur Eingeweihte, die Angehörigen einer Elite, diesen erkennen.

Der Konflikt von Wissenschaft, Politik und Religion

Für den Religionswissenschaftler Daniel Cyranka von der Universität Halle-Wittenberg zeigt sich an der Entwicklung, dem Boom der Esoterik, ein Streit um Deutungsmacht in unserer Gegenwart. Angebahnt hat sich dieser Streit vor rund 150 bis 200 Jahren, in der Zeit der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Revolutionen nach 1789 – wie etwa im deutschen Vormärz und in anderen europäischen Ländern. Damals, so Cyranka, ging es um eine Auseinandersetzung zwischen Politik, Wissenschaft und Religion – und um Wahrheit: um wahre Religion, wahre Wissenschaft im Spannungsfeld von Materialismus, Naturphilosophie, aber auch Mesmerismus und okkulte und spiritualistische Strömungen.

Cyranka geht in seiner Forschung von Begriffen aus: Es hat eine Bedeutung, dass Karl Marx 1848 schrieb, „ein Gespenst“ gehe um in Europa. Zugleich seien Bewegungen aufgekommen, denen es um Kontakt zur anderen, unsichtbaren Welt in „Séancen“ ging. Auch sozialistische Bewegungen konvergieren Cyranka zufolge mit Themen wie Spiritismus und Okkultismus.

Abgrenzung zu einer Welt, die einem nicht passt

„Neue Namen stehen für neue Situationen, Konstellationen, Entwicklungen“, sagt Daniel Cyranka. Das gelte auch für die Gegenwart. Esoterik heute – das ist für ihn Suchbewegung, Suche nach Wahrheit, Orientierung, nach Selbstermächtigung in einer Zeit, in der der Staat plötzlich mal wieder viel mehr regelt als lange üblich.

Esoterik ist die Abgrenzung von einer Welt, in der einem vieles nicht passt. Wer kosmisches Bewusstsein, höheres Wissen oder alternative Wege zur Erkenntnis für sich in Anspruch nehme, definiere sich über ein „höher als“ oder „besser als“, sagt Cyranka. Damit verbunden sei oft die Abwertung von Wissenschaft, der offenen Gesellschaft und ihrer Debattenkultur, auch die Ablehnung von gesellschaftlichem Konsens oder gemeinschaftlicher Religion.

Dann sagt Cyranka im Telefongespräch den schönen Satz: „Demokratie ist nicht verfügbar. Demokratie ist ein Bemühen.“ Und Bemühen ist etwas anderes als das Verkünden von esoterischem Wissen.

Eine 72-Jährige sagte Corona voraus – oder doch nicht

Eine Kernkompetenz der Esoteriker ist es, in die Zukunft blicken zu können. Manche tun dies, indem sie die Sterne deuten, Karten legen oder sich in Trancezustände versetzen. Auch Andrea Partisch, die Frau mit den Plejaden-Energien, behauptet, sie wisse über Kommendes Bescheid, wenn sie nur gründlich in ihren Energiefeldern nachsehe. Viele trauen sich zu, den Verlauf der Weltgeschichte vorherzusehen, und veröffentlichen jeweils im Dezember ihre Prognosen fürs Folgejahr. Müssten sie dann nicht auch von etwas so Schwerwiegendem wie dem Coronavirus vorab gewusst haben?

Ja, ich habe das Virus vorausgesehen, sagt die Amberger Hellseherin Annatala Natalia Geiger-Jordtveit. Sie besitze auch Beweise, schreibt sie dem Tagesspiegel, und sei bereit zu einem Telefoninterview. Als Beweis schickt die 72-Jährige eine Prognose über bevorstehende Vulkanausbrüche, Veränderungen in der Weltpolitik und die Gefahr von Terroranschlägen, in der sich tatsächlich diese zwei Sätze finden: „Durch ein Virus aus Afrika wird sich eine gefährliche Krankheit ausbreiten. Dank neuer Impfstoffe wird diese aber schnell bekämpft.“

© Oberpfalz TV/Screenshot tsp, Bearbeitung: Tagesspiegel
Hellseherin Annatala Geiger-Jordtveit sagt die Zukunft voraus. Allerdings extrem vage und oft falsch.

Die Vorhersage stammt, wie sich herausstellt, allerdings aus dem Dezember 2016 und sollte also die Ereignisse des Jahres 2017 antizipieren. In den Folgejahren prophezeite Geiger-Jordtveit kein Virus mehr. Für die falsche Zeitangabe gebe es eine plausible Erklärung, sagt die Hellseherin am Telefon. Die Visionen, die sie erhalte, enthielten ja keine Zeitstempel, so könne es gelegentlich temporäre Abweichungen geben: „Die Zeit spielt da keine Rolle.“ Dass sie zudem ein Virus aus Afrika statt aus Asien vorhergesehen habe, sei ebenfalls unproblematisch: „Man weiß ja nie genau, wo das herkommt. Es kann ja von überall herkommen.“ Sie halte Afrika als eigentlichen Ursprung weiterhin für denkbar.

Die Liste der Fehlschläge ist bemerkenswert

Um in die Zukunft zu blicken, versetzt sich Annatala Natalia Geiger-Jordtveit nach eigenen Angaben zunächst in Trance. Wie das geht, habe sie während eines einwöchigen Aufenthalts in Kroatien gelernt. Seit 45 Jahren ist sie als Hellseherin tätig. Am Telefon sagt sie dann noch, sie habe neben Corona auch schon anderes Bemerkenswertes vorausgesehen. Schaut man sich die Archive ihrer Prognosen an, ist vor allem die Liste ihrer Fehlschläge bemerkenswert.

Für 2010 sagte Annatala Natalia Geiger-Jordtveit explizit voraus, dass Deutschland nicht Fußballweltmeister werde. Für 2012 wusste sie, dass Wladimir Putin nicht mehr gewählt werde, Caroline von Monaco sich scheiden lasse, dazu wohl die D-Mark wiederkehre. 2016 werde Hillary Clinton wahrscheinlich US-Präsidentin („Sie wird einige gute Veränderungen für Amerika auf den Weg bringen“). Sogar den Verbleib von Angelique Kerber an der Spitze der Tennis-Weltrangliste sagte die Hellseherin falsch voraus.

Noch nie wurde ein überraschendes Ereignis korrekt vorhergesagt

Michael Kunkel, Mathematiker

Geiger-Jordtveit ist keine Ausnahme, sondern praktisch der Prototyp einer Hellseherin, sagt der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel am Telefon. Im Auftrag der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GwUP) dokumentiert er seit 18 Jahren die Prognosen von Wahrsagern, Hellsehern und Astrologen, um sie am Jahresende auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Die Ergebnisse sind ernüchternd. „Noch nie wurde ein überraschendes Ereignis, mit dem also nicht zu rechnen war und das es so noch nicht gab, korrekt vorhergesagt“, sagt Kunkel. Auch eine Pandemie von dem Ausmaß der Coronakrise habe weltweit niemand prognostiziert.

Leute behaupten, sie könnten Gegenstände mit Gedanken bewegen

So ist es generell in der Esoterik. Sobald versucht wird, die Wirkung statistisch zu messen, fällt das Ergebnis verheerend aus. An der Uni Würzburg bietet die GwUP jedes Jahr Tests für Menschen an, die behaupten, übersinnlich begabt zu sein. Wer seine Fähigkeiten unter wissenschaftlichen Rahmenbedingungen beweisen kann, erhält 10.000 Euro. Es kamen Gedankenleser, Wünschelrutengänger und Wahrsager, auch Menschen, die behaupteten, mit ihrer Gedankenkraft Gegenstände bewegen oder gar selbst durch die Luft schweben zu können.

© Sebastian Leber, Bearbeitung: Tagesspiegel
Wissenschaftlich belegt: Dieser Mann kann einen Hammer falsch herum halten.

Niemand hat das Geld je erhalten. Der Verantwortliche der Testreihe sagt, die eigentliche Superkraft der Kandidaten offenbare sich immer erst nach den Tests: dann nämlich, wenn sie kreative Erklärungen für ihr Versagen fänden.

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Mal hätten die Sterne ungünstig gestanden, mal sei Schlafmangel schuld oder eine geheime Macht, die den Sieg verhindern wollte. Einsicht habe in all den Jahren nur ein einziger Kandidat gezeigt. Nach seinem Scheitern räumte der Mann ein, vielleicht doch keine übernatürlichen Fähigkeiten zu besitzen. Die Einsicht hielt aber nicht lang. Ein paar Tage später meldete er sich erneut und sagte, er habe es sich anders überlegt. Eine höhere spirituelle Kraft habe ihm erlaubt, seine übersinnlichen Talente weiter zu nutzen.

Auch die Esoterik-Szene weiß um die Hochstapler

Dass es viele Hochstapler und Abzocker in der Branche gibt, ist auch innerhalb der Esoterik-Szene offenkundig – und wird zunehmend als Problem betrachtet, da es angesichts der wissenschaftlichen Nichtnachweisbarkeit irgendeines Nutzens gerade auf das Vertrauen der Kunden ankommt. Umstritten ist allerdings, wer alles zu den Abzockern zählt, wo Betrug beginnt und wo Distanzierung nötig ist.

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Im hessischen Nidda hat der Dachverband Geistiges Heilen e.V. seinen Sitz. Ein Zusammenschluss von Heilern und Esoterikern, die sich von unseriösen Anbietern abgrenzen wollen. Der Verband hat einen Ethikkodex entwickelt. Wer zum Kreis der lauteren Heiler zählen möchte, muss beim Handauflegen, seinen Gebeten oder schamanischen Ritualen demnach Regeln beachten. Etwa: „Niemals verspreche ich Heilung oder auch nur Linderung.“

Niemals verspreche ich Heilung oder auch nur Linderung.

Aus dem Ethikkodex des Dachverbands Geistiges Heilen

Oder auch: „Ich fordere meine Klienten ausdrücklich dazu auf, ihre Hoffnung keinesfalls allein auf mich zu setzen.“ Und natürlich: „Klienten dürfen nicht getäuscht, manipuliert oder subtil beeinflusst werden, zum Beispiel durch unaufgefordert vorgelegte oder ausgehändigte Dankesschreiben oder Zeitungsartikel.“ An diesem Wochenende hatte der Verband eigentlich seinen Jahreskongress geplant, es sollte Vorträge über „Therapeutische Telepathie“ sowie „Geistiges Heilen an Tieren“ geben, dazu eine Einführung in den „noch wenig bekannten Bienenschamanismus“. Kritiker sagen: Die Bemühungen des Verbands sind ehrenwert – ändern aber nichts an dem Fakt, dass auch die Angebote seriöser geistiger Heiler keinen wissenschaftlich nachweisbaren medizinischen Nutzen jenseits des Placebo-Effekts haben.

© Christoph Soeder/dpa, Bearbeitung: Tagesspiegel
Ein Demonstrant hält bei einem Protest gegen die Corona-Maßnahmen vor der russischen Botschaft Blumen vor Polizisten.

Bücher sind ein wesentliches Medium in der Esoterik. Wobei man ihren Verfassern – von Eliphas Lévi über Alan Kardec bis Rudolf Steiner – zubilligen sollte, dass sie an das glaubten, was sie zu Papier und zum Vortrag brachten. Millionenfach verkaufen sich die Bände des russischen Autor Wladimir Megre. Seine Romanfigur Anastasia, Heldin der zehnbändige Buchreihe, ist angeblich die Botschafterin eines uralten Volkes, sie besitzt übersinnliche Fähigkeiten wie Telepathie und Teleportation. Angeblich ist der Autor Anastasia 1994 „auf einer entlegenen Taiga-Lichtung“ begegnet. Vor allem aber ist Anastasia  Leitfigur einer Bewegung, für die sich inzwischen auch die Verfassungsschützer interessieren.

Die Gläubigen der Anastasia

Wer sie für harmlose Spinnerei eines russischen Autors mit hoch entwickeltem Geschäftssinn hält, der befasse sich mit der „Anastasia-Bewegung“, die inzwischen in Deutschland – die Betonung liegt auf „land“ – unterwegs ist. Die Serie hatte Wirkung. Hierzulande gibt es Anastasia-Gläubige.

Ihre Anhänger siedeln auf dem Land und betreiben Landwirtschaft, vorzugsweise ökologische. Die Siedler tragen gern einen wallenden Vollbart und reden herunter, was ihr Hof mit „Anastasia“ zu tun hat, jedenfalls wenn sie von Vertretern öffentlich-rechtlicher Sender angesprochen werden. Das zeigt eine Reportage des „Bayrischen Rundfunks“ über die Bewegung von 2018.

Im Visier des Verfassungsschutzes

Die Bewegung ist in Deutschland auch den Verfassungsschützern aufgefallen. Die Verfassungsschützer von Baden-Württemberg schrieben auf die Frage nach der „Bewertung der Landesregierung“ zur Anastasia-Bewegung: Es handele sich „um eine rechtsesoterische, naturreligiöse Bewegung, deren ideologische Ausrichtung rassistische, völkische und antisemitische Aspekte umfasst“. Die Verfassungsschützer wussten nicht, inwieweit diese Ideologie „in der Praxis gelebt wird“. Aber sie erwähnten zwei „Familienlandsitze“ – die ideologischen Keimzellen der Bewegung – bei Landshut und bei Lörrach. Und sie wussten von „Verbindungen“ der Anastasia-Leute zu Reichsbürgern und Selbstverwaltern.

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Da ist man schnell in Berlin, wo Ende August bei einer Demonstration, die größer ausfiel als erwartet, seltsame Menschen mit Alufolien auf dem Kopf, alte Hippies und gedrungene Männer mit kurzen Haaren und schwarz-weiß-roten Fahnen die Straßen zum Schauplatz einer „Querfront“ machten. Sind Esoteriker also Rechtsextreme, die es nicht wissen? Betreiben Esoteriker die Agenda der Strammrechten, der Reichsbürger, der Staatshasser – all derer, die die Corona-Pandemie zum Vehikel ihrer Kritik an der ordnenden Staatsmacht mit ihrem Hang zu immer neuen Vorschriften gemacht haben?

31 Esoterikmessen

Esoterik ist in Deutschland so vielschichtig wie schillernd. Germanien ist präsent, der Pazifismus fernöstlicher Spiritualität genauso. Auf der Internetseite „Asatru“ – begrifflich offenbar orientiert an den germanischen Göttern, den Asen – liest man unter dem Foto eines kleinen Tischs, mitten im Wald unter Bäumen stehend: „Als Freund der einfachen und archaischen Formen ist dies ein Stallar, also ein kleines Altartischchen zur leichten Mitnahme im Rucksack gedacht auf Streiftouren durch den Wald oder Blót-Wanderungen (,Blót’ bedeutet Opfer). Es gibt so viele erhabene Momente in manch waldlichtdurchfluteter Lichtung, die zur kurzen Einkehr einladen, gerade dies in einer gerahmten Form zu zelebrieren.“

Waldwanderer mit eigenem Altar haben etwas so Esoterisches wie alt gewordene Hippies, die bei der Demonstration Ende August singend auf der Straße tanzten. Die (kommerzielle) Internetseite „Messeninfo“ schreibt (die Daten stammen vermutlich aus der Zeit vor der Corona-Pandemie): Von 3687 Messen seien 31 Esoterikmessen.

Topthema: Energetische Reinigung

Sie tragen im deutschsprachigen Raum Titel wie „Spiritualität und Heilen“, „Happiness“, „Lebenskraft“ oder „NaturEinKlang“. Vorträge werden ebenso angeboten wie Coaching, Lebenshilfe, Talismane und Wellnessprodukte. Die Messe „Spektrum der Spiritualität“, die im Mai 2021 in Siegen stattfinden soll, wirbt mit Veranstaltungen zu Heilungssessions, medialen Sitzungen, Jenseitskontakten, Kartenlegen, Auralesen, Aurareinigung, Wassershiatsu, Klangschalenmassagen, Fogo Sagrado – das ist eine schamanische Technik, um Blockaden aufzulösen. Weitere Themen in Siegen: spirituelle Lebensberatung, energetische Reinigungen, Massagen, Lesen von Kleeblattkarten. Und astrologische Beratungen.

Dass die Sterne unser Leben beeinflussen, glauben der Studie einer großen Versicherung zufolge 23 Prozent der Befragten. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty nennt diese Zahl als Hinweis darauf, wie weit „magisches Denken“ verbreitet ist. Lamberty erforscht an der Universität Mainz, wie „Vorurteilsstrukturen“ wirken, auch politisch. Verschwörungstheorien sind Vorurteilsstrukturen; sie gehören zumindest zu manchen Richtungen der Esoterik, etwa zur Anastasia-Bewegung.

Reichsbürger und Elektrosmog

Die „Verbindung“ zwischen esoterisch Bewegten und rechten Reichsbürgern, die sich nun öffentlich gezeigt hat, hat Pia Lamberty nicht erstaunt. Man gehe in den Bioladen, blättere durch eine esoterische Zeitschrift und stoße auf eine Anzeige des rechten Kopp-Verlages, sagt sie. Der wirbt aktuell für die Neuerscheinungen „Vorsicht Diktatur – Wie in Deutschland die Demokratie abgebaut und ein totalitärer Staat aufgebaut wird“ und für „5G. Elektrosmog und Glyphosat – Wie Sie die lautlosen Killer der Menschheit eliminieren“.

Der Verschwörungsglaube habe seit 2012 „einen Sprung gemacht“, sagt Lamberty. Das zeige etwa die Autoritarismus-Studie der Universität Leipzig. So seien 2012 etwa 21 Prozent der Befragten von Verschwörungstheorien überzeugt gewesen, 2016 waren es 32 Prozent, 2019 war es ein Drittel. Zwischen dem Glauben an eine Verschwörung und esoterischen Überzeugungen gebe es eine „Korrelation auf quantitativer Ebene“, sagt sie – sprich eine direkte Beziehung. Ausgangspunkt sei ein Gefühl des Kontrollverlusts. Das könne der Jobverlust sein, die Suche nach einem Lebenssinn – oder eine Pandemie wie Corona.

Wenige können viele steuern

Wie das funktioniert, zeigt eine Untersuchung, die im Internet unter „Infoticker Passau“ zu finden ist. Die Internetseite will auf „rechte Aktivitäten in und um Passau“ aufmerksam machen. Im Juni veröffentlichte Infoticker einen langen Text mit vielen Fotos über die „Passauer Corona-Rebellen“. Ein spannendes Dossier. Es zeigt, wie einige wenige, gut vernetzte und kommunikative Personen eine Bewegung steuern können – wie schon bei Pegida in Dresden.

Die Infoticker-Leute identifizierten als Organisatoren verschiedener Kundgebungen und der Bewegung „Für die Freiheit“ ein Unternehmerehepaar, einen Neonazi und eine Geschäftsfrau aus der „Powerfood“-Szene. Muss man da nicht an den Veganer-Rebellen, Möchtegern-Bundeskanzler und werdenden Widerstandskämpfer, den Berliner Corona-Rebellen Attila Hildmann, denken?

Kampf gegen Wasseradern

Das Geschäftsleute-Ehepaar verdient sein Geld jedenfalls mit: Esoterik. Sie veranstaltet Kurse im „Theta Healing“ und verspricht: „Hier lernen Sie, wie Sie auf einfache Art und Weise mit ihrem Unterbewusstsein arbeiten können und wie Sie alles aufspüren und ändern können, das Sie noch in irgendeiner Weise in Ihrem Leben belastet oder blockiert!“ Er vertreibt „Schlafsysteme“, die auf Betten aus Zirbenholz aufbauen. Zum Angebot des Unternehmens gehört auch die „komplette Entstörung des Schlafraums durch ein eigens entwickeltes Verfahren“. Es „neutralisiert“ elektrische Strahlung ebenso wie „Erdmagnetfelder, Gitternetze, radioaktive und kosmische Strahlen sowie Wasseradern“.

In der Esoterik kommt manches zusammen, was eigentlich nicht zusammenpasst. Manches hat mit Geschäften zu tun, manches mit Glauben, manches mit Politik. Die Passauer Corona-Rebellen haben im Mai und Juni – so hat es Infoticker dokumentiert – im Wochenrhythmus Demonstrationen organisiert, an denen zumeist einige Hundert Menschen teilnahmen. Es kam zu Verstößen gegen Hygienevorschriften, die bei solchen Demonstrationen Bekenntnischarakter haben.

Nähe von Rechten und Rebellen

Die Verbindung aus Nähe zur Esoterik und – rechtem – politischem Rebellentum findet sich vielerorts und in den unterschiedlichsten Varianten. Man kann daraus nicht auf die Größe der Szene, auf so etwas wie eine Corona-Rebellen-Bewegung schließen. Aber man sieht, wie schon bei Pegida: Wenige können viel in Bewegung bringen.

© Thilo Rückeis, Bearbeitung: Tagesspiegel
Aranka behauptet zu glauben, dass sie in Karten die Zukunft lesen kann.

Ein Phänomen unserer Zeit. Wir leben in einer Folge von Krisen. Ende der nuller Jahren die Finanzkrise – damals prägte die Kanzlerin das Wort, die Rettung der Banken und der gigantische Euro-Rettungsschirm seien alternativlos. Wenig später die Flüchtlingskrise. Die Klimakrise. Dann die Corona-Pandemie. Zwischendurch der Streit um den Umgang mit Griechenland, die Entwicklung der EU, die Verteilung der Flüchtlinge auf West und Ost, heute der Streit um den Umgang mit dem Autokraten Putin, dem Bosporus-Sultan Erdogan, dem psychisch schwierigen Trump, dem machtpolitisch hochanspruchsvollen Xi Jinping.

Dystopien haben Konjunktur, in Büchern wie Computerspielen. Politik ist Krisenmanagement geworden, schwer zu durchschauen und zu beurteilen für die meisten. Zumal Orientierung in und aus der Politik nicht leicht zu haben ist. Politik in einer unideologischen Zeit, einer Zeit der Pragmatiker, zumindest in Westeuropa mit seinen gefestigten Demokratien – da suchen Menschen den Sinn von Engagement und Interesse anderswo.

Die Verfassungsschützer sichten immer noch Fotos von der Demo, die Ende August das seltsame Bündnis aus Rechten und Esoterikern so überdeutlich sichtbar machte. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz heißt es, die Anzahl derer, die Esoterik und strammrechte Orientierung zusammenbringen, sei „überschaubar“. Ein Kenner der Reichsbürger-Szene und deren Verbindungen zur Esoterik sagt: „Nicht jeder, der mit Engeln spricht, ist ein böser Mensch.“

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