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© Charité / Wiebke Peitz

Berliner Wissenschaftspreis für Christian Drosten : „Ohne höhere Impfquoten kommt die Winterwelle“

Preisverleihung ohne Jubel. Christian Drosten warnt im Tagesspiegel-Interview, dass weiter steigende Infektionszahlen uns trotz Impffortschritt „nur einen zusätzlichen Monat Freiheit eingebracht“ hätten.

Von Sascha Karberg

Vor dem Roten Rathaus in Berlin-Mitte hat der Charité-Virologe Christian Drosten am Donnerstag Abend den Berliner Wissenschaftspreis 2020 vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) überreicht bekommen, die „wichtigste Wissenschaftsauszeichnung des Landes“.

Drosten habe „mit seiner großen Expertise einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung der Corona-Pandemie“ geleistet, teilte Müller vorab mit. Die Jury, die sich bereits im September 2020 für Drosten entschieden hatte, hob „seine herausragende Forschungsarbeit zu epidemischen Lungeninfektionen sowie seinen großen Beitrag zur Pandemie-Prävention und internationalen Gesundheitssicherheit“ hervor.

Die Preisverleihung musste im vergangenen Jahr aufgrund jener Pandemie verschoben werden, die Drostens Forschungsarbeit einer breiten Öffentlichkeit erst bekannt gemacht hatte.

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für eine solche Verleihungsveranstaltung – trotz des erneuten Anstiegs der Infektionen mit der Delta-Variante, Herr Drosten?
Die derzeit entspannte Infektionslage macht eine öffentliche Verleihung, über die ich mich außerordentlich freue, jetzt möglich.

Wie schätzen Sie die Gefahr ein, die von Delta ausgeht?
Fast alle Neuinfektionen gehen inzwischen auf die Delta-Variante zurück, was für mich ein Indikator für den Beginn einer neuen Infektionswelle ist. Dies ist belegbar am Beispiel England und manifestiert sich seit zwei Wochen in den deutschen Meldedaten.

„Bedenklich“ findet es Drosten, dass der Impffortschritt stellenweise ins Stocken geraten sei in Deutschland.
© Sven Hoppe/dpa

Bedenklich ist, dass der Impffortschritt in Deutschland stellenweise ins Stocken geraten ist. Wir haben derzeit erst knapp 54 Prozent bzw. 75 Prozent der unter bzw. über 60-Jährigen Erwachsenen vollständig geimpft und in manchen Bundesländern stagnieren die Neuimpfungen. Gleichzeitig steigt die Inzidenz schon jetzt, mitten im Sommer. Wenn die Fallzahlen ungehindert so weiter stiegen wie jetzt, hätten wir schon im Laufe des Septembers eine enorme Inzidenz.

Was bedeutet das für Herbst und Winter?
Stand heute können wir – stark vereinfacht gesagt – in der Altersgruppe der über 60-Jährigen etwa viermal so viele Fälle tolerieren als vor dem Start des Impfprogramms. Bei einer Verdopplungszeit der Inzidenz von zwei Wochen dauert es aber nur einen Monat, bis sich die Fallzahl vervierfacht.

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Nach diesem Szenario hätte der ganze bisherige Impffortschritt uns also nur einen zusätzlichen Monat Freiheit eingebracht, keinesfalls einen ganzen Winter.

Man muss sich klar machen, dass eine so große Zahl von Ungeimpften wie jetzt, bei einer sehr hohen Inzidenz wieder eine enorme Belastung des Gesundheitssystems hervorrufen würde. Wer mangels Impfschutz krank wird, braucht nun einmal eine Behandlung, Eigenverantwortung für die Impfung hin oder her.

Wird das unweigerlich so kommen?
Nein, dieses Szenario kann aber muss so nicht eintreten. Zum einen darf man davon ausgehen, dass die Menschen bei einer steigenden Inzidenz wieder vorsichtiger werden und ihr Verhalten ändern. Auch sind die Impfquoten bei den Ältesten höher als 75 Prozent.

Dennoch: Es müssen sich noch viel mehr Menschen impfen lassen, um einen schwierigen Herbst und Winter zu verhindern. Die Impfkampagne muss jetzt schnell wieder an Fahrt gewinnen. Dazu ist ein Mehr an Information nötig. Ohne deutlich höhere Impfquoten wird es eine Winterwelle geben. Das dies auch bei denjenigen ankommt, die sich noch nicht zu einer Impfung durchringen konnten, erfordert stärkere Kommunikation seitens der Politik, am Arbeitsplatz und im privaten Umfeld.

Wie groß ist die Verantwortung von Forschern, sich auch politisch zu engagieren?
In der Pandemie liefert die Wissenschaft zunächst einmal Werkzeuge, etwa Diagnostiktests, Epidemiemodellierungen, Impfstoffe oder Behandlungsansätze. Wissenschaftler müssen aber neben der eigenen Forschung auch die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen kennen und in klaren Worten zusammenfassen, damit sie von den Entscheidern und der Bevölkerung verstanden werden.

Einschlägig erfahrene Wissenschaftler sollten sich durchaus auch Einschätzungen „aus Erfahrung“ zutrauen, denn es gibt nicht für jedes akute Problem gesicherte Evidenz – und doch sind Entscheidungen nötig. Das muss jedoch im Rahmen bleiben und darf nicht übergriffig oder fordernd sein.

Die politischen Entscheider haben am Ende die schwere Aufgabe, Zielkompromisse zwischen wissenschaftlicher Information und anderen Gegebenheiten zu schließen. Wissenschaftler tragen dagegen nur Verantwortung für die Korrektheit ihrer Aussagen.

Wofür wollen Sie das Preisgeld nutzen, welche wissenschaftlichen Fragen sind Ihnen wichtig?
Das Besondere am Berliner Wissenschaftspreis ist, dass er der Forschungseinrichtung zu Gute kommen soll. Eine ganz wichtige Frage, der wir uns derzeit mit Hochdruck widmen, ist die Weiterentwicklung des Virus in Form von neuen Virusvarianten. Diese entstehen oft dort, wo nicht geimpft werden kann.

Auch andere Coronaviren – allen voran das Mers-Virus – kann man nur außerhalb von Deutschland untersuchen. Ich werde das Preisgeld für die Verbesserung bereits geplanter Studien in Afrika verwenden. Ich sehe das Thema „Globale Gesundheit“ als ein wichtiges Zukunftsfeld für das Forschungsprogramm der Charité an.

Dazu gehört auch, die Herkunft von Sars-CoV-2 zu verstehen: Wie stehen Sie zu den derzeit kursierenden Theorien – vom bewussten Laborkonstrukt über ein möglicherweise versehentliches Entweichen aus einem Labor bis hin zur natürlichen Zoonose? Ist der Ursprung noch aufklärbar?
Wir arbeiten seit langer Zeit an Coronaviren und den Mechanismen der Pandemie-Entstehung – ein Thema, für das man Durchhaltevermögen und Überzeugung brauchte, weil es bisher kein Kernthema der Medizinforschung war.

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Vielleicht hätte ich es damit an einer Großforschungseinrichtung leichter gehabt, aber gerade durch meine feste Verwurzelung in der Medizin konnten wir jetzt in der Pandemie einen entscheidenden gesellschaftlichen Bedarf erfüllen.

Und es freut mich ganz besonders, dass die Charité als weit bekanntes Universitätsklinikum eine so tragende Rolle für Deutschland spielen konnte, sowohl in der Behandlung als auch durch vielfältige Forschungsleistungen.

Was die Herkunft von Sars-CoV-2 betrifft: Es fehlen nach wie vor wissenschaftliche Untersuchungen, aus denen valide Erkenntnisse über den Ursprung abgeleitet werden können. Es ist im Rahmen des Möglichen, dass das Virus einen nichtnatürlichen Ursprung hat. Ich schätze diese Möglichkeit aber als wirklich sehr gering ein.

Die bislang zur Untermauerung dieser Hypothese vorgetragenen Erklärungen gehen wissenschaftlich und argumentativ von spekulativen und teils falschen Einschätzungen aus. Gleichzeitig ist ein natürlicher Ursprung bisher nicht wissenschaftlich erwiesen. Zumindest gibt es keinerlei veröffentlichte Ergebnisse.

Dies kann nur in China gemacht werden, und dazu haben nur chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglichkeit.

Nach dem Berliner Wissenschaftspreis hat Frau Charpentier auch den Nobelpreis bekommen. Sind diejenigen, die Coronaviren in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich erforscht haben, Nobelpreiskandidaten – auch Sie?
Beim Nobelpreis geht es um grundlegende Entdeckungen oder technische Innovationen, die nachhaltig die Wissenschaft verändern, manchmal auch die Gesellschaft.

In der Pandemie haben viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihr Bestes gegeben, aber die eigentlichen Arbeiten waren meist anwendungsnah und haben mit ganz normalen Techniken Notwendiges geliefert oder beantwortet.

Es gibt nach meiner Einschätzung nur eine Entwicklung, die wohl wirklich nachhaltige Veränderungen auch über die Pandemie hinausbringen wird, und das ist die Entwicklung der RNA-basierten Impfstoffe.

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