zum Hauptinhalt
Die Zielgruppe selbst betrachtet Impfungen meist skeptisch.
© Getty Images/Westend61

Covid-19-Impfung für Fünf- bis Elfjährige: Wie wichtig ist die Impfung zum Schutz der Kinder?

Die europäische Arzneimittelbehörde empfiehlt die Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs gegen Covid-19 für Fünf- bis Elfjährige. Experten raten, weitere Daten abzuwarten.

| Update:

„Liebe Eltern, eine Person aus dem dritten Jahrgang und eine aus dem zweiten Jahrgang sind positiv auf das Coronavirus PCR-getestet worden.“ Es sind E-Mails wie diese von der Leitung einer Berliner Grundschule und die Nachrichtenlage in der derzeitigen vierten Infektionswelle in Deutschland, die viele Eltern beunruhigen, deren Kinder bislang nicht gegen Covid-19 geimpft werden konnten.

Die Inzidenz ist bei den Fünf- bis Neunjährigen mit knapp 830 bundesweit etwa doppelt so hoch wie der Durchschnitt. In einigen Regionen Sachsen lag die Inzidenz in dieser Altersgruppe sogar bei 3000. Das heißt, innerhalb einer Woche infizierten sich dort drei Prozent der Altersgruppe. Kinder erkranken in der Regel aber nur leicht. Bislang müssen Eltern allein entscheiden, ob sie das Risiko der Infektion oder das der Impfung höher bewerten, wenn sie eine „Off-Label“-Impfung ihrer unter zwölfjährigen Kinder erwogen.

Es gibt für das einzelne Kind wenig durch eine Impfung zu gewinnen.

Philipp Henneke, Universitätsklinikum Freiburg

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat am Donnerstag empfohlen, dass die EU-Kommission den Impfstoff von Biontech/Pfizer für den breiten Einsatz bei Fünf- bis Elfjährigen zulässt. Es ist zu erwarten, dass die Kommission dieser Empfehlung folgt. In den USA und Israel werden Kinder dieser Altersgruppe bereits geimpft und in Österreich wird dies nun ebenfalls empfohlen. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) macht eine entsprechende Empfehlung ihrerseits davon abhängig, ob auch sie den Nutzen der Impfung für Kinder höher bewertet als ihre Risiken. Ihre Entscheidung wird im Dezember erwartet.

Das Gremium könnte sich nur dafür aussprechen, Kinder mit Vorerkrankungen zu impfen, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Das würde jedoch nicht bedeuten, dass die Stiko von einer breiteren Anwendung abrät, sagt Stiko-Mitglied Fred Zepp. „Es ist eine individuelle Entscheidung“, sagt der Kinder- und Jugendmediziner in einem Pressegespräch des Science Media Centers Deutschland. Er rät Eltern jedoch abzuwarten bis in vier bis sechs Wochen weitere Daten zur Sicherheit der Impfungen vorliegen.

Was haben die Kinder von der Impfung?

Kinder dieser Altersgruppe erhielten in einer Studie der Hersteller zwei verringerte Dosen des Impfstoffs mit zehn statt 30 Mikrogramm Wirkstoff wie bei den 16- bis 25-Jährigen. Die Antwort des Immunsystems mit der Produktion von Antikörpern fiel bei den etwa 1300 so behandelten Kindern aber vergleichbar stark aus wie bei älteren Kindern und Jugendlichen. Drei entwickelten trotz Impfung Covid-19-Symptome, während es unter den fast 700 Kindern, die ein wirkungsloses Placebo erhalten hatten, 16 Fälle gab. Daraus ergibt sich eine Abschätzung der Schutzwirkung vor symptomatischen Erkrankungen von etwa 90 Prozent.

Aufgrund der relativ geringen Teilnehmendenzahl ist dieses Ergebnis jedoch nicht so belastbar, wie etwa das der Zulassungsstudie für Erwachsene. „Die Immunantwort ist der von älteren Jugendlichen nicht unterlegen“, sagt Zepp. Die Zahl der aufgetretenen Fälle in der Studie sei jedoch zu gering um die Wirksamkeit abschließend beurteilen zu können. „Sie wird aber um 90 Prozent liegen“, vermutet der Kindermediziner.

Kinder treffen täglich eine große Zahl ungeimpfter Altersgenossen.
Kinder treffen täglich eine große Zahl ungeimpfter Altersgenossen.
© picture alliance/dpa/Christoph Soeder

Modellberechnungen für die Altersgruppe der zwölf- bis 17-Jährigen zeigen, dass die Impfung die Zahl der schweren Verläufe und Einweisungen ins Krankenhaus verringert. „Sie sind aber insgesamt auf einem sehr niedrigen Niveau“, sagt Berit Lange, Epidemiologin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Dies sei wahrscheinlich auf Jüngere übertragbar. „Bislang liegt aber noch keine Modellierung für diese Altersgruppe vor“, sagt Lange.

„Wir haben trotz der hohen Krankheitslast kaum Kinder, die ins Krankenhaus aufgenommen werden müssen“, beschreibt Philipp Henneke, von der Klinik für allgemeine Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Freiburg die aktuelle Situation. Auch gesundheitliche Folgen der Erkrankung würden derzeit seltener festgestellt als in den vorherigen Wellen. „Es gibt für das einzelne Kind wenig durch eine Impfung zu gewinnen“, resümiert Henneke.

Es gebe jedoch Risikogruppen, die geimpft werden sollten. Neben Kindern mit starkem Übergewicht zählten dazu Kinder mit Down-Syndrom, Vorerkrankungen der Lunge und einem geschwächten Immunsystem. „Für diese Kinder brauchen wir den Impfstoff dringend“, sagt Henneke.

Wie sicher ist die Impfung für Fünf- bis Elfjährige?

In der Hersteller-Studie wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen festgestellt. Wie bei Personen ab zwölf Jahren wurden lediglich Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Schüttelfrost festgestellt, die sich innerhalb weniger Tage nach der Impfung besserten. Die EMA gelangte daher zu dem Schluss, dass der Nutzen der Impfung bei Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren die Risiken überwiegt, insbesondere bei Kindern mit Risiko-Erkrankungen.

So entschied auch die Arzneimittelbehörde in den USA, wo seit Ende Oktober bereits rund drei Millionen Fünf- bis Elfjährige geimpft wurden. Selbst bei geringem Infektionsrisiko sei die Nutzen-Risiko-Bilanz des Impfstoffs positiv. Kinder, die mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, seien tendenziell kränker und länger krank als Kinder, die in den sehr seltenen Fällen einer durch den Impfstoff ausgelösten Herzmuskelentzündung hospitalisiert werden.

Jungen sind häufiger von der seltenen Impfnebenwirkung einer Myokarditis betroffen als Mädchen.
Jungen sind häufiger von der seltenen Impfnebenwirkung einer Myokarditis betroffen als Mädchen.
© Seth Wenig/dpa

Bisher gibt es jedoch kaum Daten aus der längerfristigen Nachverfolgung möglicher Nebenwirkungen. Der durchschnittliche Beobachtungszeitraum in der Herstellerstudie beträgt gut zwei Monate. „Für einen Impfstoff wären drei oder besser sechs Monate wünschenswert“, sagt Stiko-Mitglied Zepp. Bei Erwachsenen würden die meisten und auch sehr seltene Nebenwirkungen in diesem Zeitfenster auftreten. Er gibt zu bedenken, dass auch seltene Nebenwirkungen wie die Herzmuskelentzündung bei einem von etwa 15.000 geimpften Jungen entsprechend oft auftreten, wenn man die gesamte Altersgruppe impft.

Ein Problem für Ärzt:innen ist, dass das Präparat von Biontech/Pfizer bislang noch nicht in der für Kinder geeigneten Verdünnung verfügbar ist. Derzeit muss eine Menge von 0,2 Millilitern injiziert werden. „Das ist einfach schlecht zu handhaben“, sagt Henneke. Es sei nicht gewährleistet, dass jedes Kind die richtige Dosis erhalte. Die Stiko will nach bisherigen Plänen eine Impfempfehlung aussprechen, sobald die Schutzimpfungen für Kinder hierzulande ausgeliefert werden können.

Auf Intensivstationen steigt die Belastung auch durch zunehmende Personalnot.
Auf Intensivstationen steigt die Belastung auch durch zunehmende Personalnot.
© Daniel Vogl/dpa

Welches Risiko birgt die vierte Welle für diese Altersgruppe?

In der Altersgruppe der unter Zwölfjährigen gibt es derzeit in Deutschland eine sehr hohe Inzidenz. Bei Fünf- bis Neunjährigen liegt sie nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bei 830 pro 100.000, bei Zehn- bis 14-Jährigen bei 920. Dazu kann beitragen, dass die Schulkinder im Gegensatz zu Erwachsenen derzeit regelmäßig und ohne Anlass getestet werden. Dadurch werden die Dunkelziffer von unerkannten Infektionen reduziert und die Fälle vollständiger erfasst als in anderen Altersgruppen.

Die Hospitalisierungsrate von Kindern ist gering und bei einem großen Teil ist nicht die Diagnose „Covid-19“, sondern eine weitere Erkrankung der Grund für den Krankenhausaufenthalt. Eine für das Robert-Koch-Institut ausgeführte Modellierungsstudie zeigte, dass die geringe Zahl schwerer Verläufe bei Kindern ab zwölf Jahren durch Impfungen um etwa die Hälfte reduziert werden kann. Für Jüngere liegen keine Abschätzungen vor. Dass die Impfungen sie ebenso schützen könnten, ist jedoch plausibel.

Aufgrund ihres erhöhten Risikos eines schweren Verlaufs sollten Kinder mit Vorerkrankungen umgehend geimpft werden.

Wie würden sich Kinderimpfungen auf das Infektionsgeschehen auswirken?

Modellberechnungen zeigten, dass umfassende Kinderimpfungen ab zwölf Jahren einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Lange nennt eine indirekte Verminderung von Krankenhauseinweisungen und Behandlungen auf Intensivstationen von Erwachsenen um fünf bis zehn Prozent. „Man kann vermuten, dass die Übertragungswerte bei den Impfungen Fünf- bis Elfjähriger ähnlich sind oder nur geringfügig darunter liegen“, sagt Lange.

Grundsätzlich ist zu bedenken, dass Impfungen ihre Wirkung erst entfalten, wenn sich der Impfschutz ausreichend aufgebaut hat. Davon ist erst mindestens einige Tage nach der zweiten Dosis auszugehen. Ein Kind, dass morgen erstmalig und in drei Wochen erneut geimpft wird hat wahrscheinlich erst im Januar den vollen Schutz der Immunisierung.

Welche Rolle spielen neue Virus-Varianten?

Bei weiterhin hohem Virusaufkommen in Bevölkerungen weltweit entstehen fortlaufend neue Varianten des Coronavirus Sars-Cov-2. Darunter können auch gefährlichere Varianten als die derzeit in Deutschland dominierende Variante Delta sein: weil sie leichter übertragbar sein könnten, schwerere Verläufe der Erkrankung verursachen oder den nach einer Impfung gebildeten Antikörpern entgehen. Bei der kürzlich in Südafrika nachgewiesenen Variante B.1.1.529 wird befürchtet, dass sie leichter übertragbar ist, da ihr Anteil am Infektionsgeschehen in einigen Regionen schnell zunimmt.

„Die Variantenentwicklung ist Teil der Pandemie“, sagt Henneke. Die verfügbaren mRNA-Impfstoffe würden gegen schwere Erkrankungen durch Infektionen mit bislang verbreiteten Varianten gut wirken, was für die Impfung spreche. Ob eine neue Variante eine besondere Gefahr für Kinder sei, könne am Anfang ihrer Verbreitung nicht beurteilt werden, sagt Lange. „Da Kinder insgesamt ein geringes Risiko für schwere Verläufe haben, ist schwer zu berechnen, wie sich die Eigenschaften neuer Varianten auswirken.“

Zur Startseite